28.12.2009

Wundersam unfasslich

Lilith Stangenberg war auf keiner Schauspielschule, ist aber eine Meisterin der Metamorphose. Das kann man jetzt in Zürich bestaunen.
S hakespeares Richard III. würde sie gern einmal spielen und die kleine Meerjungfrau. Man kann sich beides bestens vorstellen. Denn Lilith Stangenberg ist eine Schauspielerin, die schärfste Widersprüche zu vereinen versteht. Wie sie spricht und geht und gestikuliert! Immer schwebend und erdverbunden, transparent und hemdsärmelig zugleich.
Lilith Stangenberg ist 21 Jahre alt, Berlinerin. Sie hat keine Ausbildung und steht auf der Bühne, als gäbe es für sie keine andere Heimat. Am Jugendtheater der Berliner Volksbühne hat sie angefangen, einmal übernahm sie hier sechs verschiedene Rollen gleichzeitig, jede anders, jede mit derselben unbändigen Energie. In David Martons grandioser "Lulu" am Schauspiel Hannover war sie 2009 eine von drei Lulus, sie hat ihren Part wundersam unfasslich gespielt, mit einem Bein im Phantastisch-Surrealen, mit dem anderen auf dem harten Boden einer ungemütlichen Gegenwart.
Sieben Geschwister hat Lilith Stangenberg, oft haben sie früher gemeinsam Theater gespielt, Sketche, Verkleidungsszenen. "Das liebe ich immer noch sehr, die Metamorphose", sagt sie. Sie kann sich von einer Silbe auf die andere, von einem Blick zum nächsten wandeln. Seit dieser Spielzeit gehört Stangenberg zum neuen Ensemble am Schauspielhaus Zürich, jetzt spielt sie dort in Frank Castorfs Inszenierung des "Hofmeisters" von Jakob Michael Reinhold Lenz die Majorstochter Gustchen; ein Mädchen, das der bürgerlichen Enge entflieht und gleichzeitig deren heimeligen Schutz sucht. DIRK PILZ
Darstellerin Stangenberg (als Lulu), Mitspieler: Schwebend und erdverbunden
Der Hofmeister. Premiere 14.1. im Schauspielhaus Zürich (Schiffbau), Tel. 0041/ 44/258 77 77.
FOTOS: DAVID BALTZER / AGENTUR ZENIT (L..); KATRIN RIBBE (O.); ARNO DECLAIR (U.R.)

Highlights

Diebe.
Uraufführung am 15.1. im Deutschen Theater Berlin. Auch am 16., 23. und 24.1., Tel. 030/28 44 12 25.
Die erste Arbeit nach einem Riesenhit ist immer verdammt schwer. Wobei Hit ein zu hartes Wort ist für das feine, versponnene, wunderbar komische und zutiefst traurige Stück "Das letzte Feuer", das die Autorin Dea Loher und der Regisseur Andreas Kriegenburg vor zwei Jahren am Hamburger Thalia Theater herausbrachten. Loher gewann dafür den Mülheimer Dramatikerpreis, Kriegenburg den "Faust". In ihrem neuen Stück verwebt Dea Loher wieder mehrere Menschenschicksale miteinander.
Parzival. Uraufführung am 16.1. im Schauspielhaus Hannover. Auch am 19., 26. und 30.1., Tel. 0511/99 99 11 11.
Der Regisseur und neue hannoversche Intendant Lars-Ole Walburg inszeniert Wolfram von Eschenbachs 800 Jahre alte Geschichte vom tumben Tor, der in der Einsamkeit aufwächst, in einer Bearbeitung des Schweizer Dramatikers Lukas Bärfuss. "Du kannst den Jungen aus der Einöde, aber die Einöde nicht aus dem Jungen nehmen", schreibt Bärfuss. Walburgs Besetzungscoup: Die Titelrolle spielt die famose Sandra Hüller ("Requiem"), die auf Außenseiter und Extremisten quasi spezialisiert ist.
Von DIRK PILZ

KulturSPIEGEL 1/2010
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