25.07.2011

„Man muss die Scham überwinden“

Ein Gespräch mit den Schauspielern Jens Harzer und Lars Eidinger über Premierenangst, Leistungssport und die Salzburger Festspiele
Lars Eidinger (kommt zu spät, direkt von einem Filmdreh): Entschuldigung. Ein Kollege musste seine Szene 20-mal wiederholen, weil er immer wieder über denselben Satz gestolpert ist. Oh, der Fotograf ist auch schon da. Ich bin noch geschminkt, das trifft sich gut.
KulturSPIEGEL: Wir dachten, Sie weigern sich grundsätzlich, in die Maske zu gehen.
Eidinger: Im Theater habe ich mich so lange davor gedrückt, bis ich nicht mehr auf dem Maskenplan stand. Beim Film ist das viel schwerer durchzusetzen. Aber ich mag es nicht, das stimmt. Wenn mir jemand ewig am Pony rumfummelt, ihn Strähne für Strähne zurechtbaut, dann habe ich das Gefühl, ich darf mich beim Spielen nicht mehr bewegen. Und Schminke entfremdet mich immer ein bisschen von mir selbst, auch wenn es nur Make-up und Puder ist wie jetzt gerade.
Kennen Sie das, Herr Harzer?
Jens Harzer: Ja.
Und nervt es Sie auch?
Harzer: Ja, schon.
Aber Sie sind damit nicht so oft konfrontiert wie Lars Eidinger, weil Sie neben der Theaterarbeit nicht so oft drehen.
Harzer: Hm.
Eidinger: Ich frage mich, ob ich mir die Allüre schon erlauben kann, aber ich habe mir fest vorgenommen, beim nächsten Dreh zu fragen, ob ich mir die Maske sparen kann (Schaut zu Harzer, der zuckt die Schultern). Meinst du, das klappt nicht?
Harzer: Doch, hoffentlich.
Wir haben Sie zum Gipfelgespräch gebeten, weil Sie beide zu den herausragenden Schauspielern Ihrer Generation gehören, dabei aber grundverschieden sind: Herr Harzer, Sie gelten als Textforscher, sanft und introvertiert, Herr Eidinger, Sie werden als Rampensau beschrieben, unbändig und unberechenbar.
Eidinger: Wir verkörpern unterschiedliche Entwürfe, wie man den Schauspielerberuf verstehen kann, keine Frage. Wenn ich Jens Harzer auf der Bühne sehe, dann fasziniert mich das, aber es ist mir fremd. Ich funktioniere völlig anders.
Wie funktioniert denn Jens Harzer?
Eidinger: Er pflegt nicht diesen direkten Ton, der auf den Bühnen zurzeit das Maß aller Dinge zu sein scheint, diesen Fernsehton, wie er bösartig genannt wird, die Alltagssprache. Stattdessen versucht er, die Sprache zu stilisieren. Das hört sich manchmal an wie ein Singsang und hat fast etwas Manieriertes.
Wie ein Kompliment klingt das nicht.
Eidinger: Doch, doch, das meine ich wirklich positiv. Er geht sehr genau mit Sprache um, sehr speziell und eigen. Dieser Kunstgriff irritiert mich - und das gefällt mir. Ich höre anders zu, aufmerksamer.
Harzer: Der Umgang mit Sprache ist mir schon wichtig, aber nicht mehr so wie früher. Mein Überinteresse dafür habe ich ad acta gelegt. Oder besser: Ich habe es versucht. Man kann sich ja selbst nicht immer so gut beobachten.
Eidinger: Als ich Jens Harzer das erste Mal auf der Bühne gesehen habe, ist mir die Sprache sofort aufgefallen, aber noch etwas anderes: Ich habe nur auf ihn geschaut. Weil er so eine Präsenz hatte. Die entsteht, wenn das, was man auf der Bühne macht, Tiefe hat. Wenn man ein Sendungsbewusstsein hat. Der Zuschauer spürt, wenn ein Schauspieler ihm ernsthaft etwas vermitteln will - und bleibt an ihm dran.
Und wie sehen Sie Ihren Kollegen Lars Eidinger, Herr Harzer?
Harzer: Ich hab ihn vor allem in frühen Arbeiten gesehen, da schien er in sich zu ruhen. Oder nein, das ist das falsche Wort, wie nenne ich das jetzt mal? Er spielte lässig. Schlurfend. Da hätte ich mir nie vorstellen können, dass solche Wahnsinnsveranstaltungen aus ihm herauskommen wie diese "Hamlet"-Inszenierung. Ich habe den Abend noch nicht gesehen, aber nach allem, was ich gehört habe, muss sein Hamlet von einer unbändigen Kraft sein, die Grenzen sprengend, anarchisch. Ich höre aus den Berichten eine Wut raus, eine Lust an der Zerstörung.
Sie wären mal fast in einem Ensemble gelandet.
Harzer: Ja, fast. Das war mein kurzer, misslungener, idiotischer Auftritt an der Berliner Schaubühne im Jahr 2000. Ich kam von den Münchner Kammerspielen und hatte da schon lange gespielt. Abgemacht war mit Thomas Ostermeier 舰
舰 der Regisseur, der 1999 zusammen mit drei anderen Leuten die Leitung der Schaubühne übernahm 舰
舰 mit Ostermeier war vereinbart, dass ich in einer Produktion zum Ende der ersten Spielzeit als Gast dabei bin und dann zur folgenden Spielzeit ins Ensemble komme. Aber die neue Schaubühne war mir sehr fremd, und ich hatte gleich in dieser ersten Produktion, "Der Name" von Jon Fosse, Auseinandersetzungen mit Ostermeier. Danach war klar, dass ich dort nicht bleiben konnte. Das habe ich in einer Ensembleversammlung verkündet, vor einer jakobinisch bornierten Meute, so kam mir das damals jedenfalls vor. Lars war der Einzige unter den Jasagern rund um Ostermeier, der wenigstens nach den Gründen gefragt hat.
Erinnern Sie sich daran, Herr Eidinger?
Eidinger: Ja, klar. Wir wollten an der Schaubühne das Theater neu erfinden und hatten so einen gewissen Größenwahn, den ich auch gut fand. Aber wir hatten wahnsinnige Startschwierigkeiten und haben von der Kritik ganz schön aufs Maul gekriegt. Recht schnell gab es auch Stimmen, die sagten: Das ist Schultheater, die Schauspieler sind gesichtslos, wo sind die Stars? Dabei sollte genau das die Stärke der neuen Schaubühne sein, ein junges Ensemble, in dem jeder potentiell den Hamlet spielen kann. Besetzungsgerechtigkeit, das war unser Ideal.
In diese Stimmung kam Jens Harzer hinein.
Eidinger: Genau. Plötzlich sollte jemand kommen, der schon einen Namen hatte, der erste Hochkaräter mit einem privilegierten Status, von dem es hieß: Der spielt in der nächsten Spielzeit den Danton. Und vorher darf er schon mal einen Schnupperkurs machen in "Der Name", das war eine Co-Produktion mit den Salzburger Festspielen. Ich fand das nicht richtig. Die Rolle in "Der Name" hätte ich auch gern gespielt.
Harzer: Das war schon alles ein bisschen anders. Die Gespräche, ob ich an die Schaubühne komme, haben lange begonnen, bevor da nach Stars gerufen wurde. Aber ich hatte damals auch den Teufel im Nacken, ich war Ostermeier besonders kritisch gegenüber. Um es auf einen Nenner zu bringen, das ist ja alles lange her: Es hat einfach nicht gepasst.
Im August haben Sie große Auftritte bei den Salzburger Festspielen: Herr Harzer, Sie spielen den Erzähler in der Handke-Uraufführung "Immer noch Sturm", Herr Eidinger, Sie sind der Angelo in Shakespeares "Maß für Maß". Ist ein Auftritt in Salzburg für einen Schauspieler immer noch eine Auszeichnung?
Harzer: Nö.
Sie haben schon oft in Salzburg gespielt.
Harzer: Ja, Zufall. Was soll daran eine Auszeichnung sein?
Haben Sie denn Respekt vor einem Ort, an dem schon so viele Theaterlegenden aufgetreten sind, Herr Eidinger?
Eidinger: Ich habe lange darauf gewartet, mal mit einem älteren Kollegen spielen zu dürfen. Die Chance habe ich nun das erste Mal, dank Salzburg: Ich spiele mit Gert Voss.
Walzt der nicht alles nieder?
Harzer: Man muss ihm eine eigene Phantasie entgegensetzen. Ich habe einmal mit ihm gearbeitet, und das war faszinierend, auch weil er so entspannt arbeitet, mit so einer katzenartigen Weichheit.
Eidinger: Ich kenne tausend böse Anekdoten über Gert Voss, aber ich habe ihn ganz anders kennengelernt: Er ist null destruktiv, er sieht sich nicht in Konkurrenz zu seinem Mitspieler. Die Gefahr für mich ist eher, dass ich plötzlich vergesse zu spielen und nur ihm beim Spielen zuschaue. Ich genieße das total. Weil ich noch nie einen Schauspieler gesehen habe, der über eine derartige Direktheit verfügt. Er hat das absolute Maß für das Verhältnis von Aufwand und Wirkung.
Welche älteren Kollegen haben Sie außer Gert Voss bewundert?
Harzer: Am nächsten gefühlt habe ich mich immer Gisela Stein, die leider verstorben ist. Sie hatte eine Haltung zum Beruf, mit der ich mich identifiziere: Was sie gemacht hat, entsprang einer inneren Notwendigkeit, einer Unbedingtheit, einer Radikalität. Sie war bereit, sich auf der Probe zu verschwenden.
Schränkt so eine Unbedingtheit das Privatleben ein?
Harzer: Soll ich Ihnen meine Meinung sagen?
Ja, natürlich.
Harzer: Die Frage ist die langweiligste, die es gibt. Total abgestanden. Wenn Schauspieler anfangen, über ihr Privatleben zu reden, schalte ich ab. Sofort. Ich finde das eitel.
Wir erlauben uns trotzdem, dem noch einmal nachzugehen. Neben den Unterschieden gibt es bei Ihnen nämlich auch Gemeinsamkeiten: Zum Beispiel führen Sie beide eine Künstlerehe. Herr Harzer, Sie sind mit einer Schauspielerin zusammen. Ihre Frau Ulrike ist Opernsängerin, Herr Eidinger. Erleichtert das manches?
Harzer: Ich verstehe, warum Sie die Frage stellen, aber ich werde keine Auskunft geben.
Eidinger: Ich finde es beeindruckend, mit welcher Vehemenz Jens das vertritt, aber ich frage mich: warum eigentlich? Ich versuche in Interviews so ehrlich wie möglich zu sein, weil ich gemerkt habe, dass es mich in eine Defensive bringt, wenn ich Sachen ausschließe. Meine Karriere jedenfalls hätte ich ohne meine Frau nie machen können. Das hört sich zwar an wie eine bescheuerte Oscar-Dankesrede, aber es ist so. Weil es wichtig ist, jemanden zu haben, mit dem man auf Augenhöhe über Berufliches reden kann. Ich muss mein Schauspieler-Sein nicht an der Haustür ablegen.
Wir machen einfach mal weiter mit den privaten Gemeinsamkeiten: Sie standen in Ihrer Jugend beide an der Grenze zum Leistungssport. Herr Harzer, Sie als Mittelstreckenläufer bei Deutschen Meisterschaften, Herr Eidinger, Sie als Tennistalent mit Trainingscamps in Florida. Ein Zufall?
Eidinger: Nein, das kommt sicher nicht von ungefähr, zwischen Leistungssport und Schauspielerei gibt es viele Parallelen. Wenn ich Tennis gespielt habe, gab es nichts als Tennis, ich war vertieft in den Moment. Sehr ähnlich wie heute auf der Bühne. Zum anderen war ich extrem ehrgeizig: Bei Waldläufen habe ich den Endspurt zu einem so frühen Zeitpunkt angesetzt, dass die anderen gesagt haben: Der tickt nicht richtig! Aber meistens hat es doch funktioniert, meistens habe ich es geschafft, die Gren-zen zu überwinden, die der Körper und der Kopf einem setzen, sie immer weiter zu verschieben. Das war der absolute Rausch.
Und diesen Rausch finden Sie auch auf der Bühne?
Eidinger: Inzwischen ja. Jens hat das vorhin richtig beschrieben: Ich habe lange gebraucht, um mein Ventil als Schauspieler zu finden, aber als ich es gefunden hatte, bin ich explodiert. Auf der Bühne lebe ich angestaute Energien aus. Bei "Hamlet" gibt es sogar immer wieder Momente, in denen ich denke: Wenn ich es jetzt nicht schaffe, einen Moment innezuhalten, kurz Luft zu holen, dann kippe ich um.
Harzer: Ich hatte einen sehr klugen Leichtathletik-Trainer, der mir beigebracht hat, dass man selbst verantwortlich ist für das Training. Dahinter stand das Ziel, am Ende eines Wettkampfes nicht unzufrieden zu sein. Weil man eigentlich wissen müsste, wie schnell man laufen kann.
Ist eine Premiere wie eine Wettkampfsituation?
Harzer: Eigentlich müsste auch da der Satz stimmen, dass man nicht zu enttäuscht sein sollte, wenn es schiefgeht. Man weiß doch, bis zu welchem Punkt man vorgedrungen ist in den Proben. Und dafür ist man selbst verantwortlich.
Das hieße, dass Ihnen Premierenangst fremd ist.
Harzer: Na ja, dieses Fotoshooting hier finde ich schwerer auszuhalten. Man hat doch immer damit zu tun, seine Scham und seine Scheu zu überwinden.
Eidinger: Bei Premieren habe ich immer das Gefühl, ich stehe vor einem Prüfungskomitee. Das hat den Sex von einem mündlichen Abitur. Dennoch: Ohne Scham hätte der Beruf keinen Reiz, da hat Jens recht.
Das sagen Sie als der "bestausgezogene Schauspieler", wie die "Süddeutsche" Sie mal genannt hat.
Eidinger: Es geht darum, seine Scham öffentlich zu machen und sie zu überwinden. Wer zu verschämt ist, ist kein guter Schauspieler, wer völlig schamfrei ist, aber auch nicht.
Harzer: Es geht ja nicht um körperliche Nacktheit. Für einen Schauspieler gibt es nichts Schöneres, als einen Regisseur zu haben, der einen utopischen, angstfreien Raum schafft, in dem man sich nicht zensiert.
Bei welchem Regisseur haben Sie das erlebt?
Harzer: Bei Jürgen Gosch, das war ein Künstler. Und welcher Regisseur ist schon wirklich ein Künstler?
Eidinger: Das war der einzige Theatermacher, dem ich das abgenommen habe, dass er nicht in den Kategorien von Erfolg und Misserfolg denkt. Gosch fand beides reizvoll.
Kann man sich denn gegen Buh-Rufe wappnen?
Eidinger: Ich kann mich überhaupt nicht an Buhs erinnern.
Das klingt verdammt selbstbewusst.
Eidinger: Nein, nein, die Leute trauen sich einfach nicht, leider nicht. Was ich viel frustrierender finde, sind Zuschauer, die abschalten oder gar einschlafen. Ich fände Buhs toll. Ein Buh wäre das Resultat einer Konfrontation, und darum geht es mir beim Spielen vor allem. Um Konfrontation. 陰
FOTOS: THOMAS RABSCH
Von Tobias Becker und Anke Dürr

KulturSPIEGEL 8/2011
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