25.05.1998

NEUE CDs

POP
FRISCH: Sir Noel Coward war wohl der erste britische Popstar. Der Exzentriker verfaßte in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts Lieder, Revuen sowie Theaterstücke und inszenierte auch sein Leben als ein überdrehtes Musical. Zu seinen größten Fans gehört Pet-Shop-Boy Neil Tennant, der nun unter Mitwirkung diverser Entertainer wie Elton John, Damon Albarn und Paul McCartney die Coward-Hommage "20th Century Blues" produziert hat. Tennants Versuch, den mehr als 50 Jahre alten Songs ein frisches Gewand zu verpassen, ist gelungen. Rätselhaft bleibt nur, wie Sting auf der Gästeliste landen konnte.
Diverse: "20th Century Blues" (EMI) %
BEDECKT: Weil Brian Wilson für die Beach Boys Gute-Laune-Hits wie "Fun, Fun, Fun" verfaßte, gilt er vielen als sonniger Oldie-Veteran. Weil er danach Pop-Sinfonien wie das Meisterwerk "Pet Sounds" zauberte, wird er auch als Genie gepriesen. Auf seinem neuen Solo-Album allerdings, dem ersten seit zehn Jahren, scheint keine Sonne, und nur selten zucken Geistesblitze. Wilsons Verehrer müssen sich diesmal mit den wunderschön gesungenen Balladen zufriedengeben.
Brian Wilson: "Imagination" (RCA/ BMG). Erscheint am 15.6. %
HEITER: Die Musiker der Pale Fountains waren die Sorte Jungs, die von Kanufahrten auf der Themse träumten. Ihre sanft beschwingten Melodien spielten sie damals in den Achtzigern mit akustischen Gitarren und Trompeten. Heute ist die Band längst Geschichte, aber die seltenen oder unveröffentlichten Songs auf "Longshot For Your Love" klingen noch immer so wunderbar unreal wie damals.
The Pale Fountains: "Longshot For Your Love" (Marina/Indigo) %
SCHWÜL: Der Grafiker Jay Jay Johanson hält Musik und Design für verwandte Kunstformen. Genauso klingt sein neues Album "Tattoo". Geschmackvoll reiht der blonde Schwede Trip-Hop-Beats aneinander, zu denen er so melancholisch wie einst Chet Baker über die Schattenseiten des Lächelns singt.
Jay Jay Johanson: "Tattoo" (RCA/BMG) % Christoph Dallach
JAZZ
VIRTUOS: Unter den modernen Tenoristen ist Brecker einer der wildesten. Jeff "Tain" Watts am Schlagzeug erweist sich genau als der richtige Mann, um ihn zu Höchstleistungen anzuspornen. Virtuos tobt Brecker durch die Stücke, die bis auf eines von ihm und seinen Partnern stammen. Aus dem Beiheft erfährt der Leser, daß Brecker eine Takumi-Brille trägt. Die Musik hat's nicht negativ beeinflußt.
Michael Brecker: "Two Blocks From The Edge" (GRP/Universal) %
VERBLÜFFEND: Sie singt Jazz, sie singt Soul, und ihre biegsame Stimme erzeugt Gänsehaut. Diesmal macht sich die schwarze Wahl-Berlinerin Jocelyn B. Smith an George Gershwin und Kurt Weill heran - auf eine Art, die selbst den Kenner verblüfft. "Summertime", schon hundertmal gehört, war selten erregender, ganz zu schweigen von "Mack The Knife" - da kann Jocelyn mit berühmten Vorbildern gut mithalten.
Jocelyn B. Smith: "Blue Light And Nylons" (Blondell Productions) %
GELASSEN: Er sei nun soweit in seinem Leben, meint NHØP, daß er zufrieden sagen könne: Mehr verlange ich nicht. Kein Wunder also, daß seine jüngste Einspielung so gelassen klingt. Da zupft ein Mann den Baß, der mit sich im reinen ist. Seine Mitspieler, darunter der hervorragende Gitarrist Ulf Wakenius, lassen sich hörbar mit Vergnügen auf die gute Stimmung ein. Oscar Peterson, ein alter Freund des dänischen Bassisten, sowie Phil Woods sind als Gäste dabei.
Niels-Henning Ørsted Pedersen: "This Is All I Ask" (Verve/Motor Music) %
VERGNÜGLICH: Alles nicht neu, doch immer wieder schön - Samba macht Spaß, und wer besonders vergnügungssüchtig ist, darf auch danach tanzen. Der Reiz dieser Zusammenstellung aber besteht darin, daß sie in Erinnerung ruft, wer sich alles an dieser heiteren, swingenden Musik versucht hat. Ella scattet das "Girl From Ipanema", Sarah Vaughan besingt die Copacabana, Milt Jackson ist dabei, Charlie Byrd, Cal Tjader, Joe Pass. Hübsche Idee.
Diverse: "Jazz Samba" (ZYX Music) %
Peter Bölke
KLASSIK
TURBULENT: Die gelangweilte Fiorilla turtelt mit dem feschen türkischen Fürsten Selim. Ihr schwächlicher und eifersüchtiger Ehemann geht zur Hellseherin Zaida, der ehemaligen Verlobten des Selim, während ein Dichter im Hintergrund die Fäden zieht. Und auf einem Maskenball ist die Verwirrung der Gefühle dann perfekt. Gioacchino Rossini zündet in seiner Oper "Il Turco in Italia" ein komödiantisches Musikfeuerwerk - mit viel Witz, virtuosen Arien und köstlichen Ensemble-Nummern. Riccardo Chailly und die Musiker der Mailänder Scala perlen durch die Partitur, Cecilia Bartoli besticht als flatterhafte Fiorilla: Bravissima!
Gioacchino Rossini: "Il Turco in Italia" (Decca 458 924) %
SAGENHAFT: Der im Kaukasus geborene Mystiker und Komponist Georgij Gurdjieff (1866 bis 1949) hat von seinen Expeditionen durch Asien Melodien von Sajjids und Derwischen mitgebracht, die der Kollege Thomas de Hartmann (1885 bis 1956) aus der Ukraine in neue Formen gegossen hat. Genau weiß man das allerdings nicht, denn über die beiden Musiker ist wenig bekannt. Die Klavierstücke klingen nach rieselndem Wüstensand, die exotischen Melodiewindungen regen an zur Meditation. Linda Daniel-Spitz, Charles Ketcham und Laurence Rosenthal spielen diese morgenländische Abendlandmusik mit großer Ruhe und Gelassenheit. Sagenhaft.
Georgij Gurdjieff/Thomas de Hartmann: "Music of the Sayyids and the Dervishes" (Wergo 6292) %
ÜBERZEUGEND: Der junge britische Tenor Ian Bostridge hat alle Eigenschaften für eine große Karriere: eine schöne Stimme, eine hervorragende Technik und viel Musikalität. Und intelligent ist er auch: Bostridge hat in Cambridge und Oxford Geschichte und Philosophie studiert. Jetzt präsentiert der Brite zusammen mit dem Pianisten Julius Drake den "Liederkreis" und die "Dichterliebe" von Robert Schumann. Eine unprätentiöse Interpretation, die durch klare Phrasierung, gute Textverständlichkeit und intensiven Ausdruck von A bis Z fesselt und neugierig macht auf weitere Taten des Tenors.
Ian Bostridge: "Schumann" (Emi 556575) % Eckhard Roelcke

KulturSPIEGEL 6/1998
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