26.04.2010

Vergebung versuchen

Der Regisseur Michael Stock hat den Mann vor die Kamera geholt, der ihn als Kind jahrelang sexuell missbraucht hat. Seinen Vater.
Filmemacher Stock
Michael Stock war acht Jahre alt, als er zum Liebhaber seines Vaters wurde. Es begann mit gegenseitigem Rückenkraulen, das war in der Familie nichts Ungewöhnliches, aber dann bemerkte der Junge Papas Erektion. Er verstand das nicht. Sein Vater führte ihm die Hand. Als der Mann fertig war, stand er auf und verließ den Raum, wortlos. So endete es immer.
Mit zwölf Jahren hat er sich in ein Nachbarsmädchen verliebt. Sein Vater wollte ihn aufklären. Ihm zeigen, was er mit dem Mädchen machen könnte, sollten sie denn intim werden. Er hat es mit seinem Sohn gemacht.
Einmal kam die Mutter früher nach Hause, ihr Mann machte sich gerade im Ehebett über sein Kind her. Michael Stock musste sich unter dem Bett verstecken. Die halbe Nacht lang lag er stumm und zitternd da, über ihm schliefen die Eltern.
Stock ist heute 42 Jahre alt, er ist Filmemacher geworden. Er hat Selbstmordversuche hinter sich, eine Drogenkarriere, er ist HIV-positiv, vor drei Jahren hatte er einen Schlaganfall. Manchmal war es knapp, doch er hat überlebt. "Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich vielleicht nicht mehr so viel Zeit habe", sagt er in einem Berliner Café bei einem Glas Apfelschorle. "Aber ich musste noch etwas loswerden." Einen Film, seine Geschichte.
Als "Postcard to Daddy" im vergangenen Februar in der Panorama-Reihe der Berlinale seine Premiere feierte, saßen die 360 Zuschauer in Saal 7 des Cinestar-Kinos nach der Vorführung einen Moment lang still und fassungslos da, bevor endlich jemand zu klatschen wagte und minutenlanger Applaus begann. Alle hatten gewusst, dass es sich um einen Dokumentarfilm über sexuellen Missbrauch handelte, schwere Kost. Dass es einen so sehr mitnehmen würde, hatte trotzdem niemand erwartet.
Es ist ein Film ohne Hass. Stock erzählt seine Geschichte in "Postcard to Daddy" nüchtern, ohne Selbstmitleid. Wie ihn Angst und Scham durch sein Leben begleitet haben, auch nachdem der Missbrauch aufhörte, als er 16 war. Wie ein Kind zerbricht an der Frage: warum ich? Ist es meine Schuld? Er befragt seine Mutter, die nie etwas bemerkt hat, bis er sich ihr mit 19 Jahren anvertraut hat. Im Film reisen die beiden nach Thailand, zur Erholung, aber immer wieder kommen sie in ihren Gesprächen auf den Missbrauch zurück. Es ist das eine große Thema in dieser Familie. Sein Bruder und seine Schwester kommen zu Wort, beide hat der Vater nie angerührt. Gemeinsam suchen sie Erklärungen, übersehene Indizien, suchen Frieden mit diesem Kapitel, das jeden auf seine Weise zu Boden gerissen hat. Es ist eine Botschaft an den Vater, der sich jahrzehntelang jeder Auseinandersetzung verweigert hat. Bis jetzt. Michael Stock hat ihn vor die Kamera geholt.
Die letzten Minuten des Films sind ein Gespräch zwischen Vater und Sohn, Täter und Opfer. Stock fragt ruhig und sachlich. Der alte Mann im Rollstuhl sucht nach Worten. Sagt, dass es ihm leidtue, natürlich. Wie er all die Jahre damit leben konnte, während der Sohn durch die Hölle ging? "Ich hab's halt verdrängt. Ich habe einfach ein dickeres Fell."
Seit 20 Jahren wollte Stock einen Film zu diesem Thema machen, aber es sollte eigentlich ein Spielfilm werden, distanzierter. Sein erster Film "Prinz in Hölleland" von 1993 über die schwule Szene Berlins war ein Überraschungserfolg, der zweite sollte unbedingt seine Missbrauchsgeschichte erzählen. Es gibt unzählige Drehbuchfassungen davon, "Manuel" heißt eine, "Die Aussöhnung" eine andere. Er bekam Filmförderung, stellte immer wieder Anträge, das ZDF war an Bord, dann die ARD, mit X-Filme sollte ein großer Kinofilm daraus werden. Am Ende hat es nie geklappt. "Das schmerzt bis heute", sagt Stock. "Vielleicht war die Welt nicht so weit. Auffällig war, dass bei den Fernsehsendern in der Regel die Redakteurinnen viel Engagement für den Film gezeigt haben. Gescheitert ist es immer eine Ebene höher an der Finanzierung, an Männern in den älteren Semestern."
Der Dokumentarfilm war erst so etwas wie eine Notlösung. "Ich dachte, ich mache das jetzt einfach", sagt er. "Das war für mich wie eine noch nicht abgearbeitete Aufgabe. Ich habe mir eine Kamera zusammengespart und losgelegt, von Förderanträgen hatte ich die Nase voll." Einen Kinostart hat er zu dem Zeitpunkt nicht geplant. Der Film war für den Vater bestimmt, nicht für die Öffentlichkeit. "Es ging darum, ihm zu vermitteln, wie es mir und der Familie in den letzten Jahren gegangen ist."
Seine Mutter, der Bruder und die Schwester waren sofort bereit, sich vor der Kamera befragen zu lassen und haben nach der ersten Sichtung einer Veröffentlichung zugestimmt. Sie haben ihn zur Berlinale-Premiere begleitet, haben sich danach mit ihm nach vorn gestellt, um die Fragen des Publikums zu beantworten. "Die drei sind ein Glücksfall", sagt Stock. "Ich weiß nicht, ob ich ohne sie überlebt hätte."
Der Film war auch als Abschluss dieses Kapitels gedacht, für Stock selbst, für seine Familie. Doch mit dem Erfolg des Films, dem wachsenden öffentlichen Interesse, ist daran erst mal nicht zu denken. "Das war eine Hoffnung und stellt sich nun als Illusion heraus", sagt seine Mutter Margret. "Aber es ist ein größerer Frieden eingekehrt, bei Michael auf jeden Fall."
Stock freut sich über die ungeahnte Aufmerksamkeit für "Postcard to Daddy", die aktuelle Diskussion um Kindesmissbrauchsfälle in kirchlichen Institutionen oder der Odenwaldschule befeuert das Interesse merklich. "So makaber das klingt, bietet diese Debatte natürlich günstige Voraussetzungen für meinen Film", sagt er. "Ich versuche das seit 20 Jahren zu thematisieren, aber es braucht schon einen Skandal in der Kirche, damit die Gesellschaft zu diskutieren beginnt. Doch trotz der Vielzahl an Fällen in kirchlichen und schulischen Einrichtungen passiert Kindesmissbrauch meistens immer noch in der Familie oder dem Familienumfeld. Es ist wichtig, das nicht zu vergessen."
Seine Mutter hat jeden Kontakt zu ihrem Ex-Mann abgebrochen. Sie war fassungslos, als ihr Sohn ihr alles erzählt hat, ihr erster Impuls war damals: Anzeige. Dazu kam es nicht. "Michael wollte das nicht, und damit war klar, dass das nicht seine Form von Bearbeitung ist", sagt sie. "Ich habe erlebt, wie solche Gerichtsverfahren laufen, das ist immer noch sehr schwer für das Opfer. Und vor 20 Jahren war die Befragung noch eine ganz andere."
Jeder in der Familie versucht auf seine Weise mit der Geschichte umzugehen. Stocks älterer Bruder ringt im Film damit, sein Bild vom Vater mit dem eines Täters zusammenzubringen. Seine Schwester und seine Mutter erzählen vor der Kamera, dass sie nichts mehr mit dem Mann zu tun haben möchten. Ist die Einstellung eine andere, nachdem sich der Vater seinem Sohn gestellt hat, sich entschuldigt hat? "Für Michael freut es mich unglaublich, dass der Dialog entsteht", sagt seine Mutter heute. "Ich habe aber große Probleme damit, dass sein Vater immer noch wenig Verantwortung für den Heilungsprozess übernimmt. Doch er hat meinen Respekt, dass er sich der Auseinandersetzung stellt. Das ist sehr selten."
Stock hat nicht damit gerechnet, dass sein Vater sich zu dem Film äußert, schon gar nicht vor der Kamera. Er hat sich alle Erwartungen verboten. "Ich habe so viele Jahre gehofft, dass es zu einer Aussprache kommt", sagt er. "Es hat nie stattgefunden, und das hat mir sehr weh getan." Nachdem er vor mehr als 20 Jahren zum ersten Mal mit den Anschuldigungen seines Sohnes konfrontiert war, stritt der Vater erst alles ab. Als er es später zugab, sagte er, das Kind habe ihn verführt. Jede weitere Beschäftigung mit dem Thema lehnte er ab.
Jahre später kam es zu einer versuchten Annäherung in Berlin, nachdem er von der HIV-Infektion seines Sohnes erfahren hatte. Erste Andeutungen einer möglichen Entschuldigung endeten damit, dass er sich so sehr besoff, dass er sich nicht auf dem Barhocker halten konnte. Kurz darauf brachte sich Stocks Lebensgefährte Rémi um, nach jahrelangen Auseinandersetzungen mit dem eigenen Vater. Stock brach den Versöhnungsversuch ab und beschloss, seinen Erzeuger aus seinem Leben zu streichen. Bei einem allerletzten Versuch, einem Weihnachtsbesuch, hat der Vater nicht mit dem Sohn gesprochen, er schaute den ganzen Abend durch ihn hindurch.
Dann erlitt sein Vater einen Schlaganfall, fast zur gleichen Zeit wie sein Sohn. "Mein Vater spricht davon als eine Art Katharsis", sagt Stock. "Er durfte keinen Alkohol mehr trinken und musste deswegen eine Therapie anfangen. Irgendwas hat dazu geführt, dass er sich jetzt seiner Geschichte stellt, und darüber bin ich sehr glücklich."
Ist nach so einer Geschichte Vergebung möglich, Versöhnung? Stock arbeitet sich immer noch an seinem Verhältnis zu seinem Vater ab. Das Ende des Films werde dem Mann nicht ganz gerecht, sagt er, es habe seitdem weitere, viel intensivere Gespräche gegeben. "Es war ihm ein absolutes Anliegen, sich noch einmal in aller Form bei mir zu entschuldigen. Er leugnet nichts mehr. Ich hatte mir eingeredet, ich brauchte das nicht, aber es hat mir sehr gutgetan, das zu hören."
Es sei eine zwiespältige Sache. "Ich betone im Moment immer, wie gut ich es finde, dass er sich äußert. Aber dazu hatte er all die Jahre schon Gelegenheit. Und mit der Einsicht ist das auch relativ. Er kommt immer noch nicht auf die Idee zu hinterfragen, was er dem Rest der Familie damit angetan hat."
Stock denkt über einen nächsten Film nach, er möchte noch mehr Täter vor die Kamera holen. Für den Kinostart von "Postcard to Daddy" vom 27. Mai an arbeitet er mit Opferhilfsorganisationen wie dem Berliner Verein Tauwetter zusammen, er möchte seinen Beitrag zur Präventionsarbeit leisten, hält große Stücke auf das Projekt "Dunkelfeld" der Berliner Charité, das Menschen mit pädophilen Neigungen eine Therapiemöglichkeit bietet.
Alles, was andere Kinder vor dem bewahrt, was er erlebt hat.
Das Kind habe ihn doch verführt, sagte der Vater.
Regisseur Stock im Film mit seiner Mutter, mit Vater

FOTOS: OCULUS FILM
Von DANIEL SANDER

KulturSPIEGEL 5/2010
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