30.08.2010

Der Pop-Schnösel

Mark Ronson machte Amy Winehouse und Lily Allen erfolgreich. Ist er deshalb so unbeliebt?
Von Christoph Dallach
Foto: Nadine Elfenbein
Als der Produzent und Musiker Mark Ronson in London 2008 einen Preis entgegennahm, wurde im Publikum gebuht. Mit ihm auf der Bühne standen an dem Abend Kate Nash und die Band Primal Scream, deren Dankesreden jeweils mit donnerndem Applaus bedacht worden waren. "Als ich dann an der Reihe war und sprach, fiel mir diese Gruppe von Kids mitten im Saal auf, die mich lautstark ausbuhten. Ich war wirklich verletzt", sagt Mark Ronson. Empört ist er immer noch.
Der 34-jährige Brite hat einen sehr ambivalenten Status im Pop-Universum: Einerseits ist er atemraubend erfolgreich, weil er als Produzent Amy Winehouse und Lily Allen berühmt machte. Und als Musiker gelang ihm mit seinem letzten Album "Versions" ein eigener Bestseller mit beschwingten Soul-Cover-Versionen fremder Lieder, darunter Radio-Dauerbrenner wie das von Winehouse gesungene "Valerie".
Andererseits verteufeln Brit-Popper wie Arctic-Monkeys-Sänger Alex Turner seine vergnügten Soul-Light-Versionen schwermütiger Indie-Rock-Songs. Das britische Fachblatt "New Musical Express" legte Ronson nahe, sich mit seinen nervtötenden Bläsern zum Teufel zu scheren. "Noch keine Figur im Musikgeschäft wurde wohl so ausdauernd übel beschimpft wie Mark Ronson", stand neulich im selben Blatt.
Wieso dieser Hass? Ronson ist ein freundlicher Dandy, er plaudert mit lustig affektierter Stimme, er raucht nervös mit langen Fingern eine Zigarette nach der anderen und nippt an grünem Tee. Gegen ihn spricht wohl, dass er einen Tick zu gut aussieht. Erschwerend kommt hinzu, dass er von Haus aus wohlhabend ist, mit High-Society-Mutter, Großerben-Vater, Rockmillionär-Stiefvater (Foreigner) und Unmengen prominenter Bekannter. Dass so ein Pop-Schnösel dann auch noch, ganz lässig, unverschämt erfolgreich ist, ist vermutlich die größte Zumutung.
Als wolle er um Nachsicht bitten, sagt Ronson als Erstes, dass er seit Tagen vor "lauter Arbeit kaum geschlafen" habe. Zurzeit macht er Werbung für sein neues Album "Record Collection" (Sony), nebenher probt er für eine Tournee, und dann sind da auch noch die Schnösel-Pop-Veteranen von Duran Duran, deren Comeback-Album Ronson passenderweise produziert. Denen hat er auch den neuen Sound seines Albums zu verdanken. Da erklingen nämlich statt der Retro-Soul-Bläser von Duran Duran geborgte Retro-Synthesizer. Mit einer Ausnahme sind alle Lieder auf "Record Collection" von Ronson und befreundeten Musikern selbst verfasst. Ja, sogar Gesangsunterricht hat er genommen.
Das hat sich alles gelohnt. Denn Ronson hat wirklich Talent, ein souveränes Gespür für Melodien und Arrangements. "Record Collection" ist ein aberwitziges Pop-Album mit aufgedrehten Hits wie der ersten Single "Bang Bang Bang". Aber hat Ronson seine bewährte Erfolgsformel - Bläser, Retro-Soul und Cover-Versionen - nur über Bord geworfen, um endlich den nölenden Kritikern zu gefallen? Nein, behauptet er: "Wenn dauernd von einem ,Mark-Ronson-Sound' die Rede ist, ist es einfach an der Zeit, sich etwas Neues zu überlegen. Dazu zwingt mich mein eigener Anspruch und kein Kritiker der Welt."
Ronson kam in London zur Welt. Er war fünf, als seine Eltern sich trennten und seine Mutter mit ihm und den Schwestern nach New York umzog. Dort machte sich Ronson als Teenager einen Namen als HipHop-DJ und wurde bekannt als Celebrity-DJ glamouröser Promi-Partys. Nebenher versuchte er sich als Produzent und Musiker. Erste Versuche floppten, aber dann traf Ronson die unbekannten Newcomer Amy Winehouse und Lily Allen und gab ihnen ihren Sound.
Gern wird Ronson als "am besten vernetzter Mann im Pop" ("Observer") bezeichnet. Er hat gute Beziehungen zu HipHop-Titanen wie Jay-Z oder Puff Daddy, aber auch zu Hollywood-Größen wie Tom Cruise, auf dessen Hochzeit mit Katie Holmes er Platten auflegte: "Peinlicherweise spielte ich ,You've Lost that Loving Feeling'. Das passte nicht."
Fühlt der Mann sich unterschätzt? "Ja, das tue ich wohl. Ich habe immerhin ,Back to Black' mit Amy Winehouse geschrieben oder ,Littlest Things' mit Lily Allen. Es ist nicht schön, verhöhnt zu werden. Ich wünsche mir, ich hätte ein dickeres Fell."
Als DJ habe er gelernt, wie man Menschen mit Musik erreicht, sagt er. "Es gibt so einen Beat, den ich immer wieder einsetze und der schon damals in den HipHop-Clubs funktionierte. Wenn ich einen Song höre, habe ich oft ein Gefühl dafür, wie man ihn verbessern kann. Amys Stimme war perfekt für schwermütigen Retro-Soul."
Nachfragen zum Zustand seiner lädierten Freundin Amy Winehouse verbittet sich der dezente, wohlerzogene Ronson. Aber wohl, um alle Gerüchte zu widerlegen, dass Winehouse ihre Stimme mit Drogen ruiniert habe, greift er zu seinem Laptop, klappt den Bildschirm hoch und spielt stolz einen neuen Song vor, den er vor einigen Wochen mit ihr produziert hat: eine energische Cover-Version des Sixtys-Hits "It's My Party and I Cry if I Want to".
Da singt die von Dämonen gejagte Winehouse atemraubend lebendig, begleitet von Bläsern und eingebettet in ein Retro-Soul-Arrangement. Überraschung! Da ist er ja doch wieder, der "Ronson-Sound". "Ich weiß eben, dass das gut ist, und die Kritiker können alle zum Teufel gehen", sagt er, "das ist ein garantierter Hit." Sollen sie doch bei den nächsten Brit Awards alle buhen, wenn er seinen Preis abholt.
Von Christoph Dallach

KulturSPIEGEL 9/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


KulturSPIEGEL 9/2010
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

  • Dieselskandal: "Warum soll ich jetzt dafür geradestehen?"
  • Grasen first! Stoische Schafherde ignoriert Kampfhubschrauber
  • Terror in Christchurch: Ein Haka für die Toten
  • US-Dashcam-Video: Wo bitte ist die Straße hin?