29.03.2010

Grausamer Glamour

Schön und erschreckend wirken die Collagen von Wangechi Mutu. Erstmals sind sie in Berlin zu sehen.
Mutu-Collage "The Bride who married a Camel's head" 2009: Hybride Gestalten und halluzinatorische Wesen
Bedford-Stuyvesant in Brooklyn ist kein Viertel für Superreiche, es ist auch nicht hip, wie das benachbarte Williamsburg, wohin viele Künstler gezogen sind, sondern eher mittelständisch-bürgerlich. Wenig Geschäfte, keine Bars. In einem weißgestrichenen Reihenhaus, an dessen Fenster ein Obama-Foto in gefährlicher Schieflage hängt, wohnt Wangechi Mutu, 37, "Künstlerin des Jahres 2010", geboren in Kenia.
Ein kleiner Vorgarten, ein paar Stufen, im schmalen Flur geht es geradeaus ins Atelier. Ein großer Raum, zwei Tische, auf einem liegt ein großes, noch unfertiges Bild - für ihre Ausstellung im Deutschen Guggenheim in Berlin. Die Einzelschau ist ihr Preis für die Auszeichnung als Künstlerin des Jahres, gestiftet von der Deutschen Bank.
Die hochkarätig besetzte Jury fand, dass Mutus Collagen und Tuschezeichnungen durch "die eigenwillige Verbindung von Schrecken und Schönheit, surrealer Poesie und Gesellschafts-kritik bestechen".
Man muss der Jury applaudieren, weil sie den Preis dieser in Europa praktisch unbekannten Künstlerin verliehen hat: Eindrucksvoll sind die farbigen Collagen mit den surrealen Geschichten und den bizarren schwarzen Frauenkörpern. Hybride Gestalten zwischen Pflanze, Frau und Tier, Figuren, die in Bewegung sind und die nie Haltung und Kraft verlieren, auch nicht, wenn sie knien oder sich verbiegen. Mutu zeichnet und klebt ihre halluzinatorischen Wesen auf eine glatte, milchige Mylar-Kunststofffolie, übermalt sie mit Aquarellfarben und kombiniert Glitter oder Glassteine dazu, so dass sie auf den ersten Blick fast glamourös wirken. Dann sieht man, dass sie manchmal verstümmelt sind, dreibeinig oder einarmig, dass Beine als Stümpfe und in Vogelkrallen enden, dünne Arme von Schienen zusammengehalten werden, Räder und Cybergewehre am Körper befestigt sind. Ein Vogel mit einem Loch im Körper klebt vor dem Gesicht einer Frau, Schlangen wachsen medusenartig aus ihrem Kopfputz und winden sich über das Bild, Krakenarme greifen nach dem Körper, in der Hand zerplatzt ein Alien mit einem Blutschwall.
"Wie Frauen in den Medien dargestellt werden und was in weibliche Körper projiziert wird, interessiert mich", sagt Mutu, "das zeigt, wie die Gesellschaft sich selbst dargestellt sehen will."
Die Gesellschaft, die Mutu porträtiert, sieht sie mit Distanz, denn es ist nicht ihre. Geboren ist sie in Nairobi als Tochter eines Geschäftsmanns und einer Hebamme, aber ihre zweite Heimat war lange Wales. Ihr afrikanischer Schul-Gospelchor hatte dort Konzerte gegeben, und die alten Kirchen, in denen sie auftraten, und die Klöster, in denen sie schliefen, hatten sie so "schwer beeindruckt", dass ihre Eltern sie nach Wales in ein katholisches Internat schickten, wo sie ihren Schulabschluss machte.
Künstlerin wollte sie werden, weil sie "immer am Visuellen" interessiert war. In Kenia gibt es kein Kunststudium, also ging Mutu erst nach London, aber das war zu teuer, und dann, mit 19 Jahren, nach New York, zuerst an die Cooper Union, dann nach Yale, wo sie auch Anthropologie studierte, "um Gesellschaft, Kultur und menschliches Verhalten zu verstehen". Den Abschluss machte sie in Kunst.
Damals war sie immer mit dem Skizzenbuch unterwegs. "Ich habe gezeichnet und gesammelt und wie ein Amateur-Archäologe nach Bedeutung gesucht. Warum ist das so, wo kommt das her, wo sind die Zusammenhänge?" So kam sie irgendwann zu ihren Collagen, zusammengesetzten Bildern mit Bezügen zu Politik und Gesellschaft. "Ich beginne in Gedanken zu collagieren, wenn ich beispielsweise von politischen Unruhen in Ruanda höre: Diamanten, Dekadenz, Bürgerkrieg, Schrecken, Folter, Verletzungen."
Aus Mode-und aus Porno-Magazinen, aus Biker-Zeitschriften oder aus "National Geographic" bezieht sie das Material für ihre Arbeiten. Sie schneidet sorgfältig Augen aus oder Hände, Köpfe, Schenkel, Tiere und sortiert sie thematisch in Kisten.
Geschlecht, Afrika und Hautfarbe sind Themen, die in ihrer Arbeit eine wichtige Rolle spielen. An die Wand ihres Ateliers hat sie eine Seite aus einem alten wissenschaftlichen Buch mit Köpfen schwarzer Männer und Frauen gepinnt. Wie Fahndungsfotos - ein Bild im Profil, das andere frontal, vermessen und beschriftet. Dazwischen hängt das Zeitungsfoto eines Hundes mit hängenden Lefzen. "Das ist der Sieger eines Hunde-Schönheitswettbewerbs", sagt Mutu "und die Zeitung beschreibt den Hund genauso, wie die Köpfe in dem Buch beschrieben sind: Hier die breite Nase, die perfekt breitgedrückte Schnauze, die langen, hängenden Lefzen, dort werden die vollen Lippen begutachtet, die Nasenbreite vermessen, der Haaransatz untersucht, die Wangenknochen eingeschätzt - so muss diese Rasse aussehen."
Empört klingt Mutu nicht, eher sachlich, wie jemand, der das zur Kenntnis nimmt und sich kühl von solchem Schwachsinn distanziert. Ihre Arbeit ist ihr Kommentar. Sie benutzt solche Bilder und kehrt sie um, lässt ihre Figuren stark aussehen, furios, nicht wie Rächer, sondern wie nie gesehene Fabelwesen, wie starke Krieger, die mehr ausmacht als ihre Hautfarbe, die ein Geheimnis haben, Angriffslust und Selbstsicherheit zeigen, die Respekt verlangen.
Ihre ersten größeren Ausstellungen hatte Mutu vor zehn Jahren, und jedes Mal hatten die Titel der Schauen mit Feminismus und Hautfarbe zu tun. Dennoch will sie nicht als die ewig politisch Korrekte gelten, "weil ich diese Begriffe subversiv unterwandern will und in Frage stelle", sagt Mutu.
Seit 2002 kümmert sich ihre Stammgaleristin Susanne Vielmetter in Los Angeles um Mutus Geschäfte. Die erste Schau "hat ein Erdbeben in der L.-A.-Szene verursacht", sagt Vielmetter und "sie war schon vor der Eröffnung ausverkauft". Seitdem wächst Mutus Erfolg, die Liste der Museen und Sammlungen mit Mutu-Arbeiten wird immer länger, und die Preise sind auf 200000 Dollar für ein großes Bild gestiegen.
Inzwischen macht Mutu auch Installationen. Auf der New-Orleans-Biennale vor zwei Jahren hat sie an Stelle eines vom Hurrikan zerstörten Hauses eine Gebäudesilhouette aus Latten mit Lichterketten aufgebaut, wie eine Fata Morgana. Begeistert erzählt Mutu von Ms. Sarah, der Besitzerin des zerstörten Hauses. Dass sie für Ms. Sarah ein richtiges Haus finanziert und dass es bald fertig ist, erzählt sie erst auf Nachfrage. In ihrer Berliner Guggenheim-Schau wird eine Dokumentation von "Ms. Sarah's House" zu sehen sein, inklusive einer Edition, mit der Mutu das Projekt refinanziert.
"My Dirty Little Heaven" wird die Ausstellung heißen, im Mittelpunkt steht eine große Installation mit von der Decke hängenden Flaschen. Deren Inhalt - Wein und Tee - tropft langsam auf rohgezimmerte Lattenpritschen, die in Afrika zur Totenaufbahrung benutzt werden. Außerdem werden zwei Videos zu sehen sein und rund 45 Papierbilder und Collagen.
Alles ist genau geplant, denn Mutu wird ihre Ausstellung nicht selbst aufbauen. Sie wird sie noch nicht mal sehen. Denn würde sie nach Berlin kommen, dürfte sie nicht mehr in die USA einreisen, nicht zu ihrer kleinen Tochter, nicht zu ihrem italienischen Mann: Sie hat in den USA keine Aufenthaltsgenehmigung. "Das regelt sich aber bald", sagt Mutu. Und man ahnt, wie in ihrem Kopf aus der langjährigen Unmöglichkeit zu reisen die nächste Bildcollage entsteht.
Ausstellung Wangechi Mutu "My Dirty Little Heaven". Deutsche Guggenheim, Berlin. 30.4.-13.6., Tel. 030/202 09 30.
Künstlerin Mutu in ihrem New Yorker Atelier
Mutu-Collagen "The Ark Collection" 2006
Frauen in den Medien: Das Material für ihre Arbeiten bezieht Mutu aus Mode- und aus Porno-Magazinen.
Mutu-Installation "Hangin' In" 2004
Kunstexperten
feiern "die Verbindung von Schrecken und Schönheit, surrealer Poesie und Gesellschaftskritik".

FOTOS: WANGECHI MUTU AND SUSANNE VIELMETTER LOS ANGELES PROJECTS PHOTO MATHIAS SCHORMANN (L.); CHRIS SANDERS / WANGECHI MUTU (R.)
FOTOS: WANGECHI MUTU
FOTO: COURTESY OF SUSANNE VIELMETTER LOS ANGELES PROJECTS AND SIKKEMA JENKINS & CO
Von WIENSOWSKI, INGEBORG

KulturSPIEGEL 4/2010
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