Von BECKER, TOBIAS
Sie gelten als kauzige Intellektuelle, verkopfte Eigenbrötler, egoistische Genies: Schriftsteller, so will es das Klischee, wälzen sich mittags aus dem Bett, schleppen sich abends an den Schreibtisch und ringen nachts die Worte nieder, in einem einsamen Kampf, versunken in ein Chaos aus Büchern, Zeitungen, Notizen. Sie brauchen Kippen und Kaffee, was sie nicht gebrauchen können ist Gesellschaft.
Eine junge Berliner Literaturtruppe wirft all diese Vorstellungen über den Haufen: Die Mitglieder sind keine Langschläfer, keine Chaoten, keine Einzelkämpfer. Und wenn sie rauchen, dann draußen vor der Tür. Um gemeinsame Arbeitsräume mieten zu können, haben sie eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts gegründet. Ihr Name: Adler & Söhne, wie ein Handwerksunternehmen in Familienhand. Es ist eine literarische Manufaktur, in der sie ein bürgerliches Berufsleben simulieren.
Zum Interview empfangen sie an einem Montagmorgen, um 9 Uhr, als gingen sie einem Nine-to-five-Job nach. "Wir haben auch schon mal über Stechuhren nachgedacht", scherzt Thomas Pletzinger, 34, der 2008 den Debütknaller "Bestattung eines Hundes" abgeliefert hat. "Zu Hause arbeite ich grundsätzlich erst, wenn ich Feierabend machen sollte", sagt er, "und wenn ich arbeiten muss, bügele ich Hemden." Ähnlich sieht das der Bachmann-Preisträger Tilman Rammstedt, 34, der in den vergangenen Jahren immer mal wieder unter Schreibkrisen litt, zuletzt aber für den tragikomischen Trauerroman "Der Kaiser von China" gefeiert wurde. Mit dem Büro verbinde er "natürlich die Hoffnung auf eine Struktur", berichtet er, schaut ernst und schiebt schmunzelnd hinter-her: "Ich freue mich jeden Morgen darauf, zu sagen: ,Ich gehe jetzt ins Büro.'" Die Ironie greift Pletzinger auf: "Meinen Eltern sag ich immer: ,Schickt die Post doch ins Büro, am besten zu meinen Händen', damit klar ist, dass ich in Lohn und Brot stehe." Es ist die Koketterie der Künstler mit ihrer neuen Bürgerlichkeit.
Die Idee zu dem Büro ist am Deutschen Literaturinstitut Leipzig entstanden, an dem Pletzinger drei seiner Mitmieter kennengelernt hat: Katharina Adler, 30, Benjamin Lauterbach, 34, und Sa a Stani i , 31, der mit seinem Balkankriegsroman "Wie der Soldat das Grammofon repariert" 2006 bis auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises vorgeprescht ist. In Leipzig saßen sie oft zu viert im Café der Galerie für Zeitgenössische Kunst, plauderten über Privates, fachsimpelten über Literatur, schrieben stumm vor sich hin, lasen Entwürfe vor, schoben Passagen zum Gegenlesen rüber, verteilten Lob und Kritik. Ein Live-Lektorat.
"Das Wichtigste am Deutschen Literaturinstitut war, dass ich Sa a, Thomas und Benjamin getroffen habe", sagt Adler. "Ich würde gar nicht so schreiben, wie ich schreibe, wenn ich den dreien nicht begegnet wäre", sagt Pletzinger. Und so stand das Ziel schnell fest: Das Prinzip Schreibwerkstatt musste konserviert werden.
Im Mai 2008 ergatterten sie ein Ladenlokal in der Senefelderstraße 31, im Stadtteil Prenzlauer Berg. Es ist eine Adresse mit Kulturgeschichte: Direkter Vormieter war der Tropen Verlag, der die Hauptstadt gen Stuttgart verließ, noch früher residierte hier ein Künstler, und irgendwann einmal dienten die Räume als Tabakladen. In ihm, so will es der Hausmythos, hat Großdramatiker Heiner Müller seine Zigarren gekauft. Die Literaten glauben es gern.
Zurzeit teilen sie sich die Räume zu neunt: Tilman Rammstedt stieß dazu, die Lektorin Christine Marth, 34, der Lektor und Journalist Jan Valk, 31, die Übersetzerin Christine Bredenkamp, 36, und der Lektor und Übersetzer Johann Christoph Maass, 36. Im Schaufenster thront ihr Maskottchen: eine Adler-Figur aus einem Kreuzberger Trödelladen. Namensgeber ist jedoch nicht er, sondern Katharina Adler, die jüngste im Büro. Wer das Wappentier passiert hat, blickt auf eine Galerie: auf kleine Holzbretter an der Wand, auf denen all jene Bücher einzeln angeordnet sind, die das Büro hervorgebracht hat. Wie Jagdtrophäen.
Ansonsten sind die Räume eher karg, die Schreibtische sind schlicht und schwarz und so gut wie leer: Da liegt mal eine Zeitung oder ein Buch, ein Textmarker oder eine Tube Handcreme, mehr nicht. Von wegen kreatives Chaos. Unordnung wäre unpraktikabel, denn keiner hat ein Einzelzimmer, ja keiner hat einen festen Schreibtisch. Je nach Ruhebedürfnis und Teambildung wechseln die Mitglieder Raum und Platz - und sind so gezwungen aufzuräumen. Zuletzt haben Adler, Pletzinger, Rammstedt und Stani i gar ein Gemeinschaftsprojekt gestemmt und zu viert eine Hörspielserie entwickelt; die Verhandlungen mit einem Radiosender laufen. Meist jedoch arbeitet jeder still vor sich hin, an eigenen Projekten, nur ab und an fragt jemand die anderen um Rat, viel seltener als damals in Leipzig. "Wir sind heute unabhängiger im eigenen Schreiben", sagt Adler. "Ich brauche nicht mehr für jeden Text die Absolution von den anderen", sagt Pletzinger. Und doch ist er es, der nach wie vor den größten Drang und die geringste Scheu hat, die Hosen runterzulassen - und gerade Getipptes vorzulesen. "Ich hingegen bin es überhaupt nicht gewohnt, etwas Unfertiges rauszurücken", sagt Rammstedt, der keine Schreibschule besucht hat. "Ich strenge mich an, seitdem ich hier arbeite, aber es führt jedes Mal zum Schweißausbruch."
Anders als im Leipziger Café können sich die Schriftsteller bei Adler & Söhne auch mit Lektoren und Übersetzern austauschen, und die Lektoren und Übersetzer mit ihnen. Es ist eine Konstellation, die allen hilft. Auch weil sie für alle das Netzwerk vergrößert - zum Beispiel, um Jobangebote hin- und herzuschieben. Und weil sie die Basis ist für eine neue Veranstaltungsreihe: Der monatliche "Salon Adler & Söhne" soll mehr bieten als Lesungen, er soll "die Entstehung von Literatur als Zusammenspiel vieler verschiedener Prozesse zeigen", wie Jan Valk es ausdrückt, also neben Schriftstellern auch Lektoren, Übersetzer, Grafiker und Verleger auf die Bühne holen - eine Art Making-of.
Den Salon lagert Adler & Söhne ins Soupanova aus, nur wenige Fußminuten vom Büro entfernt. Es ist nicht der einzige Vorteil der zentralen Lage; im sogenannten Szeneviertel Prenzlauer Berg ist die Nachbarschaft tolerant: Zu Sommerfesten kamen schon 250 bis 300 Gäste, auch eine Silvesterparty gab es - mit einem "Mett-Eagle", einem Mett-Adler. Andererseits betrachten manche Mitglieder die Lage auch skeptisch: "Wir sitzen hier natürlich im Sturmauge der Gentrifizierung", sagt Pletzinger, "um uns herum sind jetzt drei, vier neue Cafés, und die Kinderklamottenläden schleichen sich an." Und Adler bekennt: "Auch wenn ich sehr gern hier bin, würde ich hier nicht wohnen wollen, der Kiez hat mittlerweile Puppenstubencharakter."
Es wirkt fast so, als wäre es ihnen peinlich, doch noch in einem Klischeebild gefangen zu sein: als Kreative im Kreativenkiez.
Literatursalon: 26.1., 16.2. und 15.3., Beginn jeweils 20 Uhr, Soupanova, Stargarder Straße 24, Infos unter www.adlerundsoehne.de
Schriftsteller Pletzinger
Schriftstellerin Adler
Schriftsteller Rammstedt
Maskottchen
Lektorin Marth
Lektor und Journalist Valk
VON TOBIAS BECKER
FOTOS: DAWIN MECKEL
KulturSPIEGEL 2/2010
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