30.05.2011

Die Waltons aus London

Mum ist schuld, sie zog Kitty, Daisy und Lewis im Retro-Stil an und hörte Johnny Cash. Nun machen die drei aus der Zeit gefallene Musik für heute.
Sie könnten Komparsen in einem Hollywood-Film aus den vierziger, vielleicht fünfziger Jahren sein. Natürlich liegt das an Kleidern und Anzug der drei Geschwister Kitty, Daisy und Lewis Durham. Beispielsweise die beigefarbene Hose von Lewis: "Fünfziger Jahre vermute ich. Ein Schnäppchen, das ich für 40 Pfund auf dem Camden-Town-Flohmarkt entdeckt habe", sagt der Träger. "Es wird immer schwieriger, solche schönen Stücke, die vor den sechziger Jahren produziert wurden, zu bezahlbaren Preisen aufzustöbern", ergänzt Kitty. "Das Internet lässt leider die Preise für alles Alte explodieren", meldet sich auch Daisy zu Wort.
Kitty, Daisy and Lewis sind in der Reihe ihres Band-Namens 18, 23 und 20 Jahre alt und begeistern sich für die Mode und ganz besonders die Musik einer Ära, in der ihre Eltern noch nicht mal geboren waren. Was zur Folge hat, dass das Londoner Familientrio locker mit der Musikgeschichte umgehen kann: Beschwingt werden Rhythm & Blues mit Country, Rock'n'Roll, Jazz, Swing, Rockabilly kombiniert und, wenn es passt, auch mal mit hawaiianischen Klängen. Und so werden aus angejahrten Musikstilen Songs für heute.
Wie das geht, führen Kitty, Daisy and Lewis seit einiger Zeit eindrucksvoll vor. Bei ihren meist ausverkauften Konzerten wirbeln die drei jungen Londoner über die Bühne, als wären die Geister von Eddie Cochran, Bob Wills und Elvis Presley in sie gefahren, tauschen flugs untereinander Instrumente wie Banjo, Akkordeon und Mundharmonika und bringen ihr Publikum zum Mitwippen. Coldplay-Sänger Chris Martin war nach einem Auftritt des Trios sogar so angetan, dass er die Band einlud, das Vorprogramm seiner US-Stadion-Tournee zu bestreiten.
Auch andere Prominente haben die drei jungen Traditionalisten ins Herz geschlossen: Amy Winehouse ist ein Fan, so wie Mark Ronson, Mika, Billy Bragg und Damon Albarn. Es wird berichtet, dass selbst die Hollywood-Helden Dustin Hoffman und Ewan McGregor begeistert seien. Dazu würde passen, dass die Lieder in diversen Film-Soundtracks zu hören waren ("Last Chance Harvey", "Welcome To The Rileys"), Leander Haußmann nutzte einen Song für seinen Film "Dinosaurier".
Jetzt aber möchten Kitty, Daisy and Lewis endlich ein paar Platten verkaufen, auch gern so viele wie die Berliner Retro-Band The Baseballs, die von ihren beiden Rockabilly-Werken "Strike!" und "Strings'n'Stripes" insgesamt mehr als eine Million Stück abgesetzt haben. Das selbstbetitelte Debütalbum von Kitty, Daisy und Lewis erschien vor drei Jahren, bekam auch viele wohlmeinende Kritiken, konnte das aber nicht in entsprechende Chart-Platzierungen umsetzen.
Nun folgt das zweite Werk "Smoking in Heaven", das den medialen Ruhm in Tonträgerumsätze übertragen soll. Deshalb haben die drei bei dieser Platte auch alle Songs selbst verfasst. Denn die zahlreichen nachgespielten Fremdkompositionen ihres Debüts hatten den Haken, dass am Ende andere Autoren die Tantiemen kassierten. Andererseits klingen auch all die neuen Lieder so, als seien sie vor einer Ewigkeit in den Clubs von Memphis, Chicago und New York entstanden.
Wieso aber sind diese jungen Londoner der Musik ihrer Großeltern verfallen? Gelten Kinder mit solchen Vorlieben unter Gleichaltrigen nicht als sonderbar? "Logisch, das irritierte unsere Mitschüler. Meine Schwester und ich wurden gern mal als ,Farmersfrauen' verhöhnt, oft wurden wir auch ,Die Waltons' genannt. Und Lewis riefen sie wegen seiner Haartolle ,Elvis' hinterher", erinnert sich Kitty. Schuld an allem war eben Mum. "Ich wurde bereits mit alten Cowboy-Hemden und Anzügen in den Kindergarten geschickt", sagt Lewis.
Klar, dass schon die Eltern des Trios eher besonders waren. Ihre Mutter Ingrid Weiss trommelte einst in der von Kurt Cobain toll gefundenen Post-Punk-Band The Raincoats. Ihr Vater Graeme Durham betreibt in London ein hippes Aufnahmestudio, in dem schon Größen wie The Chemical Brothers und Laura Marling ihre Hits aufnahmen. Pop-Eltern also, in deren Heim der Nachwuchs mit allen Instrumenten, die dort so zahlreich herumlagen, uneingeschränkt spielen durfte. Dazu kam eine üppige Plattensammlung, die wenig mit der Gegenwart der Charts zu tun hatte, sondern vor allem mit Klassikern von Johnny Cash, Patsy Cline und Hank Williams bestückt war. Kaum konnten die Kleinen laufen, wurden sie auf allerlei Konzerte geschleppt. "Wir erlebten viele tolle und inspirierende Auftritte, und wenn wir dann wieder daheim waren, probierten wir, auch unseren Instrumenten ähnliche Klänge zu entlocken", erinnert sich Kitty. Kitty war sieben, Daisy zwölf und Lewis zehn, als sie ihre ersten Auftritte absolvierten.
Ob der Erfolg des Trios eine Trotzreaktion auf eine zunehmend durchdigitalisierte Welt ist? "Alte Musik klingt einfach freundlicher und wärmer", meint Daisy. Um ihren Songs etwas von diesem Zauber zu geben, spielen sie ihre Platten analog ein. "Man hört tatsächlich den Unterschied", sagt Lewis, der kürzlich in Florida eine alte Pressmaschine für Schellack-Platten aufgetrieben hat, die eineinhalb Tonnen wiegt, gerade verschifft wird und in der Gartenlaube der Eltern stehen soll. Ganz konsequent ist die Gegenwarts-Technik-Verweigerung der drei aber nicht: Laut Kitty besitzen sie alle iPods und nutzen sie auch.
Und weil er sich neulich ein Kapuzen-Sweatshirt von Gap gekauft hat, meint Lewis sich rechtfertigen zu müssen: "Das sieht aber wirklich ganz alt aus."
Kitty, Daisy and Lewis: "Smoking in Heaven" (Pias Recordings).
Von Christoph Dallach

KulturSPIEGEL 6/2011
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