30.10.2010

Die Musikerin Joan Jett, 52, über ihre Band The Runaways und Frauen mit Gitarren

Von Dallach, Christoph

KulturSPIEGEL: Mit 17 hat man noch Träume. Erinnern Sie sich?

Joan Jett: Wow, was für eine deprimierende Frage. Warum sollte ich in meinem Alter keine Träume mehr haben? Mit 17 hatte ich jedenfalls jede Menge Träume, von denen sich auch viele erfüllten. Ich wollte in einer Rock'n'Roll-Band spielen, Platten aufnehmen und im Radio zu hören sein. Ein echter Teenage-Rock'n'Roll-Traum eben, mit der Ausnahme, dass ich von einer Band mit ausschließlich Frauen träumte. Ich war 16, als es mit The Runaways losging.

Gab es einen Plan B?

Ich wollte auch Astronautin, Archäologin und vor allem Schauspielerin werden. Meine Eltern waren zum Glück sehr tolerant und sagten mir: Kind, du kannst werden, was immer du willst. So viel Vertrauen tut gut. Die Vorstellung einer Frauen-Rockband war für viele Menschen schwierig. Frauen, die sich mit Gitarren auf einer Bühne gehenlassen, gab es nicht. Dann kamen The Runaways.

Wann bekamen Sie ihre erste Gitarre?

Zu Weihnachten von meinem Vater, als ich 13 Jahre alt war. Mein erster Musiklehrer machte mir gleich klar, dass Mädchen keinen Rock'n'Roll spielen können. Das musste ich mir öfter anhören, wusste aber immer, was für ein Quatsch das ist. Solche Vorurteile sagen doch alles über eine Gesellschaft aus, in der man Frauen vieles nicht zutraut. Heute finden Teenager, die nicht in ihre Umgebung passen, schnell Trost und Verbündete im Internet. Das gab es zu meiner Zeit nicht, ich bin in der amerikanischen Provinz großgeworden, wo man seine Lebenshaltung verteidigen musste. Auch bei den Runaways wurde ich oft beschimpft.

Hat es ein Mädchen, das eine Rockband starten möchte, heute einfacher?

Dass Frauen im Musikgeschäft gleichberechtigt sind, gehört zu den großen Illusionen der Gegenwart. Im Grunde ist es ein von den Medien fabriziertes Märchen. Nach allem, was ich mitbekomme, haben es Frauen im Rock'n'Roll immer noch schwerer als Männer. Vor zehn Jahren habe ich mir den Kopf kahlgeschoren. Einfach so, aus Spaß. Die Leute sind ausgeflippt, schimpften, ob ich den Verstand verloren hätte. Das fand ich befremdlich. Ich dachte, es geht um meine Musik, nicht um meine Frisur. Bei einem Mann hätten das alle cool gefunden.

Nun gibt es einen Hollywood-Film über Ihre Band The Runaways. Sie werden darin von Kristen Stewart dargestellt. Wie surreal ist es, seine Jugend auf der Leinwand zu sehen?

Sehr. Aber mit der Besetzung von Kristen Stewart war ich ausgesprochen zufrieden. Alle, die mich gut kennen, sagen, dass sie perfekt passt. Ich sehe den Film als großes Kompliment. Aber es war schon eine schwierige Entscheidung, grünes Licht für das Projekt zu geben. Es geht immerhin um mein Leben, auch wenn es nur ein Hollywood-Film ist.

Nach dem Ende der Runaways landeten Sie mit "I Love Rock'n'Roll" einen Riesenhit. Stimmt es, dass den keine Plattenfirma wollte?

Genau 26 Plattenfirmen lehnten ab! Sie entschieden, das sei kein gutes Lied. Okay, da brachte ich es eben selbst raus. Es war dann sieben Wochen auf Platz eins der US-Charts. Ich habe noch alle Ablehnungsschreiben. Einige gerahmt.

Sie waren die erste US-Amerikanerin, die in Ostdeutschland auftrat. Was trieb Sie dahin?

Ich wurde Anfang der achtziger Jahre nach Weimar eingeladen und habe angenommen. Es war unglaublich toll, die Euphorie der Fans dort war sagenhaft. Ich war irritiert, denn unsere Platten gab es in der DDR nicht zu kaufen, im Radio liefen wir auch nicht, und trotzdem sangen alle jedes Wort mit. Ein einzigartiges Konzert!

Gerade erschienen sind die CDJoan Jett and The Blackhearts: "Greatest Hits"(RsK Entertainment) und die DVD"The Runaways"(Alive, siehe Seite 46).

Der nächste KulturSPIEGEL erscheint am 29. November 2010


KulturSPIEGEL 11/2010
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