28.02.2011

Zart und bitter

Die Schwedin Nathalie Djurberg bastelt Figuren aus Kinderknete - und dreht mit ihnen Filme des Schreckens.
Das Appartement, 140 Quadratmeter groß, erinnert an einen Kindergarten: im Schlafzimmer farbenfrohe Phantasietürme, im Wohnzimmer bunte Vögel, im zweiten Wohnzimmer noch mehr Basteleien und vor allem Farbdosen, viele offen, manche umgekippt, der Fußboden zum Schutz abgedeckt. Mittendrin die Kindergartentante, Typ Kindfrau: klein und zart, in Jogginghose und auf Socken, das Shirt und die Stupsnase bekleckst, das blonde Haar flüchtig zu zwei kurzen Zöpfen gebunden. Niedlich.
Kunstkritiker weltweit haben die Schwedin, um die es hier geht, immer wieder mit einer Kinderbuchfigur verglichen: Pippi Langstrumpf. Originell ist das nicht, aber es passt. Die Kurzfilme, die sie dreht, haben sie an Kinderfilmfiguren erinnert, an Knetanimationen wie Wallace & Gromit, Rocky und Ginger aus "Chicken Run" und Pingu. Kunstkritiker weltweit haben der Frau aber auch Kampfnamen verpasst wie "Porno-Elfe" und "Meisterin des Makabren", sie haben Überschriften gedichtet wie "Plastiliner Porno Chic" und "Sodomie im Märchenland". Denn dafür steht ihr Name weltweit: Sex and Crime aus Knetgummi.
Nathalie Djurberg, 32, mag ein zartes Wesen sein, aber sie macht die zynischsten Filme der Kunstszene. Auf den ersten Blick sind sie drollig, auf den zweiten deftig, voller Lust und Trieb, Leid und Tod. Ohne Moral, dafür mit viel schwarzem Humor.
In Rotterdam eröffnet Djurberg nun eine riesige Soloschau, in Innsbruck und Miami nimmt sie an Gruppenausstellungen teil; im Sommer und Herbst folgen Soloschauen in Kopenhagen, Minneapolis und London. Eine Welttournee.
Djurbergs Geschichten, meist nur wenige Minuten lang, verhandeln kollektive Ängste und verdrängte Triebe. Als hätte Freud Filme gedreht.
Da flüchten Kinder zurück in den Mutterleib, da reichen sich drei weiße Weiber einen farbigen Knaben hin und her, wie ein Sex-Spielzeug, da peitscht eine fette Frau ihren Diener - und weint dabei. In anderen Filmen fickt ein Elch eine Königin, reißen Vögel Menschen die Gedärme raus, verhöhnen Wüstenkamele einen Verdurstenden. Tierisch wild. Besonders irritierend ist "Putting down the prey": Eine eingemummelte Eskimo-Frau erlegt ein Walross, weidet es aus, legt alle Kleider ab, schlüpft in den Kadaver und näht ihn von innen zu. Der Name Djurberg übrigens, wer glaubt schon an Zufälle, bedeutet auf Deutsch Tierberg.
Djurbergs Figuren haben Schmollmünder oder Zickzack-Fratzen, Kulleraugen oder Killerblick, sie erregen Mitleid oder Abscheu, manchmal auch beides gleichzeitig. Die Szenarien sind grotesk. Als hätten Goya und George Grosz gemeinsam mit Knetgummi gebastelt.
Djurberg stammt aus dem Städtchen Lysekil, einem Ferienort an der schwedischen Westküste. Als sie ein Jahr alt war, trennten sich ihre Eltern. Sie wuchs bei ihrer Mutter auf, einer Lehrerin, die sich mit Puppentheater etwas dazuverdiente. Einen Fernseher gab es nicht. Djurberg besuchte eine Kunstschule in Göteborg, danach die Kunstakademie in Malmö, wo ein Professor ihr recht bald sagte, was er von ihrem Talent als Malerin hielt: "Hör auf damit!" Eine Kritik, der sie ihre Karriere verdankt.
Djurberg sattelte um auf Knetfigurentrick, geläufiger unter dem englischen Namen Claymation. Das ist eine Form des Stop-Motion-Films, die meist in Kinderfilmen zum Einsatz kommt, dank der lange erfolgreichen Promi-Parodie "Celebrity Deathmatch" auf MTV aber auch so etwas wie einen Hipness-Faktor hat.
Den Durchbruch brachte Djurberg die Berlin-Biennale 2006, auf der sie den Film "Tiger Licking Girl's Butt" zeigte: In einem Schlafzimmer mit Blümchentapete leckt eine Wildkatze ein nacktes Mädchen von hinten zwischen den Beinen; zu hören ist nichts als das Schlecken des Tigers und das Stöhnen des Mädchens. Beiden gefällt der Sex - und so legt sich das Mädchen zu dem Tiger ins Bett. Wiederholt eingeblendet wird die Frage: "Warum habe ich den Drang, solche Dinge wieder und wieder zu machen?" Unklar ist, wer gemeint ist, Tiger oder Mädchen. Unklar ist auch, welche Moral die Geschichte hat: Djurberg urteilt nicht. Der Film endet unvermittelt, ohne Pointe.
Auf die Berlin-Biennale folgten Einzelausstellungen in renommierten Häusern, der Kunsthalle Wien, der Mailänder Fondazione Prada, dem Pariser Centre Pompidou. Überall verstörten ihre Filme die Besucher, weil sie offenließen, wer der Gute ist und wer der Böse, wer das Opfer und wer der Täter. In "The Necessity of Loss" läuft gutgelaunte Computerspiel-Musik; ein Mann und ein Mädchen herzen sich. Um seinen pädophilen Trieb unter Kontrolle zu halten, säbelt sich der Mann den Penis ab, einen Arm, beide Beine, zum Schluss den Kopf. Und was macht das Mädchen? Es zieht sich die Unterhose aus, setzt sich auf sein Gesicht - und befriedigt sich mit seiner langen Nase.
Die Kinderästhetik macht es den Zuschauern leichter, einerseits. Djurberg erzählt schmunzelnd von einer ihrer ersten Ausstellungen, bei der ein älteres Paar schimpfend rausrannte: "Wenn wir gewusst hätten, dass das eine Kindergarten-Ausstellung ist, wären wir nicht gekommen." Andererseits tritt oft der gegenteilige Effekt ein, das lässt sich in jeder Djurberg-Ausstellung beobachten: Die bestechend bunten Bilder halten die Blicke der Besucher gefangen - bis sie erröten. Sie verführen zum Voyeurismus. Hinzu kommt, dass die Kinderästhetik bei den Besuchern die Erwartung weckt, die Geschichten hätten eine moralische Botschaft, wie jedes anständige Märchen. Wird ihnen diese versagt, sind sie irritiert.
In "Florentin" tollt ein Mann im schwarzen Anzug zu zirkusartiger Drehorgelmusik mit zwei Mädchen herum, bis sie ihm ein Bein stellen. Er legt sie übers Knie und versohlt ihnen den Po, natürlich den nackten, woraufhin ihn die eine beißt - und die andere mit einem Baseballschläger blutig prügelt. Das Schlussbild: Der Mann weint. In "Badain" hingegen geht der Mann, ein fürstlich gekleideter Farbiger, als Sieger aus dem Ring. Es ist ein Sieg mit bitterem Beigeschmack: Rassismus. Zu melancholischen Klavierklängen streichelt der Farbige drei weiße Frauen, die nackt auf einem Bett liegen: eine mit schwarzem Haar, eine mit rotem, eine mit blondem. Zwei weiße Herrenhände kommen ins Bild, ihre Tätscheleien wehren die Frauen aber ab. Sie ziehen den Farbigen aus und haben Sex zu viert. Danach reichen weiße Herrenhände dem Farbigen eine Banane und einen Bademantel, wie nach einem Boxkampf. Er macht eine Siegerpose. Und Aus.
Manche der absurden, amoralischen, alptraumhaften Angstszenarien Djurbergs erinnern an Kafka, etwa ihre Installation "The Experiment", für die sie bei der Venedig-Biennale 2009 den Silbernen Löwen als beste Nachwuchskünstlerin bekam - der bisherige Höhepunkt ihrer Karriere. Suggestive Rhythmen waberten durch einen düsteren Raum, gefüllt mit modellierten Schlingpflanzen: ein teuflischer Garten Eden, der den Besucher verschlang, ihn hineinsog in das Treiben der Filme, darunter "The Experiment (Greed)". Ein nacktes Mädchen krabbelt drei Geistlichen unter die Gewänder, mal freiwillig, mal gezwungen. Als sie Zuflucht sucht bei einer zweiten Nackten, zieht diese ihr das Fleisch von den Knochen, ohne dass Erstere sich wehrt. Noch mehr nackte Frauen tauchen auf, eine kratzt die andere blutig, eine weitere irrt akrobatisch verbogen umher. Totengräber schaufeln Erde von einem Haufen, bis sich darunter eine fette Frau rührt, die ihre Brüste vor den Männern verdeckt, sie dann aber an ihnen saugen lässt, bis Milch in Bächen hinausrinnt. Eine Art Urmensch schlägt auf ein Ei ein, bis es zerbricht, und ein Geistlicher reitet auf einem Esel davon. Alles klar?
"Das Schöne an Kunst", sagt Djurberg, "ist ja dieses: Man stellt Fragen - und muss die Antworten nicht haben." Vielleicht sogar: Man stellt Fragen - und darf die Antworten nicht haben. "Wenn man das, was man ausdrücken möchte, aufschreiben kann", sagt Djurberg, "sollte man es aufschreiben. Ich kann es nicht aufschreiben, also mache ich Filme."
Was verdammt aufwendig ist: Djurberg modelliert ihre Figuren aus Plastilin, Plastik und Echthaar um Drahtgestelle herum - und arbeitet dann nach der Stop-Motion-Methode, das heißt, sie knipst ein Foto, verändert die Figuren, knipst ein Foto, verändert die Figuren, knipst ein Foto. Mindestens achtmal pro Filmsekunde, manchmal 16-mal.
Disney würde 24 Fotos pro Sekunde schießen, für die perfekte Filmillusion. Djurbergs Filme hingegen holpern - und das dürfen sie, ja, sie sollen es. Sie ist keine Kunsthandwerkerin, sie ist Künstlerin. Sie ist keine Perfektionistin, sie nimmt sich die Freiheit, Fehler zu machen. Viele ihrer Figuren sind grob geknetet, häufig sind Marionettenfäden im Bild zu sehen, noch häufiger stecken Rechtschreib- und Grammatikfehler in den englischen Texteinblendungen. Was daran liegt, dass Djurberg Legasthenikerin ist, aber auch daran, dass es sie nicht stört. "Ich arbeite schlampig", sagt sie. Sie arbeitet mit der kreativen Energie eines Kindes.
Der Effekt: Die Fehler im Film untergraben die Autorität der Filmautorin, sie erschüttern auf formaler Ebene die bequeme Haltung der Zuschauer, dass die Autorin schon diejenige sein wird, die ihnen mit großer Geste den richtigen Weg weist. Pustekuchen. Zudem hat die Ungeschliffenheit einen Verfremdungseffekt: Sie hebt die Filme auf eine symbolische Ebene, schafft eine kritisch-analytische Distanz. "Meine Figuren wirken lebendig", sagt Djurberg, "aber sie wirken immer auch noch wie ein Stück Knetgummi."
Djurberg ist Drehbuchautorin, Bühnen- und Kostümbildnerin, Kamerafrau und Regisseurin. Ihr Freund Hans Berg, 32, ebenfalls Schwede, komponiert den Soundtrack: keine liedhaften Melodien wie in Knetanimationen für Kinder, keine eingängigen Illustrationen der Handlung, sondern suggestiv-atmosphärische Klänge, für die er Motive schwedischer Volksmusik mit Klassik und digitalen Effek-ten mischt. Mal intensiviert er den Schrecken, mal bricht er ihn.
Kennengelernt haben die beiden sich nicht in Schweden, sondern 2004 in Berlin, wo sie noch heute gemeinsam leben. Für den Musiker und Techno-Produzenten ist die Berliner Szene eine wichtige Inspiration, nachts zieht er durch die Clubs. Djurberg begleitet ihn fast nie, sie gibt fast nie Interviews, sie spricht nach sieben Jahren Berlin fast kein Deutsch. "Ich arbeite daran, sozialer zu werden", sagt sie, "das ist meine große Aufgabe dieses Jahr." Sie macht eine Pause. "Das war auch schon meine große Aufgabe letztes Jahr." Doch letztes Jahr wurde ihr plötzlich alles zu viel, sie konnte nicht mehr arbeiten, sie konnte die Wohnung kaum noch verlassen, auch nicht für die Vernissage ihrer Schau "Snakes knows it's Yoga" in der hannoverschen Kestnergesellschaft. Die übernahm Hans Berg allein, ebenso wie er mittlerweile ihren kompletten E-Mail-Verkehr übernommen hat, um sie zu entlasten.
Inzwischen hat Djurberg sich gefangen, so dass sie an ihrer nächsten Vernissage wohl teilnehmen kann, im Rotterdamer Museum Boijmans Van Beuningen, für das die Schau aus Hannover deutlich erweitert wird. Auf Sockeln, geschützt und gefangen unter Plexiglashauben, präsentiert Djurberg Fakire, Derwische, Mönche, Schamaninnen, Eremiten - jede Menge religiöses Personal, isoliert, unbelebt, in sich versunken. Dazu läuft ein Film, in dem eine nackte Frau sich lustlos am Schamhaar juckt, an ihrem Finger riecht, ihn an ihrem Bein abstreift - und sich dann einen Frosch krallt. Sie fährt mit der Zunge über ihn und gerät in einen Rausch, wie in einem schamanistischen Ritual, bei dem halluzinogene Frösche abgeleckt werden. Sie lässt sich von dem Frosch bekrabbeln und befingern, küssen und beißen - einen Prinz jedoch bekommt sie nicht.
In einem zweiten Film wirkt das Streben nach Ekstase weniger lächerlich: Ein nackter Yogi mit polangem Haar meditiert zu tranceartigen Elektroklängen und gerät auch dann nicht aus der Ruhe, als eine Riesenschlange naht. Von ihr lässt er sich umschlingen, sich herumheben, sich hypnotisieren - und sich schließlich zerreißen, ohne Gegenwehr. Grausam wirkt der Tod nicht, im Gegenteil.
Der Film erinnert an die Antwort, die Djurberg der Kuratorin Ali Subotnick vor Jahren auf die Frage gegeben hat, wie sie sterben wolle: durch den Wald spazieren und von einem Bären gekillt werden. Zudem habe sie gehört, ergänzte Djurberg, dass Ertrinken ein sehr friedlicher Tod sei - wenn man erst einmal aufgegeben habe. Und so enthält dieser Film vielleicht klarer als alle anderen die Essenz ihres Schaffens: Missbrauch, Gewalt, Tod - und die Suche nach einer Möglichkeit, die Angst vor ihnen zu überwinden.
Djurberg fürchtet sich vor vielen Themen, "vor manchen so sehr, dass ich mit ihnen nicht arbeiten kann". Welche das sind? Keine Antwort. Ihr Freund, sagt sie, sei sich sicher, dass er sich moralisch richtig verhalte, wenn es drauf ankomme, er sei sich sicher, ein guter Mensch zu sein. "Ich bin das nicht." Sie hat Angst, die Kontrolle zu verlieren - und gleichzeitig faszinieren sie Kontrollverluste. "In gewisser Weise agiere ich das in meinem Filmen aus", bekennt sie.
Ihre Filme seien jedoch keine Do-it-yourself-Psychotherapie, wie manch Kritiker vermutet. "Mir geht es nicht so sehr um mich persönlich, mir geht es um die Gesellschaft." Djurberg lacht. "Meine Filme sind kein Tagebuch."
Es wäre auch schlimm.
Die bestechend bunten Bilder halten die Blicke der Besucher gefangen - bis sie erröten. Sie verführen zum Voyeurismus.
"Die Figuren wirken immer auch noch wie ein Stück Knetgummi."
Soloschau: "Snakes knows it's Yoga". 5. März bis 1. Mai in Rotterdam, Museum Boijmans Van Beuningen.
Gruppenschauen: bis 1. Mai in Innsbruck, Galerie im Taxis-palais, und bis 26. August in Miami, Rubell Family Collection.
Von Tobias Becker

KulturSPIEGEL 3/2011
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