DER SPIEGEL



Ist das aber süß!

Von BECKER, TOBIAS

Wie die Kulturindustrie das Kindchenschema bedient

Kann mal jemand den großen Michael aus dem Kinderparadies abholen? Und all die anderen Gesinnungskinder gleich mit? All die 20, 30, 40 Jahre alten Fans von "Ice Age", "Twilight", "TKKG", "Harry Potter" und Playstation? Ach ja, und als Erstes vielleicht die Anhänger von Hello Kitty? Das wäre supi!

Bloß: Wie es zurzeit aussieht, wird daraus nichts, denn sie wollen partout nicht weg aus ihrem Paradies, längst noch nicht, und so entwickelt sich der Kulturbetrieb immer stärker zum Kinderspielplatz - mit jeder Menge erwachsener Besucher.

Am 9. September bekommen sie einen neuen Spielkameraden: Michael bringt Wickie mit, jenen rotblonden Wikingerjungen, der seinen Finger neckisch um die Nase reibt, wenn er nachdenkt. Wickie ist der Held der Zeichentrickserie "Wickie und die starken Männer", die Mitte der Siebziger lief und die nun mit echten Schauspielern in die Kinos kommt. Die 78 Folgen waren stets lösungsorientiert, wie ein Pädagoge das in seiner Pädagogensprache einmal gelobt hat, und daran hält sich auch der Kinofilm. Er zeigt Wickie zwar schwach - aber clever. Als Knaben, der sich in einer Erwachsenenwelt behauptet, mit Köpfchen gegen Kraft. Klar, dass Kindern das gefällt, aber Erwachsenen? Denen auch, sagt der Regisseur der Realverfilmung und beharrt darauf, aus der Vorlage keinen Kinderfilm gemacht zu haben, sondern eine Abenteuerkomödie für alle Zielgruppen. Der Regisseur heißt Michael, Nachname Herbig, genannt Bully.

Man kann ihn auch den Prototypen des Kindheitsnostalgikers nennen, einen Führer durchs wilde Kindistan: In den Filmen "Der Schuh des Manitu", "(T)Raumschiff Surprise" und "Lissi und der wilde Kaiser" hat er sich an Winnetou, Captain Kirk und Kaiserin Sisi abgearbeitet, an Kindheitshelden, und er hat das mit jeder Menge Klamauk und Blödelspaß getan, mit einem Humor, den man unerwachsen nennen muss. Den Spitznamen, unter dem ihn jedes Kind kennt, hat man ihm in frühester Jugend verpasst, als er ein Bayern-Trikot trug mit der Sponsoren-Aufschrift "Die Bullen kommen". Das Trikot hat er abgelegt, den Namen nicht, und vielleicht auch deshalb ist Michael "Bully" Herbig, 41, heute Deutschlands kommerziell erfolgreichster Regisseur. Sein Name ist eine Marke: Wo Bully draufsteht, sind nostalgische Parodien drin, solche mit dem "Weißt du noch"-Effekt oder genauer, weil es eben Parodien sind, mit dem "Weißt du noch, wie blöd das war"-Effekt. Das ist nun anders.

"Bei den Drehbüchern meiner anderen Filme habe ich immer versucht, hier noch einen Gag reinzupacken und da noch einen", berichtet Herbig. "Dieses Mal war es mir wichtig, der Vorlage gerecht zu werden." Er habe sie zwar nach seinem Geschmack umgesetzt, sich aber auch als Dienstleister verstanden: "Wenn man solch eine Vorlage verfilmt, hat man eine Verpflichtung", sagt er, "ich will den Leuten ihren Wickie nicht wegnehmen."

Die Haltung passt in eine Zeit, in der sich mehr und mehr Erwachsene in ihrem Kulturgenuss der Erinnerung an selige Kindheitstage hingeben, in der uralte Detektivserien wie "Die drei ???", "TKKG" und "Fünf Freunde" dank der sogenannten Kassettenkinder, Erwachsenen um die dreißig, noch immer die Umsatzbringer auf dem Hörspielmarkt sind, in der Pop-Bands wie ein Tretauto Kettcar heißen oder wie eine Astrid-Lindgren-Figur Tomte und in der eine mächtig gehypte Schauspielerin wie Birgit Minichmayr, 32, im Juni-Kulturtipp des KulturSPIEGEL bekennt, sich von einer Ausstellung über die Kinderbuchtrolle "Mumins" magisch angezogen zu fühlen. Der vielbeschriene Jugendwahn, so scheint es, ist out. Kindsein ist in.

Nun lassen sich viele dieser Beispiele als Retrotrend abtun und leicht erklären. Soziologen und Marktforscher bemühen dafür den Begriff der Kohortentheorie: Jede Generation hat Ereignisse, die in jungen Jahren ihre Wertvorstellungen und Vorlieben prägt; früher waren das Kriege, heute sind es Fernsehen und Lifestyle. Diese Prägungen halten ein Leben lang, zudem geben Eltern sie gern an ihre Kinder weiter. Beobachten lässt sich das sehr schön daran, dass hippe Großstadtmütter im Hamburger Schanzenviertel oder dem Frankfurter Nordend ihren Kindern die Klamotten aussuchen, die sie selbst von früher kennen. Auf der Suche nach der verlorenen Kindheit recyceln Erwachsene alte Stimmungen - als Konsumenten und als Produzenten. Aber erklärt das die generelle Tendenz zur Verniedlichung in der Kulturindustrie?

Die Top Ten der deutschen Filme im ersten Kino-Halbjahr werden dominiert von Kinder- und Jugendstoffen; die meisten sind frei von jedem Retroeffekt: "Hexe Lilli", "Die wilden Hühner und das Leben", "Prinzessin Lillifee", "Vorstadtkrokodile" und "Die drei ??? - Das verfluchte Schloss", hinzu kommen internationale Hits wie "Twilight - Bis(s) zum Morgengrauen", "Madagascar 2" und "Hannah Montana". Nicht jeder der Filme hat auch Erwachsene angelockt, natürlich nicht, aber man muss nur mal in eine Vorstellung der im zweiten Halbjahr gestarteten Animation "Ice Age 3" gehen, um zu beobachten, wie viele Volljährige sich einen Kinderfilm antun. Das sind bei weitem nicht nur Väter und Mütter, die ihre Kinder begleiten; dagegen sprechen schon all die Spätvorstellungen um 23 Uhr und natürlich die über acht Millionen Zuschauer, die der Film bislang gezogen hat.

Hollywood hat in den vergangenen Jahren viel Kapital geschlagen aus Kinder- und Jugendstoffen: aus Fantasy-Verfilmungen wie "Der Herr der Ringe", "Harry Potter" und "Die Chroniken von Narnia", aus Comic-Adaptionen wie "Spiderman", "Batman" und "Iron Man". Der neueste Trend ist es, sich die Stoffe direkt aus den Kinderzimmern zu holen: Die ersten Spielzeug-Blockbuster nach dem Vorbild der Action-Figuren "Transformers" und "G. I. Joe" gibt es schon, geplant sind ein "Lego"-Film und Kinoversionen der Brettspiele "Monopoly" und "Cluedo".

Ein Grund für die Entwicklung könnte die Globalisierung sein. Wer auf allen Kontinenten verkaufen wolle, schreibt der Politologe Benjamin Barber in seiner Streitschrift "Consumed!", müsse eine Sprache sprechen, die alle verstehen: Dies sei die Sprache der Kinder, die sich über Kulturgrenzen hinweg viel mehr ähnele als jene der Erwachsenen. Die vielzitierten All-Age-Filme, die All-Age-Literatur, die gesamte All-Age-Kultur sind demnach nichts anderes als ein hübscher Begriff für einen monströsen Mainstream, der nicht einmal Altersunterschiede kennt.Und so tragen erwachsene Frauen zwischen 20 und 40 das Comic-Kätzchen von Hello Kitty auf Portemonnaies oder Handys spazieren, am liebsten mit klobigen Boots zum Kleidchen, weil die Beine darin so mädchenhaft verloren aussehen und weil die Kombination so kindlich konfus wirkt, als sei man mal schnell bei Regen in Gummistiefel geschlüpft. "Der Wunsch, nicht alt auszusehen", so hat das der Soziologe Frank Furedi einmal analysiert, "ist durch eine selbstverliebte Betonung der eigenen Unreife ergänzt worden."

Kinder- und Jugendbücher wie Stephenie Meyers Vampir-Schmonzetten mit "Bis(s)", Cornelia Funkes "Tintenwelt"-Trilogie und Christopher Paolinis Drachenreiter "Eragon" dominieren die Bestsellerlisten; der Umsatz mit Literatur für junge Leser ist im ersten Halbjahr 2009 laut Media Control um 24 Prozent gewachsen. Wie passt das wohl zusammen mit Studien, nach denen immer weniger Kinder Bücher geschenkt oder gar vorgelesen bekommen? Nun, die Erwachsenen lesen sie selbst. Das mag daran liegen, wie die Kritikerin Sigrid Löffler in einem Fachblatt schrieb, dass Kinder- und Jugendbücher das bieten, was der Literatur der Moderne abgeht: Tröstung. Vielleicht liegt es aber auch an den Krisenkindern, die man gar nicht erwachsen werden lässt, denen man keine Verantwortung gibt, sondern Praktikum um Praktikum. Statt auf die Straßen zu gehen, heißt ihr Protest radikale Regression: "Harry Potter", Hello Kitty, Playstation.

Der US-Schriftsteller Joey Goebel, 28, hat kürzlich in der "Süddeutschen Zeitung" geklagt, seine Landsleute seien infantil. Unter dem Titel "Baby für immer" schrieb er: "Vielleicht sind wir die erste Generation, die es normal findet, ihre Freizeit auch im Erwachsenenalter noch mit Kinderspielzeug zu verbringen." Das ist hierzulande nicht anders: Laut einer Studie des Branchenverbands Bitkom spielt jeder dritte Deutsche zwischen 30 und 49 Computerspiele - Tendenz steigend. Zum Teil mag das an neuen Spielkonzepten und neuen Geräten liegen - und doch: Es ist ein reichlich unerwachsener Zeitvertreib, eine Beschäftigung für Menschen, die sich nach schnellen Erfolgserlebnissen sehnen, danach, dass ihr Handeln endlich mal wieder unmittelbare Wirkungen hat. Und sei es nur im Kinderparadies.

Eine der intelligentesten Reaktionen auf all die Kindsköpfe liefert der Performer Massimo Furlan, 43, der in die Rolle von Kindheitshelden schlüpft - und das im ganz großen Stil: Als kleiner Junge kickte er zum Radiokommentar wichtiger Fußballspiele durch sein Zimmer, dribbelte den Sessel aus, zielte auf die Tür statt auf das Tor, nun hechelt er sich als Michel Platini, Hans Krankl oder Jürgen Sparwasser in richtigen Stadien durch komplette WM-Partien, inklusive aller Laufwege und Gesten der Vorbilder, bloß ohne Ball und ohne Gegner.

Allein und verloren, mit Bauchansatz, erinnert Furlan an ein seliges Alter, das Idole kennt und Träume. Und daran, wie wahnwitzig es ist, als Erwachsener diese Träume zu leben.

VON TOBIAS BECKER

ILLUSTRATIONEN: ANNEMARIE BÄRTSCHI


KulturSPIEGEL 9/2009
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KulturSPIEGEL 9/2009

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