31.08.1998

Neue Bücher

BELLETRISTIK

WILDE AT HEART: Seine Helden heißen Latimer Springfield, Teresa Thropplestance oder Jocantha Bessbury, sie treffen einander beim Tee auf Anwesen in der Nähe von Tilfield oder Toad-Water, und sie sagen mit vollendeter Höflichkeit Dinge wie: "Dreißig zu werden bedeutet, im Leben versagt zu haben." Als wollte er den großen Oscar Wilde überbieten, hat Saki, bürgerlich Hector Hugh Munro (1870-1916), seine spätviktorianischen Zeitgenossen auf die Schippe genommen, in vielen kleinen Geschichten, die ihm den Ruf eingetragen haben, ein Weltmeister im Einmeterlauf zu sein. Lange konnten nur Insider das Skurrilitäten-Kabinett genießen. Dann aber nahmen sich zwei virtuose Übersetzer der Dandys mit ihren Fuchsjagden und Garden Parties an - und nun ist ihr Werk als handliches, dunkelblaues Ziegelsteinchen von Buch so günstig greifbar, daß selbst ein Snob nicht mehr widerstehen könnte.

Saki: "Sämtliche Erzählungen". Aus dem Englischen von Werner Schmitz und Claus Sprick. Haffmans Verlag, Zürich; 1472 Seiten; 59 Mark. Tel.

Johannes Saltzwedel

FRÜCHTE DES ZORNS: In diesen Geschichten aus dem toskanischen Borgo ist das Schicksal ein grausamer Clown. Die Männer sterben einen unsinnigen Tod auf Feldzügen oder beim Wildern, der junge Volturno verliebt sich in ein Mädchen vom Meer. "Findet ihr nicht, daß die Wiesen zu wenig blau sind?" fragt sie. Draußen auf der Straße drückt die staubige Stille des Sommers. Boten bringen die Urnen der gefallenen Söhne. Nazis überfallen den Ort, Amerikaner befreien ihn. Im Beichtstuhl hängt die Knoblauchfahne des Priesters. Tabucchis lakonische, brutale Geschichten aus dem Volk sind auch eine Geschichte der italienischen Nation zwischen Staatseinigung und Nachkriegszeit - und ein Plädoyer gegen den Unsinn der großen Ideologien.

Antonio Tabucchi: "Piazza d'Italia". Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl. Wagenbach Verlag, Berlin; 192 Seiten; 34 Mark. Tel. Eduard Rabe

ODYSSEE IM WELTTRAUM: Warum pinkeln Hunde gerne gegen Autoreifen, aber nie gegen Nummernschilder? Warum muß Privatdozent Dr. Wolters in seinem Schrebergarten Nudelsalat von Plastiktellern essen? In Genazinos abseitiger Erzählung wird Frankfurt zu einem Universum kurioser Fragen und Geschichten. In ihnen tauchen Kassiererinnen und "Sommerverrückte" auf, wortlose Moderatorinnen mit vielsagenden Blicken und andere Gestrandete des Großstadtlebens. "Seit Tagen lag auf einem Garagendach ein einzelner Stöckelschuh, der mir gut gefiel", berichtet Genazinos moderner Flaneur, der sich in den Nebensächlichkeiten des Lebens verheddert und trotzdem, oder gerade deswegen, das Glück findet: Wanda, im zu leichten Sommerkleid vor dem nächtlichen Schaufenster des letzten Frankfurter Kohlenhändlers. Dieser Roman ist eine kleine literarische Sensation: die Rückkehr des poetischen Blickes in die entgeisterten Metropolen der Republik.

Wilhelm Genazino: "Die Kassiererinnen". Rowohlt Verlag, Reinbek; 156 Seiten; 32 Mark. Tel. Niklas Maak

UND EWIG BOCKT DER LEIB: Woran noch glauben, wenn man gelernt hat, daß Geschlechter nichts als eine böswillige Verabredung sind? Ist die Lesbierin Frauke, die seit Jahren über die Vorhaut Jesu promoviert und mit einer/einem Transsexuellen verheiratet ist, womöglich doch heterosexuell? Taugt Hans als "Marianne der feministischen Kulturrevolution"? Die Studentin Vivian - der "Tomboy", die jungenhafte Tochter aus einer deutsch-amerikanischen Mischehe - hat sich in Heidelberg so sehr in den Untiefen der "gender studies" verstrickt, daß sie sich über nichts mehr im klaren ist. Am wenigsten über sich selbst, und so sitzt sie grübelnd über ihrer Magisterarbeit zum besagten Thema. Wäre sie kein Geschöpf der Fiktion, müßte sie am allermeisten Thomas Meinecke mißtrauen - dem Mann (!), der ihre Geschichte so hinreißend komisch erzählt.

Thomas Meinecke: "Tomboy". Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M.; 252 Seiten; 36 Mark. Tel. Peter Richter

FRAUEN AM RANDE DES KONTOSTANDES: Die beste Freundin ist meistens so unzuverlässig wie eine Frauenzeitschrift: Zum falschen Zeitpunkt redet sie über die falschen Themen; wenn man sie braucht, ist sie gerade weg; und beim individuellen Psychotest läßt sie einen gnadenlos durchfallen. Auch bei Gloria und Marie mutiert die beste aller möglichen Freundschaften regelmäßig zur Haßliebe. Wirkliche Eintracht gibt es erst wieder, wenn die beiden im Reich der Gucci-Blusen und Prada-Taschen ihre goldenen Kundenkarten zücken und gemeinsam dem Lockruf des Luxus folgen. Danach beginnt der Kampf um Männer und Freundinnen von neuem - bis sich die Königinnen der Konsumwelt schließlich in einem Anfall von weiblicher Schwäche zu zweit auf den allzu engen Thron zwängen. Naters' erfrischendem Debüt-Roman gebührt eine goldene Krone mit vielen stechenden Spitzen. "Petra" und "Brigitte" können einpacken: Hoch leben Gloria und Marie.

Elke Naters: "Königinnen". Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 160 Seiten; 29,80 Mark. Tel. Justine Möhl

ZU SCHÖN FÜR DICH: Schönheit kann in den Wahnsinn treiben. Ellenlange Beine und blondes Haar machen Männer verrückt und nähren bei Frauen zerstörende Zwangsvorstellungen. Schönheit ist zwiespältig. Und so ist diese Geschichte von Pascal Bruckner eine Verbindung aus philosophischer Erzählung und Kriminalroman. Auf der Rückreise von ihren Skiferien finden Benjamin und Hélène während eines Schneesturms Unterschlupf in einem Chalet. Die Gastgeber, ein alternder Beau und sein gnomenhafter Dienstbote, entpuppen sich als Ritter Blaubarts: Sie kerkern junge Frauen ein, um ihnen ihre Schönheit zu rauben. In vibrierender Prosa beschreibt Bruckner Wahnvorstellungen und Obsessionen - ein beklemmend realistisches Szenario von einem Männertraum und seiner brutalen Verwirklichung.

Pascal Bruckner: "Diebe der Schönheit". Aus dem Französischen von Michael Kleeberg. Aufbau-Verlag, Berlin; 320 Seiten; 39,90 Mark. Tel. Bettina Koch

SACHBUCH

BLOW UP: "Wäre ich nicht Fotograf geworden, wäre ich wahrscheinlich im Knast gelandet", sagt Don McCullin, der auf den Straßen im Norden Londons aufwuchs und als Kriegsfotograf im Kongo und in Vietnam berühmt wurde. Kein Fotobuch, aber ein brillantes Buch über Fotografen. Der Kunstkritiker Peter Sager hat die wichtigsten unter ihnen am Ende dieses Jahrhunderts besucht: 24 Porträts, alle interessant zu lesen, darunter internationale Stars wie Sebastião Salgado, Richard Avedon und Cindy Sherman. Ebenso lesenswert sind die Gespräche mit weniger berühmten Persönlichkeiten der deutschen Fotografenszene nach '45.

Peter Sager: "Augen des Jahrhunderts". Lindinger + Schmid Verlag, Regensburg; 256 Seiten; 36 Mark. Tel.

Christiane Gehner

BILDBAND

ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT: Sie waren jung und erfolgreich, kamen beide aus der Schweiz und hatten nicht das geringste Interesse, dort zu bleiben. So geschah es, daß sich 1918 der Bankier Raoul La Roche (1889-1965) und der Architekt Charles É. Jeanneret in Paris trafen. La Roche kaufte alles, was auf dem Pariser Kunstmarkt als modern und unmöglich verschrien war: Picasso, Léger und Braque zum Beispiel. Jeanneret nannte sich Le Corbusier und baute für die Kubismus-Sammlung des Bankiers im feinsten Pariser Bezirk ein Haus, wie es noch keiner gesehen hatte. Die avantgardistische Villa La Roche gilt heute als einer der bedeutendsten Bauten des Jahrhunderts. Der reich bebilderte Band mit Essays von renommierten Kunsthistorikern stellt Sammlung und Sammler vor - und zeigt, wie Le Corbusiers Tempel für die Kunst selbst zum Kunstwerk für die neue Zeit wurde. Ein Buch über die Geburt der Moderne aus dem Geist des Abenteuers.

Katharina Schmidt und Hartwig Fischer (Hrsg.): "Ein Haus für den Kubismus - Die Sammlung Raoul La Roche". Gerd Hatje, Ostfildern; 320 Seiten; 98 Mark. Tel. Niklas Maak


KulturSPIEGEL 9/1998
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