26.04.2010

Drama Queen

Beim Berliner Theatertreffen wird sie die Königin der Intendanten sein: Karin Beier hat Köln zurück in die erste Theaterliga katapultiert, trotz eines Kleinkindes zu Hause und Kulturbanausen im Rathaus. Wie macht sie das bloß?
Theaterabend "Die Kontrakte des Kaufmanns" in Köln
Intendantin Beier
Die Freude war groß, groß genug, um einen Gassenhauer der "Höhner" in Endlosschleife zu ertragen: "Da simmer dabei! Dat is prima! Viva Colonia!" Immer wieder habe sie diesen Song aufgelegt, erinnert sich Karin Beier, 44, immer wieder habe sie ihn mitgesungen, "geschätzte 100 Mal". Nun ist Beier nicht Präsidentin des Festkomitees Kölner Karneval, sondern Intendantin des Kölner Schauspielhauses, aber es war Karnevalssonntag, und aus Berlin hatte sie gerade eine Nachricht erreicht: Drei Produktionen ihres Hauses seien eingeladen zum Theatertreffen, zur Bestenschau deutschsprachiger Bühnen im Mai, zu der insgesamt nur zehn Produktionen anreisen dürfen. Drei von zehn, welch Triumph! "Da simmer dabei! Dat is prima! Viva Colonia!"
Die Freude jedoch war kurz, so kurz, dass Beier bis heute nicht mit ihrem Team im Theater darauf angestoßen hat: "In Köln ist zurzeit alles so belastet, die Lust zu feiern bleibt da aus." Monatelang stritt sie dafür, das Schauspielhaus zu sanieren, statt es abzureißen und für viel Geld neu zu bauen; vor zwei Wochen hatte der Kampf endlich Erfolg. "Es war die extremste Phase meines Lebens", sagt Beier. "Alles hat sich nur noch um Architektur und Politik gedreht, über Theater hat keiner mehr gesprochen, ich bin sogar persönlich beleidigt worden." Die Einladungen zum Theatertreffen seien völlig untergegangen, offiziell gratuliert habe ihr in der Stadt niemand. Welch trauriger Triumph!
Großes Theater hinter den Kulissen, in der kommunalen Kulturpolitik: Dafür ist Köln seit Jahrzehnten bekannt. Großes Theater auf der Bühne: Das kannten viele Kölner gar nicht mehr. Seit Intendantenlegende Jürgen Flimm der viertgrößten deutschen Stadt 1985 den Rücken kehrte, war ihr Theater bedeutungslos, in der Stadt und erst recht darüber hinaus. Ein schlafender Riese, den Beier wieder geweckt hat, als sie 2007 ihr Amt antrat. Sie hat aus der Theaterprovinz Köln wieder eine Theatermetropole gemacht - und in dieser Spielzeit sogar so etwas wie eine Theaterhauptstadt, nicht nur wegen der drei Einladungen zum Theatertreffen. Auch zu den Mülheimer Theatertagen hat es eine Kölner Inszenierung geschafft, zudem hat Beier mit einer eigenen Arbeit den "Faust" in der Kategorie Regie gewonnen, und für die Hauptrolle in einer weiteren Beier-Arbeit hat Barbara Nüsse den "Gertrud-Eysoldt-Ring" eingesackt. Da muss man doch, zum Teufel noch mal, auch wieder über Theater reden in Köln.
Für Beier ist es eigentlich ein Heimspiel am Rhein: Sie ist dort geboren und zweisprachig aufgewachsen, als Tochter eines deutschen Lehrers und einer Engländerin, sie ist dort zur Schule gegangen, in das katholische Mädchengymnasium Liebfrauenschule, sie hat dort das erste Mal ein Theater besucht, mit 15 das Schauspielhaus unter Jürgen Flimm, sie hat dort studiert, Anglistik sowie Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft, und sie hat dort neben dem Studium gemeinsam mit Elmar Goerden "Countercheck Quarrelsome" gegründet, eine freie Theatertruppe, die bekannt war für radikal modernisierte Shakespeare-Abende im englischen Original. Goerden ist inzwischen Intendant des Schauspielhauses Bochum, und er erinnert sich noch genau daran, dass die Studentin Beier dem Studenten Goerden einst mit Blick auf das Schauspiel Köln flapsig ankündigte: "Irgendwann übernehm ich das mal hier!"
Dass Beier so fest in der Stadt verwurzelt ist, ist laut Goerden heute eines ihrer Erfolgsrezepte als Theatermanagerin, ebenso wie ihre Erfahrung aus der freien Szene: "Sie ist nicht aus irgendeiner Regieakademie in den Beruf reingesegelt, sondern sie hat früher alles selbst gemacht, Scheinwerfer besorgt, Programm-hefte geklebt, alles." Zudem sei sie eine erfahrene Regisseurin, die viele Häuser kennengelernt und sich "mit einer Menge Sturheit" durchgebissen habe: Ihr Studium brach sie ohne Abschluss ab, um ans Schauspielhaus Düsseldorf zu gehen, zunächst als Regieassistentin. 1994 und 1996 schaffte sie es von dort mit Shakespeare-Abenden zum Theatertreffen, später inszenierte sie in Köln, Hamburg, Bonn, Bochum, Hannover, München und Zürich und arbeitete fünf Jahre lang als Hausregisseurin am Wiener Burgtheater; nebenbei führte sie auch Opernregie.
Zu den Top-Stars des Regiefachs, die die Trends setzen, zählte sie in den vergangenen Jahren dennoch nicht, was auch daran liegen mag, dass Beiers Handschrift nicht so markant ist wie jene von Christoph Marthaler, Michael Thalheimer, René Pollesch, Nicolas Stemann oder auch Rimini Protokoll. Sie hat sich einen exzellenten Namen gemacht, aber ihr Name ist keine Marke, auch wenn es natürlich Gemeinsamkeiten gibt zwischen vielen ihrer Inszenierungen: Beier macht psychologisches Theater, das rhythmisch exakt austariert ist; sie arbeitet extrem viel an den Schauspielern.
"Als Schauspieler hat man ihre ungeteilte Aufmerksamkeit", sagt Filmstar Maria Schrader, die in Köln regelmäßig auf der Bühne steht. "Man muss nicht darum kämpfen, gesehen, gehört und geschätzt zu werden." Kennengelernt hat Schrader sie 2004 bei Proben für die Nibelungenfestspiele in Worms: "Damals musste sie immer massiert werden, weil sie eingerastet war im Nacken", erzählt Schrader, "sie hat das damit erklärt, dass sie einfach nicht zurückgelehnt inszenieren könne. Und das stimmte: Sie saß da immer wie auf dem Sprung, voller Energie." Trotz dieser Leidenschaft: Künstlereitelkeiten seien Beier fremd. "Sie ist extrem unneurotisch und pragmatisch, diszipliniert und erwachsen: Sie hat so viel auf dem Zettel, dass sie ihre Zeit nicht verschwenden möchte."
Als Intendantin vertraut sie darauf, dass die Kölner ausgehungert sind nach aufregenden Theaterformen, für die es in ihrer Stadt jahrzehntelang keinen Platz gab, weder im Stadttheater noch in einem freien Produktionszentrum wie in anderen Metropolen. Sie setzt bevorzugt auf sperrige, ästhetisch gewagte und effektvolle Arbeiten, ein Konzept, das auf drei Säulen fußt: auf ausländischen Regisseuren wie Katie Mitchell, Viktor Bodó und Alvis Hermanis, auf Gruppen aus der Off-Szene wie Signa und Gob Squad, vor allem aber auf Arbeiten, die sich mit der Stadt auseinandersetzen, in der sie entstehen.
"Sie hat das Theater in die Stadt hinein geöffnet", lobt Helge Malchow, Chef von Kiepenheuer & Witsch, dem wichtigsten Kölner Verlag. "Bevor sie hier anfing, bin ich eher in München, Berlin oder Hamburg ins Theater gegangen." Jetzt sei er wieder neugierig auf das Programm in Köln: "Karin Beier hat das Publikum in Blitzeseile zurückgewonnen. Dass das so schnell funktioniert, war für mich die größte Überraschung." Geholfen hat ihr dabei sicher, dass sie gleich am Eröffnungswochenende eine Entdeckung präsentieren konnte, die den ästhetischen Diskurs auch überregional befeuerte: das dänisch-österreichische Performancepaar Signa, das in der Halle Kalk ein Hüttendorf aufbaute, in dem die Besucher zwischen die Fronten religiöser Bewohner und diktatorischer Besatzer gerieten. Es war ein soziales Experiment, ein raffiniertes Psychospiel, in das die Besucher tagelang eintauchen konnten - und das auch beim Theatertreffen 2008 für Furore sorgte. Ebenso wie 2009 die britische Regisseurin Katie Mitchell, die das Ein-Frau-Stück "Wunschkonzert" als Making-of eines Films inszenierte: Mehrere Akteure sorgten auf der Bühne simultan für Totale und Close-Up, für Geräusche und Musik - eine hochartifizielle Teamarbeit, die alle Handlungen fragmentierte und die doch erstaunlich einfühlsam war.
Zweimal hat Beiers Bühne die Berliner Bestenschau also schon mit Experimenten versorgt, und das wird 2010 nicht anders sein: Die Kölner Inszenierung von Ödön von Horváths Volksstück "Kasimir und Karoline", die Johan Simons zur Eröffnung zeigt, ist engagiert menschliches, kraftvoll gespieltes Erzähltheater, wie man es von dem holländischen Regieschädel kennt. Die beiden anderen Abende aber haben es in sich: Als Co-Produktion des Schauspiels Köln mit dem Thalia Theater Hamburg kommt Nicolas Stemann und spielt und singt und schreit gemeinsam mit seinen Schauspielern fast vier Stunden lang, ohne Pause, Elfriede Jelineks Krisenkomödie "Die Kontrakte des Kaufmanns" - eine Textmaschine, bei der Ensemble und Publikum leicht die Krise bekommen könnten, wenn Stemann nicht so gekonnt die Theatermaschine anwerfen würde: Ein Display zählt die noch zu absolvierende Seitenzahl von 99 bis 0 runter, und wem das zu lange dauert, der darf rausgehen und sich was zu trinken holen.
Beim dritten Gastspiel aus Köln hingegen bleiben die Türen zu, auch für die Schauspieler: Karin Beier selbst hat Ettore Scolas Unterschichten-Kinokomödie "Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen" für die Bühne adaptiert - und den meist abschätzig benutzten Begriff Guckkastentheater einmal wörtlich genommen. Die Schauspieler sperrt sie in einen Wohncontainer mit großen Fenstern, wie in eine Ausstellungsvitrine. Was darin geschieht, ist im Saal zu sehen - aber kaum zu hören. Beier bricht die Wahrnehmung der Zuschauer, macht ihren Voyeurismus zum Thema und antwortet so auch auf all die Regiekollegen, die reale Arbeitslose, Flüchtlinge oder Häftlinge auf der Bühne ausstellen. Die Inszenierung lässt sich lesen als Eingeständnis und als Anklage: Bildungsbürgerliche Theatermacher sind sprachlos angesichts mancher Prekariatsprobleme - und bildungsbürgerliche Theaterzuschauer schenken diesen Problemen erst gar kein Gehör.
Eine weitere Arbeit ist in der Jurydiskussion nur knapp an der Einladung zum Theatertreffen gescheitert; es wäre die vierte aus Köln gewesen und die zweite von Beier selbst: eine radikale Lesart von Shakespeares Tragödie "König Lear", die Beier rein weiblich besetzt hat, auch weil eine gefühllose Frau verstörender sei als ein gefühlloser Mann. "Die Proben mit den Frauen waren ganz besonders", sagt Beier. "Mit Männern ist es lustiger, aber die sind meistens eher faul und versuchen, sich eine schöne Zeit zu machen. Frauen sind ehrgeiziger, die schonen sich nicht eine Sekunde." Es klingt wie ein Selbstporträt.
Ihr alter Weggefährte Elmar Goerden spricht vom "Karin Beierschen Irrsinn" und zitiert Beuys, um diesen Irrsinn besser zu fassen: "Sie ernährt sich durch Kraftvergeudung." Nun ja, sagt Beier, sie habe schon "so eine grundsätzliche Hyperenergie", sei eben in den Achtzigern groß geworden: "Das war das Zeitalter des Narzissmus und der Leistungsstärke."
Beier ist eine der ersten Frauen auf dem Chefsessel eines großen Stadttheaters, und sie ist wohl die erste mit einem Kleinkind: Als sie ihren Posten vor knapp drei Jahren antrat, war ihre Tochter Momina, genannt Momo, gerade geboren. Beier hat sich Kinderzeiten eingerichtet, an die sie sich strikt hält: Sie verlässt das Theater um 16.30 Uhr und setzt sich erst abends wieder an den Computer, wenn Momo eingeschlafen ist. "Ich muss als Intendantin irre viel abgeben, sonst könnte ich mein Kind nicht sehen", sagt sie.
Beier vertraut auf ein starkes Team, allen voran ihre Chefdramaturgin Rita Thiele, und natürlich auf ihren Mann Michael Wittenborn, der als Schauspieler eine der Stützen des Kölner Ensembles ist. Mit ihm und Momo lebt sie in Köln im Belgischen Viertel, in derselben kleinen Wohnung, die sie sich vor 18 Jahren als Jungregisseurin genommen hat. "Die Wohnung platzt aus allen Nähten, aber es ist herrlich, dass sich mein Lebensgefühl zwischen damals und heute eigentlich nicht verändert hat." Ihre Tochter wächst nun in der Stadt auf, in der sie selbst aufgewachsen ist - und mit der sie sich so stark identifiziert, "dass ich auch in Berlin in eine Kölner Kneipe gehen und Kölsch trinken würde". Vielleicht ja schon während des Theatertreffens: "Ich hoffe, wir lassen den Sanierungsärger dort hinter uns und feiern endlich richtig."
Am besten kostümiert und "Viva Colonia" singend, so wie Beier sich das tatsächlich für Berlin vorgenommen hat. Damals, am Karnevalssonntag.
Berliner Theatertreffen. 7. bis 24. Mai, Telefon 030/25 48 91 00, www.berlinerfestspiele.de
"Kasimir und Karoline"
"Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen"

FOTOS S. 14/15: DAVID BALTZER (L.); MATTHIAS JUNG (R.); KLAUS LEFEBVRE (O.); DAVID BALTZER (U.)
Von TOBIAS BECKER

KulturSPIEGEL 5/2010
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