30.11.2009

Die jungen Unwilden

Christen-Rock war in den USA erfolgreich, aber trotzdem für viele ein Witz. Bis Paramore kam.
Wer berühmt sein will, braucht Schlagzeilen, und wer Schlagzeilen will, der braucht Skandale. Britney Spears, Amy Winehouse, Pete Doherty, die Gallagher-Brüder, Sex, Drogen, Prügeleien, egal, die Reihe ließe sich bis in die Unendlichkeit fortführen.
Aber eigentlich sind die Klatschpressedramen auch langweilig, so oft wiederholt und damit so vorhersehbar sind das Rein und Raus aus Entzugskliniken, das öffentliche Verlieben und Entlieben, das Streiten und Versöhnen.
Da ist es eine Schlagzeile wert, dass es keine Schlagzeilen gibt über Paramore. Die fünf Amerikaner rauchen und trinken nicht. Es wird auch nicht randaliert, geflucht, zertrümmert oder gekokst, und das, obwohl sie ausgerechnet Pop-Punkrock spielen.
Diese jungen Unwilden sind sogar - kein Witz - bibeltreue, gottesfürchtige Christen. Bereits im Booklet ihres neuen Albums "Brand New Eyes" steckt der liebe Gott im Kleingedruckten. Da dankt die Band ihrem "Erretter", "Jesus Christus" und dem "Himmlischen Vater". Die Sängerin Hayley Williams, 20, zitiert gar die Heilige Schrift: "Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark (2. Korinther 12,10)."
Die fünf Musiker haben auch allen Grund, ihrem Herrn zu danken: Ihre drei Alben gingen bislang, allen Umsatzkrisen und illegalen Downloads zum Trotz, mehr als vier Millionen Mal weg. "Brand New Eyes" kegelte Madonnas letztes Werk von der Spitze der britischen Charts. Selbstverständlich haben Paramore die gewaltige Wembley Arena in London, wo sie im Dezember rocken, längst ausverkauft. Genauso wie anschließend alle Konzerte in Deutschland, obwohl die Shows bereits in größere Hallen verlegt wurden.
Der Erfolg von Paramore ist auch deshalb so besonders, weil er nicht konstruiert wurde. Anders als bei Miley Cyrus alias Hannah Montana oder den Jonas Brothers, die auch ein Teenager-Millionen-Publikum beglücken, steckt hinter Paramore keine Entertainment-Fabrik wie Disney. Diese "fünf Provinzler" (Williams) haben sich ihren Triumph selbst erspielt, ohne PR-Strategie und -Macht eines Unterhaltungskonzerns. Wobei vor allem Hayley Williams Experten als kommender Mainstream-Star gilt. Jüngst zierte sie den Titel des einflussreichen britischen Fachblatts "New Musical Express", selbst bei der "New York Times" beklatscht man die zierliche Amerikanerin als "sehr gute Sängerin" mit "elektrischer, sehr physischer Bühnenpräsenz".
Paramores Erfolg geht mit einem Phänomen einher, das man "Neue Enthaltsamkeit" nennen könnte: In Zeiten, in denen Vergewaltigungsfilme auf Schulhöfen per Handy getauscht werden, wird die Verweigerung alles Sexuellen zur Rebellion. So wurden Paramore mit ihrem Beitrag zum "Twilight"-Soundtrack berühmt, der ersten Verfilmung von Stephenie Meyers blutarmen Vampir-Romanzen. Die quasi sexfreien Weltbestseller stehen für die gleichen Werte wie Paramore - Familie, Anstand, Respekt. Williams zieht über die Belanglosigkeit von Klatschmagazinen her und sagt Sätze wie "Meine Jugend ist meine Stärke!" oder dass ihr Glaube ihr "extrem wichtig" sei: "Wir alle in der Band sind unserem Glauben stark verpflichtet, was uns in schwierigen Zeiten oft geholfen hat. Ich kenne niemanden, auf den mehr Verlass ist als auf Gott." Fünf Christen, die vergnügt das spielen, was sie in Amerika "Christen-Rock" nennen?
Nein, das könne man so nicht sagen, erklärt Williams. Aber man kann sagen, dass die Bandmitglieder gern und ausgiebig beten und vor Konzerten gemeinsam zu Gott sprechen. "Aber wir laufen nicht herum und schwatzen anderen, besonders den Fans, unseren Glauben auf", versichert Hayley Williams. Trotzdem kürte der "New Musical Express" Paramore zur "Biggest Non-Christian Christian Band", also eine Christen-Band, die keine sein will. Denn auch beim großen US-Christen-Rockfestival Cornerstone sind Paramore bereits aufgetreten. Was als uncool, als Stoff für Comedys und damit als schwer verkäuflich gilt ("Auf dem Weg zum großen Erfolg scheint es eher ein Hindernis, wenn man seine Liebe zu Gott bekennt", schrieb der britische "Independent"), ist dennoch ein großer und relativ krisenresistenter Markt, mit Radiosendern, Plattenfirmen und Festivals. Einige Christen-Rock-, -Rap- und -Popbands, vor allem Amerikaner, waren sehr erfolgreich, so wie P.O.D., DC Talk, Amy Grant oder Bruce Cockburn.
Die entscheidende Frage ist, wie viel Predigt ein Poptext verträgt. Sie versuche nicht, mit ihren Texten Fans zu bekehren, versichert Williams. Es gebe sicher Christen, die das könnten, "ohne offensiv" zu sein, aber für sie komme das nicht in Frage. "Gut, in einigen Paramore-Songs geht es schon um Dinge, an die ich glaube, so wie ,Turn It Off' vom neuen Album.""I scraped my knees while I was praying and found a demon in my safest haven", heißt es da. "Wir hatten neulich eine Bandkrise, die so schwerwiegend war, dass ich an meinem Glauben zweifelte", sagt die Sängerin.
Viele ihrer Fans und auch befreundete Bands seien Agnostiker oder Atheisten, sagt Williams, und die Gespräche mit denen seien "sehr spannend". "Wären wir daheim im ,Bible Belt' geblieben, hätten wir unseren Horizont nicht so erweitern können." Denn Paramore kommen aus der Gegend von Nashville, Tennessee, einer Zentrale des sogenannten Bible Belt in den Südstaaten der USA, wo Gottesfürchtigkeit integraler Bestandteil des täglichen Lebens ist. Aufgewachsen ist Williams mit einem Stiefvater, der ihr "eine Überdosis Christenpop" verpasste: "Ich habe nichts gegen Christen-Musik, aber ich höre sie nicht."
Fest steht, dass Williams in diesem Jahr ganz weltlich vom "New Musical Express" zum "Sexiest Female" gekürt wurde. Trotz oder gerade weil sie allen Sexy-Showbizz-Klischees so gar nicht entspricht. Bevorzugt trägt sie "alles, was bequem ist und bei mir so rumliegt", was meist auf alte Jeans und Kapuzensweatshirts hinausläuft. Halb entblättert in Hochglanzmagazinen wird man sie nie sehen. Im schlimmsten Fall gäbe es eine Schlagzeile über Williams. Und wer von Paramore will schon Schlagzeilen?
Paramore: "Brand New Eyes" (Warner); Tournee: 3.12. Hamburg, 4.12. Berlin, 6.12. Köln (alle ausverkauft). Infos: www.mlk.com
Von CHRISTOPH DALLACH

KulturSPIEGEL 12/2009
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