30.10.2010

Neue Filme im November

AB 4.11.
Buried - Lebend begraben. Regie: Rodrigo Cortés. Mit Ryan Reynolds.
Ein Lkw-Fahrer aus den USA wird im Irak entführt und wacht unter der Erde in einer Holzkiste auf, die der Film die ganzen 95 Minuten lang nicht verlässt. Ausgestattet ist der Mann mit Handy, Feuerzeug, Leuchtstäben und einem Messer, einziger Besucher ist eine Klapperschlange. Nichts für Klaustrophobiker, für alle anderen eine bemerkenswert spannende Nervenzerreißprobe.
Carlos - Der Schakal. Regie: Olivier Assayas. Mit Edgar Ramírez, Nora von Waldstätten, Alexander Scheer, Julia Hummer.
20 Jahre im bewegten Leben des legendären und skrupellosen Terroristen Carlos, wahlweise in einer fünfeinhalb oder in einer drei Stunden langen Fassung zu bestaunen. In der langen Version ein schwindelerregendes fiktionalisiertes Zeitzeugnis, das einen jede Sekunde in den Kinosessel presst. Die kurze kommt da nicht mit, ist aber auch noch ziemlich packend (siehe Seite 22).
Chandani und ihr Elefant. Regie: Arne Birkenstock.
Gestellt wirkender, grauenhaft synchronisierter Dokumentarfilm über ein kleines Mädchen, das sich in Sri Lanka zur Elefantenhüterin ausbilden lassen will. Am gelungensten immer dann, wenn alle mal die Klappe halten und nur die imposanten Dickhäuter zu sehen sind.
Draußen am See. Regie: Felix Fuchssteiner. Mit Elisa Schlott, Michael Lott.
Eine ganz normale vierköpfige Familie zerbricht nach der plötzlichen Arbeitslosigkeit des Vaters, die unbemerkte Schwangerschaft der Mutter führt in die Katastrophe. Heftiges, gefühlvolles Spielfilmdebüt, sehr um Deutlichkeit bemüht.
Die kommenden Tage. Regie: Lars Kraume. Mit Bernadette Heerwagen, Daniel Brühl, August Diehl.
Der Krieg ums Öl und eine Migrationswelle bilden in naher Zukunft den Rahmen für die amourösen Nöte zweier Anwaltstöchter: Die Blaustrumpfige verguckt sich in einen Vogelforscher, die Aufmüpfige folgt einer Andreas-Baader-Krawalltype in ein zivilisationskritisches Terrornetzwerk. Als sich die Liebespfade kreuzen, kommt es zum Knall. Regisseur Kraume kriegt weder die Kolportage noch die Kapitalismuskritik in den Griff.
Machete. Regie: Robert Rodriguez. Mit Danny Trejo, Jessica Alba, Robert De Niro, Lindsay Lohan.
Machete schreibt keine SMS. Machete vögelt die Tochter eines Drogenbosses. Machete schwingt sich an einem menschlichen Darm aus einem Gebäude. Machete tötet. Machete ist der Anti-Pazifist. Machete will Rache. Machete ist der neue Film von Robert Rodriguez. Herrlich. Und gewaltverherrlichend.
Orly. Regie: Angela Schanelec. Mit Natacha Régnier, Bruno Todeschini.
Regisseurin Schanelec, eine der Protagonistinnen der Berliner Schule, hat einen Episodenfilm über das Warten gedreht, am Pariser Flughafen Orly, und auch dem Zuschauer im Kino kann die Zeit ganz schön lang werden. Große Kunst, am besten zu genießen nach einem doppelten Espresso.
Maos letzter Tänzer. Regie: Bruce Beresford. Mit Chi Cao, Bruce Greenwood.
Die wahre Geschichte eines chinesischen Balletttänzers, der in den achtziger Jahren nach einem Gastaufenthalt in Houston nicht nach Hause will und für schwere diplomatische Verstimmungen sorgt. Tolle Tanzszenen, die leider immer wieder vom lahmen Restfilm unterbrochen werden.
AB 11.11.
Einfach zu haben. Regie: Will Gluck. Mit Emma Stone, Amanda Bynes.
Frei nach "Der scharlachrote Buchstabe": Mauerblümchen Olive wird zum Highschool-Star, als das falsche Gerücht ihrer verlorenen Jungfräulichkeit die Runde macht. Bald ist sie allerdings vor allem die Schulschlampe. Entwaffnende Teenie-Komödie im "Juno"-Stil mit Charme und Witz.
Der letzte schöne Herbsttag. Regie: Ralf Westhoff. Mit Felix Hellmann, Julia Koschitz.
Nach dem Überraschungserfolg "Shoppen" der zweite Film von Regisseur Westhoff und wieder ein Treffer: Ein grundverschiedenes Pärchen um die dreißig (er: entspannter Öko, sie: energisches Handwerkertalent) versucht erfolglos miteinander klarzukommen, liebt sich aber trotzdem, was beide zwischendurch im Einzelinterview dem Zuschauer immer wieder direkt zu erklären versuchen. Darsteller zum Liebhaben, sehr lustig und sehr wahr.
Live aus Peepli. Regie: Anusha Rizvi. Mit Omkar Das Manikpuri, Raghuvir Yadav.
Weil Kleinbauern in Indien erst nach Selbstmord Staatsknete für ihre Familien erhalten, denkt der bitterarme Natha öffentlich darüber nach. Worauf Medien und Politik sich auf ihn stürzen. Bollywood-ferne Realsatire um ländliches Elend, Korruption und ein absurdes Regierungsprogramm.
Somewhere. Regie: Sofia Coppola. Mit Stephen Dorff, Elle Fanning.
Zielloser Schauspieler gammelt im berühmten Hotel Chateau Marmont in Los Angeles vor sich hin, bis seine kleine Tochter auftaucht und Aufmerksamkeit fordert. Präzise beobachtet und voller schöner Momente führt der diesjährige Venedig-Festival-Gewinner am Ende in ein frustrierendes Nichts.
AB 18.11.
Harry Potter und die Heiligtümer des Todes, Teil 1. Regie: David Yates. Mit Daniel Radcliffe, Emma Watson.
Dass man den letzten Band der "Potte"-Serie unbedingt in zwei Filme zerlegen musste, hat vielleicht eher kommerzielle als kreative Gründe - mangels rechtzeitiger Pressevorführung lässt sich da nur spekulieren.
Miral. Regie: Julian Schnabel. Mit Hiam Abbas, Freida Pinto, Willem Dafoe.
Nach dem Tod ihrer Mutter kommt die junge Miral in eine Schule für palästinensische Waisen in Jerusalem. Deren Gründerin stützt das rebellische Mädchen, auch, als die sich in einen Widerstandsaktivisten verliebt. Polit-Drama, das sich in zeitübergreifenden Handlungssträngen um Frauenschicksale und Nahost-Konflikt verliert.
Still Walking. Regie: Hirokazu Kore-eda. Mit Natsukawa Yui, Harada Yoshio.
Einmal im Jahr trifft sich eine japanische Familie, um des ältesten Sohns zu gedenken, der einst ertrank, als er einen Fremden rettete. Besonders unangenehm sind diese Zusammenkünfte für jenen ebenfalls eingeladenen Geretteten und den anderen Sohn Ryota, der für den Vater offenkundig immer nur der Zweitliebste war. 24 Stunden im Leben einer unglücklichen Familie, in unaufdringlich poetischen Bildern. Kore-eda ("Nobody Knows") etabliert sich als Japans neuer Meisterregisseur.
AB 25.11.
Fair Game. Regie: Doug Liman. Mit Naomi Watts, Sean Penn.
Eine Quelle im Weißen Haus enttarnte 2003 die CIA-Agentin Valerie Plame, offenbar aus Rache an ihrem Ehemann Joseph Wilson, der George W. Bush zu Beginn des letzten Irak-Kriegs öffentlich als Lügner anprangerte. Eine bittere, wahre Geschichte, unprätentiös und spannend als Mischung aus Thriller und Ehedrama erzählt.
Bon Appétit. Regie: David Pinillos. Mit Unax Ugalde, Nora Tschirner.
Dieser Euro-Pudding auf Daily-Soap-Niveau liegt wie Blei im Magen: Ein baskischer Streberkoch verliebt sich in einem Zürcher Gourmettempel in eine deutsche Weinkennerin, die aber ein Kind vom verheirateten Sterne-Küchenchef erwartet. Als Beilage gibt ein smarter Italiener seinen Senf dazu.
Cyrus. Regie: Jay & Mark Duplass. Mit John C. Reilly, Jonah Hill, Marisa Tomei.
Geschiedener Verlierertyp schöpft Hoffnung, als er eine schöne Frau kennenlernt, die ihn tatsächlich gern hat. Leider hat sie auch einen erwachsenen und übergewichtigen Sohn, der noch bei ihr wohnt und Eindringlinge mit boshaften Psychospielchen zu bekämpfen versteht. Interessante, einfühlsame Mischung aus Komödie und Psychodrama.
Ein gutes Herz. Regie: Dagur Kári. Mit Brian Cox, Paul Dano, Isild Le Besco.
Ein New Yorker Barbesitzer laboriert gleich doppelt am Herzen: gesundheitlich und zwischenmenschlich. Dennoch lernt der todkranke Kotzbrocken, quasi selbsttherapeutisch, ausgerechnet einen obdachlosen, lebensuntüchtigen Kindskopf als Nachfolger an. Simple Sozialfabel mit flauem Nachgeschmack, wirkt wie von Jim Jarmusch und Aki Kaurismäki mal eben übers Knie gebrochen.
Habermann. Regie: Juraj Herz. Mit Mark Waschke, Hannah Herzsprung.
Betont unpolitischer deutscher Gutsbesitzer will im Sudetenland der dreißiger Jahre nur in Ruhe seine Mühle betreiben, muss aber erst Nazi-Terror und dann die Vertreibung durch die Tschechen erdulden. Plakative, angestrengt politisch korrekte Geschichtsstunde von ausgesuchter Mittelmäßigkeit.
FESTIVALS
KASSEL
27. Dokumentarfilm- und Videofest. 9.-14. November; www.filmladen.de/dokfest
"268 dokumentarische bis künstlerisch-experimentelle Werke aus 33 Ländern" verspricht der Veranstalter. Klingt gut.
BERLIN
Interfilm: 26. Int. Kurzfilmfestival. 16.-21. November; www.interfilm.de
Was einst als Super-8-Festival in Kreuzberg begann, zelebriert heute im großen Stil Kurzfilmkunst aus der ganzen Welt.

KulturSPIEGEL 11/2010
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