25.01.2010

Heim nach Mannheim

Auf der Popakademie hat Konstantin Gropper alias Get Well Soon gelernt, Verträge zu lesen. Erfolgreiche Songs zu schreiben, hat er sich selbst beigebracht.
Seit die "Schwäbische Zeitung" ihn auf der Rechnung hat, ist Konstantin Gropper erleichtert. Klar, es ist toll, dass die britischen Geschmackspolizisten vom "New Musical Express" ihn als "German Wunderkind" feiern und französische Journalisten ihn als "wertvollen Gegenentwurf zu To-kio Hotel" preisen. Auch gut, dass er als dritter Deutscher überhaupt zum legendären Glastonbury Festival geladen wurde. Aber letztendlich geht es Gropper, der als Get Well Soon musiziert, so wie den meisten Kindern, vor allem um den Segen der Eltern. Die leben im schwäbischen Dorf Erolzheim und lesen keine britischen Musikmagazine, sondern die Lokalzeitung.
An die Musik von Get Well Soon mussten sich die Eltern, der Vater ist Musiklehrer, zwar erst mal gewöhnen. Auch die Entscheidung des Sohnes für ein Leben als Musiker sorgte im Elternhaus für "Debatten". Aber spätestens seit Konstantin Gropper selbst von den lokalen Medien als erfolgreicher und kompetenter Künstler wahrgenommen wird, sind die Eltern beruhigt. Denn das vor zwei Jahren veröffentlichte Get-Well-Soon-Debütalbum "Rest Now, Weary Head!" geriet zum Überraschungserfolg. Es wurde mehr als 50000-mal verkauft und entzückte Rezensenten von Paris bis London.
Die Lieder des 27-Jährigen klangen so kunstvoll und souverän, wie es nur wenigen Debütanten gelingt: Er legte wendig ausgeführte Gitarren-Popsongs von erhabenem, teils dick aufgetragenem bildungsbürgerlichem Weltschmerz vor, die an britische Kollegen wie The Divine Comedy oder Radiohead erinnern, dabei aber, und darin besteht ihre Klasse, individuell sind.
Nun erscheint "Vexations", das zweite Get-Well-Soon-Album. Man hört ihm an, dass der Künstler hier noch höher hinaus will. Jeder soll hören, was er alles drauf hat. Das klingt manchmal bemüht, trotzdem ist Gropper auch das oft so schwierige zweite Werk vortrefflich geglückt.
Ob es ihm gut gehe, wollen viele Interviewpartner vom Autor dieser melancholischen Lieder wissen. Alles in Ordnung, entgegnet er stets, auch weil er weiß, dass ihm die neue Platte gelungen ist. Das ist schon deshalb wichtig, weil Gropper davon lebt, dass seine Kunst ein zahlendes Publikum findet.
Nach der Schule hatte er - zur Freude der Eltern - ein geisteswissenschaftliches Studium begonnen, mit Philosophie und Germanistik in Heidelberg. Aber dann setzte sich doch der Virus durch, der ihn in Form von Grunge-Rock als Teenager befallen hatte. Also schrieb er sich parallel zum Studium an der Mannheimer Popakademie ein, als "gute Strategie, um drei Jahre lang unbehelligt Musik zu machen". Das habe ihm den Mut gegeben, sich ganz auf die Musik zu konzentrieren. Mittlerweile distanziert sich Gropper dezent von dem Institut, selbst im aktuellen Presseinfo steht zu lesen, dass er die Akademie nie "als Schlüsselstelle seines musikalischen Werdegangs" bezeichnet habe.
Ist ein Laden, der Popmusik in Fächer eingeteilt vermitteln will, vielleicht einfach uncool in einer respektablen Künstlerbiografie? Nein, das sei auch ein Missverständnis, sagt Gropper. Aber was hat er denn nun gelernt auf der Popakademie? Das Schreiben von Liedern eher nicht, sagt er. Aber eben vieles andere, das zum Musikerdasein gehört, das Kleingedruckte in den Verträgen zu verstehen, die Strategien der Marketingabteilungen zu durchschauen: "Man muss lernen, damit umzugehen, wie die Lieder, die man sich aus dem Herzen schneidet, zu Produkten werden."
Sogar einen Kursus zum Umgang mit Journalisten hat er absolviert und gelernt, wie man als Künstler Interviews meistert. Damit er nicht aus der Haut fährt, wenn er jedes Mal wieder gefragt wird, warum er seine Texte auf Englisch schreibt. "Meine Melodien passen besser zu einer weichen Sprache wie Englisch. Deutsch klingt zu hart", antwortet er routiniert.
Außerdem hat er auf der Popakademie andere Schüler kennengelernt, die in seiner Band spielen. Dennoch ist das Projekt im Großen und Ganzen ein Ein-Mann-Unternehmen. Er sei nicht gut darin, Kompromisse einzugehen, sagt Gropper.
Seit einiger Zeit ist er auch als Komponist von Filmmusik gefragt. Der Erste, der deshalb anrief, war Wim Wenders. Der war vom ersten Get-Well-Soon-Album begeistert, traf Gropper beim Italiener und bestellte Lieder für seinen Film "Palermo Shooting". Auch für "Same Same But Different", den neuen Film von Detlev Buck, hat Gropper komponiert.
Es passt zum Eigenbrötler Gropper, dass er von Berlin, seiner Wahlheimat der vergangenen Jahre, gerade zurück nach Mannheim gezogen ist. Zur Berliner Musikszene habe er ohnehin nie gehört, stellt er lapidar fest. Selbst der deutschen Musikszene mag er nicht zugerechnet werden; eine "geografische Identität" habe er nicht. Erolzheim, Mannheim, Paris oder London - das sei ihm egal: "Danach fragen immer nur Deutsche."
Get Well Soon: "Vexations" (City Slang)
Musiker Gropper: "Deutsch klingt zu hart"

FOTO: JENS OELLERMANN
Von CHRISTOPH DALLACH

KulturSPIEGEL 2/2010
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