27.04.1998

Neue Bücher

BELLETRISTIK

ACH, FREUNDE: Irgendwie ist es doch erschreckend, daß wir schon so alt sind! Noch ein paar Jahre, und wir sind radfahrverliebte Studienräte und endgültig so geworden wie unsere Väter, die nicht mal ihre Agave zum Blühen bringen. Vor allem aber werden wir dann vergessen haben, wie das damals war, als wir Sonja mit Schnee einseiften, obwohl wir sie küssen wollten und sie geküßt werden wollte. Ach, Kumpels, irgendwann wissen wir nicht mehr, was das Leben einmal zu versprechen schien. Der Schweizer Alex Capus, Jahrgang 1961, für seinen Erstlingsroman "Munzinger Pascha" als Draufloserzähler gefeiert, hat jetzt 19 Erzählungen verfaßt über die großen Teenager-Gefühle und die kleinen Geschichten, die das Erwachsenenleben daraus dann macht - manchmal etwas viel Kitsch, manchmal etwas flapsig, aber immer sehr wehmütig und schwer selbstironisch.

Alex Capus: "Eigermönchundjungfrau". Diogenes Verlag, Zürich; 192 Seiten; 29,90 Mark. % Peter Michalzik

KRANKHEITSBILD: Nach dem radioaktiven Fallout von Tschernobyl gab es Mäuse und Frösche mit sechs Fingern oder Zehen - und seit dem Fallout des Kommunismus geistern wilde Jungdichter aus Rußland durch die Welt des Theaters und der Literatur. Alexej Schipenko, 36, ist einer dieser Geschichtsmutanten, die keinen Satz unbeschädigt lassen und deren Figuren Strahlenopfer der Pop-Welt sind. Frei von Zeit, Text und Handlung taucht Arsenij aus Sewastopol, Schipenkos Held, mal als Jack Walden in New York auf, ein anderes Mal erwacht er nach einem Autounfall als Albert Camus. Arsenijs Krankheitsbild: Er hat sich angesteckt an der Lyrik Lermontows, den Songs der Doors und den Filmen Scorseses, er ist befallen von den Mythen der Geschichte und der Gegenwart.

Alexej Schipenko: "Das Leben Arsenijs". Aus dem Russischen von Sergej Gladkich und Franziska Seppeler. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; 316 Seiten; 44 Mark. % Georg Diez

BUCH DER UNRUHE: Manche Bücher ziehen uns in ihren Bann, gerade wenn sie auch nach mehrfacher Lektüre undurchsichtig bleiben. Daß wir einerseits nichts begreifen, andererseits aber alles zu verstehen glauben, macht ihren Reiz aus. Montanaris perfekter minimalistischer Roman ist so ein Buch. Am norditalienischen Lago d'Iseo treffen drei Menschen aufeinander: ein 32jähriger Mann, dessen Gesicht vor Jahren bei einem Unfall zerstört wurde und der nun wie ein Elefantenmensch lebt; eine junge Frau mit wunderschönem Körper und häßlichem Gesicht; und ein holländischer Riese, der die Angst vor dem Tod besiegt hat. Der Mann wird den Holländer und dann sich selbst umbringen, die Frau wird ihm bei dem Mord unwillentlich assistieren. Die Hintergründe bleiben rätselhaft. Das Schicksal tobt sich aus. Und still ruht der See.

Raul Montanari: "Der Perfektionist". Aus dem Italienischen von Olaf Roth. Ullstein Verlag, Berlin; 126 Seiten; 13,90 Mark. % Sven Boedecker

SACHBÜCHER

PROLETPROSA: In der ersten deutschen Diktatur funktionierte die Korrespondenz mit ganz oben nach folgendem Schema: Mutterkreuzträgerin X schreibt schmachtend und bewundernd ihrem Führer. Dann wartet X auf Antwort, tausend ewige Jahre lang. Vergeblich. In der zweiten deutschen Diktatur war der Kundenservice schon besser. Brigadistin Y schrieb dem Genossen Ulbricht und bangte nur wenige Wochen auf Antwort. Der barhäuptige Häuptling reagierte fast immer auf die mit krummem Buckel formulierten Depeschen seiner Arbeiter und Bauern: Ob eitel oder intrigant, der Ulbrichtsche DDR-Dirigismus kümmerte sich um Beatniks, Biermann, Ferkelsterblichkeit und das Bild von Jesus - mit dem ängstlichen Reflex und in der Proletprosa eines spießbürgerlichen Emporkömmlings und seiner Adepten.

Henrik Eberle (Hrsg.): "Mit sozialistischem Gruß!" Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin; 316 Seiten; 24,80 Mark. % Dominik Wichmann

SELFMADEMENSCH: Shakespeares "Sommernachtstraum", wo "jede Fee mit ihren hölzernen Versen" daherkommt, war nichts für ihn. Aber "Hamlet": Ja, da hatte "der gute William" einen "Diamant aller Büchersäle" geschrieben. Unverblümt notierte Ulrich Bräker, Bauernsohn aus der Ostschweiz, sein Urteil, und genauso ehrlich hat er das eigene Leben erzählt: Wie er mit 19 Jahren auf preußische Werber hereinfällt, aus dem Heer des großen Friedrich desertiert und sich samt Familie mit Salpetersieden und Tuchhandel durchschlagen muß, das gilt längst als klassische Autobiographie des kleinen Mannes. Vom Rest seiner "Kritzeleien" war bislang wenig bekannt. Endlich werden nun die Tagebücher des "Armen Mannes im Toggenburg" (1735-1798) entziffert: viel Seufzen zum lieben Gott, der ihm Krankheit, Hagel und Zwist beschert, aber je länger, je mehr das aufregende Dokument eines Menschen, der sich freischreibt.

Ulrich Bräker: "Sämtliche Schriften". Band 1 (von 5): Tagebücher 1768-1778. C.H. Beck Verlag, München / Verlag Haupt, Bern; 816 Seiten; 148 Mark. % Johannes Saltzwedel

BILDBAND

PROJEKT ISRAEL: Robert Capa ist 35 Jahre alt, als er sein berühmtes Foto von den ankommenden Flüchtlingen im Gelobten Land macht - sie beugen sich weit hinaus über die Reling, sehnsüchtig, zweifelnd und doch glücklich. Inge Morath ist gerade 36, als sie die ersten Bilder vom palästinensischen Flüchtlingselend veröffentlicht. Die jungen Fotografen der Fotografenagentur Magnum haben bis heute das Hin und Her des von Anfang an gefährdeten Projektes Israel dokumentiert, in Kriegen und im vermeintlichen Frieden. Allerdings wirken die Bilder aus jüngster Zeit etwas hilflos - Ausdruck der Orientierungskrise der heutigen Fotojournalisten.

"50 Jahre Israel in Magnum Photographien". Aus dem Amerikanischen von Matthias Fienbork. Rowohlt Verlag, Reinbek; 256 Seiten; 98 Mark. %

Christiane Gehner


KulturSPIEGEL 5/1998
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