23.04.2011

Der Horror-Regisseur Wes Craven, 71, über seine religiöse Jugend, Gewalt und falsche Fans

KulturSPIEGEL: Mit 17 hat man noch Träume. Erinnern Sie sich?
Wes Craven: Damals wollte ich tatsächlich Kampfpilot bei der Navy werden. So einer, der richtig vom Flugzeugträger abhebt.
Was ist Ihnen in die Quere gekommen?
Das wissen nicht viele, aber mit 19 Jahren war ich für eine ganze Weile von der Brust abwärts gelähmt. Ich hatte Transverse Myelitis, eine Form von Rückenmarkentzündung. Drei Monate lang konnte ich mich gar nicht bewegen, ein Jahr dauerte die Reha, und es brauchte noch viel länger, bis ich mich ganz erholt hatte.
Gruselig!
In der Tat. Das war's dann natürlich mit dem Pilotentraum. Stattdessen habe ich mir überlegt, Autor zu werden. Durch diese Fast-Begegnung mit dem Tod habe ich angefangen, Gedichte und Kurzgeschichten zu schreiben. Mit Anfang zwanzig sah ich mich schon als Schriftsteller, aber dann hat mich die Filmwelt quasi aus dem Nichts angesprungen.
Hat Sie Kino vorher gar nicht interessiert?
Bis ich 24 war, gab es in meinem Leben praktisch keine Filme. Ich bin in einer sehr religiösen Familie aufgewachsen, und meine Kirche hat Filme als Teufelszeug verboten. Erst als ich Lehrer am College war und die Religion hinter mir gelassen habe, fing ich an, mich dafür zu interessieren. Es gab da ein kleines Programmkino, das all diese großen europäischen Filme gezeigt hat, von Truffaut, Buñuel, Fellini. Ich war vollkommen verzaubert und habe dann bald beschlossen, nach New York zu gehen und das Filmemachen zu lernen.
Hatten Sie damals im Sinn, einmal ein Großmeister des Horrors zu werden?
Das war reiner Zufall. Was ich genau machen wollte, wusste ich damals noch nicht, und an Gruselfilme habe ich im Leben nicht gedacht.
Dafür ist Ihr Debüt "Das letzte Haus links" sehr furchteinflößend geraten.
Naja, die exzessive Gewalt darin sollte eine Art Kommentar auf den Vietnam-Krieg sein, der damals tobte. Denn was ich in den Kriegsdokumentationen gesehen hatte, war mindestens ebenso grausam. Abgesehen davon hatte ich nicht damit gerechnet, dass so viele Leute den Film sehen würden. Ein Freund und ich hatten von den Betreibern einer Kinokette in Boston einen Batzen Geld bekommen, um auf die Schnelle einen Horrorfilm zu machen. Ich dachte, der läuft dort kurz, und dann hört man nie wieder davon. Offensichtlich ein Irrtum.
Waren Sie stolz auf den Film?
Es war komplexer als das. Die ultra-religiöse Welt lag damals ja erst ein paar Jahre hinter mir. Ich spürte eine Kombination aus Stolz auf das, was ich geschafft hatte, und Entsetzen über die angewiderten Reaktionen von Leuten, die ich kannte. Statt als großer Regisseur fühlte ich mich erst mal als sozial Ausgestoßener.
Warum blieben Sie dem Horrorfilm trotzdem treu?
Nach "Das letzte Haus links" habe ich fünf Jahre lang Komödien und Sozialdramen geschrieben, für die niemand Geld geben wollte. "Hügel der blutigen Augen" habe ich nur gemacht, weil ich fast pleite war. Erst danach habe ich langsam erkannt, wie viel Potential in dem Genre steckt. Das führte zu Filmen wie "A Nightmare on Elm Street", mit dem ich bis heute sehr glücklich bin. Weil er eben mehr ist als Gemetzel und auch eine psychologische und philosophische Ebene hat. Das gilt auch für die "Scream"-Filme, besonders die ersten zwei und den vierten.
Letzterer kommt jetzt in die Kinos. Wie hält man in Zeiten von Twitter und Facebook den Mörder geheim?
Man muss höllisch aufpassen, dass das Drehbuch nie die Produktionsbüros oder das Set verlässt. Beim Casting haben wir die Schauspieler vorsichtshalber nur Seiten aus dem ersten Teil lesen lassen. Anstrengend. Ich verstehe die angeblichen Fans nicht, die allen den Spaß verderben wollen, indem sie das Ende im Internet verraten. Das ist doch abscheulich.
Wes Craven ist für seine blutigen wie tiefgründigen Horrorfilme berühmt. Er erfand mit Freddy Krueger eine der großen Ikonen des Gruselkinos. Sein neuer Film Scream 4 startet am 5.5. (s. Seite 48).
Der nächste KulturSPIEGEL erscheint am 30. Mai 2011.
Von Daniel Sander

KulturSPIEGEL 5/2011
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