30.08.2010

Bitte, bette, bete!

Plots und Thesen? Langweilig, findet die Theaterautorin Felicia Zeller und schreibt lieber Sprechpartituren.
Felicia Zeller sieht die Welt durch eine rosarote Brille, ein scheußliches Sekretärinnenmodell, das seit zehn Jahren in keinem Porträt über sie unerwähnt bleibt. Die Brille ist ihr Markenzeichen, so sehr, dass es durchaus passieren kann, dass man mit ihr verabredet ist und ewig neben ihr sitzt, in einem Neuköllner Café, ohne sie zu erkennen. Weil sie ausnahmsweise eine Sonnenbrille trägt. "Sind Sie Reporter?", fragt sie irgendwann. "Tragen Sie sonst eine andere Brille?", frage ich zurück. "Sie sind aber oberflächlich", wirft sie mir an den Kopf, und als ich mich wehren will, schiebt sie hinterher: "Ich auch".
Was natürlich kokett ist, aber so falsch nicht, in einem weiteren Sinn: Die Theaterautorin Zeller setzt an der Oberfläche der Dinge an, an ihrer Sprache. Wenn sie ein Sozialstück schreibt, schreibt sie nicht über ein soziales Thema, sondern darüber, wie über dieses soziale Thema gesprochen wird. Sie doziert nicht, sie hört hin, sie schreibt kein Thesenstück, sie schreibt eine Sprachanalyse. "Wenn ich Thesen hätte, würde ich sie auf einem Zettel an die Kirchtür schlagen." Zeller ist ein "Freak des Sprechtheaters", sie ist überzeugt davon, dass Menschen sich mehr darstellen als dass sie handeln, und so sind viele ihrer Stücke fast handlungsfrei: "Plots im Theater langweilen mich. Sie sind oft wie Phrasen, so abgestanden und vorhersehbar."
Zeller hat jahrelang vor sich hin geschrieben, ein gutes Dutzend Theaterstücke, der Durchbruch aber kam erst vor zwei Jahren, mit dem Stück "Kaspar Häuser Meer", da war sie 37. Anlass war der reale Fall des misshandelten Kevin, dessen Leiche im elterlichen Kühlschrank gefunden wurde. Zeller machte daraus eine Sozialamtsstudie, in der drei Damen vom Amt im Rekordtempo stammeln, eine Wörterschlacht, in der das Prekariatsdeutsch das Pädagogen- und das Paragrafendeutsch durchsetzt. Bei den Mülheimer Theatertagen gewann das Stück den Publikumspreis, 29-mal ist es insgesamt inszeniert worden. Im September folgt Premiere Nummer 30, während im Nationaltheater Mannheim Zellers neuestes Werk uraufgeführt wird, nicht auf einer winzigen Studiobühne, wie bei zeitgenössischen Autoren üblich, sondern im Großen Haus vor bis zu 320 Zuschauern.
"Gespräche mit Astronauten" heißt das Stück, geschrieben hat Zeller es eigentlich für das Theater Freiburg, als maßgeschneidertes Auftragswerk, "aber den Freiburgern gefiel es nicht", berichtet sie. "Das ist wie bei einer Hose: Man kann sie kürzer machen lassen oder enger, wenn sie nicht passt, aber man kann keine völlig andere Hose daraus machen lassen. Dann muss man sie zurückgeben." In Freiburg war wegen der Theaterferien niemand erreichbar, aber glaubt man Zeller und ihrem Verleger Frank Kroll vom Theaterverlag henschel SCHAUSPIEL, dann wollte die Freiburger Dramaturgie inhaltlich stark eingreifen. "Es ging um Botschaften. Botschaften kann man sich nicht bei mir bestellen", sagt Zeller, "ich bin kein Politiker und kein Pädagoge und kein Psychologe."
Die Protagonistinnen ihres Stücks sind Karrieristinnen. Die einen rackern in ihren Jobs als Managerin, als Wissenschaftlerin, als Filmproduzentin, und um dort auch nach der Geburt ihrer Kinder weiterrackern zu können, lassen sie zu Hause andere Karrieristinnen rackern: kaum volljährige Au-pairs aus Osteuropa, die Deutsch lernen und schnell Erfolg haben wollen, als Bauingenieurin, Modedesignerin, Journalistin. Ihre Chefinnen nennen sich Gastmütter und tun so, als könnten sie ihnen eine Freundin sein. Sie nehmen sie in ihren Familien auf, aber nicht richtig - weniger als Familienmitglieder, eher als Billiglohnkräfte, und so zappeln die Au-pairs als Fremde über fremden Planeten, an der langen Leine wie Astronauten.
Was auffällt: Die Väter sind abwesend, und wenn doch mal einer da ist, dann macht er sich an das Au-pair-Mädchen ran: "DU BIST JUNG, DU BIST SCHÖN, DU HAST KRAFT! HILF! BITTE, ICH BITTE DICH, BETTE DICH! (Entschuldigung, jetzt habe ich mich versprochen!) BETE DICH muss das heißen ICH BETE DICH AN." Zeller wirft die Sprechmaschine an, mit Versprechern und Sprachspielen, mit Reimen und einem Hang zum Kalauer fast wie Elfriede Jelinek: "Staublappen, Putzlappen, Jammerlappen. Lappen Komma die, Lappen Komma der/ wer?/ Ich! ICH WRINGE DEN LAPPEN ÜBER DEM EIMER AUS, oder heißt das IN EIMER? Ich sage: im. IM EIMER, alles im Eimer, mein ganzes Leben, dein Leben kann sein IM EIMER SEIN." Das Stück liest sich wie ein rhythmisierter Sprachkurs Deutsch für Ausländer, in dem Wörterbucheinträge verwurstet sind und Redewendungen, in dem Textpassagen wiederholt werden und Verben gebeugt: "Am Abend wiederhole ich alles, was ich heute MÜLL TRENNEN, MANN TRENNEN, oder ist SICH TRENNEN VON MÜLL, SICH TRENNEN VON MANN reflexiv? Das frage ich mich, bevor ich mich endlich einschlafe."
Zeller hat einen Text geschaffen, dessen Klang fast so wichtig ist wie sein Inhalt: eine Sprechpartitur, ein Wortkonzert. Als Elftklässlerin hatte sie mit Freunden ein eigenes Streichquartett, mit dem sprachverspielten Namen "Audio Quattro", ihr Bruder Fredrik arbeitet als Komponist. Wenn Zeller schreibt, liest sie laut mit, manchmal mit einem Stimmenverzerrer, "für mehr Spaß an den Sounds".
Neben Jelinek wird Zeller immer mal wieder mit René Pollesch verglichen, wegen des hohen Tempos ihrer Texte und des Verzichts auf Psychologie, "aber ihre Texte sind schon einzigartig", sagt der Mannheimer Schauspieldirektor Burkhard Kosminski, der die Uraufführung ihres neuen Stücks besorgt. Es sei "phänomenal gut", schwärmt er, für die Schauspieler jedoch sei es eine "große Herausforderung": Die Figuren im Text sind nicht gekennzeichnet, sie reden durcheinander, manchmal wechselt der Sprecher mitten im Satz. Als Lesestück ist das kaum konsumierbar, eine Zumutung, und auch auf der Bühne dürfte es den Zuschauern einiges abverlangen: "Man muss nicht alles verstehen können", sagt Zeller, "man ist der Ausländer im Text."
In ihren Stücken ist Zeller eine Sprachspielerin, im Gespräch eine Faktenspielerin, die die Wirklichkeit gern mal frisiert, wenn dabei eine gute Geschichte rausspringt, ein AperϚu oder ein Scherz. Ernst ist sie selten, ernst nehmen sollte man sie immer, denn ihre Sätze im Singsangschwäbisch klingen gemütlich, geradezu harmlos, doch oft sind sie spöttelnd, schnippisch, scharfzüngig. Zeller wirkt mitunter abwesend, unaufmerksam, gelangweilt, und wenn sie lacht, über eine ihrer Gewitztheiten, dann klingt es, wie wenn andere schnarchen.
Gut studieren lässt sich Zellers Humor in ihrem großartigen Prosabändchen "Einsam lehnen am Bekannten", für das sie 2009 den Clemens-Brentano-Förderpreis bekommen hat. Darin versammelt sind mürrische Momentaufnahmen aus dem Berliner Problem- und Szenekiez Neukölln, in dem die Stuttgarterin Zeller seit Jahren wohnt und in dem die Ich-Erzählerin unter zu wenig Geld und zu viel Alkohol leidet, vor allem aber unter ihrer Aufschieberitis. "Wenn ich Kinder hätte", schreibt Zeller in einer der Prosaminiaturen, "könnte ich so aussehen wie die, die Kinder haben." Wenn sie Kinder hätte, könnte sie "auch so ein edles, angeschwollenes Aufgabengesicht" tragen. Wenn sie Kinder hätte, dann käme sie auch zu nichts. Sie komme zwar auch so zu nichts, aber wenn sie Kinder hätte, dann käme sie "auch zu auch nichts und könnte dabei gar nichts für das Nichts".
Natürlich darf man nie den Fehler machen, die Ich-Erzählerin mit der Autorin zu verwechseln, Germanistik 1. Semester, aber die Ich-Erzählerin hier ist Zeller doch sehr ähnlich, viel ähnlicher etwa als die Karrieremütter in ihrem neuen Theaterstück. Im Januar hat Zeller mit ihrem Freund, dem Maler Arno Bojak, ein Kind bekommen, "ein sehr sympathisches Kind", wie Zeller sagt, und so ist es okay, dass sie zurzeit zu fast nichts kommt. Ein Au-pair kann sie nicht gebrauchen.
Kaspar Häuser Meer: Premiere am 5.9. im Nationaltheater Weimar. Auch am 9., 14., 23.9., Tel. 03643/75 53 34.
Gespräche mit Astronauten: Uraufführung am 24.9. im Nationaltheater Mannheim. Auch am 25.9., Tel. 0621/168 01 50.
Felicia Zeller: "Einsam lehnen am Bekannten". Lilienfeld; 168 Seiten; 18,90 Euro.
Felicia Zeller: "Bier für Frauen, Kaspar Häuser Meer, Gespräche mit Astronauten". Lilienfeld; 240 Seiten; 19,90 Euro.
Von Becker, Tobias

KulturSPIEGEL 9/2010
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