30.05.2011

„Wir genießen trotzig“

Der Philosoph Robert Pfaller über Maß und Maßlosigkeit
KulturSPIEGEL: Herr Pfaller, wofür lohnt es sich zu leben?
Robert Pfaller: Für verschwindend kleine Dinge. Mit Freunden ein Bier trinken, in einem zärtlichen Moment die Aussicht genießen, beim Kaffee eine Zigarette rauchen, Ballspielen an einem Sommerabend. Eigentlich ganz einfach.
Ist das nicht etwas wenig? Verleiht das einem Leben Sinn?
Die Sinnfrage stelle ich bewusst nicht. Unsere vornehmste Aufgabe ist es zu leben, wie der Philosoph Montaigne gesagt hat. Nicht für bestimmte Aufgaben, Abenteuer, Projekte. Sondern einfach zu leben. Wenn Menschen nicht gelernt haben, wofür es sich zu leben lohnt, wenn sie immer nur auf die Frage geschaut haben, wozu es sich zu leben lohnt, also das Leben einem Projekt untergeordnet haben, dann fallen sie nach dem Ende dieses Projekts in jene Depressionen, wie es sie zurzeit so verbreitet gibt. Glücklich sind wir, wenn wir mit Freunden trinken, rauchen, tanzen bis zum Umfallen.
Wie unvernünftig.
Es wäre unvernünftig, immer vernünftig zu sein. Die Vernunft würde zu etwas Irrationalem, das die Unvernunft unerbittlich verfolgt und auslöschen will - wie es zurzeit bei extremen Rauchgegnern zu beobachten ist. Sie wollen keine erträgliche Regelung für alle, sie wollen totale Reinheit.
Rauchen ist ungesund, auch für Passivraucher.
Statt zu fragen, wofür wir leben, fragen wir uns nur noch, wie wir möglichst lange leben. Wir mäßigen uns maßlos. Das ist das Merkmal unserer Epoche, ihr Krankheitssymptom. Die Leute werden dazu angehalten, ihr Leben als Sparguthaben zu betrachten und eifersüchtig darauf zu achten, dass ihnen niemand etwas abknapst. Das ist eine Vorsicht gegenüber dem Leben, die das Leben selber tötet. Sie führt zu einer vorzeitigen Leichenstarre.
Wieso wird das Rauchen seit einigen Jahren verstärkt verteufelt?
Jedenfalls nicht, weil wir schlauer sind als frühere Generationen. Dass das Rauchen schädlich ist, wussten sie auch. Mehr noch: Wenn sie das nicht gewusst hätten, hätten sie niemals geraucht - weil es nämlich gerade ihre Schädlichkeit ist, die die Zigaretten erhaben macht. Heute hingegen ziehen wir den meisten Genüssen den Stachel: Bars ohne Tabakkultur, Bier ohne Alkohol, Kaffee ohne Koffein, Schlagsahne ohne Fett, virtueller Sex ohne Körperkontakt.
Ohne den Stachel kein Genuss?
Absolut. Dinge, die uns Genuss verschaffen, sind immer mit einem Problem behaftet. Sie sind teuer wie Champagner, fett wie Sahnetorte, giftig wie Zigaretten. Das problematisch Lustvolle bricht die ökonomische Logik des Haushaltens - die Vernunft, mit unseren Kräften heute so umzugehen, dass wir morgen noch welche haben. Die unvernünftige Verausgabung beschert uns einen Triumph.
Und Kopfschmerzen am nächsten Tag. Wenn nicht gar ein kürzeres Leben.
Ja, aber ein besseres Leben. Wir sollten nicht den Tod fürchten, sondern das schlechte Leben.
Was macht uns so vernünftig?
Zum einen die Politik. Im Ziel der maßlosen Mäßigung treffen sich Neoliberale und Linke. Sie machen gemeinsame Sache, aus unterschiedlichen Motiven: Der Neoliberalismus zerstört bürgerliche Räume und die Solidarität in den Sozialversicherungen, er macht Menschen für ihre Krankheiten selbst verantwortlich. Die Linke steckt fest in einer Nach-68er-Emanzipationserzählung: Sie empfindet den Menschen als frei, wenn er nicht fremdbestimmt ist, wenn er ganz er selbst sein darf, wenn er möglichst wenig vom anderen mitbekommt. Keinen Rauch zum Beispiel.
Viele verzichten freiwillig, nicht weil sie politisch dazu gezwungen werden.
Ja, weil bei ihnen etwas anderes an die Stelle der Lust tritt: Selbstachtung. Menschen, die asketisch sind, empfinden sich fast immer als höherwertig. Sie denken, sie seien klüger als andere und ihnen moralisch überlegen. In unserer Gesellschaft, in der die Klassendifferenzen härter werden, in der viele von Abstiegsängsten erfasst sind, ist das extrem attraktiv. Soziale Distinktion wird wichtiger. Nehmen Sie die Vegetarier, die derzeit so im Trend liegen: Die einen machen es, um gesünder zu sein; die anderen machen es, weil sie sich so besser fühlen als andere - denn sie schauen, so meinen sie, nicht nur auf ihr Schnitzel, sie haben den Klimawandel und das Fortbestehen der Menschheit im Blick.
Aber doch zu Recht. Muss das schöne Leben ein verantwortungsloses Leben sein?
Es geht um die Verantwortung gegenüber dem guten Leben. Die Klimapanik passt zu unserer Todesfurcht, die größer ist als die Furcht vor dem schlechten Leben. Es wird ständig so getan, als wenn es entsetzlich wäre, wenn die Menschheit als Gattung ausstürbe. Mein Vorgänger hier am Lehrstuhl, der Philosoph Rudolf Burger, hat einmal sehr klug festgestellt: Es ist nicht trauriger, wenn wir alle zugleich sterben, als wenn wir alle nacheinander sterben.
Ist ein fetter Fleischklops wirklich der Inbegriff von Genuss? Und kann ein Biosaft nicht genauso lecker sein wie ein Jahrgangssekt?
Triumphale Freude empfinden wir nur, wenn wir ein zwiespältiges Kulturelement in ein großartiges verwandeln. Wenn wir uns das versagen, sind wir im profanen Leben gefangen. Dann können wir nicht mehr feiern. Feiern können wir nur mit Dingen, die eine ungute, nicht auf Dauer verträgliche Eigenschaft haben.
Weil sie den Alltag durchbrechen.
Genau, der Alkohol bei einem Fest schlägt eine Kerbe in die Zeitlinie. Mit Mineralwasser kann man den Tag nicht markieren, an dem das eigene Fußballteam den historischen Sieg gegen den Stadtrivalen errungen hat. Und den Geburtstag eines Erwachsenen kann man nicht mit Multivitaminsaft feiern. Es wäre unhöflich, nicht mit ihm anzustoßen, wenn gefeiert wird. Es wäre unanständig, anständig zu bleiben. Unsere Kultur zwingt uns in solchen Situationen zur Verausgabung - zu der wir von allein nicht fähig wären.
Man muss die Feste feiern, wie sie fallen, heißt es im Sprichwort.
Was aber auch bedeutet, dass man sie sonst eben nicht feiern darf. Nur ein feierndes Kollektiv kann ein Gebot an die Individuen richten, keine Spielverderber zu sein. Deshalb erscheint der Einzelne, der einem auf der Straße rauchend entgegenkommt, auch so verwahrlost. Er raucht in seinem Alltag, nicht als Unterbrechung des Alltags. Er raucht ohne Kulturgebot. Das ist trist.
Zigaretten sind verpönt, keine Frage, aber ist unsere Kultur asketisch? Was ist mit dem allgegenwärtigen Sex?
Es gibt den schönen Satz des Philosophen Max Scheler, der schreibt, wir sind umgeben von lauter lustigen Dingen, die angeschaut werden von lauter traurigen Menschen, die nichts damit anzufangen wissen. Also: Es sind nicht die Genussmittel, die knapp geworden sind, sondern die Ressourcen, die Menschen brauchen, um die Genussmittel als lustvoll zu empfinden.
Wieso bietet der Markt den Sex dann überhaupt an?
Im Spielfilm wird er uns kaum noch angeboten, er ist in Talkshows und andere Reality-Formate abgewandert. Dort wird der Sex vorgeführt, aber nicht glamourös, sondern mit einer abstoßenden Note, mit einem mahnenden Fingerzeig. Die Drohung heißt: Wenn ihr euch nicht zusammennehmt, sitzt ihr morgen selbst bei den Unterschichtlern im Rudelbums-Container. Es ist heute für breite Mittelschichten immer mit der Gefahr der Deklassierung verbunden, sich freizügig zu zeigen.
Die Oberschicht lebt ihre Sexualität lustvoller aus?
Es gibt so etwas wie die Klasse italienischer Ministerpräsidenten, die Flavio-Briatore-Klasse auch, in der es zumindest zum guten Ton gehört, so zu tun, als habe man permanente Exzesse.
Wobei Berlusconi und Briatore auch nicht gerade glamourös sind, ebenso wenig wie Charlie Sheen. Der wird medial als Irrer vermittelt.
Charlie Sheen ist kein Typ wie Steve McQueen oder Paul Newman. Er ist zu extrem, ein Freak, ein Zerrbild. Wir haben heute generell keine Stars mehr, die als erotische Vorbilder taugen, die Sex so glamourös verkörpern, dass wir sagen können: Jetzt hatten wir einen tollen Moment, es war wie bei Michel Piccoli und Romy Schneider.
Was ist mit dem Boom der Kochshows und Kochbücher? Sind sie nicht ein Zeichen für eine genussfreundliche Gesellschaft?
Mit den Kochbüchern ist Ähnliches passiert wie mit den Sextoys. Das waren früher Dinge, die man im Verborgenen gehalten hat, hinter der Bühne. Die Effekte hat man den Auserwählten geboten, die auf die Bühne kamen: den Gästen, die zum Essen eingeladen waren, oder den Sexpartnern, die wir überraschen wollten. Heute zeigen wir alles exhibitionistisch her, aber Sex haben wir eher selten, und die Küche bleibt auch kalt. Dazu passt, dass heutige Kochbücher grafisch aufwendig gestaltet und stilisiert sind, sie haben eine ganz andere Funktion als die nüchternen Kochbücher vom Typ "Man nehme". Sie sind Vermittler eines Lebensgefühls, nicht so sehr Werkzeuge einer Praxis. Zumal die meisten auf Spitzenleistungen verweisen, so wie die Kochshows mit ihren Starköchen. Früher hatte man ein Repertoire an einfachen, wiederholbaren Gerichten, an denen man Freude haben konnte. So etwas wie ein gut gekochtes Rindfleisch mit einer Kohlrabi-Sauce. Heute ist alles extrem verfeinert und lässt sich schwer nachkochen.
Der Spanier Ferran Adrià, der Erfinder der Molekularküche, ist für das Kochen, was Charlie Sheen für den Sex ist?
Der Effekt kann ähnlich sein. Weil wir unbewusst denken: Wenn's überhaupt Sex gibt, dann gleich so was, na, dann lassen wir's lieber bleiben. Was Michel Piccoli und Romy Schneider vorgeführt haben, das war vielleicht auch drei Stufen über dem, was Normalmenschen wollten oder konnten, aber es war noch ein nachvollziehbares Ideal. So wie der Skilehrer auch immer drei Zacken besser fährt als der Skischüler, aber er fährt doch so, dass der Skischüler hinterherfahren und sich vorstellen kann, ihm mit ein bisschen Übung nahezukommen. Solche Vorbilder fehlen uns, wir sind von Extremen umgeben.
Extrem ist auch das Phänomen der Komatrinker - und es ist alles andere als asketisch.
Wenn wir uns über Alkohol hermachen, dann wie Kinder, deren Eltern ausgegangen sind und vergessen haben, den Schnapsschrank zuzusperren. Dann saufen wir uns die Birne weg, auch weil wir es uns nicht vorstellen können, dass irgendwer uns diesen Genuss gönnt - darin besteht das Asketische. Wir müssen exzessiv genießen, weil wir trotzig genießen - und weil wir mit einem schlechten Gewissen genießen, das wir betäuben müssen.
Beobachten Sie den kulturellen Trend zur Askese auch auf dem Feld der Kunst selbst?
Die Künstler sind heute die Musterknaben der Gesellschaft. Das liegt unter anderem daran, dass man leichter zu Geld kommt, wenn man den Kuratoren und Kulturpolitikern sachliche Projekte unterbreitet, die mit Sekundärliteratur durchdacht sind und ein wichtiges Anliegen promoten.
Wie verändert das die Kunst?
In den Achtzigern sah es auf einer Documenta aus wie in einer katholischen Kirche. Es gab viel buntes Zeug, vieles war kindisch und lustig. Heute gleicht eine Documenta einer protestantischen Kirche. Es ist viel Text zu lesen, die Objekte sind sperrig und nicht besonders lustvoll. Dafür geht es bei ihnen immer um ein wichtiges Anliegen, irgendetwas wird gerettet, irgendeine Minderheit oder eine bedrohte Pflanzensorte. Die Menschen haben offenbar mehr Bedürfnis, sich moralisch gut zu fühlen, als ihren Geschmack zu verfeinern oder sich zu amüsieren.
Und wie amüsiert sich der Philosoph Pfaller? Leben Sie privat das, was Sie beruflich predigen?
Nun ja, in meiner idiotischen Privatexistenz als Bourgeois habe ich ein Nebenhöhlenproblem und darf kaum rauchen, nur in feierlichen Ausnahmemomenten. Wichtig ist mir aber, dass man sich nicht von seinem Privatinteresse leiten lässt, wenn es darum geht, ob der Staat etwas verbietet. Man muss das, da es eine politische Frage ist, als Citoyen diskutieren und darf nicht die eigene Allergie über das Allgemeinwohl stellen.
Robert Pfaller, 48, ist Professor für Philosophie an der Universität für angewandte Kunst Wien. Gerade erschienen ist sein Buch "Wofür es sich zu leben lohnt". S. Fischer; 316 Seiten; 19,95 Euro.
"Wir sollten nicht den Tod fürchten, sondern das schlechte Leben."
"Sex haben wir eher selten, und die Küche bleibt auch kalt."
INTERVIEW: TOBIAS BECKER FOTOS: CAROLIN SAAGE
Von Tobias Becker

KulturSPIEGEL 6/2011
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