28.02.2011

Die Sängerin Marianne Rosenberg, 55, über Paul Simon, Krisen und den Begriff Schlager

KulturSPIEGEL: Mit 17 hat man noch Träume. Erinnern Sie sich?
Marianne Rosenberg: Ich träumte von einem eigenen Zimmer, denn ich wohnte in Berlin-Reinickendorf in einer Neubauwohnung mit vier Zimmern und hatte sechs Geschwister. Das war beengt. Aber mit 17 hatte ich erste Club-Auftritte und begann, eigenes Geld zu verdienen.
Seit wann singen Sie?
Schon als Kind baute ich mir zu Hause kleine Bühnen, um aufzutreten. Ich sang dann bald bei Familien-Geburtstagen und Hochzeiten. Manchmal holte mein stolzer Vater mich abends ab und nahm mich mit in Kneipen in Berlin-Neukölln, wo ich auf Tischen stand und Lieder wie "Schöner fremder Mann" von Connie Francis sang. Meine erste Platte nahm ich mit 14 auf. Damals machte die ganze Familie mit: Zum Beispiel kam jeden Tag ein Sack voll Fanpost, und alle halfen, diese Briefe zu beantworten. Auch Journalisten kamen zu uns in die Wohnung, und meine Mutter bewirtete sie mit Brötchen. Wenn Fotografen dabei waren, mussten sich meine Geschwister umziehen.
War es anstrengend, so früh Karriere zu machen?
Von heute aus betrachtet, schon. Damals fand ich das alles sehr aufregend, aber wenn ich mir vorstelle, dass ich damals kaum noch mit Gleichaltrigen zu tun hatte, sondern nur mit Erwachsenen, die im Schnitt 20 Jahre älter als ich waren, kam das doch zu früh. Wenn alle anderen sich mit Freunden verabredeten, war ich auf Tournee oder im Plattenstudio. Mit 15 reiste ich zu einem Festival nach Rio de Janeiro. In der Jury saß damals Paul Simon, der mir, bevor ich überhaupt auftrat, null Punkte gab, weil ich Deutsche war.
Die Familie Ihres Vaters hat im "Dritten Reich" auch Schlimmes erlitten.
Das ist richtig. Mein Vater sagte dann auch, als ich zurück in Berlin war: "Na, dem Simon hätte ich was erzählt! Du hättest ihm sagen müssen, dass du sein Leid verstehst, aber dass dein Vater auch im Konzentrationslager war." Er betonte, dass so ein Verhalten auch ohne seine Vergangenheit nicht gerecht gewesen wäre, weil ich ja ein junger Mensch war, der damit nichts zu tun hatte. Aber ich war jung und schüchtern und wäre nicht in der Lage gewesen, vor Paul Simon eine Rede zu halten.
Seit wann fühlen Sie sich erwachsen?
Das kam wohl mit meiner ersten Krise. Ich war Anfang zwanzig, hatte mit "Marleen, eine von uns beiden muss nun gehen" einen riesigen Erfolg, aber mir wuchs das alles über den Kopf, und ich wollte solche Lieder nicht mehr singen. Immer dieselben Geschichten von den Frauen, die ihre Männer nicht bekommen. Das war mir zu wenig.
Ist der Begriff "Schlager" ehrenrührig?
Der Begriff ist völlig in Ordnung für mich. Allerdings definiere ich meine Musik nicht als Schlager. Meine großen Erfolge wie "Lieder der Nacht", "Ich bin wie du" oder "Er gehört zu mir" sehe ich als deutsche Adaption des amerikanischen Phillysound. Wenn Sie mich heute fragen, war das die erste deutsche Popmusik. Damals aber hatte ich ein Problem mit dem Begriff "Schlager" und der ZDF-Hitparade. In den achtziger Jahren wollte ich davon weg und probierte das, wofür ich bekannt war, mit einer radikalen Abkehr zu zerstören, indem ich zum Beispiel bei der Neuen Deutschen Welle mitmachte oder zuschaute, wie Ton Steine Scherben musizierten. Später nahm ich mit Rio Reiser sogar Lieder auf.
In diesem Jahr gehen Sie wieder auf Tournee. Macht es noch Spaß, Ihre alten Hits aufzuführen?
Ich nehme die Klassiker immer mit, aber passe die Arrangements dann dem jeweiligen Stil meiner aktuellen Platte an. Es geht nicht nur darum, was ich spiele, sondern auch darum, wie ich es spiele. Aber es wäre vermessen, wenn ich Lieder wie "Er gehört zu mir" nicht mehr singen würde.
Marianne Rosenberg geht ab dem 18. März auf Tournee (www.tourneen.com), gerade ist ihr neues Album "Regenrhythmus" erschienen (Edel Records).
Der nächste KulturSPIEGEL erscheint am 28. März 2011
Von Christoph Dallach

KulturSPIEGEL 3/2011
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