Von BECKER, TOBIAS
Wieso hier? Wieso zwischen Wiesen und Altstadtgassen, zwischen Banken und Pharmafabriken? Wäre London nicht viel hipper und New York viel spannender als ausgerechnet - Basel?
Nein. "In der Kunst sind wir Champions League", sagt Samuel Keller, 42. Er, der Sonnyboy der Kunstszene, der Sympathieträger und die Symbolfigur des weltweiten Kunstmarktbooms, er lebt in Basel: drittgrößte Stadt der kleinen Schweiz, mit nicht einmal 170000 Einwohnern. Es ist eine Frage der Perspektive. "Man kann von Basel aus Weltklasse sein", sagt Keller.
Keller leitet das Privatmuseum Fondation Beyeler. Bis vor einem halben Jahr war er Chef der Art Basel, die er zur weltweit wichtigsten Kunstmesse gemacht hat. Vom 4. bis 8. Juni zeigen dort 300 Galerien Werke von 2000 Künstlern. Erwartet werden 60000 Besucher, darunter 2300 Journalisten. Als Mavie Hörbiger, Schauspielstar am Theater Basel, vor zwei Jahren herzog, kannte sie die Stadt nur von der Kunstmesse: "Ich war da immer auf so vielen Partys. Ich dachte, es muss die coolste Stadt der Welt sein."
Dieses Jahr werden die Hotelbetten besonders knapp, denn das Top-Ereignis überschneidet sich mit einem anderen Top-Ereignis: dem Eröffnungsspiel der Fußball-Europameisterschaft, Schweiz gegen Tschechien, das am 7. Juni in Basel steigt. Fünf weitere Spiele werden dort ausgetragen, darunter ein Halbfinale.
Das Schweizer Bundesamt für Sport hat im Vorfeld eine Umfrage machen lassen. Das Ergebnis: In Deutschland hat Basel den schlechtesten Ruf der Schweizer Austragungsorte, zu denen auch Zürich, Bern und Genf gehören. Die Deutschen nehmen Basel am wenigsten als Kulturstadt wahr.
Mit der Realität deckt sich das kaum, nicht nur wegen der Art Basel: Im vergangenen Jahr kamen 1,4 Millionen Besucher in die mehr als 30 Museen der Stadt. Dazu gehören auch im Ausland berühmte Adressen wie Kellers Fondation Beyeler, das Kunstmuseum Basel, das Museum Tinguely und das Schaulager. Zudem ist die Stadt mit dem mittelalterlichen Kern ein Mekka zeitgenössischer Architektur, das etliche Gebäude von Herzog & de Meuron bietet, von Mario Botta, Richard Meier, Renzo Piano und anderen. Deutsche Städte ähnlicher Größe, wie Mainz oder Saarbrücken, können da nicht mithalten.
Wie kann es also sein, dass eine kleine Stadt eine große Kulturmetropole ist? Samuel Keller versucht, die Antwort zu geben: bei einer Tour durch sein Basel.
Am Ende, nach sieben Stunden Kunst und Architektur, Mittelalter und Moderne, nach sieben Stunden fast ohne Pause und fast nur zu Fuß, nach sieben Stunden Sonne obendrein, tun die Beine nicht weh, und der Kopf rauscht nicht. Das kann doch gar nicht sein? Und ob! Diese Geschichte erzählt auch davon.
Los geht's in Riehen, einem Vorort von Basel, in dem Keller aufgewachsen ist. Hier liegt die Fondation Beyeler, das bestbesuchte Museum der Schweiz, das der Galerist Ernst Beyeler für seine erstklassige Sammlung der klassischen Moderne gebaut hat.
Es ist eines von vielen Beispielen des Basler Bürgersinns: Der Pharma-Konzern Roche unterhält das Museum Tinguely. Die Christoph-Merian-Stiftung und Maja Sacher, Gründerin der Emanuel-Hoffmann-Stiftung, ermöglichten das Museum für Gegenwartskunst. Der Dirigent Paul Sacher investierte Millionen in die Musik. Die Laurenz-Stiftung von Maja Oeri baute das Schaulager. Die anonyme Frauengruppe Ladies First zahlte einen Großteil des neuen Schauspielhauses. Kurzum: Der Geldadel gönnt sich und der Stadt die schichtspezifische Hochkultur.
Beyeler verdankt einige seiner Werke der Randlage Basels: Er kaufte sie und wurde sie nicht mehr los, bis er sie nicht mehr los- werden wollte. Dazu gehört Monets Ölgemälde "Der Seerosenweiher", das jahrelang im Lager verstaubte. Heute hat der Stararchitekt Renzo Piano seinen Museumsbau auf das Werk ausgerichtet; es ist perfekt inszeniert in einem Raum mit verglaster Außenwand, davor ein Teich mit Ente. Nur selten kommen sich Hochkultur und Natur so nahe: In Sichtweite eines Raums voller Picassos grasen Kühe. Draußen im Park besprengt ein Wasserwerfer monoton die Gänseblümchen. Tsck, tsck, tsck.
Mit schwarzen Turnschuhen zum Anzug, eine Hand in der Hosentasche, hopst Keller in die Tram vor der Museumstür. Auf nach Basel, zur Mittleren Brücke. Seit 1980 sitzt hier die Helvetia von Bettina Eichin, den Blick rheinabwärts gerichtet. "Die Statue steht auch für das Basler Fernweh", sagt Keller.
Die Stadt habe aus ihren Schwächen stets Stärken gemacht: "Die Art Basel zum Beispiel war von Anfang international, weil sie international sein musste. Köln oder Paris konnten sich den nationalen Blick leisten." Heute hat die Basler Messe die ausländische Konkurrenz abgehängt.
Ebenfalls an der Mittleren Brücke beginnt das, was die Basler Riviera genannt wird: sonnige Steinstufen mit Blick auf die Altstadt. Mavie Hörbiger lernt hier ihre Texte. Studenten treffen sich zum Mittagssnack oder gehen im Rhein schwimmen. Sogar Galeristen und Sammler würden schon mal reinspringen, erzählt Keller, auch während der Art Basel.
Bei der EM werden die Steinstufen fürs Public Viewing genutzt. Ein wunderschöner Ort, zumal Basel die Schweizer Fußball-Hauptstadt ist: Der FC Basel ist Meister und Zuschauerkrösus, das Stadion St. Jakob-Park haben Herzog & de Meuron gebaut. Das Büro mit Sitz in Basel ist auch verantwortlich für die Münchner Allianz Arena und das Olympiastadion in Peking.
"Jeder geht zum FC Basel, auch die Kunstmenschen", sagt Keller. Mit Trainer Christian Gross ist er befreundet, die milliardenschwere Mäzenin und Präsidentin Gigi Oeri aus der Pharma-Dynastie Roche unterhält auch das Puppenhausmuseum mit mehr als 6000 Exponaten. Basel ist, das lehren solche Beispiele, ein Dorf mit Geld und Kultur, in dieser Reihenfolge.
Seit zehn Jahren hat die Basler Wirtschaft die höchste Wachstumsrate der Schweiz. Chemie- und Pharmariesen wie Novartis und Roche sitzen in der Stadt, zudem die Großbank UBS. "Basel war immer schon reich", sagt Keller, "und die wichtigsten Kunstsammlungen sind in Handelsstädten entstanden, nicht in politischen Zentren."
Mit einer sogenannten Fähri, einem Fährschiff, geht's über den Rhein, dann zu Fuß den Hang rauf zum romanisch-gotischen Münster. Basel ist eine alte Stadt, "die immer schon Kunst hatte", wie Keller sagt, zudem eine traditionelle Universität, die älteste der Schweiz. Nietzsche lehrte hier.
Keller läuft und läuft, scheinbar endlos durch alte Gassen und vorbei an alten Gebäuden, um die vielen neuen Gebäude zu erklären. Wer Basel über die Autobahn passiere, könne das wegen des Schallschutzes nicht sehen, sagt er, nur den Gürtel von Industriebauten weiter außen. Das Resultat: ein mieses Image. Dabei finden sich in den mittelalterlichen Gassen Dutzende urwaldgrüne Innenhöfe, 170 beschauliche Brunnen und noch mehr Postkartenecken mit Menschen, die ein Postkartenleben zu leben scheinen. Wer hier neu baut, denkt darüber nach. Hier werden, so sieht es aus, die Postkarten der Zukunft gebaut.
Einen der Postkartenmenschen grüßt Keller: Es ist die Architektin Christine Binswanger, Partnerin im Büro Herzog & de Meuron, die einhändig vorbeiradelt, die Hand zum Gruß erhoben. "Woanders fahren solche Menschen mit Chauffeur", sagt Keller. Woanders seien solche Menschen nicht so bescheiden, zum Beispiel in Zürich. "Was sagt ein Zürcher", witzelt Keller, "wenn er das Meer sieht?" - "Ich hab's mir größer vorgestellt." Im protestantischen Basel hingegen sei es verpönt zu protzen. Selbst die Spender wollten oft nicht genannt werden, auch nicht bei Millionenbeträgen, berichtet die Ethnologin Anna Schmid, Chefin des Museums der Kulturen und Vorsitzende der örtlichen Museumsdirektorenkonferenz. "In Basel gibt es ein klassisches Bürgertum, das den Bildungsanspruch nicht aufgegeben hat. Ein richtiges Mäzenatentum."
Weiter geht's, immer weiter durch die Altstadt, vorbei an Dutzenden Lokalen. Oft mischen sich Gastronomie und Kultur: Das Kultur- und Gasthaus Teufelhof beherbergt ein Theater, ein Restaurant und acht Hotelzimmer, individuell eingerichtet von acht Künstlern. Das "Unternehmen Mitte" kombiniert eine Theaterbühne mit den Bars Fumare und Non Fumare sowie einer riesigen Kaffeehalle, in der der weiße Apple-Rechner so etwas wie die inoffizielle Eintrittskarte zu sein scheint.
Während der Art Basel ist das Restaurant der Kunsthalle ein wichtiger Treffpunkt: Hier sei die Konzentration des Kunstvolkes am größten, sagt Keller. "So etwas gibt es sonst nirgends."
Vor der Tür liegt der Tinguely-Brunnen, "das beliebteste Kunstwerk der Stadt". Es teilt sich den Raum mit Richard Serras wuchtigem Werk "Intersection", gestiftet von 273 Bürgern. Sprayer haben ihre Graffiti hinterlassen. "Richard hat den Kopf geschüttelt, als wir das letzte Mal zum Essen hier waren."
Um die Ecke gibt es noch viel mehr Graffiti, aber bestellte. Der rumänische Künstler Dan Perjovschi hat die Kunsthalle vollgekritzelt - und dabei auch die Kunststadt Basel kommentiert. Unter zwei Strichmännchen hat er "Artists" geschrieben, unter fünf Häuser daneben "Art Institutions". Das passt zu einer Studie, die einen Mangel an Bohemiens festgestellt hat: Menschen, die Trends setzen und Glamour verbreiten. Keller weiß das: Junge Künstler gebe es kaum, räumt er ein, aber viel Kunst.
Eine Menge davon ist über die Bäumleingasse 9 nach Basel gekommen, bis heute der Sitz der Galerie Beyeler: Das verwinkelte Haus mit buckligem Boden und winzigen Zimmern hat Dutzende Picassos gesehen und Giacomettis und Klees. "In so einem Raum hingen schon mal sechs Mondrians", erzählt Keller. Ihn fasziniert nicht nur Klasse, auch Masse: Durch die beeindruckende Sammlung des Kunstmuseums Basel hetzt er im Kunstmanagertempo - und kommt zu dem Schluss: "Sehen Sie, alles da." Generationen von Kindern würden hier durch die Kunstgeschichte durchgelotst, "das geht ins Blut".
Zur Sammlung gehört Picassos "Sitzender Harlekin", für dessen Kauf sich die kunstsinnigen Basler 1967 gar in einer Volksabstimmung starkmachten. "Die Schweizer Form der Demokratie bedeutet mehr Mitbestimmung - und führt eventuell zu mehr Verantwortung", sagt die Ethnologin Anna Schmid.
Keller eilt zum Museum für Gegenwartskunst, das in einem mittelalterlichen Quartier einen alten Kanal überspannt. Die Basler nennen den rauschenden Bach "St. Alban-Teich", als wollten sie auch ihn entschleunigen. Aus dem obersten Stock, von Beuys' Raumplastik "Feuerstätte", führt eine Treppe noch weiter nach oben: auf eine schmucklose Terrasse mit Steinplatten, beigefarbener Mauer und vier Stühlen, ohne Blumen, Sonnenschirme und Liegestühle. Solchen Tinnef braucht Basel nicht: Es genügt, wenn Architekten den idyllischen Blick inszenieren - auf den Rhein und auf die Roche am anderen Ufer.
Per Taxi geht's weiter, zu einem der Orte, die in jeder Stadt zu den hässlichsten gehören: das Gleisvorfeld des Bahnhofs, überspannt von einer Brücke. Und was macht Basel mit so einem Ort? Es setzt ein Stellwerk neben die Brücke, das wie eine Skulptur wirkt - und das Gleisvorfeld zum Freilichtmuseum macht.
Entworfen haben das Stellwerk Herzog & de Meuron, wie auch das halböffentliche Schaulager, eine Kombination aus Archiv und Museum: Die Rückseite sieht aus wie eine afrikanische Lehm- und Strohhütte, nur viel größer. Die eingedrückte Eingangsfassade wirkt futuristisch dank riesiger LED-Schirme, die als virtuelle Fenster ins Gebäude dienen. Im Haus fest verankert ist eine Installation von Robert Gober: In dem eigens für ihn eingerichteten Raum plätschert Wasser aus dem Nichts über eine Treppe. Die Schauspielerin Mavie Hörbiger ist hier noch lieber als am Rhein: "Das ist mein Lieblingsraum auf der ganzen Welt."
Das atemraubende Museum Tinguely von Mario Botta zeigt Keller nur noch im Vorbeifahren, von der Autobahn aus. Irgendwann ist die Zeit eben erschöpft, wenn auch nicht die Kondition.
In einer kleinen Stadt kann es zwar, das lehrt Basel, große Kunst geben - aber keinen großen Stress wie bei mächtigen Kunstmärschen durch London, Paris oder New York.
Am nächsten Tag, mit mehr Zeit im Museum Tinguely, zeigt sich das erneut: Vor der Fassade klebt eine verglaste Passerelle, in der man sich trotz drückender Schwüle schwerelos fühlt, als schwebe der schiefe Boden, wie ein Teil in Tinguelys Maschinen. Ein einsamer Apparat singt sein schräges Lied, es ist Stephan von Huenes "Partitur für die Gesangspartie der Neuen Lore Ley". Links liegt die Autobahn, rechts die Roche, unten liegt der Rhein - mit zwei Frauen im Bikini, entrückt in eine heile Welt.
Unter der Kunst, vielleicht ist das Basels Geheimnis, liegt der Strand. Friedlich. Und verschlafen.
Art Basel: 4. bis 8. Juni, www.artbasel.ch Fußball-EM: 7. bis 29. Juni, www.euro08.basel.ch Ausstellungen in Museen: www.museenbasel.ch, zum Beispiel Fernand Léger in der Fondation Beyeler, Robert Delaunay im Kunstmuseum, Olafur Eliasson im Museum für Gegenwartskunst, Kunstmaschinen/Maschinenkunst im Museum Tinguely, Andrea Zittel und Monika Sosnowska im Schaulager. Ausstellungen in Galerien: www.kunstinbasel.ch. Tourismus: www.basel.com
KulturSPIEGEL 6/2008
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