27.09.2010

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Kaufen Sie einen Roman wegen seines schönen Anfangs? Oder wegen einer positiven Rezension? Beides würde uns freuen, denn in diesem Heft finden Sie die 25 besten Neuerscheinungen und ihre ersten Sätze.

HORROR MIT HUMOR

Wie man mit Hörnern auf dem Kopf lebt, die keiner bemerkt, schildert Stephen Kings Sohn Joe Hill in seinem zweiten Roman.

Ignatius Perrish, 26, von Freunden und Familie der Einfachheit halber Ig genannt, wacht eines Morgens auf und stellt mit Schrecken fest, dass ihm Hörner gewachsen sind; zwei spitze Knochen mit wunder Haut.
Noch seltsamer ist, dass die Menschen in seiner Gegenwart ungehemmt aussprechen, was sie sonst im Stillen denken, das aber vergessen, sobald Ig wieder weg ist. Das reicht von der Sprechstundenhilfe des Arztes, den Ig irritiert aufsucht, bis hin zu seiner Mutter: "Ich möchte nicht mehr, dass du mein Kind bist." Trotzdem sind nicht diese Hörner seine größte Sorge, sondern der Tod seiner großen Liebe. Die hat ein Unbekannter vergewaltigt und erschlagen, und obwohl Ig nicht angeklagt wurde, halten ihn alle, Freunde, Polizei, der Pfarrer, ja, selbst seine Familie, für schuldig.
"Teufelszeug" ist nach "Blind" der zweite Roman von Joe Hill, 38. Dass der Autorenname ein Pseudonym ist, mit dem sich Joseph Hillstrom King, der ältere Sohn von Grusel-Großmeister Stephen King, abgrenzen will, ist kein Geheimnis. Abgrenzung wäre gar nicht nötig: Er verfügt über ein Talent, das sich mit dem seines Vaters messen kann.
Hill verbindet wilde und dunkle Vorstellungskraft mit dem Können eines raffinierten Geschichtenerzählers. Meisterlich beherrscht Hill es, Bizarres ganz selbstverständlich wirken zu lassen. So wie schon bei dem abgehalfterten Rockstar, der sich in Hills Debüt "Blind" im Internet einen bösen Geist ersteigert. Dazu addiert der Autor lässig subtilen Humor und Popkultur-Zitate - von den Rolling Stones bis zu George W. Bushs Strategen Karl Rove.
Trotz wüsten deutschen Titels (Originaltitel: "Horns") und derber Umschlagillustration ist "Teufelszeug" kein düsterer Gruselthriller. Vielmehr geht es hier um die Tragödie zweier Jungs, die dasselbe Mädchen vergöttern. Erzählt wird einfühlsam in Rückblenden von Kindheitsabenteuern und der Magie der ersten Liebe. Dagegen setzt Hill die verlorenen Lebensträume junger Erwachsener und verlogene Moral. Letztlich lotet Hill unterhaltsam das Gute und das Böse aus. Der Mann mit den Hörnern, so viel sei verraten, ist keine Ausgeburt der Hölle.
FUSSNOTE: Hill, der seinem Vater gespenstisch ähnlich sieht, teilt mit diesem die Leidenschaft für Heavy Metal. Den Teufelsrock, dem Hill lauschte, während er "Teufelszeug" schrieb, findet man als Playlist auf seiner Webseite: http://joehillfiction.com/?p=1356 CHRISTOPH DALLACH
JOE HILL: "TEUFELSZEUG".
Aus dem amerikanischen Englisch von Hannes Riffel. Heyne; 544 Seiten; 19,90 Euro.
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SCHICKSALSROMANZE

Jean-Philippe Toussaint spürt dem Wesen der Leidenschaft nach.

Vielleicht hört das mit Marie ja nie auf. Womöglich weil es Liebe ist. In "Sich lieben" trennten sich Jean-Philippe Toussaints Ich-Erzähler und seine Frau Marie in einem Hotelzimmer in Tokio; der Nachfolger "Fliehen" erzählt auf rasante Weise, wie es dazu kommen konnte; nun beschließt Toussaint, 52, seine Romantrilogie und erzählt "Die Wahrheit über Marie". Alles beginnt in einer Gewitternacht in Paris: Ein Mensch stirbt während eines Liebesaktes; die Atmosphäre ist schwül, düster, aufgeladen. Und wie üblich entpuppt Toussaint sich als höchst gegenwärtiger Romantiker, der seinen Zivilisationsszenarien Bilder und Augenblicke von flirrender Schönheit abgewinnt: das fliehende Pferd, das einen ganzen Flughafen lahmlegt; ein Großbrand, der die Insel Elba trifft. Durch diese Kulissen bewegen sich der namenlose Ich-Erzähler und Marie wie verirrte Gespenster aneinander vorbei und schließlich und unausweichlich doch noch einmal aufeinander zu. Das nennt man wohl Schicksal. Aber ob man das ein Happy End nennen darf? Fest steht: Wer mit einer derart kühlen Eleganz über das Wesen der Leidenschaft schreiben kann wie Toussaint; wer das Flüchtige des Moments so nachhaltig zu bannen vermag, muss ein Zauberer sein.
FUSSNOTE In der Literatur darf endlich einmal das Unmögliche wahr werden, so auch in diesem Roman, in dem ein biologisches Wunder geschieht und ein Sprichwort Wirklichkeit wird: Ein Pferd beginnt zu kotzen. CHRISTOPH SCHRöDER
JEAN-PHILIPPE TOUSSAINT: "DIE WAHRHEIT üBER MARIE".
Aus dem Französischen von J. Unseld. 192 Seiten; 19,90 Euro.
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SCHULBUCH

Mit schwarzem Humor schildert Martín Kohan das Schicksal einer perfekten Mitläuferin in einem autoritären System.

Vor Unterrichtsbeginn muss die Hand korrekt auf der Schulter des Vordermannss liegen. Dann wird kontrolliert. Die Länge der Haare, der Sitz des Hemds, sogar die Farbe der Socken. Das Colegio Nacional ist nicht irgendeine Schule - es ist die Kaderschmiede des Landes. Das Land heißt Argentinien; wir befinden uns im Jahr 1982. Noch führt die Militärjunta ein diktatorisches Regime. Demnächst wird der Krieg auf den Falkland-Inseln beginnen.
Und eine derer, die Haarlänge und Sockenfarbe kontrolliert, ist María Teresia, Anfang zwanzig. Sie arbeitet im Colegio, nicht als Lehrerin, sondern als Aufseherin. Den Sinn der Anordnungen versteht sie nicht immer, aber sie setzt sie durch; eine perfekte Mitläuferin, die das System im Großen wie im Kleinen am Laufen hält. Aber während die politische und gesellschaftliche Situation bei Martín Kohan, 43, ein permanentes, nicht zu ignorierendes Hintergrundgeräusch bildet, konzentriert er sich in "Sittenlehre" doch in erster Linie auf das Innenleben seiner Protagonistin. Denn da erwacht etwas in María Teresia. Ihr Körper verwirrt sie. Sie beginnt, sich auf der Jungentoilette einzuschließen, Tag für Tag; angeblich um Schüler beim heimlichen Rauchen zu ertappen, doch in Wahrheit, weil ihre Lust am Voyeurismus geweckt ist. Während der Oberaufseher nicht müde wird zu erklären, die Subversion sei ein Krebsgeschwür, während Lehrer und Aufseher bemüht sind, ihre Schüler zu tragenden Säulen des Staates zu erziehen, sitzt María Teresia auf der Jungentoilette und versteht sich selbst nicht mehr.
Es ist ein tiefschwarzer Humor, mit dem Kohan die Absurdität vorführt, die autoritären Systemen naturgemäß innewohnt. María Teresias Bruder wird als Soldat immer weiter in Richtung Süden (also in Richtung Front) kommandiert; die Mutter kann gar nicht genug Antidepressiva nehmen; die Heldin selbst beobachtet das, was um sie herum geschieht, in geradezu pathologischer Starre. Das Böse, das Banale und das vermeintlich Unschuldige sind in "Sittenlehre" bis zur Ununterscheidbarkeit ineinander verwoben. Das ist so erschreckend wie erhellend, so perfide wie grandios.
FUSSNOTE: Fußball, Diktatur und Religion - das sind die Themen Martín Kohans. In "Zweimal Juni" ist es die Fußballweltmeisterschaft, die dem argentinischen Regime als propagandistischer Aufmarschplatz dient, nun eine Eliteschule. Und immer sind es die Mitläufer, die Kohan ins Zentrum seiner Geschichten rückt.
CHRISTOPH SCHRöDER
MARTíN KOHAN: "SITTENLEHRE".
Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. Suhrkamp; 248 Seiten; 19,90 Euro.
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PSYCHODRAMA

Der Held des Romans von Joshua Ferris leidet unter rätselhaften Anfällen: Er muss weglaufen, immer wieder.

A ls es wieder passiert, nach vielen Jahren, weiß seine Frau, was sie zu tun hat. Sie packt Thermounterwäsche in einen Rucksack, eine wattierte Hose und einen Daunenanorak. Sie schmiert die kälteempfindlichen Stellen seines Körpers mit Vaseline ein und redet mit ihm über gemeinsam Erlebtes, über gemeinsame Pläne. Doch irgendwann schläft sie ein. Und als sie wieder aufwacht, ist er weg.
Tim Farnsworth und seine Frau Jane sind ein gutes Paar, auch nach vielen Jahren Ehe. Sie begehren sich nach wie vor. Sie haben ein Haus mit dekorativen Messingtöpfen in der Küche, eine pubertierende Tochter, und Tim ist Partner in einer Anwaltskanzlei in Manhattan. Sie führen nach westlichen Maßstäben ein geglücktes Leben. Bis Tim wieder wegrennen muss. Es beginnt mit innerer Unruhe, die so stark wird, dass ihn nichts mehr hält, nicht mal sein rationaler Wunsch zu bleiben. Er beginnt einfach zu laufen, ohne nachzudenken, immer weiter, egal wohin, und noch weiter, bis zur völligen Erschöpfung, dann bricht er zusammen. Manchmal hat Tim sein Handy dabei, und seine Frau kann ihn irgendwo am Rand von New York orten, auf einem Parkplatz, in einem Hauseingang oder auf dem Grünstreifen einer Schnellstraße. Dann lädt sie ihn in ihr Auto und fährt ihn nach Hause.
Wenn man Joshua Ferris' Roman "Ins Freie" etwas vorwerfen kann, dann die überdeutliche Bildhaftigkeit des Weglaufens, das ja zwischen Frauen und Männern häufiger mal Thema ist. Der 35-jährige US-Autor Joshua Ferris macht aus diesem Motiv eine fiktive Krankheit, von der kein Arzt, den Tim aufsucht, sagen kann, ob sie nun physisch oder psychisch bedingt ist. Und er schildert die Zwänge und die Pein, die Tim empfindet, sobald er von einem neuen Anfall gepackt wird, so überwältigend und empathisch, dass man die etwas zu aufdringliche Metapher irgendwann verzeiht. Stattdessen wird "Ins Freie" mit jeder weiteren Seite zu einem ergreifenden Roman über einen Menschen, dessen Obsessionen und Sehnsüchte nicht mit dem Leben zu vereinbaren sind, das er gern führen würde.
FUSSNOTE: Auf Englisch heißt der Roman "The Unnamed", ein viel besserer Titel als "Ins Freie". Weil "The Unnamed" die Ambivalenz von Tims Obsession offenhält, und sie nicht als etwas Positives interpretiert. Zumal der Roman ausgesprochen düster endet und die Freiheit für alle nur einen schalen Kompromiss bedeutet. CLAUDIA VOIGT
JOSHUA FERRIS: "INS FREIE".
Aus dem am. Englisch von Marcus Ingendaay. Kunstmann; 352 Seiten; 19,99 Euro.
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FRAUENSCHICKSALE

Vom Trauma der Vergewaltigung handelt der Roman von Sofi Oksanen. Und von einem in Gefangenschaft geratenen Land.

M an könnte vermuten, dass Sofi Oksanen schon jede Frage zu ihrem in 13 Sprachen übersetzten Bestseller gestellt worden ist, aber falsch. Ob sie Fliegen möge, wollte kürzlich ein Journalist wissen, weil auf dem lila Cover der deutschen Ausgabe eine riesige Schmeißfliege abgebildet ist. Immer noch irritiert blicken ihre umrahmten dunklen Augen aus dem mit einer Schicht weißem Glitzerpuder zur Maske geschminkten Gesicht. Fliegen mögen? Mal abgesehen davon, dass die Originalausgabe eine alte Frau zeigt - die Finnin Oksanen, 33, könnte ja noch nicht einmal sagen, ob sie die Hauptfigur ihres Romans mag: die Estin Aliide Truu, die als junges Mädchen von Russen vergewaltigt wird und ihren Peinigern zu entkommen versucht, indem sie sich vorstellt, sie sei die Fliege, die über ihre Brust spaziert; und die später ihre Schwester ausgerechnet an die Russen verrät, um deren Ehemann für sich zu behalten.
Aliide Truu ist eine ziemlich sperrige Protagonistin, von der man nie weiß, ob sie Böses tut, weil sie Gutes will, oder, genau umgekehrt, ob sie Gutes tut, weil sie Böses will. Eben diese psychologische Mehrdeutigkeit macht "Fegefeuer" zu einem brillanten Roman, der auf dem Hintergrund des mal von den Deutschen, mal von den Russen besetzten und endlich freien Estlands die Geschichte von Aliide, ihrer älteren Schwester Ingel und deren Enkelin Zara erzählt - auch diese drei Frauen verbringen, wie ihr Land, lange Jahre in Gefangenschaft, in der von Männern oder in der eines anderen Landes, das sie nicht mehr verlassen dürfen.
"Ich habe das Buch von Slavenka Drakulic über die Vergewaltigungslager während des Bosnien-Kriegs gelesen", erzählt Oksanen, "und ich fragte mich: Wie konnte dieses Verbrechen heute mitten in Europa möglich sein?" Sie begann zu recherchieren, welche psychischen Spuren Vergewaltigungen bei den Opfern hinterlassen. "Ich war erstaunt, dass die Verhaltensmuster nach einer Vergewaltigung immer dieselben sind, egal welche Nationalität, welche Religion, welche individuelle Lebensgeschichte die Frauen haben: Sie können anderen Menschen nicht mehr in die Augen sehen."
Niemanden ansehen, um nicht gesehen zu werden - eine Theaterbühne, fand Oksanen, würde das Leiden noch mehr ausstellen, und schrieb ein Stück über das Thema. Und damit eine Hauptrolle für die 77-jährige Schauspielerin Tea Ista, die nach Oksanens Meinung zu selten engagiert wurde, weil es für alte Damen keine Rollen gibt. Das Stück wurde ein riesiger Erfolg in Finnland, damals hatte sich Oksanen schon mit zwei Romanen einen Namen gemacht. Aber Ingel, Aliides ältere Schwester, fehlte in dem Text. Oksanen fand die Figur so spannend, dass sie für Ingel einen Monolog schreiben wollte. Das Ergebnis war der Roman "Fegefeuer".
Zwischen den neunziger Jahren und der dramatischen Zeit von 1936 bis 1950 hin und her springend, erzählt der Roman die Geschichte von Aliide Truu, die sich in den Bauern Hans, Ingels Mann, verliebt, diese unerwiderten Gefühle in sich vergräbt, aber in all ihrem Handeln von ihnen angetrieben wird. Hans ist estnischer Nationalist, die Deutschen sind für ihn Befreier, die Russen Besatzer, weshalb die Schwestern ihn nach dem Abzug der Deutschen auf ihrem Hof verstecken müssen. Um sie zum Verrat zu zwingen, vergewaltigen die Russen Aliide und Ingels kleine Tochter, doch keine von ihnen gibt das Geheimnis preis. Aliide sieht nur einen Ausweg: Sie heiratet einen russischen Funktionär, der sie, Ingel und - ohne davon zu wissen - auch Hans dauerhaft vor der Gewalt der Besatzer schützen soll.
Parallel dazu schildert Oksanen das Schicksal von Zara, Ingels Enkelin, die bei Mutter und Großmutter in Moskau aufwächst und die mit den üblichen falschen Versprechungen von Schleppern nach Deutschland gelockt wird, wo sie man sie zur Prostitution zwingt. Bis es ihr endlich gelingt, sich zu befreien und in das abgelegene estnische Dorf zu flüchten, in dem Aliide lebt.
Spannend, bewegend, kraftvoll, originär, souverän, man kann gar nicht genug Adjektive finden, um den auch international preisgekrönten Roman angemessen zu beschreiben. Während des Studiums an der Theaterakademie sagte Oksanens Professorin nach Lektüre des Manuskripts für den Debütroman, sie solle die Kurse an der Uni vergessen und nur schreiben, so außerordentlich sei ihr Talent. Oksanen ist auch als Erscheinung außergewöhnlich, ihre Haare hat sie zu einem Berg von schwarz-lila Dreadlocks aufgetürmt und einen sehr eigenen Gothic-Stil mit schwarzem Rock, Netzstrümpfen und roten Lack-Stilettos für sich erfunden.
Zwei weitere Romane über Estland möchte Sofi Oksanen noch schreiben. Viele Kindheitssommer hat sie in diesem Land verbracht, aus dem ihre Mutter stammt, in dem ihre Großeltern lebten und dessen Geschichte, so Oksanen, eine junge Generation von Historikern gerade neu erforsche.
Auch sie entdecke das Land bei ihren Recherchen immer mehr, unter anderem mit Hilfe alter Frauenmagazine. "Für das alte Berlin oder Paris hatte ich Bilder im Kopf, aber Estland war ein blinder Fleck." Besser als mit ihren Romanen kann man ihn nicht füllen.
FUSSNOTE: Oksanen hat die Texte für das sehr lustige Musical "High Heel Society" geschrieben, das vor zwei Jahren in Helsinki Premiere hatte. "In jedem Song kommen Schuhe und Absätze vor", sagt Oksanen, doch es gehe nicht um Mode, sondern um den oft eher unterschätzten Intellekt von Frauen.
SOFI OKSANEN: "FEGEFEUER".
Aus dem Finnischen von Angela Plöger. Kiepenheuer & Witsch; 400 S.; 19,95 Euro.
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LOVESTORY

Michael Köhlmeier schreibt über kleine Lügen und große Abgründe.

M adalyn liebt Moritz. Und Moritz liebt Madalyn, so sieht es zumindest aus. Achtmal ruft Moritz sie an, um sich mit ihr zu verabreden, und wie eilig sich die beiden auf eine Uhrzeit einigen, ist rührend unbeschwert: "Auflegen und los". Moritz hat ein Graffito für Madalyn auf eine Mauer gesprüht, drei Leitern will er zusammengebunden haben, nur um es für sie zu sprayen. Am nächsten Tag erkennt sie, dass darunter "Für Claudia" steht. Köhlmeiers "Madalyn" ist eine hinreißende Geschichte über die erste Liebe, das Lügen und die Literatur. Mit einer ausgesprochen klaren Sprache und einer vermeintlich banalen Geschichte beschreibt Köhlmeier, 60, brillant die kleinen Lügen und die großen Abgründe in Familien. Seine kurze Erzählung wählte die Jury des Deutschen Buchpreises unter die 20 besten Neuerscheinungen.
FUSSNOTE: Erzählt wird die Lovestory von Madalyns einzigem Vertrauten: einem Wiener Schriftsteller, der in der Wohnung über Madalyn wohnt. Leser von Köhlmeiers "Abendland" kennen ihn bereits: Es ist Sebastian Lukasser. NORA REINHARDT
MICHAEL KöHLMEIER: "MADALYN".
Hanser; 176 Seiten; 17,90 Euro.
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JAPAN-EPOS

Gewalt und Liebe: ein komplexes Werk von Haruki Murakami.

Japan, 1984: Aomame ist Kampfsporttrainerin in Tokio und beseitigt im Auftrag einer alten reichen Dame Männer, die Frauen misshandelt haben. Tengo ist Mathematiklehrer und Autor, bisher ohne Veröffentlichungen. Er überarbeitet das Erstlingswerk der 17-jährigen Fukaeri. In diesem Roman-im-Roman erzählt sie von ihren Erlebnissen als Tochter des "Leaders" einer spirituellen Kommune. All dies wird Teil der Realität von Aomame und Tengo. Murakami, 61, verwebt in seinem in jedem Sinne phantastischen Roman alle Erzählstränge miteinander und verbindet sie mit japanischer Geschichte. Es geht um Autonomie und Liebe, um alternative Entwürfe zu einer Welt der Gewalt.
FUSSNOTE: Der Titel ist ein Spiel mit dem japanischen Wort für "9" - kyu - und der englischen Aussprache von "Q", das auch für "question mark" steht. "1Q84" zeigt eine Welt, in der man alles hinterfragen sollte, auch sich selbst. RENATE OBER
HARUKI MURAKAMI: "1Q84".
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. Dumont; 1300 Seiten; 32 Euro. Ab 5.10.
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GESELLSCHAFTSKRITIK

Verzicht predigen, Gier leben: Ian McEwan verspottet einen Klimaforscher mit Doppelmoral.

Michael Beard ist unersättlich. Zum fünften Mal verheiratet, hat er auch in dieser späten Ehe kaum eine Affäre ausgelassen, und sein Appetit beim Essen findet ebenfalls nur schwer eine Grenze. Dabei ist der Anfang 50-jährige Beard alles andere als attraktiv, aber er ist Nobelpreisträger. In jungen Jahren hat er den Preis erhalten, fiebrige Forschung ging der Anerkennung voraus, was folgte, waren zunehmende Mattigkeit und Gier. Ian McEwan, 62, hat "Solar" als Satire angelegt. Schon mit dem ersten Satz macht er deutlich, dass sein Held nicht die Sympathien des Autors hat und nur schwer die des Lesers gewinnen wird. Dieser Beard ist eine Parabel auf jeden von uns, auf unseren rücksichtslosen Konsum von Energie und natürliche Ressourcen. Denn Beard ist nicht zufällig Physiker und Klimaforscher. In Vorträgen entwirft er den Schrecken einer drohenden Klimakatastrophe, und in dem Institut für erneuerbare Energien, das er leitet, wird an mobilen Windrädern für Dächer von Privathäusern gebastelt. Aber im Grunde interessiert Beard sich nur noch für sein eigenes Wohl. Bis eine Affäre seiner Frau Patrice der trägen Selbstgefälligkeit ein Ende macht. Dass Michael Beard mehr ein Ideenträger als eine vielschichtige Persönlichkeit ist, macht die Schwäche dieses Buchs aus. Bald begreift der Leser, dass McEwan seinem Helden keine unerwartete Entwicklung zugestehen wird und dass sich Beard in schöner Parallele zum Weltklima auf die Katastrophe zu bewegt. Aber McEwan ist zugleich - und vor allem auch nach seinen komplexen Romanen "Abbitte" und "Saturday" - ein äußerst gewiefter Autor, der die psychologische Dynamik von Situationen wie kaum ein anderer beschreiben kann. Es gibt auch in diesem Roman herausragende Sequenzen, etwa wenn Beard mit internationalen Künstlern eine Woche lang die Antarktis besucht oder wenn er nach einem Flug mit zu viel Essen und Alkohol einen Vortrag über das Weltklima hält. McEwan hat das Thema umfangreich recherchiert, für manche Passagen hat er den fachlichen Rat von Physikern eingeholt. Und so ist "Solar" auch Beispiel dafür, wie sich Literatur in entscheidende zeitgenössische Fragen einmischen kann.
FUSSNOTE: Manchmal geht die Eitelkeit mit McEwan durch. Dann dehnt er den Erzählfluss unnötig und teilt Seitenhiebe aus, etwa gegen die britische Presse, die den Roman schwächen.
CLAUDIA VOIGT
IAN MCEWAN: "SOLAR".
Aus dem Englischen von Werner Schmitz. Diogenes; 416 Seiten; 21,90 Euro.
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POLIT-PROTOKOLL

Sein Name ist eine Marke in der Literatur. Erich Hackl schreibt eine private Geschichte in die große Geschichte ein - das Schicksal einer politisch verfolgten Familie.

Manchen gilt Erich Hackl, 56, als Poet zweiter Klasse. Weil er ähnlich arbeitet wie ein Journalist oder ein Historiker, weil er wahre Geschichten rekonstruiert, weil er Zeitzeugen befragt und Archive durchwühlt, weil er einen Chronistenstil pflegt, klar und lapidar im Ton. Manche schimpfen Hackls Methode eine Masche, weil er ihr seit über drei Jahrzehnten treu ist, weil sich seine Bücher extrem ähneln, stilistisch und thematisch, weil er immer wieder Lebensläufe politisch Verachteter, Verstoßener, Verfolgter nachschreibt, sei es in "Abschied von Sidonie" oder in "Sara und Simón" oder in "Die Hochzeit von Auschwitz". Und sie liegen so falsch ja nicht, mit ihren Beobachtungen, mit ihren Urteilen jedoch umso mehr. Der Name Erich Hackl ist eine Marke dank wunderbar sensibler Schicksalsprotokolle, einzigartig in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.
In seinem neuesten Buch "Familie Salzmann" erzählt Hackl eine Geschichte über drei Generationen, über 100 Jahre und die Gegenwart: die Großeltern kommunistische Widerstandskämpfer gegen das Nazi-Regime, der Vater aus politischer Überzeugung erst in die DDR gezogen und dann aus ihr geflohen, der Enkel an seinem Arbeitsplatz im heutigen Österreich, bei der Steiermärkischen Gebietskrankenkasse in Graz, als "Oberrabbiner" beschimpft und als Querulant gekündigt, nachdem er erwähnt hatte, seine Großmutter sei im KZ umgekommen.
Hackl schreibt nicht die eine Wahrheit, wie könnte er, er schreibt nach der Wahrheit, er ist ihr hinterher, und er verbirgt das nicht: Detailversessen notiert er Fakten um Fakten, baut historische Dokumente ein, zitiert Briefe der Betroffenen, benennt aber auch Leerstellen seiner Recherche, etwa wenn er über Gefühle und Motive mutmaßt und dabei zu Wendungen greift wie "vielleicht", "vermutlich", "kann sein" und "anzunehmen". Erneut gelingt es Hackl, eine private Geschichte in die große Geschichte einzuschreiben, eine Geschichte zu schreiben für die Menschen, über die er schreibt. Wirklich erstklassig.
FUSSNOTE: Eines der berührendsten Bücher zu Argentinien, dem diesjährigen Gastland der Buchmesse, hat der Hispanist Hackl schon 2007 vorgelegt: "Als ob ein Engel", eine Spurensuche nach Gisi Tenenbaum, einer der Tausenden Verschleppten der argentinischen Militärjunta. TOBIAS BECKER
ERICH HACKL: "FAMILIE SALZMANN".
Diogenes; 192 Seiten; 19,90 Euro.
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SCHELMENROMAN

Wie man es vermeidet, Künstler zu werden, davon erzählt Rafael Horzon in seinem Debüt.

Rafael Horzon, 40, kommt die Ehre zu, ein ganz neues Genre erfunden zu zu haben: den Nicht-Künstlerroman. Anders als der Künstlerroman, der meist davon handelt, dass ein junger Mann in die große Stadt geht und sich den Konventionen der Gesellschaft entzieht, indem er sein Leben der Kunst weiht, versucht die Hauptfigur von "Das weiße Buch" das genaue Gegenteil. Er zieht nach Berlin und versucht verzweifelt, kein Künstler zu werden. Keine leichte Aufgabe in einer Stadt, die von Nachwuchskünstlern wimmelt. Ehrliche Arbeit soll es sein, mit der er sein Geld verdienen möchte, so macht er ein Möbelhaus auf, eröffnet eine private Hochschule, fährt Pakete aus und gründet eine Partnertrennungsagentur. Geschrieben mit Anklängen an den Schelmenroman des 19. Jahrhunderts, ist das äußerst komisch - zumal Horzon sein eigenes Leben aufschreibt, den Möbelladen gibt es wirklich, im Wesentlichen wird dort ein einziges Modell verkauft, ein Regal. Interessanterweise wird es oft selbst für Kunst gehalten. Nun kann man im Laden das Buch kaufen. Das ist Kunst, manchmal große Kunst.
FUSSNOTE: Im zweitletzten Kapitel springt die Erzählperspektive vom Ich zum Er: verwirrend. TOBIAS RAPP
RAFAEL HORZON: "DAS WEIßE BUCH".
Suhrkamp; 220 Seiten; 15 Euro.
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SELBSTBESPIEGELUNG

Im Gefängnis schrieb Frédéric Beigbeder seine Lebensgeschichte zwischen partyseligem Aufsteigertum und verarmtem Adel. Eine Mischung aus Selbstmitleid und Selbstironie.

Dieses Buch beginnt mit dem Wort Ich. Natürlich lässt sich ein autobiografischer Roman schlecht ohne "Ich" schreiben, aber bei diesem Autor hält man es für ein Zeichen, denn Frédéric Beigbeder ist, das ist auch jenseits der französischen Grenzen bekannt, nicht nur ein Erfolgsautor ("39,90"), sondern außerdem ein Medienstar und Ex-Werber, und weil alle Vorurteile stimmen, ist seine Droge der Ego-Stoff Kokain. Die Droge wird Beigbeder im Januar 2008 zum Verhängnis, als er auf offener Straße beim Koksen erwischt wird und dafür zwei Tage ins Untersuchungsgefängnis muss. Das ist die Rahmenhandlung dieses Romans. Im Knast hockend, beginnt der Autor sich auf seine Kindheit zu besinnen, die er bis dahin vergessen und entsorgt glaubte.
Beigbeder, 45, beginnt die Familiengeschichte bei seinem adeligen Urgroßvater, der im Ersten Weltkrieg starb, und ist bald in dem Haus seiner Großeltern im Baskenland angekommen, in dem er als Kind glücklich war. Was folgt, ist eine emotional lange nicht verarbeitete Scheidung der Eltern, da ist Beigbeder sieben, und ein Leben zwischen partyseligem Aufsteigertum (beim Vater) und verarmtem Adel (bei der Mutter). Die Rivalität zum nur gut ein Jahr älteren Bruder, der immer alles richtig macht, lässt Frédéric, so analysiert er es selbst, keine andere Wahl als die Rebellen-Pose.
Der Verdacht drängt sich auf, dass Beigbeder diese Erkenntnisse nicht alle auf der harten Knastpritsche gekommen sind, sondern sie auch mit der Psychologin zu tun haben, die er eher am Rand erwähnt. Aber das tut nichts zur Sache, es ist ja ein Roman. Was ihn so besonders macht, ist seine brillante Sprache, der Therapeuten-resistente Ton und die Haltung, genau auf der Spitze von Selbstmitleid, Selbstüberschätzung und Selbstironie balancierend. Ob das tatsächlich so typisch französisch ist, wie der Titel glauben macht (Motto: "L'Etat c'est moi"), sei dahingestellt. Es könnten sich aber eine Menge Männer aus Beigbeders Generation darin wiedererkennen. Wenn sie so ehrlich sind wie der Autor.
FUSSNOTE: Fast schon rührend ist es, dass ein Autor, der gerade ein ganzes Buch über sich selbst geschrieben hat, so kindlich stolz ist, wenn er in einem anderen Roman vorkommt, dass er es gleich in der Zeitung verkündet. "Moi, Frédéric B., personnage de roman" heißt Beigbeders Beitrag in "Le Monde" vom 3.9.2010 über seine Rolle im neuen Werk von Michel Houellebecq. ANKE DüRR
FRéDéRIC BEIGBEDER: "EIN FRANZöSISCHER ROMAN".
Aus d. Französischen von Brigitte Große. Piper; 256 S.; 19,95 Euro.
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BALKANBUCH

Melinda Nadj Abonji ist als Ungarin in Serbien geboren, lebt in der Schweiz und ist nun für den Deutschen Buchpreis nominiert - mit einer intelligenten Integrationsgeschichte.

Z wei Jahre ist es her, da wetterte Daniel Kehlmann gegen den Deutschen Buchpreis, weil er den Blick der Rezensenten verenge, weil die Rezensenten nur noch Bücher besprächen, die für den Buchpreis im Gespräch seien. Da war etwas dran, na klar, dieses Jahr aber, da gibt es ein herrliches Gegenbeispiel, da ist es der Jury gelungen, mit ihrer Shortlist der besten sechs Titel den Blick der Rezensenten zu weiten, so weit, dass sogar das Buch einer weithin unbekannten Schweizerin ungarisch-jugoslawischer Herkunft in einem kleinen, jungen österreichischen Verlag sichtbar geworden ist: "Tauben fliegen auf" von Melinda Nadj Abonji, erschienen bei Jung und Jung. Auf seiner Liste hatte das bis dahin kaum jemand.
Abonji, 1968 in der Vojvodina geboren und als Kind in die Schweiz gekommen, erzählt von Ildiko, die als Angehörige der ungarischen Minderheit ebenfalls aus der Vojvodina in die Schweiz gezogen ist, mit ihrer Schwester Nomi und ihren Eltern. Sie sind eingebürgert, nach bestandenem Test und öffentlicher Abstimmung, sie führen ein Café, alteingesessen und in bester Seelage, sie haben es geschafft, könnte man meinen, aber Abonji erzählt von einem Leben in einem Dazwischen, zwischen hier und dort, heute und damals, sie erzählt von Reisen in die Vojvodina zu Hochzeiten und Todesfällen, vom Leid der Familie unter Faschisten und Kommunisten, vom Krieg auf dem Balkan und von Flüchtlingen in der Schweiz, und sie erzählt von der devoten Arbeit im Café, in dem Ildiko ihr Servicegesicht nicht mehr aufrechterhalten kann, als einer ihrer ach so kultivierten Gäste das Klo mit Kot beschmiert.
Abonjis Geschichte ist gut, ein Ereignis aber ist ihre Sprache, die strömt und stockt und strömt, in langen Sätzen, ein Satz pro Absatz nicht selten, die mal sehnsüchtig ist und mal gehetzt, die überläuft vor Beobachtungen, Gedanken, Erinnerungen, minutiös wie der Off-Text einer Filmfassung für Blinde, wie die Szenenbeschreibung eines Films, der ihr Leben ist. Als schaute sie sich ihn von außen an, beteiligt und unbeteiligt zugleich.
FUSSNOTE: Im Scheinwerferlicht der Literaturszene stand Melinda Nadj Abonji schon einmal: 2004 las sie beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt - und bekam heftige Juryprügel. Kurz vor der Preisverleihung enterte sie die Bühne, geißelte den "eitlen Medienzirkel" und erklärte den Wettbewerb für überflüssig. Ein Skandälchen. TOBIAS BECKER
MELINDA NADJ ABONJI: "TAUBEN FLIEGEN AUF".
Jung & Jung; 320 Seiten; 22 Euro.
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DIKTATUR-CHRONIK

Im Januar starb der argentinische Autor Tomás Eloy Martínez. Sein letztes Buch wurde auch sein persönlichstes.

Der Ich-Erzähler in Tomás Eloy Martínez' Roman "Purgatorio" ist ein älterer argentinischer Schriftsteller, der einst ins Exil ging und irgendwann in New Jersey gelandet ist, wo er versucht, seinem kranken Körper die letzten Jahre abzutrotzen. So wie Martínez selbst, der in seinen Büchern ("Santa Evita") immer gern Fiktion und Realität mischte und im letzten Roman vor seinem Krebstod im Alter von 75 Jahren sogar die eigene Person zum Protagonisten erklärt hat. Doch nur als Nebenfigur - denn eigentlich geht es um die traurige Emilia, die seit 30 Jahren ihren Mann sucht, einen der 30000, die während der letzten Militärdiktatur in Argentinien verschwunden sind. Eines Tages steht er wieder vor ihr, in 30 Jahren nicht geal-tert, und bietet seine Liebe an. Wahn und Wirklichkeit sind bei Martínez oft eins, und so fächert er mit der unwahrscheinlichen Wiedervereinigung dieses Paares eine bittere Familiengeschichte auf, die auch wütende Anklage ist, gegen die Militärjunta und ihre Unterstützer. Ein Roman wie ein Fiebertraum, das würdige Vermächtnis eines großen Erzählers.
FUSSNOTE: Den Titel "Purgatorio" ("Fegefeuer") lieh sich Martínez vom zweiten Teil der "Göttlicher Komödie" Dantes. Jedes der fünf Kapitel wird mit einem Vers daraus eingeleitet. DANIEL SANDER
TOMáS ELOY MARTíNEZ: "PURGATORIO".
Aus dem Spanischen von Peter Schwaar. S. Fischer; 300 Seiten; 19,95 Euro.
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KIFFERROMAN

Ein bedröhnter Detektiv trifft auf irre Zahnärzte: Thomas Pynchon überrascht mit Komik.

D ieses Buch dürfte der größte Kiffer-Roman der Literaturgeschichte sein. Nicht notwendigerweise weil es für Kiffer geschrieben worden wäre - wie die "Illuminatus"-Trilogie oder "Per Anhalter durch die Galaxis". Auch nicht, weil sein Autor als Haschkonsument gilt, dieser Ruf bleibt Walter Benjamin oder Mark Twain vorbehalten. Nein, es dürfte schlicht keinen Roman geben, dessen Personal so unglaublich viel kifft wie Larry "Doc" Sportello und die anderen Figuren aus "Natürliche Mängel". Morgens, mittags, abends, spätabends. Im Büro, vor dem Essen, nach dem Essen, im Auto, bei den Ermittlungen - ständig glüht der Joint. Passend für einen Roman von Thomas Pynchon, 73, der ja als der große Paranoiker der US-Literatur gilt: Dauerkiffen führt schließlich zu Verfolgungswahn. Wobei das Buch eigentlich ein Kriminalroman nach dem Muster der schwarzen Serie ist. Frau kommt zu Privatdetektiv, weil ihr Mann verschwunden ist, er beginnt ihn zu suchen, auf einmal hat er eine Leiche am Hals und Polizisten im Nacken, die ihn nicht leiden können. Nur ist Sportello eben weichgekifft und nicht hartgesotten. So wankt er durch das Los Angeles des Jahres 1970, einer Stadt voller Hippies und Freaks im Abendleuchten ihrer Gegenkultur, Charles Manson und seine Bande sind gerade angeklagt worden, Langhaarige werden schräg angeschaut. Er sucht den Verschwundenen und findet alle möglichen anderen Irren. Eine Zahnarzt-Organisation, die in den Drogenhandel verstrickt ist, eine Surf-Band, die ein Leben der sexgesättigten Dauerausschweifung führt, einen Anwalt, der auf Donald Duck spezialisiert ist. "Natürliche Mängel" ist bei seinem Erscheinen in den USA fast durchgehend gelobt worden, im Vergleich mit den monströsen Textgebirgen der Vorgängerromane "Mason & Dixon" und "Gegen den Tag" ist es zugänglicher und heiterer. Die Dialoge sind oft umwerfend komisch, und die große Zivilisationskritik, die die anderen Bücher Pynchons prägt, findet sich nur in Spurenelementen. Pynchon bezahlt für diese Leichtigkeit mit inhaltlicher Orientierungslosigkeit. "Natürliche Mängel" gleicht einer Fassade, hinter der kein Haus steht. Aber vielleicht muss das so sein, beim größten Kifferroman der Literaturgeschichte.
FUSSNOTE: "Pig" Bodine, ein dauerbetrunkener Seemann, der durch viele Pynchon-Geschichten stolpert, fehlt in "Natürliche Mängel". TOBIAS RAPP
THOMAS PYNCHON: "NATüRLICHE MÄNGEL".
Aus d. am. Englisch v. Nikolaus Stingl. Rowohlt; 480 S.; 24,95 Euro.
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JOURNALISTENROMAN

In seinem Buch über Auf- und Abstieg einer Zeitung porträtiert Tom Rachman ein paar tragische Helden der Branche.

Ruhm ist oft nur ein Gerücht, das ist die Regel der modernen Medienwelt, der Roman "Die Unperfekten" des 1974 in London geborenen Tom Rachman aber hat eine ziemlich einzigartige Vorabberühmtheit erlangt: als Vorschusslorbeerensensation. Das Manuskript machte angeblich bei den wichtigen Verlagsagenten des angloamerikanischen Markts derart viel Eindruck und so phänomenal hohe Vorauszahlungen locker, dass die Neugier zumindest der Literaturwelt auf dieses Werk ins schier Ungeheure wuchs - und von der Gier auf Neues, auf kurzlebige Sensationen, auf höchst verderbliche Helden für einen Tag handelt ironischerweise auch das Buch.
"Die Unperfekten" ist ein Journalistenroman, der von der Gründung und vom Untergang einer Zeitung erzählt. Fünf Jahrzehnte liegen zwischen dem Tag im Jahr 1953, an dem ein amerikanischer Millionär aus einer Laune heraus beschließt, in Rom eine englischsprachige Tageszeitung mit internationalem Anspruch zu gründen. Er tut es vor allem, um einer Frau zu gefallen, die mit einem anderen Mann verheiratet ist. Dass er das Ehepaar sogleich mit der Leitung der Zeitung betraut, ist natürlich nicht bloß ein Akt der Liebe, sondern auch einer der Rache. Der Doppeljob attackiert das Glück des Paares.
Die Zeitung bringt ihrem Eigner Renommee, aber nie viel Geld. Die angestellten Journalisten, auch neue Chefs, kommen und gehen - aber wen zur Hölle interessieren schon Journalisten? Das ist das kleine Wunder dieses Buchs und eines Autors, der natürlich selber jahrelang als Zeitungsjournalist gearbeitet hat, unter anderem bei der "International Herald Tribune" und als Rom-Korrespondent einer Agentur. Rachmans Roman ist eine oft rührende, oft schamlos melodramatische Huldigung an die Sorte Leute, die im Zeitungsgewerbe arbeiten. "Die Unperfekten" erstellt eine Typologie aus dem Bauch und dem Umfeld einer Redaktion. Der Leser lernt einen tragischen Auslandskorrespondenten kennen, der ausgemustert in Paris vor sich hin vegetiert, einen Nachrufeschreiber und einen blutjungen Anfänger mit brennendem Ehrgeiz und ohne jedes Talent; aber auch die treueste Leserin der Zeitung und die liebestolle Finanzchefin des Unternehmens. Und in jedes dieser Porträts, die sich mehr und mehr der Gegenwart des 21. Jahrhunderts nähern, hat der Autor eine hohe Dosis Pointen und viel Schicksal gepackt.
Rachman schreibt flinke, gerade Sätze und schraffiert seine Figuren mit kraftvollen Strichen, nie macht er einen Hehl daraus, dass die Kolportage und die Reportage eng verwandte Genres sind. Die privaten Unglücksfälle und Neurosen der Helden befeuern den Motor dieser schnurrenden Erzählmaschine. Voller Liebe schildert der Autor die Macken und Manien der Zeitungsmacherspezies. So plastisch stolzieren großkotzige Frontberichterstatter und stolpern todesbleiche Schreibstubenexistenzen durchs Bild, dass man oft schon beim Lesen die Filmbilder einer unausweichlichen Kino-Adaption von "Die Unperfekten" vor Augen hat.
Ein wenig nervig ist allein, dass Rachman sein Buch partout zum großen Untergangsgesang auf das Printmedien-Zeitalter aufzupusten versucht. Am Ende ist die Redaktion ein Geisterort: "Verlassene Schreibtische und Kabel, die nirgends hinführen, kaputte Drucker, verkrüppelte Bürorollstühle." Also philosophiert der Autor: "In diesem Raum war einmal die ganze Welt gewesen. Jetzt war hier nur noch Müll." Man kann diese Art Newsroom-Poesie für tiefe Zeitkritik halten. Solange die Maschinen des angeblich so zukunftslosen Printjournalismus aber noch lustig weiterrotieren, nennen wir sie lieber: apokalyptischen Kitsch.
FUSSNOTE: Manche Jubel-Rezensenten dieses Romans haben gefragt, wieso nur so wenige Bücher von Journalisten handeln. Könnte daran liegen, dass Presseleute in Umfragen stets ganz mies wegkommen, stimmt aber einfach nicht. Riesig ist die Zahl der Journalisten-Romanhelden, die besungen wurden von Richard Ford, Daniel Kehlmann, Jay McInerney, Benjamin Stuckrad-Barre und vielen mehr. Hellmuth Karasek aber war es, der im Roman "Das Magazin" verriet, wie ein Chefredakteur sein Team optimal regiert: Er feuert prinzipiell jeden sechsten Artikel ungedruckt in den Müll! WOLFGANG HöBEL
TOM RACHMAN: "DIE UNPERFEKTEN".
Aus d. Englischen von Pieke Biermann. DTV; 396 S.; 14,90 Euro.
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PHILOSOPHISCHE VERFOLGUNGSJAGD

Leichtfüßig folgt Peter Høeg einem gewitzt-versponnenen Geschwisterpaar.

Mit seinem Welterfolg "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" hat Peter Høeg, 53, Anfang der neunziger Jahre bewiesen, dass er seinen Hang zum Philosophischen durchaus in fesselnde, diesseitige Erzählungen zu verpacken versteht. In "Die Kinder der Elefantenhüter" erzählt er die Geschichte zweier gewitzter, versponnener und ein wenig vergeistigter Teenager, die ihre verschwundenen Eltern suchen und dabei zuerst in die Psychiatrie, dann in einen Kongress der Weltreligionen und schließlich in eine politische und religiöse Verschwörung geraten. Sein neues Buch sei das "leichteste und fröhlichste, das er je geschrieben" habe, sagt der Däne. Zu Recht - voller Witz und Fabulierfreude, mit ausgeprägtem Sinn für Abseitiges und Skurriles, verbindet er Familiendrama und Schelmenroman, Religionskritik und Kriminalroman. Nicht einmal die Ausflüge ins Phantastische und in die Esoterik stören allzu sehr.
FUSSNOTE: 1996 verschwand Høeg für beinahe zehn Jahre, nicht einmal sein Agent wusste, wo er war. 2005 spürte ihn eine Journalistin in einer ökologischen Kommune auf. JöRG BöCKEM
PETER HøEG: "DIE KINDER DER ELEFANTENHüTER".
Aus dem Dänischen von Peter Urban-Halle. Hanser; 488 Seiten; 21,90 Euro.
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GESCHWISTERTRAGöDIE

Von der Mutter früh verlassen, suchen in Rolf Lapperts Buch Bruder und Schwester auf verschollenen Inseln das bessere Leben.

Am Anfang steht ein Abschied wider Willen: Die Geschwister Tobey und Megan werden von ihrer Mutter verlassen. Ihren "Sonnenschein" hat die Mama zur Sicherheit mit einem Seil an der Veranda angebunden. Was die kleine Megan ins Grübeln bringt, als sie merkt, dass ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist: "Sie zog an der Leine. Kann aus einem Mädchen ein Hund werden wie aus einem Prinz ein Frosch?"
Vater Seamus O Flynn kann seine Kinder nicht über den Verlust der Mutter hinwegtrösten. Und fragt sich, ob er Schuld daran trägt, dass Megan eine so innige Beziehung zu Tieren entwickelt, der Sau aus einem Kinderbuch vorliest und schon als Vierjährige zur Vegetarierin wird, sich mit Menschen aber schwertut. Auch ihr Bruder Tobey ist ein Außenseiter. Halt sucht er in einer Band - und im Wegzug nach Dublin. Tobey und Megan verlieren sich aus den Augen. Die einzige Verbindung zueinander sind gefühlvolle Briefe, die Megan ihrem Bruder schreibt und regelmäßig an Tobeys Freund Barry sendet.
Rolf Lappert, 51, der seit Jahren in Irland lebt und für seinen Roman "Nach Hause schwimmen" 2008 mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet wurde, schickt seine Protagonisten zu den titelgebenden "Inseln des letzten Lichts", die in keiner Karte verzeichnet sind und die für beide die Hoffnung auf ein anderes Leben symbolisieren. Lappert vermischt seinen Familienroman mit Thrillerelementen. Das liest sich packend und berührend, weil Lappert seine Figuren mit liebevollem Blick beschreibt.
Tobey, der mit zwei unpraktischen Koffern ans andere Ende der Welt gereist ist, sucht auf den Inseln nach seiner Schwester - die dort als Primatenforscherin gearbeitet hat. Die vermeintliche Forschungsstation, in der das Kommunikationsverhalten von Affen untersucht werden soll, entpuppt sich jedoch als bizarres Anti-Paradies, in dem Bonobos (mit Hilfe von Wortkärtchen) aufrichtiger kommunizieren als die menschlichen Inselbewohner: Der angebliche Mediziner Tanvir zum Beispiel erzählt jedem Neuankömmling eine komplett andere Lebensgeschichte, je nach Wunsch in der langen oder kurzen Version. Die Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge, Gut und Böse zerfließen auf den Inseln. Und schnell wird klar: Ein besseres Leben erwartet die Geschwister auch hier nicht.
FUSSNOTE: Der Titel trifft es nicht: "Auf den Inseln des letzten Lichts" klingt eher nach Kitsch als nach Spannung. Passender wäre "Gefesselt" oder "Wo ist Megan?" RITA NIKOLOW
ROLF LAPPERT: "AUF DEN INSELN DES LETZTEN LICHTS".
Hanser; 544 Seiten; 24,90 Euro.
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LIEBESSCHMöKER

Ein Leben mit Bruchstellen - getarnt als Gefühlsduselei und klug erzählt von John Boyne.

Dass dies eine besonders gefühlsbetonte Liebesgeschichte ist, kann man schon daran erkennen, dass die beiden Liebenden an einigen Stellen des Romans GeorgiundSoja heißen. Genau so geschrieben. Kein Leerzeichen passt zwischen sie, was wohl etwas heißen muss, da jenes ja selbst noch zwischen Max und Moritz steht. Und selbst der russische Zar und seine Gattin, in deren Palais die Liebe beginnt, reden sich mit Kosenamen an (sie: Sunny, er: Nicky). Dies hätte also ein furchtbar kitschiger, vorhersehbarer Roman werden können - wenn John Boyne, 39, nicht so ein souveräner Autor wäre mit einem bewundernswerten Sinn für Dramaturgie: Er erzählt die Geschichte abwechselnd von ihrem Anfang und ihrem Ende her, beide Handlungsstränge laufen aufeinander zu. Und sind dabei so verschieden, dass man lange Zeit daran zweifelt, ob sie sich überhaupt treffen können. Natürlich ahnt man, dass die Frau an Georgis Seite in beiden Teilen der Geschichte dieselbe sein muss. Nur glauben kann man es nicht so recht. Das Porträt dieser Frau, die alles Unglück des Jahrhunderts anzuziehen und aufzusaugen scheint, macht diesen Roman so gut - und tatsächlich auch spannend. Was um Himmels willen musste geschehen, dass aus der unbeschwerten, vom Leben und den Eltern verwöhnten Zarentochter Anastasia die bittere Soja werden konnte, die davon überzeugt ist, den Menschen in ihrer Nähe nur Tod und Unglück zu bringen? Über mehr als 500 Seiten nimmt Boyne Anlauf für sein grausames Finale und schreibt dabei nicht nur die Zarendynastie zugrunde. Alle Kriege scheinen nur geführt, alle Freunde nur verbannt, gehängt oder geköpft zu werden, um dem Leben Sojas/Anastasias Dramatik zu verleihen. Schon nach seinem berühmten Vorgängerwerk, "Der Junge im gestreiften Pyjama", das den Holocaust als Kinderabenteuer erzählt, wurde Boyne vorgeworfen, sich nicht an historische Tatsachen zu halten. Und so sehr sich Sprache und Thema auch diesmal unterscheiden, macht sich Boyne mit der gleichen Selbstverständlichkeit die Geschichte zu eigen. Alle Paläste, alle Mitglieder des Hofstaats und selbst den Zaren höchstpersönlich macht er allein seiner Liebesgeschichte Untertan.
FUßNOTE: Folgende "Bravo"-Foto-Love-story-Momente lieber überblättern: S. 159, Zeile 19-23; S. 197, Zeile 25-33; S. 375, Zeile 32; S. 376, Zeile 2; S. 413, Zeile 30-32. MAREN KELLER
JOHN BOYNE: "DAS HAUS ZUR BESONDEREN VERWENDUNG".
Aus dem Englischen von Fritz Schneider. Arche; 560 Seiten; 24,90 Euro.
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PROVINZPORTRÄT

"Nu wo Anna nich mehr is" - Judith Zander lässt die Bewohner eines Dorfs in Vorpommern sprechen.

Anna Hanske ist gestorben. Sie lebte seit vielen Jahren im Dorf Bresekow in Vorpommern. Zur Beerdigung kehrt Annas Tochter Ingrid nach Hause zurück. Vor mehr als 20 Jahren hatte Ingrid das Dorf verlassen, der Grund für diese Abkehr schält sich langsam und kunstvoll aus der Erzählung heraus. Sie hat ihren fast erwachsenen Sohn Paul zur Trauerfeier mitgebracht, der seinem Namensvetter Paul McCartney verdammt ähnlich sieht und bei Romy und Ella, zwei Mädchen des Dorfs, nicht nur deshalb für einige Unruhe sorgt. Die 30-jährige Debütantin Judith Zander hat einen vielstimmigen Roman geschrieben, in dem die Dorfbewohner abwechselnd erzählen. Manchen Stimmen gelingen lebendig, andere klingen etwas hölzern.
FUßNOTE: Es dauert ein bisschen, bis man sich eingelesen hat. Ein Personenverzeichnis wie in großen russischen Romanen wäre nicht schlecht. CLAUDIA VOIGT
JUDITH ZANDER: "DINGE, DIE WIR HEUTE SAGTEN".
dtv; 480 Seiten; 16,90 Euro.
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ZEITANALYSE

Jonathan Franzens Helden suchen das ideale Leben. Vergebens.

D ieses Buch rührt an der großen Frage, wie wir diese 70, 80 Jahre Leben, die wir zu verbringen haben, wenn nicht sinnvoll, so wenigstens ohne Depressionen über die Runden bringen. Franzen, 51, der 2001 mit dem Familienroman "Die Korrekturen" den Hit des Jahrzehnts veröffentlicht hat, erweitert die Versuchsanordnung um Lebenskonzepte, die angeblich mehr Freiheit bieten, und stellt, glänzend erzählt, fast nebenbei die großen Gegensätze unserer Zeit gegenüber: Begehren gegen Berechnung, Prinzipien gegen Freiheit, Mensch gegen Natur, linksliberales Gutmenschentum gegen scharfsinnigen neokonservativen Zynismus. Am Ende stehen da Menschenleben gegeneinander, es sind nicht die glücklichsten. Dass der Leser sie doch liebt, darin liegt das Meisterhafte dieses Romans.
FUSSNOTE: 2008 tötete sich Franzens engster Freund, der Schriftsteller David Foster Wallace. Erst danach konnte Franzen mit diesem Buch beginnen.
PHILIPP OEHMKE
JONATHAN FRANZEN: "FREIHEIT".
A. d. amerikanischen Englisch von B. Abarbanell und E. Schönfeld. Rowohlt; 736 S.; 24,95 Euro.
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MIGRATIONSROMAN

Kim Thuy verwebt Kindheit, Flucht und Neuanfang zu einem zauberhaften Mosaik.

Es klingt wie eine der vertrauten Migrationsgeschichten: Kim Thuy wurde1968 in Saigon geboren, floh mit ihrer Familie nach Kanada und verarbeitet nun in ihrem Debütroman ihre Erinnerungen. Wie sie das tut, ist außergewöhnlich: In poetischen Prosa-Miniaturen, keine länger als drei Seiten, verwebt sie Fragmente der behüteten Kindheit mit dem Schrecken der Flucht, der Komik der Fremdheit in einem neuen Land. Erzählt von Klängen, Farben und Menschen, von Soldaten, die ihr Geburtshaus besetzt haben, ihrem autistischen Sohn, ihrer Rückkehr nach Vietnam und vor allem von der Mutter. Sie springt zwischen Zeiten und Orten, hangelt sich an einem Wort, einem Motiv von einer Erinnerung zur anderen und schafft so ein zauberhaftes Mosaik, in dem Familiengeschichte, Migrantenschicksal, Kulturgeschichte und die eigene Zerrissenheit abgebildet werden.
FUSSNOTE: Thuy sagt: "Man glaubt immer, das Leben von Einwanderern sei nur schwer. Und vergisst dabei, dass ihre Erfahrungen auch wunderbare, lustige, bewegende und oft ganz absurde Momente umschließen." JöRG BöCKEM
KIM THUY: "DER KLANG DER FREMDE".
Aus dem Französischen von A. Alvermann u. B. Große. Kunstmann; 160 Seiten; 14,90 Euro.
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FAMILIEN-SOAP

Ein Essayist wird in Doron Rabinovicis Verwirrspiel von einem Doppelgänger verfolgt.

Ethan Rosen ist nicht mehr ganz jung und doch ein kindischer Narr, und so trifft ihn die Liebe in einem Moment der schamlosen Schwindelei. Der jüdische Gelehrte Rosen gibt sich in einem Flugzeug voller Verrückter, die von Tel Aviv nach Wien unterwegs sind, gegenüber einer schönen jungen Frau als Touristen-Dumpfbacke namens Johann Rossauer aus, die Fremde aber durchschaut den Schwindel sofort: So geht dieses Buch los und dazu eine nette Liebesgeschichte. Doron Rabinovicis "Andernorts" ist ein Schelmenroman über einen sehr ernsten Helden. Ein kluges, komisches Verwirrspiel, in dem sich alle Menschen über das Einmaleins der Identität das Hirn zergrübeln und den Mund fusslig reden, über das Erbe der Ahnen und die Frage, ob es so etwas wie Heimat gibt. Rosen beschließt mit seiner schönen neuen Gefährtin Noa, Wien zu verlassen und nach Israel zu ziehen, dorthin, wo sie aufgewachsen sind und wo ihre Eltern leben. Der Held hätte in Wien Aussicht auf einen tollen Universitätsjob, er ist ein weltweit geachteter Essayist, in Tel Aviv trifft er auf einen sterbenskranken Vater und eine Welt, die ihm schlechte Laune macht. "Ich bin erst kurz im Land, aber will schon wieder weg", klagt er, "es ist wie eine Allergie", dann lamentiert er über den "Mischmasch aus Gott und Ghetto, Kitsch und Kischkes". Aber es kommt noch schlimmer. Ein Verfolger macht dem Helden das Leben schwer, eine Art Doppelgänger, der offensichtlich Rosens Job, seine Freundin und sogar Rosens Eltern okkupieren will. Natürlich erinnert die Gemengelage dieses Romans an Storys von Philip Roth und Woody Allen. Rabinovici, 48, aber schreibt in einem eigenen, manchmal ulkig dissonanten Ton und zettelt ein Chaos an, in dem sich die Erinnerung an den Holocaust und eine dreiste Familien-Soap zu einer amüsanten Tragikomödie fügen.
FUSSNOTE: Ein hochgeachteter Rabbiner behauptet in diesem Buch, er sei sicher, dass der Messias von KZ-Schergen noch im Bauch seiner Mutter umgebracht worden sei - deshalb will er ihn aus den Genen seiner nächsten Verwandten rekonstruieren. Rosen entlockt dieser Plan die Frage: "Rabbi, sind Sie total meschugge?"
WOLFGANG HöBEL
DORON RABINOVICI: "ANDERNORTS".
Suhrkamp; 288 Seiten; 19,90 Euro.
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ERINNERUNGSPORTRÄT

Andreas Maier phantasiert über Vergangenes, sein Roman ist wie ein vergilbtes Foto: der Auftakt zu einer elfteiligen Familiensaga.

Onkel J. war nicht die hellste Kerze im Leuchter, er war eine Zangengeburt, schmerzunempfindlich und unfähig zu lügen, ein komischer Kauz und ein Baustellenkiebitz, der sich für technische Dinge begeisterte und vielleicht für die ganze Welt, "als stünde er vor einer großen Spielzeugeisenbahn", er liebte Heino und Luis Trenker und zu Weihnachten die Glocken des Stephansdoms im Radio, er müffelte, weil er sich nur selten wusch, er hatte gelbbraune Finger, weil er drei Päckchen am Tag rauchte, er trug einen jagdfarbenen Parka und graubraune Polohemden, manchmal mit Gelbstich, bleiche, muffige Farben, er fuhr einen nazi-braunen Variant, "alles war braun an ihm".
Onkel J. lebte in den Wirtshäusern der Wetterau, und er wohnte im Keller der Bad Nauheimer Uhlandstraße, in jenem Zimmer, in dem Andreas Maier, 43, nun große Teile seines Romans "Das Zimmer" geschrieben hat, ein Erinnerungsporträt, phantasiert auf Faktenbasis: ein Roman wie ein vergilbtes Foto. Die Zeit steht still, es gibt keine Handlung, die sie nach vorn treibt, nur Maier bewegt sich wie ein Zeitreisender durch die Vergangenheit, als existierte sie irgendwo da draußen noch, die Vergangenheit, als hätte sie jemand angehalten, in einem Themenpark der sechziger und siebziger Jahre, der sich besichtigen lässt. Maier gebietet sich mehrfach Einhalt, er springt vor und zurück, er setzt neu an, "noch ist alles nicht so weit", "noch ist der Onkel jung", so wie Erzähler vor- und zurückspringen, wenn sie fortgerissen werden von ihrer Geschichte, ihrer Erinnerung.
"Sympathisch hätte der lebendige Onkel J. einem nicht sein können", sagt Maier, der Roman-Onkel ist es durchaus. Maier beschreibt ihn liebevoll, mit Pointen in lakonischem Ton, er zeigt ihn als Eingeborenen der Wetterau, der Vögel erkennen kann, als Naturmenschen, wie auch Maier einer ist, und er zeigt ihn als Aufschneider, der hemmungslos alles superlativiert, als Übertreibungskünstler, wie Maier selbst einer ist, der promovierte Schriftsteller, der seine Doktorarbeit zu Thomas Bernhard geschrieben hat. "Onkel J. war immer das schwarze Schaf der Familie", sagt Maier, und so handelt der Roman auch von Schuld und Sühne; er ist eine Wiedergutmachung, bei der das schlechte Gewissen mitschreibt.
Der Onkel ist die Hauptfigur in "Das Zimmer", und er ist die Eingangsfigur zu einem Romanzyklus, der Prologcharakter zu einem der zurzeit sicher ehrgeizigsten Projekte der deutschen Literatur. Maier plant ein elfteiliges Großwerk, jedes Jahr will er einen Teil schreiben, "die Titel sind schon alle da", sich dabei vom Kleinen ins Große vorarbeiten: das Zimmer, das Haus, die Straße, der Ort, irgendwann der Teufel und als Abschluss der liebe Gott. "Das ist wie eine Art Setzkasten, den ich vor mir habe", sagt Maier, der sich als krankhaft soziophob beschreibt, sich bedroht fühlt von Veränderungen. "Ortsumgehung" soll der Obertitel seines Opus magnum sein, eine Abrechnung mit unserem Zivilisationsbegriff, eine Krankheits- und eine Glaubensgeschichte.
Wer einen nostalgischen Roman erwartet, liegt jedoch falsch, auch "Heimat ist nur vordergründig ein Thema", entscheidend ist das, was Maier sein Lebensmotto nennt: "Nichts wollen". Passivität finde er unbedrohlicher als Aktivität, sagt er und spricht von der christlichen Einsicht, "dass wir, wie wir hier und jetzt sind und leben, immer falsch sind", weil wir uns hier und jetzt unser Paradies schaffen wollen. "Unschuld", sagt Maier, "hat für mich immer etwas zu tun mit einem Nicht-mitmachen-Können in der Welt." So wie Onkel J., "der stets mit einem Fuß im Para-dies geblieben ist", wie es im Roman heißt, dessen Sehnsuchtsort das Forsthaus Winterstein ist, ein einfaches Wirtshaus. In ihm mündet der Auftaktroman, in ihm ist der Onkel bei sich und Maier mit ihm.
FUSSNOTE: Maiers Stammkneipe ist das Apfelweinlokal "Zu den drei Steubern" in Frankfurt-Sachsenhausen, ein Ort, den er unbedrohlich findet, "weil er nicht so groß ist, weil der Schoppen immer gleich gut ist und weil die, die hierherkommen, nichts anderes wollen, als bis an ihr Lebensende nur hierherzukommen". Fast an jedem Öffnungstag sitzt er da, zum Dämmerschoppen, und wenn der alte Wirt mal nicht mehr keltern sollte, sagt Maier, "dann ziehe ich wohl weg".
TOBIAS BECKER
ANDREAS MAIER: "DAS ZIMMER".
Suhrkamp; 204 S.; 17,90 Euro.
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MACHTSTUDIE

Hilary Mantel rehabilitiert den "Sendboten des Teufels": Sie gibt Englands Staatsmann Thomas Cromwell ein menschliches Gesicht.

Hilary Mantels "Wölfe" ist ein historischer Wälzer, 768 Seiten dick, und er kommt daher wie viele historische Wälzer: in einem Umschlag, der irgendwie alt aussehen soll, aber billig wirkt, dunkelrot mit schwarzen Schlieren, brüchiges Leder imitierend. Auf ihm prangt ein Emblem, die Tudor-Rose: blutigrot und schmutzigweiß.
Eine Liebesgeschichte am Hof der Tudors könnte sich dahinter verbergen, süffig und süßlich, mit bösen Bösewichtern und schönen Hofdamen. Doch Mantels historischer Wälzer ist anders, besser. 2009 gewann sie mit ihm den Booker Prize, den wichtigsten britischen Literaturpreis. Sprachlich klar wie eine Regieanweisung, kommt "Wölfe" ohne die Versatzstücke der Schema-Literatur aus. Der historische Stoff, den die 58-jährige Britin gewählt hat, ist packend genug: Thomas Cromwell, Sohn eines saufenden Schmieds in Putney, arbeitete sich im 16. Jahrhundert zum mächtigsten Ratgeber von Tudor-König Henry VIII. empor. Seine Aufgabe war es, Henrys Scheidung von dessen erster Ehefrau Katherine durchzusetzen - gegen den Willen des Papstes und gegen die Mächtigen des eigenen Landes.
Penibel bewegt sich Mantel an den historischen Fakten entlang. Sie rückt der Figur Thomas Cromwell nahe, sie kriecht in ihn hinein, bis aus dem "er" ein "du" wird und manchmal ein "ich". Nicht einfühlend, sondern eindenkend zeichnet sie das Porträt eines Mannes, der in der Überlieferung bislang schlecht weggekommen ist: Die Intrige gegen Königin Katherine, die Enteignung der Klöster und die Hinrichtung des ehemaligen Lordkanzlers Thomas More haben Cromwell die Beinamen "Sendbote des Teufels" und "Hammer der Mönche" eingebracht.
Doch Mantel lässt sich von keiner Schwarzweißmalerei beirren: Sie gibt ihrem Protagonisten ein menschliches Gesicht hinter der Maske des kühl-berechnenden Staatsmannes, zeigt seine Zweifel und seine Zwänge, und sie zeigt seine abgebrühten politischen Gegner: allen voran Thomas More, den Autor von "Utopia", den die Nachwelt zum Menschenfreund und Märtyrer stilisierte. Alle sind sie in dieser Welt Schauspieler, die damit beschäftigt sind, ein passendes Gesicht zu machen, und alle sind sie Wölfe, die sich belauern.
FUSSNOTE: Rund 100 Lords, Hofdamen, Diener und Bischöfe treten in "Wölfe" auf. Praktisch, dass Mantel ein penibles Personenverzeichnis führt, wie in einem Theaterstück. SOPHIA EBERT
HILARY MANTEL: "WöLFE".
Aus dem Englischen von Christiane Trabant. Dumont; 768 Seiten; 22,95 Euro.
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POLIT-PROSA

Eine Bilderserie verschwindet, und Geheimnisse tauchen auf - Oksana Sabuschko ist ein Bestseller-Wunder.

Vieles von dem, was heutzutage die Bestsellerlisten anführt, zeichnet sich nicht unbedingt durch seine sprachliche Höhe aus. In der Ukraine jedoch belegt ein Buch seit seinem Erscheinen die Nummer eins der Verkaufsränge, das nicht nur die Ausnahme dieser Regel ist, sondern sogar ihr Gegenteil: Oksana Sabuschkos "Museum der vergessenen Geheimnisse" ist sprachlich derart reich und genau und darüber hinaus so politisch und anspruchsvoll, dass man sich unwillkürlich fragt, was in der Ukraine anders läuft. Die 1960 geborene Autorin wird in ihrer Heimat abwechselnd als "Enfant terrible" oder "zweiter Dostojewski" gefeiert und rührt offenbar an einen wunden Punkt ihrer Landsleute. Die Geschichten, die sie in ihrem zweiten Roman erzählt, handeln von drei Frauen, die Freundschaft und historische Zufälle miteinander verbinden. In der Mitte steht die prominente Fernsehjournalistin Daryna, die eines Tages - während sie schlechten Sex mit dem Kurator eines staatlichen Museums hat - auf ein Archivfoto der 1947 getöteten Partisanin Olena aufmerksam wird. Sie beschließt, eine Dokumentation über das Leben dieser Frau zu drehen. Fast zeitgleich kommt Darynas Freundin Wlada, Aushängeschild der ukrainischen Gegenwartskunst, auf einer Schnellstraße ums Leben, wobei ihr in der Szene hoch gehandelter Bilderzyklus "Geheimnisse" spurlos aus dem Auto verschwindet. Jene Geheimnisse sind auch das Leitmotiv dieses Buches. Wie sie verdrängt werden, wiederauftauchen, als Lügen zwischen den Menschen stehen, als Leerstellen unbewusst von Generation zu Generation weitergegeben werden, all diesen Fragen geht Sabuschko in ihrer erzählerischen Erkundung nach. Mit Sätzen so voll und temporeich wie Flüsse, kurz be-vor sie über die Ufer treten, berichtet sie aus dem von ihr selbst geschaffenen Museum für Ungesagtes. Die individuellen Schicksale der Figuren dienen darin als Repräsentationen der ukrainischen Geschichte im 20. Jahrhundert. Das ist umso spannender, als das Land der "Orange Revolution" seit den Präsidentschaftswahlen Anfang des Jahres einen Rollback ungeahnten Ausmaßes erlebt. Doch politisch schlechte Zeiten waren schon immer gute für Schriftsteller.
FUSSNOTE: Berühmt wurde Sabuschko mit ihrem, 2006 auf Deutsch erschienenen, Roman "Feldstudien über ukrainischen Sex", der sich in ihrer Heimat sagenhafte zehn Jahre auf der Bestsellerliste behauptete. SILJA UKENA
OKSANA SABUSCHKO: "MUSEUM DER VERGESSENEN GEHEIMNISSE".
Aus dem Ukrainischen von A. Kratochvil. Droschl; 760 S.; 29 Euro.

KulturSPIEGEL 10/2010
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KulturSPIEGEL 10/2010
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