27.07.2009

Die Ewige

Es werden immer noch Bücher über sie geschrieben, im August läuft ein Film über ihr Leben an, ein weiterer ist schon abgedreht. Seit fast 40 Jahren ist die Modeschöpferin Coco Chanel tot, und noch nie war sie so aktuell. Neun Verehrer aus Mode, Theater, Politik und Literatur würdigen ihr legendäres Idol.
Zurückweisung von Chichi, Tand und Plunder
Meine Großmutter, die Chanel-Kostüme nicht leiden konnte, hat deren Urheberin, Mademoiselle Chanel, stets als "Nazi-Kollaborateurin mit Feldarbeiterbräune" bezeichnet. Aber Coco Chanel hat uns viel mehr hinterlassen als die Neubewertung des bronzefarbenen Teints sowie eine Handvoll Legenden über sich selbst, einen Berg falscher Perlen und ein paar Dutzend überquellende Aschenbecher. Vor allem hat sie uns den Satz hinterlassen: "Eleganz ist Verweigerung", der von ihrer kongenialen Seelenverwandten, der amerikanischen Modejournalistin Diana Vreeland, wie folgt ausgedeutet wurde: "Eleganz ist eine immanente Qualität, die nichts damit zu tun hat, ob jemand gut angezogen ist. Eleganz ist Zurückweisung." Darum geht es. Zurückweisung - von Chichi, Tand, Plunder, vermeintlich Unkonventionellem. Und Verweigerung: sich nie zu sehr über seine Garderobe zu enthüllen. Sich nie auch innerlich zu kleiden, wie es die Mode heischt. Ach, ich wünschte, viel mehr Leute würden sich an diese Maxime halten - und da wäre sicher meine Großmutter mit mir einer Meinung.
PHILIPP TINGLER
Tingler, Jahrgang 1970, ist Schriftsteller ("Stil zeigen!") und schreibt u.a. eine Modekolumne für "GQ".
Demokratisierung der Eleganz
Mode ist politisch. Jede politische Entwicklung ist von einem bestimmten Kleidungsstück begleitet worden, manche ist durch Mode verstärkt worden - man denke nur an den Minirock von Mary Quant. Unschätzbar jedoch ist der Einfluss von Coco Chanel. Man muss sich erinnern: Vor Chanel war Mode für Frauen eine einzige Einschränkung ihrer Freiheit, ja nahezu ein Versklavungsinstrument - enggeschnürte Korsetts, schwere Kleider. Wer so etwas trägt, der geht nicht durchs Leben, der trippelt. Wenn er nicht sowieso vorher ohnmächtig wird, um von starken Männerarmen aufgefangen zu werden. So war das Frauenbild. Damit räumte Coco Chanel radikal auf. Sie erfand Mode für berufstätige Frauen, die ihr Leben selbst bestimmen, Charleston tanzen und in der Öffentlichkeit Sport treiben. Für diese Frauen erschuf sie einen elegantschlichten, von der Herrenmode inspirierten Stil. Und sie erfand das vielzitierte "kleine Schwarze": Vorher waren Kleider pompöse Rüschenorgien, jetzt wurden sie schlicht. Ein Kleid für alle Frauen, für fast jeden Anlass: eine Demokratisierung der Eleganz! Dass Coco Chanel auch noch eine erfolgreiche Unternehmerin war, ergänzt das Bild einer Frau, die ihren Kundinnen exakt das vorlebte, was ihre Mode widerspiegelte: Sie war frei und stark. Und sie hat mit ihrer Mode anderen Frauen geholfen, ein bisschen so zu werden wie sie selbst.
SILVANA KOCH-MEHRIN
Koch-Mehrin, Jahrgang 1970, ist Europa-Abgeordnete für die FDP und eine der 14 Vizepräsidenten des Europäischen Parlaments.
Ganz leichte Wesen, in Kleidern wie von heute
Besonders faszinierend finde ich die ganz frühen Sachen von Coco Chanel. Es gibt Fotos von 1913 aus Deauville, wo Coco damals gerade eine Boutique eröffnet hatte. Da sitzen lauter Frauen am Strand, eingezwängt in enge, schwarze Korsagen und Kleider, und dazwischen laufen die Mannequins durch, die Coco damals losschickte in ihren Kleidern, um Werbung für sich zu machen: ganz leichte Wesen, wie androgyne Engel. Diese Kleider sind wirklich von heute. Wenn man sich die Mode von Dries van Noten und den anderen belgischen Designern anguckt, hat man das Gefühl, dass sie immer noch von Coco Chanel leben. Von ihrer Art, sehr weibliche Mode zu machen, die aber eine unglaublich androgyne Eleganz hat. An der Silhouette erkennt man bei den frühen Entwürfen noch ein bisschen die Mode der Jahrhundertwende, aber es gibt keine Taille mehr, und die Nahtführungen sind aufgebrochen. Das ist wie moderne Architektur; Coco Chanel hat eigentlich schon Bauhaus-Elemente vorweggenommen.
Von ihrem berühmten Kostüm aus den Fünfzigern dagegen gibt es inzwischen zu viele Kopien, die nicht mehr die Klasse haben, die das Original mal hatte. Die nachgemachten Sachen, vor allem von Versace oder von Escada, haben etwas Geschmackloses und auch Biederes. Auf der Münchner Maximilianstraße kann man das verfolgen: Da laufen Damen in viel zu engen, viel zu kurzen Kostümchen rum, die an Chanel erinnern, aber eben lange nicht mehr das haben, was Chanel mal gemacht hat. Selbst was Lagerfeld aus der Marke gemacht hat, hat nicht mehr viel mit Chanel zu tun. Heute will das Reichtum vorgaukeln, bei ihr ging es nur um Stil.
ANJA RABES
Rabes, Jahrgang 1966, ist Bühnen- und Kostümbildnerin und arbeitet u.a. an den Münchner Kammerspielen und der Staatsoper Unter den Linden. Sie entwirft die Ausstattung für Jossi Wielers Beckett-/Handke-Projekt bei den Salzburger Festspielen (s. S. 20).
Einzigartig klassisch
Coco Chanel hat im Grunde die Sportbekleidung für Frauen erfunden - und die Mode demokratisiert, in dem sie andere ihren Stil kopieren ließ. Dazu hat sie Modeschmuck zu einer akzeptierten, vielleicht gar reizvolleren Alternative zu echten Juwelen erklärt. Ihr Stil war klassisch und einzigartig, bis heute die Essenz vom Pariser Chic.
ANN-SOFIE JOHANSSON
Johansson, geboren 1963 im schwedischen Ronneby, ist seit 2008 Chefdesignerin des Modeunternehmens H&M.
Das Praktische mit dem Luxuriösen mischen
Coco Chanel kam aus dem Nichts und wurde die Größte, schon deswegen bewundere ich sie. Für mich als Modemacherin hat sie einen unvergleichlichen Einfluss. Denn obwohl die Marke heute als reines Luxusobjekt gilt, ging es ihr selbst immer darum, das Praktische mit dem Luxuriösen zu mischen. Ist doch so: Wenn eine Hose nicht sitzt, dann möchte ich die nicht haben, egal wie schön sie ist. Statt einem Zeitgeist hinterherzujagen, hat sie immer das gemacht, was sie für richtig hielt. So mutig ist doch heute in der Mode kaum jemand mehr. Vor allem aber hat Coco Chanel unsere Vorstellung von einer unabhängigen Frau geprägt: Sie war immer emanzipiert, authentisch und ein bisschen rebellisch. Die Botschaft ihrer Mode war auch ihre persönliche: Ich will mich nicht in eine Korsage quetschen, ich will frei sein.
LEYLA PIEDAYESH
Piedayesh, 1970 in Teheran geboren, leitet das Modelabel Lala Berlin. Sie ist besonders für ihre Vorliebe für Gestricktes bekannt und präsentierte vor kurzem ihre neue Kollektion auf der Berliner Fashion Week (www.lalaberlin.com).
Zarter Engel, rücksichtslose Macherin
Chanel, dieser apart heruntergehungerte Spatz unter den Modemachern, meinte in einem ihrer endlos zwitschernden Monologe über ihren sündteuren, aber extrem reduzierten Waisenkind-Stil, den sie in den letzten Jahrzehnten kreiert hatte: "Ach, wissen Sie, wenn man mir den Kopf abschlägt, sehe ich noch immer aus wie dreizehn." Aber ihr Kopf war nie in Gefahr, im Gegenteil, sie behielt ihn sogar, als sie - da war sie nur wenig älter als dreizehn - von einem "freundlichen Herrn", dem ersten aus einer ganzen Reihe großzügiger Wohltäter, gefragt wurde, welche Perlen sie schöner fände, schwarze oder weiße. Weder noch, chéri, erklärte sie, was sie brauche, sei das Startkapital für einen kleinen Laden. So wurde aus "Coco", der Tochter eines baskischen Hufschmieds, dem sie immer beim Beschlagen der Pferde hatte helfen müssen, die Visionärin der Haute Couture. Man mag darüber streiten, ob eine Damenschneiderin je große "Kulturleistungen" hervorbringen kann - meiner Meinung nach kann sie sehr wohl, und ein Mainbocher oder Balenciaga haben Bedeutenderes geschaffen als ganze Bataillone von Dichtern und Komponisten, die mir in den Sinn kommen. Doch allein das Faktum, dass so eine Karrierefrau existiert, müsste das Interesse jedes Journalisten wecken. Vielleicht liegt die Summe ihres Lebens in ihren zahlreichen Porträtfotos, die sie in ihrer verwirrenden Doppelnatur zeigen, mal als zarten Engel (womöglich in einem Herzchen-Medaillon), mal als knochentrockene, rücksichtslose Macherin. Man sehe sich nur diesen Hals an, die gespannten Sehnen, ein Hals wie der harte Stengel einer mehrjährigen Pflanze, die das schon leicht verdorrte Köpfchen stets aufs Neue in die Sonne des Erfolgs reckt. Diese begabten Untröstlichen und untröstlich Begabten, deren Ehrgeiz und Ego uns, den lethargischen Rest, unerbittlich weiterzerren, solche Wesen gedeihen eigentlich nur in den eisigen Höhen grenzenloser Ambition. Coco Chanel lebt allein in ihrer Stadtwohnung gegenüber dem Ritz.
TRUMAN CAPOTE
Dieser Text von Capote (1924 bis 1984) stammt aus dem Buch "Truman Capote: Die Hunde bellen. Reportagen und Porträts". Hrsg. von Anuschka Roshani. Kein & Aber, Zürich.
"In order to be irreplaceable one must always be different."
Was mich persönlich an Coco Chanel fasziniert? Dass man nur Neues schaffen kann, wenn man unbeirrt von den Launen und Meinungen der Allgemeinheit seinen Weg geht und für seine Sache brennt. In dem Sinne gilt nach wie vor Coco Chanels berühmtes Zitat: "In order to be irreplaceable one must always be different." Davor ziehe ich meinen Hut!
FIONA BENNETT
Bennett, geboren 1966 in Brighton, lebt seit 1972 in Berlin und ist heute die wohl wichtigste Hutdesignerin Deutschlands. Ihre Schöpfungen finden sich auf Köpfen wie dem von Christina Aguilera und Roger Cicero (www.fionabennett.com).
Hände in den Taschen, Kinn nach oben
Beim Nachdenken über Coco Chanel entdecke ich viel Bemerkenswertes. Die Befreiung der weiblichen Kleidung von allzu Weiblichem, Süßlichem und stattdessen die Einführung von männlichen Kleidungselementen und die Reduzierung der Farben auf die Nicht-Farben Schwarz und Creme, usw. ... Doch das Wunderbare war die Unbeirrbarkeit, mit der Coco Chanel arbeitete und lebte, und eben wie Coco Chanel herself Kleidung trug und kombinierte. Dieses Auf-festen-Beinen-Stehen, Hände in den Taschen, Kinn nach oben. Kleidung als Ausdruck von Selbstbestimmung, Selbstbewusstsein, getragen mit dieser gewissen Arroganz, über den Eitelkeiten zu stehen und über den anderen mit weniger Geschmack, unsentimental und daher weniger verlogen. Die Kleidung eher schlicht und funktional, der Schmuck, je wertvoller, umso nachlässiger getragen, Echtes mit Unechtem, scheinbar whatever. Attitude und Nonchalance symbolisiert für mich Coco Chanel und schwingt auch heute noch in den unzähligen Klassikern vom Parfum Chanel No. 5 über Kamelie, Stepptasche, Slingbacks ... Und auch hier wird die Grenze zwischen Eleganz und Vulgarität immer noch vom Talent der Trägerin bestimmt.
SABRINA DEHOFF
Dehoff, geboren 1968, gehört mit ihren verspielten Kreationen zu den erfolgreichsten Schmuckdesignerinnen des Landes. Sie betreibt ihr eigenes Label in Berlin (www.sabrinadehoff.com).
Paris kann nicht ohne Coco
Das Erste, was mir zu Coco Chanel einfällt, ist Chanel No. 5. Ich weiß heute noch, wo die für mich damals übergroße Flasche bei meiner Mutter im Bad stand. Ohne einen Hauch von Chanel No. 5 ist sie nie aus dem Haus gegangen. Coco als Person war natürlich einzigartig. Das, was sie lebte, hat sie in einen heute noch aktuellen Stil umgesetzt. Sie hat bewiesen, dass schlichte Eleganz und Glamour sich nicht ausschließen. Paris kann nicht ohne Coco Chanel, sie ist immer noch überall präsent. Ihren bis heute starken Einfluss spürt man auch in aktuellen Chanel-Kollektionen. Dass alle Mitarbeiter von Chanel, selbst eine Persönlichkeit wie Karl Lagerfeld, diesen Stil respektieren und derart konsequent fortführen, ist einzigartig in der Modewelt. Wie sie mit Stoffen experimentiert und daraus etwas entwickelt hat, das auch im Alltag wirklich funktioniert, das ist auch für mich ein großes Vorbild. ALEXANDER BRENNINKMEIJER
Brenninkmeijer, geboren 1968, stammt aus dem C&A-Clan. Vor vier Jahren gründete er sein eigenes Label Clemens en August, benannt nach den Konzerngründern. Er verkauft seine Mode zweimal im Jahr weltweit in Pop-up-Stores (www.clemens-en-august.com).
Coco Chanel - der Beginn einer Leidenschaft. Kinostart: 13.8.

KulturSPIEGEL 8/2009
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