25.07.2011

Berlin am Meer

Der Schriftsteller Leif Randt hat sich eine ideale Stadt ausgedacht. Doch hinter der hedonistischen Hipness der Bewohner lauert die Melancholie.
CobyCounty ist ein Paradies, in dem schon im Februar Kurze-Hosen-Wetter herrscht, eine Kurstadt, gelegen direkt am Meer, eine Wohlstands-Wellness-Welt, gegründet von einem Kosmetikkonzern, ein Planet mit Rundum-sorglos-Paket, der sein Licht erzeugt aus Solar- und Wind- und Wasserkraft, ein Hort der Hipness, in dem Konsumentscheidungen große Teile des Alltags dominieren.
CobyCounty ist Schauplatz des realistischsten Berlin-Romans des Jahres.
Wo sonst gibt es solche Biografien? Wim Endersson, 26, ist in CobyCounty geboren, sein Vater ist Filmproduzent, seine Mutter "Expertin für Marketing und Emphase", der Vater seiner Freundin Carla ist Musiker, die Mutter Online-Redakteurin, der Vater seines besten Freundes Wesley ist Webdesigner, die Mutter hat CobyCounty vor eineinhalb Jahren als Neo-Spiritualistin verlassen. Das ist ungewöhnlich, denn wer hier lebt, will nicht wieder weg, nicht einmal für einen Urlaub. Und wer nicht hier lebt, träumt davon, hier seinen Urlaub zu verbringen.
Jeden Frühling strömen talentierte Freiberufler aus den Metropolen der westlichen Welt nach CobyCounty, um sich selbst zu feiern, gutaussehende Touristen, wie sie in den szenischen Einstiegen der CobyCounty-Reisereportagen auftauchen: "Gegen zehn am Morgen hat das junge Paar aus Bristol UK noch lange nicht genug vom Tanzen im Sand."
Der Roman, man ahnt es an dieser Stelle, ist eine Satire, so subtil, dass man ihn kaum als Satire entlarvt, aber auch so genau beobachtet, dass einem die Parallelen zur Realität nicht entgehen können. Er ist klug, und er ist cool, so cool, dass er beunruhigt.
Wims Eltern leben und feiern noch immer nicht viel anders als damals, als sie mit Anfang zwanzig nach CobyCounty gekommen sind, wie viele der Einwohner, weil sie "junge Avantgardisten" waren und sich in Kultur- und Medienjobs verwirklichen wollten; wie viele der Einwohner haben sie das bedingungslose Grundeinkommen der Stadt nie gebraucht, weil sie lieben, was sie machen, und weil sie gut damit verdienen; wie viele der Einwohner haben sie Kunststudenten als Babysitter angestellt und ihren Kindern Langhaarfrisuren wachsen lassen, weil es ihnen gefiel, sie "wie Musiker oder Künstler aus einer anderen Zeit aussehen zu lassen".
Und was ist aus den Kindern der Kulturschaffenden geworden? Kulturschaffende. Wim ist Literaturagent, Wesley Kunsthistoriker, sie haben an der School of Arts and Economics studiert, sie lieben es, auf alten Damenrädern durch CobyCounty zu fahren, vorbei an Suppenrestaurants und koreanischen Bistros. Doch hinter ihrer hedonistischen Hipness lauert die Melancholie.
"Schimmernder Dunst über CobyCounty" heißt der Roman und Leif Randt der Autor. Wer sich in der realen Stadt Berlin mit dem 27-Jährigen verabreden will, der sollte einen Vorschlag parat haben für ein Café, in dem man sich treffen könnte. "Ich kenne nicht so viele Cafés hier, weil ich nicht so oft in Cafés sitze", sagt Randt, "schon gar nicht mit Laptop, das habe ich noch nie gemacht, aus Stilgründen." In einer Provinzstadt wie Hildesheim, in der er Kreatives Schreiben studiert hat, ginge das vielleicht. Aber als Schriftsteller in Berlin? Zu sehr Klischee.
"Er lebt in Berlin und Maintal-Ost", hat Randt den Verlag in sein Buch hineinschreiben lassen, obwohl er nur alle ein, zwei Monate aus Berlin zu seiner Mutter nach Maintal bei Frankfurt fährt, wo er aufgewachsen ist, "als Mittelschichtkind in einem mittelschichtigen Städtchen, in dem samstags das Auto gewaschen und der Rasen gemäht wurde". Er wolle sich nicht als Berliner Autor definieren, "eine Kombination aus suburbaner Provinz und einem Hauch Metropole: Damit kann ich mich am ehesten identifizieren". Und damit kann er sich am ehesten abgrenzen von all den anderen Schriftstellern, Musikern, Künstlern, Designern, Journalisten, die natürlich in Berlin leben und natürlich in Cafés arbeiten.
Den ersten Erfolg als Schriftsteller hatte Randt 2009, als er den Nachwuchsautorenpreis des KulturSPIEGEL gewann. 2010 bekam er den MDR-Literaturpreis und den Nicolas-Born-Debütpreis für seinen ersten Roman "Leuchtspielhaus", vor wenigen Wochen schließlich, bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt, den Ernst-Willner-Preis für einen Auszug aus "Schimmernder Dunst über CobyCounty".
Nicht wenige Kritiker hätten Randt und seinem Text noch mehr gewünscht: den Bachmann-Preis selbst, den die Österreicherin Maja Haderlap, 50, mit einer Partisanengeschichte gewann. "Die Welt" schrieb: "Viel größere Signalwirkung hätte der Hauptpreis etwa für Leif Randt gehabt, dessen Beitrag buchstäblich zukunftsweisend war." Auf Zeit Online hieß es: "Wenn es 2011 einen Klagenfurt-Text gab, der auf Aufsehen erregende Weise gelungen war, dann dieser." Für die "FAZ" war Randts Beitrag "der sympathischste Text von allen", für die "Stuttgarter Zeitung" der "welthaltigste Text".
Aber das sahen manche der Klagenfurter Juroren anders. Sie monierten, der Text sei "pure Oberfläche", was ein grotesker Vorwurf ist. Natürlich ist der Text pure Oberfläche, aber eben darin liegt seine Qualität. Randt wählt für seinen Ich-Erzähler Wim einen lakonischen, ironischen, sterilen Ton, er redet so unbeteiligt dahin, so distanziert, so emotionslos, dass man als Leser eigentlich nur auf eine Weise reagieren kann: hochemotional. Das Problem von CobyCounty ist, dass es keine Probleme gibt - und daher keine Ablenkung vom Urproblem: dem Vergehen der Zeit, der Sterblichkeit. Das Drama ist, dass es kein Drama gibt.
"Ich interessiere mich nicht für Texte, die in Extremsituationen spielen", sagt Randt. "Der Bosnien-Krieg interessiert mich eher auf einer journalistischen Ebene als auf einer literarischen." Sein Roman hingegen ist eine Versuchsanordnung, viel näher an seiner Lebenswirklichkeit als Krieg und Mord und Totschlag. Randt fragt: Was bedeutet es, wenn alle um einen herum mit denselben Idealen aufwachsen? Würde man da leben wollen? Lebt man da vielleicht schon? "Ich bin wahnsinnig gespannt auf die Generation, die gerade in Berlin-Prenzlauer Berg aufwächst", sagt er. In einer homogenen Welt gut verdienender Kulturschaffender.
In CobyCounty übrigens brennen irgendwann Villen, und Wesley streut das Gerücht, dass der Bürgermeister den Brand initiiert habe, um imaginäre Rebellen zu beschuldigen. Denn eine heile Welt ist langweilig: "Irgendwann will kein Freiberufler mehr nach CobyCounty, kein Künstler, kein Grafiker, kein Autor. Eines Tages könnte unser Frühling Abschlussklassen und junge Familien anziehen ... Der Grat ist schmal, Wim. Wir müssen in Bewegung bleiben."
Wesley vermutet eine Art Gegen-Gentrifizierung, gesteuert von der Politik. Funktionieren würde das vermutlich: Die Autos, die regelmäßig in Berlin abgefackelt werden, mögen ernstem Protest geschuldet sein. Unter dem Strich aber sind sie Lifestyle-Elemente, die zur Anziehungskraft der Szeneviertel beitragen. Oder wie Wesley es ausdrückt: "Nichts ist kommerzieller als das Zwielichtige."
Leif Randt: "Schimmernder Dunst über Coby County". Berlin Verlag; 240 Seiten; 18,90 Euro. Erscheint am 6. August.
Von Tobias Becker

KulturSPIEGEL 8/2011
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