BELLETRISTIK
WIE SCHLECHTER SEX: Es ist im Grunde ein ganz simples Experiment, nicht anders als früher an Ostern oder bei einem gemütlichen Sonntagsfrühstück. Ei auf Ei, eines geht kaputt, das andere bleibt heil. Sibylle Berg rennt Sturm und schaut, wer mehr aushält, ihr Dickschädel oder die Welt da draußen: die häßlichen Menschen, die schönen Menschen, die miese Laune, der Spaß, die U-Bahn-Fahrer, Kinderschänder und Journalisten, die Einsamen, die selbst schuld sind, weil sie nichts dafür können, die Selbstzerstörer, Onanisten und Liebesversager, die ganze Mörderbande eben. Geschichten gegen den Wahnsinn sind das, sagt Berg, und sie klingen wie der Soundtrack zur fröhlich-depressiven Großstadttristesse - deshalb soll im März noch die CD mit der passenden Musik kommen: Phillip Boa, Element of Crime und Rammstein. Diese Suche nach der Sollbruchstelle des Lebens hat nur einen Haken; die Welt da draußen ist ja die Welt in deinem Kopf; dagegen kann man nur vergebens anrennen.
Sibylle Berg: "Sex II". Reclam Verlag, Leipzig; 200 Seiten; 29,80 Mark. %
Georg Diez
LEBENSLAUSCHER: Ihr Name drang in die Leere seines Daseins und wollte nicht wieder verschwinden. So ging Patrick Modiano auf Spurensuche in Dora Bruders Existenz, wie er früher die Fragmente seiner eigenen Jugend zusammenklaubte - ein Stück Autobiographie aus dem Stoff eines fremden Lebens. Als er, Sohn eines orientalischen Juden, 1945 geboren wurde, da war das jüdische Mädchen schon in Auschwitz umgekommen. Modiano erzählt von der Scham eines Überlebenden - und komponiert trotz des unheilvollen Rahmens eine betörend gewichtslose Erinnerungsmusik. "Dora Bruder" hat alle Eigenheiten von Modianos Stil: die knappen, klaren Sätze, die den Nebel der Vergangenheit doch nie vertreiben, die Magie, die aus der bloßen Nennung von Straßen und Plätzen entsteht, und jene vage Verankerung in der Welt der Tatsachen, die zeigt, wie sehr man manchmal die Wirklichkeit erfinden muß. Ein Buch als Denkmal für den unbekannten Menschen.
Patrick Modiano: "Dora Bruder". Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. Hanser Verlag, München; 152 Seiten; 29,80 Mark. % Gregor Dotzauer
FRÜH VERBLÜHT: Es soll am Zürichsee ein Verleger schon länger darauf hoffen, Eckhard Henscheids Roman "Die Unverblühten" möge sich endlich einstellen - bislang verweigert sich das Opus. Dafür erscheinen jetzt Erzählungen Henscheids in einer Berliner Dependance der Holtzbrinckschen Buchfabriken. Doch so charmant-verschwurbelt da etwa von Wolfgang Hildesheimers Schwierigkeiten beim alpinen Zugfahren erzählt wird, die 130seitige Titelgeschichte über akademische Erbsenzählerei ist mühsamer Lesestoff. Und auch der minutiös ausgebreitete Schlagabtausch zweier Piefkes ist kaum mehr als unerquicklicher "Wissenschaftstheoriequark", der so getreten auch bloß breit, nicht stark wird. Weil man sich, derart ratlos, ja nun schlecht in die Zürcher Warteschlange einreihen kann, bleibt nur die Henscheid-Backlist. Dessen anarchische Schelmenprosa ist zum Glück ziemlich unwelkbar.
Eckhard Henscheid: "10 : 9 für Stroh". Alexander Fest Verlag, Berlin; 196 Seiten; 38 Mark. %
Sven Boedecker
REAGANOMICS: Wer hat hier von wem abgeschrieben? Ein Buch, das in jeder Szene Filmbilder aus dem "Paten", "Good Fellas" oder "Reservoir Dogs" aufleuchten läßt; ein Erzähler, der mit jedem Satz sagen will: Ich bin so rauh, daß ihr mir glauben müßt; eine Welt, die sich liest wie ein Filmskript. Das Buch also zu einer Wirklichkeit, die nirgends realer ist als im Kino. Dabei hat der ehemalige Tunnelarbeiter Thomas Kelly tatsächlich erlebt, wovon er erzählt. Ein Mann pro Meile, das war die mörderische Bilanz der Arbeiten am Water Tunnel Number Three. Iren, Italiener, Brüder, Männer: Kelly gräbt nach einer Welt, die so dunkel ist, daß es sich dabei nur um New York handeln kann. In seinem Romandebüt treibt er die Bohrungen im dunklen Grund der Reagan-Zeit so weit voran, bis er die treibende Kraft nicht nur dieser Boom-Ära, sondern einer ganzen Stadt bloßlegt - den Mahlstrom der Gewalt.
Thomas Kelly: "Boomtown Blues". Aus dem Amerikanischen von Fred Kinzel. Limes Verlag, München; 384 Seiten; 44 Mark. % Georg Diez
RAMPONIERTES FERTIGHAUS: Da möchte es uns einer so richtig geben. Die Stadt erfriert und stinkt, schon die 15jährigen sind abgefuckt, die Sprüche hart und das Fernsehen zynisch. Berlin zur Jahrtausendwende, Apokalypse ist angesagt, und Tim Staffel haut uns um die Ohren, was der Fundus an Stadtwüsten und Gewaltorgien so hergibt. Und dabei ist er hochmoralisch: Hier wird aufgedeckt, was unter der schnieken Oberfläche der Wohlstandsgesellschaft schwelt. Um das Faß, in dem wir sitzen, zum Überlaufen zu bringen, muß nur einer sagen, daß es voller Scheiße ist: Die Sprüche eines anonymen Flugblattschreibers werden zu Selbstläufern, Berlin-Mitte gerät zum Freilaufgehege, in dem jeder auf jeden ballern darf - das Terrordrom. Und das Fernsehen überträgt live. Was gegen Staffels Buch spricht, ist nicht diese Konzeption, sondern daß es radikal und unkonventionell sein will, sich dabei aber in den guteingerichteten Fertighäusern der apokalyptischen Zivilisationskritik bewegt.
Tim Staffel: "Terrordrom". Ammann Verlag, Zürich; 220 Seiten; 29,80 Mark. % Peter Michalzik
SACHBÜCHER
XN+YN=ZN: Nur keine Angst, es tut nicht weh, scheinen viele Sachbuch-Autoren zu rufen, sobald es um Mathematisches geht. Auch Simon Singh rechnet mit dieser Urangst und sperrt alles, was über das kleine Einmaleins hinausgeht, in einen Hochsicherheitstrakt gegen Ende des Buches. Übertriebene Vorsicht, denn die Geschichte von Andrew Wiles ist der Idealfall einer spannenden Wissenschaftsreportage: Schon als Junge verbiß sich der Brite in das zahlentheoretische Erzproblem von Pierre de Fermat (1601 bis 1665) und knackte es schließlich, in über zehn Jahren Rechenarbeit. Auf welch abenteuerliche Art, ist hier natürlich nur angedeutet. Dafür beweist Singh witzig und anekdotenreich, was Mathematiker sind: Schatzjäger, sogar besonders faszinierende.
Simon Singh: "Fermats letzter Satz". Aus dem Englischen von Klaus Fritz. Hanser Verlag, München; 368 Seiten; 49,80 Mark. %
Johannes Saltzwedel
LIEBESSTAMMELN: Sie trafen sich 1944 in Buenos Aires, wurden Freunde - und sieben Jahre später "vom Schicksal getrennt". Estela Cantos Erinnerungen - 1989, drei Jahre nach Jorge Luis Borges' Tod veröffentlicht - sind weder Abrechnung noch nostalgischer Rückblick. Sie vereinen Analysen zum Werk mit intimen Plaudereien aus dem Leben des Mannes, der ihr seine berühmte Erzählung "El Aleph" widmete. Eine kleine Sensation sind die Liebesbriefe des "blinden Sehers"; sie erscheinen hier erstmals auf deutsch. In ihnen spricht der große Dichter als Mensch, der vor Begehren stammelt. "Du weißt, wie sehr ich Dich unablässig liebe und brauche." Immerhin bemerkte der schmachtende "Georgie" seine Schwäche und versprach: "Dies sollen die letzten Zeilen in diesem Ton sein, die ich mir durchgehen lasse."
Estela Canto: "Borges im Gegenlicht". Aus dem Spanischen von Christian Hansen. Verlag Antje Kunstmann, München; 224 Seiten; 36 Mark. Erscheint am 2. März. %
Reinhard Helling
MYTHENFLUSS: Da schreibt einer über Deutschland. Über die letzten Stunden im belagerten Breslau, die Kindheit Rudi Dutschkes, Deutsche an der Wolga und einen Wuppertaler Metzger, der behauptet, er sei ein Jude, und deswegen totgeschlagen wird. "Drei Stunden Null" betitelt der Journalist Wolfgang Büscher seine Reportagensammlung. Dreimal tastet der Autor an den Frakturen der Vergangenheit: 1945, 1968, 1989. Nicht als Chronist von Ereignissen, vielmehr als Beobachter orientierungsloser Protagonisten, deren Lebensläufe für einen kurzen Moment in der Ungewißheit zwischen Abschied und Anfang erstarren. Das sind oft Episoden, Streiflichter. Stets ist es aber ein sehr tiefes und persönliches Graben in der Zeitgeschichte. Büscher meidet den Ton des Historikers, sein Erzählfluß mäandert fast beiläufig durch die Landschaft deutscher Mythen.
Wolfgang Büscher: "Drei Stunden Null". Alexander Fest Verlag, Berlin; 176 Seiten; 36 Mark. %
Dominik Wichmann
KRIMI
KILLER, KANZLER, KIRCH: Ex-Spion Malakoff hat begriffen, daß die Einrichtung eines "Gangsterbüros" die adäquate Antwort auf Globalisierung und Liberalisierung ist. Wer in der deregulierten neuen Weltordnung überleben will, muß die Kunst des Komplotts beherrschen. Als der bibelfeste Medienmogul Leo Kapelli im Kampf um 1000 europäische TV-Kanäle unterzugehen droht, steht ihm das Kanzleramt bei und heuert Malakoff & Co. an. Die arbeiten zwar längst für die Gegenseite, aber man ist ja flexibel. Bald überblickt niemand mehr das kreative Chaos, das das Büro zwischen Berlin, Paris und La Rochelle anrichtet. Außer Robert Brack, dem in seinem neunten Roman etwas Seltenes geglückt ist: ein lässig-hintersinniger deutscher Krimi ganz auf der Höhe der Zeit.
Robert Brack: "Nachtkommando". Edition Nautilus, Hamburg; 222 Seiten; 32 Mark. Erscheint am 2. März. %
Sven Boedecker
BILDBAND
LESART: Was hat die Fotografie einer in ihre Lektüre vertieften alten Dame im Pariser Bois de Boulogne mit dem Bild eines Plattenspielers der Firma Braun aus den fünfziger Jahren, dem "Schneewittchensarg", zu tun? Auf den ersten Blick gar nichts, wenn nicht der Sammler Wilhelm Schürmann die beiden Bilder zueinandergestellt hätte - im Kopf des Betrachters entstehen dabei neue Bilder, die mit der Sehnsucht nach inniger Lektüre und der Erinnerung an die erste zerkratzte Single mehr zu tun haben als mit dem tatsächlich Dargestellten. "Die Nerven enden an den Fingerspitzen" heißt der Katalog zu der Ausstellung (bis 19.4. in der SK Stiftung Kultur in Köln, danach in München und Hamburg), in der Schürmann eigenwillig Einzelstücke seiner gesammelten Fotografiegeschichte kombiniert und so einen Kontext schafft, den jeder interpretieren kann, frei nach der einleuchtenden These: "Man sieht, was man sehen will - und umgekehrt."
Wilhelm Schürmann: "Someone Else With My Fingerprints. (Die Nerven enden an den Fingerspitzen)". Salon Verlag, Köln; 158 Seiten; 39,80 Mark. % Christiane Gehner
COMIC
KOSMISCHE HILFE: Unter allen Superhelden war Superman vor allem immer der Superspießer. Zu edel, zu gewissenhaft und viel zu freundlich. Und weil sein größter Feind in den vergangenen Jahren die Auflage war, bekam er neue Kostüme, mußte sterben, wieder auferstehen und schließlich - o Gott - heiraten! Genutzt hat es wenig. Hilfe kam schließlich aus einer anderen Welt. Dem für seine alternative Superhelden-Serie "Madman" gefeierten Mike Allred wurde Narrenfreiheit gewährt - und das Resultat ist super: Durch einen kosmischen Unfall verschmelzen und vermischen sich Superman und Madman, irren durch fremde Welten und müssen sich auf die Suche nach Supermans verlorenen Restkräften machen. Mike Allred ist eine brillant gezeichnete, rasend komische, aber auch feine Parodie und Hommage an den alten Langweiler gelungen. Und das ist eine Spitzenleistung.
Mike Allred: "Superman/Madman". Aus dem Amerikanischen von Uwe Anton. Carlsen Verlag, Hamburg; 80 Seiten; 29,90 Mark. % Christoph Dallach
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KulturSPIEGEL 3/1998
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