28.03.2011

Die schöne Unnahbare

Santiago de Chile galt immer als langweiligste Metropole Südamerikas. Heute ist sie eine der spannendsten der Welt. Was ist passiert?
Wer vor zehn, zwölf Jahren Santiago de Chile besuchte, berichtete oft von einem bestimmten Gefühl: dem Drang, die Stadt so schnell wie möglich wieder zu verlassen. Schlechte Luft, schlechtes Essen, schlechtgelaunte Menschen, die sich in ihrem Haus verschanzen. Sonst nichts. Touristen sahen manchmal nur den Flughafen und machten sich auf zu den aufregenderen Orten Chiles, ans Meer, nach Patagonien, in die Anden. Geschäftsreisende blieben im Hotel. Aus den anderen Megacitys Südamerikas, aus Rio, Buenos Aires, Lima, schauten die Menschen mitleidig herüber und fragten sich, wie eine Sechs-Millionen-Stadt bloß so langweilig sein kann.
Wer heute nach Santiago kommt, fragt sich eher, was man als Erstes machen soll. Die chilenische Hauptstadt lebt.
Menschen sitzen im Viertel Bellavista draußen und trinken ihren Kaffee in der Sonne oder ihr Bier im Mondlicht. Junge Pärchen liegen knutschend im Gras des Parque Forestal oder auf den Hängen der Stadthügel Santa Lucía und San Cristóbal und kümmern sich nicht um strenge Blicke älterer Damen. Im Edelviertel Vitacura überbieten sich die Spitzenköche mit spektakulären Kreationen, um die wachsende Feinschmeckergemeinde bei Laune zu halten. Designhotels tauchen neben den verstaubten Herbergsketten auf. Ein paar verbliebene Kolonialbauten schmiegen sich an Wolkenkratzer. Im Geschäftsviertel setzen die Bauarbeiter die ersten Fenster im Gran Torre Costanera ein, dem bald höchsten Gebäude Lateinamerikas. Und am 2. und 3. April werden Zehntausende Fans im O'Higgins-Park erwartet, wenn das Lollapalooza-Festival zum ersten Mal in seiner 20-jährigen Geschichte die USA verlässt, und Weltstars wie Kanye West, Fatboy Slim, The Killers und Jane's Addiction nach Santiago bringt. Das alles macht Eindruck. Die "New York Times" setzte die Stadt auf Platz eins ihrer Liste von Orten, die man 2011 besuchen muss. Rio, Buenos Aires, Lima werden langsam ein bisschen neidisch.
"Es ist erstaunlich, wie sich Santiago verwandelt hat", sagt Reinhard Maiworm, der seit fünf Jahren mit seiner Frau Judith das örtliche Goethe-Institut leitet, um die Chilenen für deutsche Kultur zu begeistern. "Als wir hier ankamen, gab es kaum so etwas wie eine Freiluftkultur, die wenigsten Cafés stellten mal Tische vor die Tür. Heutzutage sitzen die Menschen massenhaft draußen, das macht einfach gute Laune." Das Paar wurde nach Stationen in New York und Berlin nach Santiago geschickt, da hat es gedauert, mit der neuen Heimat warm zu werden. "Als wir ankamen, hat unsere Tochter geweint, und ich war nah dran", sagt Judith Maiworm, die im Juli nach Havanna versetzt wird, während ihr Mann nach Mexico City geht. "Heute macht es mich traurig, dass wir Santiago bald verlassen. Die Menschen haben eine Lust auf Kunst und Kultur entwickelt, die man selten sieht."
Diese Lust schlägt sich in der stets zunehmenden Zahl von Galerien und Museen nieder. Neben den Klassikern wie der chilenischen Nationalgalerie Museo de Bellas Artes ziehen auch neue Häuser mit neuen Ideen die Massen an, wie das im Januar 2010 eröffnete Museo de la Memoria, das an die Militärdiktatur unter Augusto Pinochet von 1973 bis 1990 erinnert; oder das private Museo de la Moda, das seit 2007 eine gigantische und weiter anschwellende Kleidersammlung beherbergt, die neben den Ausstellungsräumen im Erdgeschoss mittlerweile ein unterirdisches, sechsstöckiges Lager füllt. Museumschef Jorge Yarur, Spross einer bekannten chilenischen Industriellenfamilie, wollte anfangs eigentlich nur den exquisiten Geschmack seiner Mutter würdigen, das sei dann "etwas außer Kontrolle geraten", wie sein engster Mitarbeiter Hernán García sagt. Heute gibt es Seltenheiten aus dem Besitz von Marilyn Monroe, Madonna und Joan Crawford zu bewundern; Gaultier-, Valentino- und Balenciaga-Schöpfungen; Sammlerstücke aus dem 17. Jahrhundert. Und das Ganze in einem hyperedlen, modernistischen Sechziger-Jahre-Bungalow, vor dem der Chef vor kurzem ein paar Autos in den Rasen hat rammen lassen, als Kunstinstallation.
Doch nirgendwo in Santiago hat die Kunst ein komfortableres Zuhause gefunden als im erst vor sechs Monaten eröffneten Centro Gabriela Mistral (GAM), untergebracht in einem geschichtsträchtigen Bau aus Stahl und Glas, der zwischen 1973 und 1981 Pinochets Militärjunta als Hauptquartier diente und nach einem Feuer 2006 aufwendig neu gestaltet wurde. Eine große audiovisuelle Bibliothek, ein neuer Konzert- und ein neuer Theatersaal, dazu massenhaft Ausstellungsfläche, auf der beispielsweise noch bis Ende April eine hervorragende Koen-Wessing-Schau gezeigt wird, die die Machtergreifung Pinochets und das Ende von Salvador Allende dokumentiert.
"Dass die Stadt gerade so erwacht, hat mit unserer Geschichte zu tun", sagt die Direktorin des Zentrums, Alejandra Wood. "Die Militärdiktatur mit ihren Tausenden Toten und Verschwundenen wurde im Gegensatz zur argentinischen nie wirklich aufgearbeitet, es gab einen Übergang in die Demokratie, keinen harten Schnitt. Viele Künstler, die früher verfolgt worden wären, haben sich erst langsam an die Öffentlichkeit rangetastet, gehen Wagnisse ein. Die Leute gewöhnen sich immer noch daran, wie wichtig Kultur ist, Santiago ist gerade dabei, seine Identität zu finden."
Dazu trägt eine Riege von Kreativen auf allen Feldern bei, wie die Rockband Lucybell, die eine der erfolgreichsten in Chile ist. "Wir sind hier in einem Tal, umzingelt von riesigen Bergen, da fühlt man sich etwas isoliert", sagt Lucybell-Bassist Eduardo Caces. "Ich glaube, heute haben die Künstler hier ein neues Selbstbewusstsein, vielleicht die Einwohner überhaupt. Dass sie sagen: ,Dann machen wir es uns eben besonders schön auf unserer Insel.'"
Was Santiago gerade auch besonders schön macht, ist das lange Jahre in aller Welt verspottete kulinarische Angebot. Chiles Küche galt als tragischer Abklatsch argentinischer Grill- und peruanischer Fischkultur, heute machen Gourmet-Tempel wie das "Puerto Fuy" oder das "Astrid y Gastón" auch die Anspruchsvollsten glücklich. "Die Köche hier haben früher versucht, den Nachbarländern nachzueifern", sagt der 31-jährige Jungstarkoch Sebastián Maturana, der das im Moment oberhippe "Casa Mar" betreibt. "Die neue Generation ist auch zu Experimenten bereit. Wenn es keine richtige chilenische Kochkultur gab, dann erfinden wir jetzt eine." Bei Maturana sieht das so aus, dass er neben köstlichen Dauerbrennern wie gegrilltem Tintenfisch auf Avocado und einer Variation des berühmten Rohfisch-Ragouts Ceviche auch eine Portion Krill als Appetizer serviert. Die Kleinkrebse werden sonst eher von Walen als von Menschen verspeist. Wer Maturanas Krill-Cocktail probiert hat, fragt sich, warum.
Und dann: der Wein. Um Santiago herum liegen zahlreiche Weingüter auf Weltniveau. Oder drüber. "Da können die Argentinier machen, was sie wollen, das Klima hier ist einfach besser", sagt der gebürtige Neuseeländer Grant Phelps. Der 37-Jährige lebt seit zehn Jahren in Chile und ist seit einem Jahr Chefwinzer des Weinguts "Casas del Bosque", das knappe 90 Minuten außerhalb Santiagos in einem traumhaften Tal liegt und ein paar der besten Weine des Landes produziert. Santiago fand auch er am Anfang unerträglich, mittlerweile ist er gern dort, gerade wenn es ums Ausgehen geht. "Es ist viel besser geworden", sagt er. "Ich fürchte mich nur vor der schleichenden Amerikanisierung. Das Größte für die Leute in Santiago sind riesige, hässliche Shopping-Center. Ständig bauen die neue."
Tatsächlich ist nicht alles das pure Glück in Santiago de Chile. Neben den Shopping-Centern geht vielen der Verkehr auf die Nerven, der auf der Nordsüd-Achse jeden Morgen seinen täglichen Zusammenbruch erlebt. Im chilenischen Winter ab Mitte Mai kann der Smog immer noch atemraubend sein. Und allen steckt noch der Schrecken vom großen Erdbeben in den Knochen, das am 27. Februar 2010 mit einer Stärke von 8,8 mehr als 500 Chilenen das Leben kostete und auch in der weniger hart getroffenen Hauptstadt substantielle Schäden anrichtete, zum Beispiel stürzte das Flughafengebäude teilweise ein.
So ist das Mitgefühl mit Japan in Santiago besonders groß. Die Chilenen sind Erdbeben gewohnt, aber das letzte hat ihnen gezeigt, wie verwundbar sie doch sind, und die japanische Katastrophe zeigt ihnen, wie schlimm es theoretisch werden kann. Gerade hat die seit einem Jahr amtierende konservative Regierung von Sebastián Piñera bekräftigt, dass sie am Einstieg in die Atomkraft festhalten will, den apokalyptischen Bildern aus Fukushima zum Trotz.
Vielen macht das Angst. Aber in Santiago musste man lernen, mit den Beben und ihren Konsequenzen zu leben. Humor hilft, obwohl die zurückhaltenden Chilenen dafür eigentlich nicht so berühmt sind. In der legendären Kneipe "La Piojera" im Stadtzentrum ist der beliebteste Cocktail der "Terremoto", was "Erdbeben" heißt, und sich aus Fernet, einem Weinmost und Ananas-Eis zusammensetzt. Schüttelt einen.
Fotos: Lorenzo Moscia
Von Daniel Sander

KulturSPIEGEL 4/2011
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