26.07.2010

Neue Bücher

Hansjörg Schneider: "Hunkeler und die Augen des Ödipus".
Diogenes; 240 Seiten; 19,90 Euro.
Der alte Mann als giftspritzender Theaterbeschimpfer im Kreise gleichgesinnter Verächter der modernen Bühnenkunst: Das ist die Rolle, die der einstige (nicht sehr bedeutende) Theaterautor und nachmalige (erfolgreiche) Krimi-Schriftsteller Hansjörg Schneider, 72, sich in diesem Buch für seinen Serien-Kommissar Peter Hunkeler ausgedacht hat. Die Story um das Verschwinden eines legendären Theaterregisseurs ist gemütlich und mit viel Spaß am Basler Lokalkolorit erzählt. Beim klischeesatten Geifern gegen die moderne Bühnenkunst allerdings geht Schneiders Figuren schnell jeder Humor aus. Alle Regisseure und alle Kritiker hassen angeblich das Publikum und lieben nur sich selbst, seufz, am schlimmsten aber sind die Dramaturgen. Diese Polemik verdirbt ein wenig den ansonsten sympathisch schrulligen und intelligenten Kriminalroman.
Wolfgang Höbel
Thomas Willmann: "Das finstere Tal". Verlagsbuchhandlung Liebeskind; 322 Seiten; 19,80 Euro.
Nicht ohne Grund nennt Thomas Willmann in der Danksagung seines Debütromans Ludwig Ganghofer, Sergio Leone und Cormac McCarthy als seine literarischen Schutzpatrone: Es ist eine düstere Geschichte voller Gewalt, angesiedelt im 19. Jahrhundert und in einem abgelegenen Tal in den Alpen, in dem der Bauer Brenner mit seinen Söhnen ein absolutistisches Regime im Kleinformat aufgebaut hat. Dorthin kommt eines Tages ein Fremder namens Greider, ein feindselig beäugter Außenseiter, der vorgibt, Motive für seine Bilder zu suchen, in Wahrheit jedoch Rache nehmen will für eine Jahrzehnte zurückliegende Bluttat. Das Bestechende an Willmanns Roman ist die bedrohliche Atmosphäre, die sich wie ein Gewitter zusammenbraut und schließlich in einem so spektakulären wie verstörenden Showdown mündet.
Christoph Schröder
Emmanuel Bove: "Schuld".
Aus dem Französischen von Thomas Laux. Lilienfeld; 128 Seiten; 17,90 Euro.
Emmanuel Bove hat vor fast 80 Jahren diesen Roman geschrieben, der nun erst übersetzt worden ist; aber vielleicht müsste man eher sagen, Bove hat einen anderen, denkmalgeschützten Roman vollständig entkernt - Fjodor Dostojewskis "Schuld und Sühne". Stehen gelassen hat er nur ein karges Handlungsgerüst, dahinter: die Leere eines perspektivlosen Lebens. Der Protagonist Changarnier sagt: "Wir gehen einfach vor uns hin und hoffen, dass uns etwas widerfährt." Bove lässt jedoch weder Changarnier noch den Leser irgendeine Ablenkung von der Trostlosigkeit finden. Changarniers Zimmer ist kahl, die Passanten bleiben anonym. Es gibt kein Dekor, keinen Humor und im Gegensatz zu Dostojewskis Werk noch nicht einmal einen echten Mord. Changarnier steigert sich lediglich in die Vorstellung hinein, er könne schuldig sein.
Maren Keller
Ricarda Junge: "Die komische Frau".
S. Fischer; 192 Seiten; 17,95 Euro.
Schon als Lena und Leander die Wohnung in der Nähe der Karl-Marx-Allee zum ersten Mal besichtigen, fällt ihnen die ältere Dame mit dem eisgrauen Haar auf. Die beiden müssen mit ihrem zweijährigen Sohn Adrian von Hamburg nach Berlin ziehen. Doch bald geht ihre Beziehung in die Brüche, und Lena lebt allein mit Adrian in dem Mietshaus, das in der DDR als Prachtbau galt. Irgendwann beginnt Adrian nachts aufzuwachen, weil er "die komische Frau" sieht. Lena glaubt an kindliche Phantasiegebilde, aber bald geschehen Dinge in ihrer Wohnung, die sie sich nicht erklären kann. Dreht sie langsam durch? Oder hat die Autorin Ricarda Junge, 31, eine Gespenstergeschichte geschrieben? Fein und klug entwickelt Junge eine Handlung, die zwischen Gegenwart und Vergangenheit schwebt, und erzählt davon, dass das Leben Spuren hinterlässt.
Claudia Voigt

KulturSPIEGEL 8/2010
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