Von Dürr, Anke
KulturSPIEGEL: Mit 17 hat man noch Träume. Erinnern Sie sich?
Senta Berger: Ich erinnere mich genau. Es war das dramatischste Jahr in meinem Leben. Mit 17 waren meine Träume erst mal zerstoben. Ich wurde aus dem Max-Reinhardt-Seminar rausgeworfen, weil ich unerlaubterweise eine Filmrolle angenommen hatte. Das war natürlich eine Katastrophe. Dazu kam noch, dass mich meine erste große Liebe verlassen hatte. Dieser allererste Schmerz, der ist unvergesslich.
War der Film, "The Journey" mit Yul Brynner und Deborah Kerr, der damals in Wien gedreht wurde, den Rauswurf aus der berühmten Schauspielschule wert?
Meine Rolle war winzig. Aber das riesige Team, die Feste, die da gefeiert wurden ganz ohne Grund, das hatte etwas Traumhaftes. Es hielt alles, was man sich von Hollywood versprochen hat. Und mit dem Rauswurf habe ich nicht gerechnet. Ich dachte, die verzeihen mir schon. Ich war gewohnt, ein Glückskind zu sein. In der Pubertät war ich ein sehr unwägbares, wildes Mädchen. Ich habe drei Gymnasien besucht in dieser Zeit, und jedes Mal hat meine Mutter die Kohlen für mich aus dem Feuer geholt. Jedes Mal habe ich versprochen, mich zu bessern. Und es auch jedes Mal so gemeint.
Auch nach dem Rauswurf aus dem Seminar hatten Sie Glück: Ihre Schauspiellehrerin war mit dem Direktor des Theaters in der Josefstadt verheiratet und hat Sie dorthin vermittelt.
Das war kein Glück. Ich war begabt. Die haben kein karitatives Werk an mir getan. Ich musste vorsprechen wie alle meine Kolleginnen, die mit dem Seminar schon fertig waren, und wurde genommen. Und mein Freund kam auch zurück.
Sie haben dann aber bald wieder zum Film gewechselt. 1964 gingen Sie nach Hollywood und wurden morgens mit der Limousine abgeholt. Wie schnell gewöhnt man sich an den Luxus?
Ach, eine lange Limousine macht einen langen Film auch nicht besser. Außerdem bin ich durch meinen Mann Michael bald ein Teil der Familie Verhoeven geworden, einer berühmten Theaterfamilie. Von meinem Schwiegervater bin ich nicht gefragt worden, wie Kirk Douglas menschlich ist. Bei Tisch ging es um das nächste Stück von Dürrenmatt und ob man es schon gelesen hat.
1969 sind Sie nach Europa zurückgekehrt. Gerade gibt es einen neuen Star aus Österreich in Hollywood: Christoph Waltz. Was denken Sie über ihn?
Ich denke, der Christoph hat das auf jeden Fall verdient. Ich kenne ihn, glaube ich, seit seinem sechsten Lebensjahr. Seine Mutter war eine großartige Kostümbildnerin, ich habe mit ihr am Burgtheater gearbeitet. Er hatte damals schon diesen unglaublichen Charme. Seine Geschwister und er sind alle auf eine wunderbar altmodische, wienerische Art erzogen.
Sie selbst kommen aus relativ kleinen Verhältnissen. Hatten Ihre Eltern große Erwartungen an Sie?
Darüber haben sie zumindest nicht gesprochen. Meine Mutter hat später einmal auf die Frage, ob sie das Gefühl hatte, dass die Senta mal was Besonderes wird, geantwortet: "Ja, auf jeden Fall. Ich habe mir gedacht, dass sie eine Lehrerin wird oder in die Bank geht." Das war das Äußerste, was meine Mutter sich für mich vorstellen konnte.
Und Ihr Vater?
Der war ja dieser frustrierte, verhinderte Künstler. Seine Eltern hatten ihm die Ausbildung am Konservatorium verboten, und er hat nur schwach dagegen angekämpft. Er hat nie gesagt, du machst jetzt den Weg, den ich nicht machen konnte, aber das war doch sehr stark spürbar als Gedankenverbindung zwischen uns.
Wann ist Ihnen das bewusst geworden?
Erst sehr spät. Heute, wo er nicht mehr lebt, versteh ich ihn wirklich. Zu spät.
Die SchauspielerinSenta Bergerveröffentlicht im August ihr erstes Kochbuch: "Rezepte meines Lebens" (Brandstätter, 224 S., 29,90 Euro). Ihre Autobiografie ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.
Der nächste KulturSPIEGEL erscheint am 30. August 2010
KulturSPIEGEL 8/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.