Von Sander, Daniel
BESTER FILM
DIE NOMINIERTEN "Black Swan"
"Inception"
"The Fighter"
"The Kids Are All Right"
"The King's Speech"
"The Social Network"
"True Grit"
"Toy Story 3"
"127 Hours"
"Winter's Bone"
Bitte nicht!
Nichts gegen dieses Sportlerdrama nach der wahren Geschichte des Boxstars Micky Ward, der sich aus der Arbeiterklasse an die Spitze kämpfte. Aber ohne das in der Tat beeindruckende Ensemble (siehe die Nominierungen für Christian Bale, Amy Adams und Melissa Leo) bleibt bei "The Fighter" nicht viel mehr als solide Unterhaltung. Die Academy liebt solche Geschichten allerdings - 1977 ging der Oscar für den besten Film an "Rocky". Ja, wirklich.
Sollte gewinnen!
Seitdem es in der Königskategorie zehn Kandidaten gibt, haben Animationsfilme etwas bessere Chancen, überhaupt auf der Liste zu landen. Ein Sieg von "Toy Story 3" bleibt aber trotzdem ausgeschlossen, denn für zu viele Academy-Mitglieder ist das Genre eben Kinderkram. Dabei dürfte das wundervolle Finale von Pixars Spielzeug-Trilogie der einzige Film unter den nominierten sein, der unabhängig vom Alter wirklich jeden Menschen berühren kann.
Wird gewinnen!
Auch wenn "The King's Speech" häufiger nominiert ist: David Finchers Computer-Nerd-Saga "The Social Network" über den Facebook-Erfinder Mark Zuckerberg hat bis hin zum Golden Globe fast jeden Kritiker- und Branchenpreis abgeräumt. Den Film haben, im Gegensatz zu manch anderen Nominierten, auch tatsächlich viele Menschen gesehen. So viel Kritiker- und Publikumsliebe wird sich die ehrenwerte Academy kaum entziehen können. Außerdem darf sich der insgesamt eher weißhaarige Verein so mal auf der Höhe des Zeitgeistes fühlen.
Einzig ernsthafter Konkurrent!
Das Problem des betont nüchternen "The Social Network": Eigentlich gewinnen nur Werke, bei denen man mindestens einmal vor Rührung in Tränen ausbricht. Das ist die Chance von Tom Hoopers amüsanter und vor allem gegen Ende schwer bewegender Geschichtslektion "The King's Speech", in der ein stotternder George VI. mit Hilfe eines australischen Sprechtrainers zum würdigen britischen König wird. Außerdem hat die Academy eine merkwürdige Schwäche für das britische Königshaus - siehe zum Beispiel "The Queen" oder "Elizabeth". Die mussten sich am Ende aber mit der Nominierung zufriedengeben.
BESTE REGIE
NOMINIERTE
Darren Aronofsky ("Black Swan")
David Fincher ("The Social Network")
Tom Hooper ("The King's Speech")
Joel und Ethan Coen ("True Grit")
David O. Russell ("The Fighter")
Wird / sollte gewinnen!
Selbst wer mit "The Social Network" nichts anfangen konnte, wird David Fincher den Preis wenigstens nachträglich für "Der seltsame Fall des Benjamin Button" gönnen, mit dem er vor zwei Jahren nicht ganz unumstritten gegen Danny Boyle verloren hat. Außerdem wirkt es immer ein bisschen albern, wenn die Academy den Film auszeichnet, dessen Regisseur aber nicht.
NICOLE KIDMAN
("Rabbit Hole")
ANNETTE BENING
("The Kids Are All Right")
NATALIE PORTMAN
("Black Swan")
MICHELLE WILLIAMS
("Blue Valentine")
JENNIFER LAWRENCE
("Winter's Bone")
Bitte nicht!
Nicole Kidman liefert souveräne Arbeit ab als trauernde Mutter in John Cameron Mitchells "Rabbit Hole", doch die Kritikerbegeisterung in den USA rührte wohl am meisten von der Tatsache, dass sie in dem Film zum ersten Mal seit Jahren wieder die Stirn ansatzweise in Falten legen kann. Darüber freuen wir uns auch. Aber ein Oscar als Belohnung für etwas, das wie Botox-Entzug aussieht, muss ja auch nicht gleich sein.
Wird / sollte gewinnen!
Wer soll sie jetzt noch stoppen? Als zerbrechliche, langsam in den Wahnsinn tänzelnde Ballerina hat Natalie Portman in Darren Aronofskys filmgewordener Psychose "Black Swan" spätestens mit dem Golden Globe ihren Siegerstatus zementiert. Sie ist in diesem Jahr das Maß aller Dinge.
Die Überraschung?
Der Sieg von Jennifer Lawrence wäre die Sensation des Abends, und genau so etwas braucht eine gute Oscar-Zeremonie eigentlich. Die erst 20-jährige Jennifer Lawrence kannte außer ein paar Filmfreaks bislang keiner, doch in der Hauptrolle in der kleinen Literaturverfilmung "Winter's Bone" ist sie mit Auszeichnungen beim Seattle Film Festival und der Kritikervereinigung von Washington D. C. zur veritablen Bedrohung von Portman aufgestiegen.
GEOFFREY RUSH
("The King's Speech")
MARK RUFFALO
("The Kids Are All Right")
CHRISTIAN BALE
("The Fighter")
JOHN HAWKES
("Winter's Bone")
JEREMY RENNER
("The Town")
Bitte nicht!
Geoffrey Rush ist super in der Rolle des lustigen Sprechtrainers, aber ihn in dieser Kategorie zu nominieren ist ein schlechter Witz. Man kann es drehen und wenden, wie man will: In "The King's Speech" spielt er eine der beiden Hauptrollen.
Wird gewinnen!
Schon weil er sich für die Rolle des Crack-abhängigen Boxerbruders so viele Kilos runtergehungert hat, kann sich Christian Bale nach dem Golden Globe auf eine weitere goldene Statue freuen. Mut zur Hässlichkeit und die Bereitschaft zur körperlichen Transformation für eine Rolle werden traditionell gern mit einem Oscar belohnt.
Sollte gewinnen!
Das beste an Ben Afflecks Bankräubergeschichte ist eindeutig Jeremy Renner als psychotischer Gangsterkomplize, der immer auf der Grenze zwischen Entschlossenheit und Wahnsinn wandelt, ein Vulkan, der jederzeit ausbrechen kann. Im Verhältnis zu Christian Bale aber etwas zu subtil für Oscars Gnaden.
JEFF BRIDGES
("True Grit")
JESSE EISENBERG
("The Social Network")
COLIN FIRTH
("The King's Speech")
JAVIER BARDEM
("Biutiful")
JAMES FRANCO
("127 Hours")
Bitte nicht!
Jeff Bridges gewann im vergangenen Jahr als abgehalfteter Country-Sänger in "Crazy Heart", was ihn womöglich veranlasst hat, als abgehalfterter Cowboy in "True Grit" alles noch mal genauso zu machen. Macht er auch gut. Einen zweiten Oscar braucht er dafür aber trotzdem nicht.
Wird gewinnen!
2010 unterlag Colin Firth mit "A Single Man" noch Bridges, nun wird den charmanten Briten niemand mehr aufhalten können. Den König mit Sprachfehler gibt Firth so souverän, wie man es von ihm erwartet. Rollen mit Behinderungen aller Art erhöhen sowieso die Oscar-Chancen, zumindest bei den Männern - siehe die Auszeichnungen für Dustin Hoffman ("Rain Man"), Daniel Day-Lewis ("Mein linker Fuß"), Jamie Foxx ("Ray").
Sollte gewinnen!
So toll Firth auch ist in "The King's Speech" - in "A Single Man" war er besser. James Franco (nebenbei auch noch Schriftsteller, Regisseur und diesjähriger Gastgeber der Oscar-Verleihung) hingegen war noch nie so gut wie in Danny Boyles Drama über den abgestürzten Bergsteiger Aron Ralston. Es heißt aber, dass einige Academy-Mitglieder den Film wegen einer gruseligen Selbstamputations-Szene gar nicht erst sehen wollten.
HAILEE STEINFELD
("True Grit")
AMY ADAMS
("The Fighter")
HELENA BONHAM CARTER
("The King's Speech")
JACKI WEAVER
("Animal Kingdom")
MELISSA LEO
("The Fighter")
Bitte nicht!
Wenn die Nominierung von Geoffrey Rush in der Kategorie Nebendarsteller schon ein Witz ist, dann ist die von Hailee Steinfeld eine ganze Comedy-Show. Denn die 14-Jährige ist in nahezu jeder Szene zu sehen, hat mit Abstand den meisten Text, und überhaupt dreht sich die ganze Geschichte um sie.
Auch nicht!
Die sympathisch abgedrehte Lebensgefährtin von Tim Burton ist in jedem Film eine avantgardistische Bereicherung, deswegen sollte Helena Bonham Carter ihren ersten Oscar nicht gerade für eine Rolle bekommen, in der sie eine erstaunlich normale Königsgemahlin spielt.
Wird / sollte gewinnen!
Melissa Leo ist das Muttertier in "The Fighter" und als solches eine Naturgewalt. Den Golden Globe hat sie schon, die Kritikervereinigungen sind ihr verfallen, der Oscar ist ihrer, und das ist auch ganz richtig so.
KulturSPIEGEL 2/2011
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