29.09.2008

Kunst gegen Essen

Ulrike Flaig emotionalisiert in Privatwohnungen vergessene Ecken - mit Farbklecksen.
Seit einer Woche habe ich eine "Emotionalisierte Ecke" in meiner Wohnung. Was das ist? Kunst. Und wie die aussieht? Ein amöbenartiger Fleck, leuchtend rot-orange, weit oben, hinter den Heizungsrohren kommt er hervor und verbreitert sich an der Wand. Entdeckt habe ich diese Kunstform im Jahresgaben-Heft des Neuen Aachener Kunstvereins, in dem 13 Bilder und Objekte angeboten werden, für 650 bis 2600 Euro - außer für Nummer 05. Das ist die "Emotionalisierte Ecke" von Ulrike Flaig, 46, die in Berlin und Esslingen lebt. In dem Heft ist von "Produktion vor Ort" die Rede und weiter: "Mit dem Käufer wird zusammen entschieden, welche Ecke emotionalisiert werden soll." Es wird gekocht und "nach der Fertigstellung der Arbeit zur Feier gemeinsam gegessen". Und dann: Preis für Mitglieder "Dreigängiges Menü beim Käufer zzgl. Material- und Reisekosten". Nichtmitglieder müssen viergängig kochen. Und das in Zeiten von Kunstpreis- und Galerienboom? Eine Aktion gegen den Kommerz, vielleicht ein Jux? Ich bestelle die "Emotionalisierte Ecke", und ein paar Tage später klingelt Ulrike Flaig pünktlich wie verabredet. Mit Pinsel, Farbeimer, Folien. Wir reden über die Wohnung, wo ich lese, wo ich sitze, wohin ich gucke. Will ich eine versteckte Ecke, eine aggressive oder eine schöne? Sie klettert auf die Leiter, hält einen roten Lappen aus gelierter roter Farbe hier- und dahin. Eine große Geste? Frech oder lieber intim? Kunst, sagt sie, kann das alles. Sie soll entscheiden. Macht sie und malt den Fleck, ohne Vorzeichnung, einfach so. "Wenn ich vor den Leuten male, wie improvisiert, persifliere ich natürlich auch den Künstler-Geniebegriff", sagt Flaig. Dies sei ihr dritter Fleck, und "es klappt nicht immer". Einmal hat sie am nächsten Tag eine Ecke übermalt. Stören will sie, den Raum aufladen, die Frage an die Wand malen, was Kunst ist - ist die Ecke Malerei? "Eine leichte Idee mit komplexem Hintergrund mit kleiner Geste umsetzen", das mag sie. Und die Bezahlung? "Von der Hand in den Mund, Arbeit gegen Essen." INGEBORG WIENSOWSKI
Ulrike Flaig. 10-mal Emotionalisierte Ecke. www.neueraachenerkunstverein.de
Von INGEBORG WIENSOWSKI

KulturSPIEGEL 10/2008
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