26.07.2010

Das Buch der Bedeutung

„Nichts“ heißt der Roman, und sein Stoff ist finster: Ein Junge klettert auf einen Baum und bleibt dort sitzen, weil er im Leben keinen Sinn mehr sieht. Das Jugendbuch der Dänin Janne Teller ist ein internationaler Bestseller.
Von Claudia Voigt
Fotos: Chris Buck
Zelda, fast 13 Jahre alt: Dieses Buch ist anders als andere Bücher. So düster.
Johannes, 14 Jahre: Ich habe mir nachher schon Gedanken gemacht über das Buch.
In die Wohnung von Janne Teller in Kopenhagen scheint die helle, nördliche Juni-Sonne und beleuchtet alles überdeutlich. Einige Antiquitäten, einige Kunstwerke aus Afrika, viele Bücher, alles mit Bedacht ausgewählt. Und alles sehr, sehr ordentlich. Auf den ersten Blick ist zu erkennen, dass hier keine Kinder leben. Janne Teller, 46, eine große, dünne Frau, bringt ein Tablett mit Espresso und Wasser, Mandeln und Trauben.
Früher arbeitete sie für die Uno und lebte lange in Tansania, später auch in Mosambik. Jahre, in denen sie die grauenhaften Folgen eines Bürgerkriegs erlebte, aber auch die Hoffnung, die wirtschaftlicher Aufbau und Demokratie stiften können. Heute pendelt sie zwischen Kopenhagen und New York. Bald wird sie ganz nach New York ziehen. Sie mag die Stadt dafür, dass dort niemand Ausländer ist.
An diesem warmen Juni-Tag ist Janne Teller von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet. Und irgendwie ist es verwunderlich, dass diese Frau ein Jugendbuch geschrieben hat. Ein sehr kompromissloses Jugendbuch allerdings, und das passt dann doch wieder. Schon der Titel ist eine Provokation. "Nichts" heißt der Roman.
Nach vielen Jahren und verschiedenen Aufgaben bei den Vereinten Nationen war Tellers Wunsch, als Schriftstellerin zu arbeiten, so groß geworden, dass sie kündigte und ihren ersten Roman "Odins Insel" veröffentlichte. Mitte der neunziger Jahre war das. Ein Verleger rief sie an, fragte, ob sie nicht auch mal ein Kinderbuch schreiben wolle. Sie wusste nicht recht. Als sie aber kurz darauf mit ihrem Fahrrad durch Kopenhagen radelte, waren in ihrem Kopf plötzlich folgende Sätze: "Nichts bedeutet irgendetwas, das weiß ich seit langem. Deshalb lohnt es sich nicht, irgendetwas zu tun. Das habe ich gerade herausgefunden." Und dazu hatte sie die Figur eines Jungen im Kopf, der sich weigert, so weiterzumachen wie bisher.
Zelda: Der Junge ist eigentlich gegen alles, er lehnt alles ab, aber er ist auch ein Philosoph.
Johannes: Im echten Leben wäre das so nicht vorstellbar, aber es ist richtig interessant, davon zu lesen.
Pierre Anthon heißt der Junge. Teller hat ihm diesen ausgefallenen Namen gegeben, damit kein Kind, das dieses Buch liest, vielleicht denselben Namen hat und sich zu sehr mit dem Charakter identifiziert. Damals dachte sie allerdings nur an eine Veröffentlichung in Dänemark. Nicht an Übersetzungen in 13 Sprachen.
Kurz nach den großen Ferien beschließt Pierre Anthon, seine Klasse zu verlassen, weil ihm eben nichts etwas bedeutet. Er wird nie wieder in den Unterricht zurückkehren. Stattdessen sitzt er tagelang auf einem Pflaumenbaum in der Nähe der Schule und provoziert seine Kameraden mit Sprüchen: "In demselben Moment, in dem ihr geboren werdet, fangt ihr an zu sterben. Und so ist das mit allem." Oder er ruft ihnen nach: "Das Ganze ist nichts weiter als ein Spiel, das nur darauf hinausläuft, so zu tun als ob - und eben genau dabei der Beste zu sein." Und dazu wirft er mit reifen Pflaumen.
Die Jungen und Mädchen aus seiner Klasse können nicht einfach weitermachen wie bisher. Zu sehr hängen ihnen die Sprüche von Pierre Anthon an. Sie beschließen, ihm zu beweisen, dass es doch Dinge gibt, die einem etwas bedeuten. Den Anfang soll Agnes machen, die Erzählerin der Geschichte. Sie soll ihre grünen Sandalen hergeben, die ihre Mutter nach einem Sommer voller Bitten und Betteln schließlich im Schlussverkauf für sie erstanden hatte. Und Agnes soll diese Sandalen im alten Sägewerk auf einen "Berg der Bedeutung" legen, zu dem jeder aus der Klasse etwas beitragen wird, etwas, das ihm wirklich was bedeutet.
Wer sein Opfer gebracht hat, darf den nächsten Klassenkameraden und dessen Opfer bestimmen. Es beginnt mit den Sandalen, einem Teleskop und einem Tagebuch. Aber schon als Gerda gezwungen wird, ihren Hamster abzugeben, ist eine Grenze überschritten. Bald darauf muss ein Mädchen ihre Adoptionsurkunde bringen und ein Junge die dänische Flagge aus dem Vorgarten der Eltern. Je stärker das Opfer schmerzt, desto größer ist seine Bedeutung. Die Kinder beginnen fanatisch zu werden, rücksichtslos und brutal. Am Ende muss ein Mädchen seine Unschuld opfern und einem Jungen, dem das Gitarrespielen viel bedeutet, wird ein Finger abgeschnitten.
Zelda: Die Kinder sind ziemlich kalt. Es könnte sogar sein, dass es jedem Einzelnen leidtut, was da passiert, aber keiner hat den Mut, etwas dagegen zu machen. In der Realität? Bei uns in der Gruppe würde schon niemand seine Schuhe abgeben.
Johannes: In der Gruppe sind alle ziemlich stark gegeneinander. Wenn dann die ganz heftigen Sachen passieren, glaube ich schon, dass die Kinder denken, das ist doch alles sinnlos, aber sie kommen da auch nicht mehr raus. Die müssen das halt durchziehen, sie trauen sich nicht, auszusteigen.
Janne Teller hat bei unzähligen Besuchen in dänischen Schulen nicht nur mit jugendlichen Lesern gesprochen, sondern auch mit vielen Lehrern. In Dänemark ist das Buch mittlerweile in der 14. Auflage erschienen. Doch bis heute, zehn Jahre nach der ersten Veröffentlichung von "Nichts", begegnen ihr noch immer Lehrer, die ihren Klassen die Lektüre verweigern.
"Dass ein Buch, das sexuell nicht besonders freizügig ist, keinen extremen Slang benutzt und weniger Brutalität enthält als jede Detektivgeschichte, in Westeuropa noch so vehement abgelehnt werden kann, ist schon interessant", sagt Teller. Das ist ein bisschen tiefgestapelt, denn Janne Teller weiß natürlich, dass die Provokation ihres Romans in dessen existentieller Fragestellung besteht: Worin liegt der Sinn des Lebens?
Und Teller geht in "Nichts" sogar noch über diese Frage hinaus, weil sie auch davon erzählt, worin der Sinn nicht liegen kann: in Geld und Ruhm. Das ist in Zeiten von Castingshows und Modelwettbewerben wirklich provokant.
Als die Kinder in dem Roman schon einen hohen Berg der Bedeutung angehäuft haben, fliegt ihr Plan auf. Die Eltern, die Schule und schließlich auch die Medien erfahren, was in dem stillgelegten Sägewerk am Rande des Dorfes vor sich geht. Und nachdem erst mal die Dorfzeitung berichtet hat, kommen Journalisten von überall her, und bald meldet sich "ein großes Museum aus New York, sein Name wurde mit einer komischen Buchstabenkombination abgekürzt". Für dreieinhalb Millionen Dollar will dieses Museum den Berg der Bedeutung kaufen. Die Kinder entscheiden sich, zu verkaufen.
Pierre Anthon höhnt: "Bedeutung ist Bedeutung. Wenn ihr also wirklich die Bedeutung gefunden habt, dann hättet ihr sie noch immer."
Zelda: Es sind ja nicht nur Gegenstände, die einem etwas bedeuten. In ein Tagebuch schreibt man ja auch alles, was einem etwas bedeutet, und da schreibt man nicht über Gegenstände, sondern von Menschen und Gefühlen.
Johannes: Ich würde Pierre Anthon einfach sagen: Das Leben bedeutet etwas. Dass man Spaß hat, etwas erreicht, und dass es immer weitergeht. Die größten Bedeutungen kann man ja sowieso nicht auf den Berg legen: Freundschaft und Familie.
Janne Teller erzählt, dass sie dieses Buch so schnell wie kein anderes geschrieben habe. Nachdem sie die ersten vier Zeilen im Kopf hatte und die Figur von Pierre Anthon, habe sich beim Schreiben eines aus dem anderen ergeben, ganz selbstverständlich, ohne Zögern. Sie hat dabei an sich selbst als Mädchen gedacht. An ihre eigenen Fragen. Als sie etwa fünf Jahre alt war, wollte sie wissen, wo der Himmel endet. Ihre ältere Schwester antwortete: "Er endet an einer Mauer." Nach ein paar Tagen fragte sie weiter: "Und was ist auf der anderen Seite der Mauer?" "Die Mauer ist sehr dick, da kommt niemand durch." Jahrelang habe sie Alpträume gehabt, wegen der anderen Seite. "Wahrscheinlich habe ich dieses Buch mein Leben lang in mir vorbereitet, deshalb fiel mir das Schreiben daran so leicht."
Janne Tellers Roman "Nichts", der in diesen Tagen im Hanser Verlag erscheint, wird auch in Deutschland für kontroverse Diskussionen sorgen. Ist der nihilistische Pierre Anthon jugendlichen Lesern zumutbar? Die Antwort lautet: unbedingt. Die Düsternis dieses Romans gehört zur Welt von Heranwachsenden, auch wenn das vielen Eltern nicht gefällt. Die großen Fragen existieren bereits in Kinderköpfen. "Nichts" nimmt Jungen und Mädchen mit auf eine außergewöhnliche Gedankenreise. Was kann Literatur mehr leisten?
Zelda: Mich könnte Pierre Anthon mit seinen Bemerkungen nicht aufregen. Ich würde versuchen, einfach mit ihm zu reden.
Johannes: Wenn es bei uns einen Pierre Anthon gäbe, würde ich versuchen, immer vor seinen Augen Spaß zu haben und fröhlich an ihm vorbeizugehen und schlagfertige Antworten auf seine Sätze zu haben. Dass man ihm zeigt, dass es schön ist, am Leben zu sein.
Seit zehn Jahren gehört "Nichts" nun zu Janne Tellers Leben. Nachdem das Manuskript anfangs monatelang unveröffentlicht beim Verlag herumlag, weil man zögerte, es zu drucken, hat es ihr schließlich viele Preise in verschiedenen Ländern eingebracht und ein finanziell unabhängiges Leben als Schriftstellerin ermöglicht. Zwei weitere Romane hat sie seitdem geschrieben, beides keine Kinderbücher.
Kritik an "Nichts" kam fast immer von besorgten erwachsenen Lesern. Teller hat dafür in all den Jahren eine Erklärung gefunden: "Im Gegensatz zu Erwachsenen haben Kinder den großen Vorteil, in ihrem Leben noch keine falschen Entscheidungen getroffen zu haben. Vielleicht fühlen sie sich durch das Buch deshalb weniger provoziert als manche Erwachsene."
Janne Teller: "Nichts". Aus dem Dänischen von Sigrid Engeler. Hanser Verlag, München; 144 Seiten; 12,90 Euro. Ab etwa 14 Jahre. Das Hörbuch zu "Nichts" erscheint am 17.8. bei Hörbuch Hamburg.
Von Claudia Voigt

KulturSPIEGEL 8/2010
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