30.03.1998

Neue Bücher

BELLETRISTIK

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ARME HAUT: Wann hat es das zuletzt gegeben? Eine Hauptfigur wächst dem Leser ans Herz. Und dann noch so eine: Ozren ist ein Idiot, fett und frißt munter weiter Wurstsemmeln. Die stopft er in sich rein, weil er nicht glauben kann, daß seine edelnuttige Mutter gerade ihn nicht liebt und ihn im Dreck dahinvegetieren läßt. Um seinen Putzjob im Puff ist er nicht wirklich zu beneiden. Jetzt hat er sich im Gemeinschaftsklo eingeschlossen, weil er meint, von seinen kroatischen Landsleuten verfolgt zu werden. Aber hat er wirklich seine Mutter umgebracht? Gabriel Loidolt erfindet für diese arme Haut eine Sprache, wie schon lange keine mehr gesprochen wurde. In seinem kunstvoll-naiven Ton verschmelzen Schmerz und Anmut. Da ist eine Sprache des Herzens, niemals kitschig, sondern immer voll "Gedankenphantasie" - wie Ozren sagen würde.

Gabriel Loidolt: "Hurensohn". Alexander Fest Verlag, Berlin; 156 Seiten; 36 Mark. % Peter Michalzik

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LUSTIGER LEICHENTRÄGER: Lapidar und fast lückenlos fortlaufend stehen die Jahreszahlen über den Kapiteln - von 1944 bis 1974. Bei einem, der einmal verkündet hat, "das Abenteuer des Schreibens dem Schreiben eines Abenteuers" vorzuziehen, läßt das nicht unbedingt Gutes erahnen. Ungewohnt übersichtlich hat Jean-Luc Benoziglio den Lebensweg seines pazifistischen Helden arrangiert, der Schweizer Neutralität als Rekrut und Pariser Unruhen als Zaungast erlebt. Damit läßt der in Frankreich heimisch gewordene Walliser in seinem neunten Roman die versprengten Erzählsplitter vermissen, die etwa "Porträt-Sitzung" oder "Bilder einer Ex" auszeichneten. Aber wenigstens ist der Humor des 57jährigen schwarz geblieben, so totenschwarz, daß ein korrekt gekleideter Leichenträger daneben wie ein lustiger Clown wirkt.

Jean-Luc Benoziglio: "Stilleben mit Pistole". Aus dem Französischen von Michael Mosblech. Rowohlt Verlag, Reinbek; 288 Seiten; 39,80 Mark. %

Reinhard Helling

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KIESELSTEINWELT: Die Erinnerung sucht sich ihre eigenen Wege, dem Leben nicht unähnlich. Autoren wie Paul Auster spüren diesen Wegen nach oder auch Schreiber wie Peter Fürst. Doch tut er das jedoch ungleich gemeiner, lakonischer, brüchiger als Auster. Fürsts Prosa ist die geglückte Verbindung des bösen Auges und des milden Blicks, sein Stückwerk ist wahr und witzig, ist elegant und souverän wie das Hollywood-Kino der vierziger Jahre, es blitzt von Pop und klimpert fidel wie Kieselsteine im Weltmeer. Innerhalb von drei Seiten kommt er vom gelassenen Blick über den New Yorker East River, diesem "wahnsinnig gewordenen Meeresarm", über den spanisch fluchenden Papagei im Zoo und den Privatjet von Pia Zadora zu der Feststellung seiner Frau: "Wenn der Hitler wüßte, auf welche Weise du nach Berlin zurückkehrst, würde er noch einmal Selbstmord begehen." Fürsts Lektion: Es mag gute Zeiten geben und schlechte, wichtiger aber ist, ob man gut schreibt oder schlecht. Hauptsache, man überlebt - wie Fürst seit 88 Jahren.

Peter Fürst: "Schnitzeljagd Berlin - New York". Hanser Verlag, München; 104 Seiten; 28 Mark. % Georg Diez

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ANDROIDEN: Einen Bankert wie James Dyer, 1739 in eine arme Dörflerfamilie hineingeboren, würde man heute wohl als Autisten bezeichnen. Er spricht, lacht und weint nicht, er kennt keinerlei Schmerzempfinden. Selbst als berühmter Chirurg haftet ihm das Stigma des Anormalen an, dem die Gefühle fremd sind. Erst der Wahnsinn beschert Dyer "die Gabe des Schmerzes", ohne die kein Menschsein möglich ist. In seinem sprachgewaltigen Debütroman erforscht Andrew Miller die Existenzbedingungen von Normalität und Wahn in jenem aufklärerischen 18. Jahrhundert, das vom Absonderlichen besonders fasziniert war: Mißgestalten in den zahlreichen Kuriositätenkabinetten, die Konstruktion von Androiden, um das Geheimnis des Menschen zu ergründen. Millers brillante, bildhafte Spurensuche erzeugt dabei einen Film im Kopf, dessen opulente Sequenzen Glanz und Kälte einer Epoche vorführen und uns in sie hineinziehen.

Andrew Miller: "Die Gabe des Schmerzes". Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Paul Zsolnay Verlag, Wien; 384 Seiten; 39,80 Mark. % Martina Gollhardt

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SCHLANGENNEST: Daß der Python in seinem Schlafzimmer genistet hatte, erfuhr Maren erst, nachdem er ihn mit einem Zeremonien-Stab totgeschlagen hatte; die Polizisten fanden bei der Hausdurchsuchung noch Skelette von Nagetieren und Vögeln: "Juju im Kleiderschrank. Und so was nennt sich Akademiker!" Maren - das ist Wole Soyinka. Der Literatur-Nobelpreisträger hat autobiographische Aufzeichnungen zu einem Roman verarbeitet: Internatsschüler und Universitätsdozent in Nigeria, Lehrjahre an britischen Theatern, die Pariser Kulturszene und Castros Kuba. Der Bungalow dieses Maren war für die Behörden ein Schlangennest - hier trafen sich Schauspieler und andere Aufwiegler. Maren sieht die Welt respektlos und mischt sich ein - Aufbegehren gegen Unrecht, das Soyinka in Nigeria ins Gefängnis brachte und nun ins Exil getrieben hat.

Wole Soyinka: "Ibadan - Streunerjahre 1946-1965". Aus dem Englischen von Irmgard Hölscher, Gerd Meuer, Ilse Strasmann. Ammann Verlag, Zürich; 500 Seiten; 49,80 Mark. %

Hans Hielscher

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FASERWELT: Kriterien sind wichtig, um die Tage mit Sinn und Verstand, mit Haltung und Spaß hinter sich zu bringen - nur so kann man den Strom der Zeit zu seinen Gunsten lenken, nur so behält man die Übersicht über die entscheidenden Fragen. Warum sich etwa der Hamburger Sonnenbrillenkampf ganz einfach durch das "offensive Tragen" einer falschen Ray Ban entscheiden läßt; warum die Bars entlang der Khao San Road der beste Ort sind, Thailand zu überleben; oder warum es definitiv am meisten Spaß macht, die Andamanensee im Monsunsturm zu überfliegen. Je weiter weg von zu Hause, desto wichtiger werden verläßliche Wegweiser. Schließlich verreist man nicht, um die Probleme anderer Leute kennenzulernen, sondern um zu verstehen: Auch in Assuan, Phuket, Coimbra oder Kappeln gibt es einige wenige Kriterien, um die Welt in richtig und falsch einzuteilen. Manche Leute werden nie verstehen, nach welchen Maßstäben das wetterfeste Reiseduo Christian Kracht ("Faserland") und Eckhart Nickel die Welt sortieren - aber das ist ja Teil des lustigen Spiels.

Christian Kracht, Eckhart Nickel: "Ferien für immer. Die angenehmsten Orte der Welt". Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln; 240 Seiten; 36 Mark. % Georg Diez

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SACHBÜCHER

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KLASSISCHER TRATSCH: Der Geheime Rat Goethe, der "launenvolleste Mann in Weimar", als Boxer? Sein Arbeitgeber, Weimars Herzog Carl August, als verlauster Halbstarker? Schiller ein verhinderter Buchhändler und dann eine von Goethe ausgequetschte "Zitrone"? Nur einer von den Zeitgenossen wagte, solch respektlose Details festzuhalten: Karl August Böttiger (1760 bis 1835), Altertumskundler und Journalist, notierte die Lästereien von Weimars Geistesgrößen und gab sie brühwarm weiter, sogar gedruckt. Verständlich, daß die Dichterstars ihm bald zürnten - und ebenso klar, daß Böttiger für Kenner ein Geheimtip blieb. Dabei war bislang noch nicht einmal alles aus seinem Anekdotenfundus bekannt. Erst jetzt bringt die neue Ausgabe, klug kommentiert und ohne Rechtschreib-Eingriffe, das ganze Tratsch-Arsenal unzensiert: Klassik von unten, kernig und komisch.

Karl August Böttiger: "Literarische Zustände und Zeitgenossen". Aufbau Verlag, Berlin; 604 Seiten; 79,90 Mark. % Johannes Saltzwedel

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BESTE LAUNE: Grau ist alle Theorie der Subversion; doch Thomas Meineckes Geschichten vom Leben der Boheme zeigen manchmal ungeahnte Wirkung. Etwa als Meinecke 1982 in der "Zeit" eine seiner gutgelaunten Kurzgeschichten veröffentlichte, Titel: "Unser Wienerwald", und der Hendl-Magnat so nervös wurde, daß man dem Autor jede Menge Essensgutscheine zuschickte. Oder anläßlich "Neger in Immenstadt: Verraten und verkauft", als der wütende Bürgermeister bestritt, daß es in seiner Stadt Neger gebe - und sich somit bestens entlarvte. Das eigentliche Element von Meineckes Geschichten sind jedoch die Untiefen einer Normalität, in der noch das Banalste Mysterien feiert ("Nach einer guten Mahlzeit ist man immer ein zufriedener Mensch."); wie Pop-Singles, die ihre Effekte ganz dem Sound und dem Oberflächenreiz verdanken. 20 Jahre nach Gründung der legendären Boheme-Zeitschrift "Mode & Verzweiflung", in der die meisten der Geschichten erschienen sind, gibt es sie jetzt als Taschenbuch: neu gesampelt und mit einem politisch instruktiven Vorwort des Autors versehen. Nie waren sie so wertvoll wie heute.

Thomas Meinecke: "Mode & Verzweiflung". Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main; 132 Seiten; 12,80 Mark. %

Frank Lucht

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BESESSENEN-SESSION: Ein Buch über eine Platte zu schreiben ist ein mutiges Unterfangen. Und ein Werk zu wagen über eine Aufnahme-Session, die kaum einer ganz gehört hat, ist ein Job für Fanatiker. Der amerikanische Autor und Kritiker Greil Marcus ist von Musik mindestens so besessen wie das lebende Denkmal Bob Dylan. Dylan, 1965 gleichzeitig als Erneuerer des Folk gefeiert und als Verräter verflucht, zog sich zwei Jahre später mit seiner Band in den Keller eines abgelegenen rosa Hauses im Wald zurück, um dort Expeditionen ins Herz der amerikanischen Musik zu unternehmen. Was da alles passierte, hat Greil Marcus akkurat, ausschweifend und leidenschaftlich aufgeschrieben. Natürlich geht es ihm nicht allein um Dylan, vielmehr um den Mythos Amerika; um Purismus, Legenden und auch die Zukunft. Ein faszinierendes Buch, nicht nur für Dylan-Fanatiker.

Greil Marcus: "Basement Blues". Deutsch von Fritz Schneider. Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, Hamburg; 304 Seiten; 25 Mark.

Christoph Dallach

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KRIMI

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NO SEX, PLEASE: "Liz quiekte wie nasses Gummi." Solch harmlose Beischlafprosa alarmiert in Großbritannien neuerdings die literarischen Blockwarte. Dieser Verein der Verklemmten unter Vorsitz der "Literary Review" verlieh David Huggins' Erstling den Preis für die schlechteste Sex-Szene. Das wäre eine Posse, wenn nicht Autoren wie Jonathan Coe mittlerweile vom "Schreckgespenst" dieses Preises sprächen und ihre Romane zur sexfreien Zone erklärten. Huggins' Thriller aus der Londoner Geschäftswelt hat das alles nicht verdient. Die Story ist flott, und seine Beobachtungen aus der Yuppie-Kultur sind manchmal einfach nur komisch: "Sein sommersprossiges Gesicht sah aus, als hätte ihn jemand mit Scheiße beworfen." Da hätte die "Literary Review" ruhig lachen dürfen.

David Huggins: "Der große Kuß". Aus dem Englischen von Karsten Singelmann. Haffmans Verlag, Zürich; 304 Seiten; 39 Mark. % Sven Boedecker

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BILDBAND

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TARTARENTRAUM: Das Leben der Fotografen ähnelt oft dem der Zigeuner: Beide ziehen umher - die einen auf der Suche nach Bildern, die anderen auf der Suche nach Arbeit und Brot. Wen wundert's, daß ihre Wege sich immer wieder kreuzen und daraus zuweilen legendäre Fotoreportagen entstehen wie die von Josef Koudelka und Eugene Smith. Hier nun geht es um den Traum eines tartarischen Mädchens, Ljalja Kuznetsova, das den Zigeunern zu Hause im Ural erst zaghaft begegnet, nur um sie nie wieder zu vergessen. Sie trifft die Sippen in Odessa, in Kasan, Usbekistan, Turkmenistan und sucht selbst in Moskau Kontakt zu ihren Leuten. Die verborgene Kraft verletzlicher Menschen zu enthüllen gelingt Kuznetsova wohl deshalb so gut, weil sie sich so ähnlich sind, die Fotografin und die Zigeuner.

Ljalja Kuznetsova: "In der Weite der Steppen". Knesebeck Verlag, München; 168 Seiten; 78 Mark. %

Christiane Gehner

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TÄGLICH AKTUELL: http://www.spiegel.de

% BÜCHER-HOTLINE: TEL: 0180 - 532 34 86, FAX: 0180 - 532 34 87


KulturSPIEGEL 4/1989
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