28.09.1998

Hexenkessel Hamburg-Altona

Ein Thriller ohne Multi-Kulti-Kitsch: Der deutsch-türkische Regisseur Fatih Akin erzählt in seinem preisgekrönten Debütfilm von Ganoven und solchen, die es lassen wollen.
Es war die erste seines Lebens, und Fatih Akin wußte nur, daß er es besser machen wollte als alle anderen. Hemmungslos statt pornographisch, mutig aber nicht voyeuristisch, zärtlich und doch leidenschaftlich. Eine Sexszene wollte er drehen, so sexy wie die schönste aller schönen Sexszenen in "Wenn die Gondeln Trauer tragen".
Also mußte der Beleuchter ganz besonders schönes Licht setzen, der Ausstatter die Vorhänge zuziehen und eine Schale Obst auf den Beistelltisch drapieren, der Kamera-Assistent Schienen legen für eine geschmeidige Kamerafahrt. Und weil die Schauspieler sich nicht zierten, als ihnen Akin "Ausziehen und dann auf die Couch" befahl, und die Szene bald im Kasten war, gingen die Filmleute abends nach Hause im Gefühl, große Kunst erschaffen zu haben. "Ich habe heute die beste Sexszene der Filmgeschichte gedreht", erzählte Akin seiner Freundin.
Man könnte es Größenwahn nennen oder auch Selbstbewußtsein. Was immer es ist: Fatih Akin, 25, der in Hamburg geborene Sohn türkischer Einwanderer, hat es ziemlich weit gebracht: Er dürfte der jüngste Filmemacher in der Geschichte des deutschen Kinos sein, der mit einem Millionenetat sein eigenes Drehbuch verfilmen durfte und dafür auch noch einen renommierten englisch-amerikanischen Verleiher fand. Und weil er garantiert der jüngste deutsch-türkische Regisseur ist, der auf dem Filmfestival in Locarno ausgezeichnet wurde, gilt Akin seit ein paar Wochen als neue Kinosensation.
"Kurz und schmerzlos" heißt der prämierte Film zur Sexszene, in der Akins Held, der Türke Gabriel, mit der deutschen Freundin seines besten Freundes schläft. Es ist die Geschichte von drei Jungs aus Hamburg-Altona - von Costa, dem Griechen, Bobby, dem Serben, und Gabriel, dem Türken, der gerade aus dem Knast gekommen ist, nicht mehr mitmachen will bei den Gaunereien seiner Freunde und statt dessen Taxi fährt.
Bobby, sympathisches Großmaul und charmanter Dummschwätzer, träumt von einer Karriere als Gangster. "Ich will bei den Albanern einsteigen", sagt er, "das ist für mich Multi-Kulti." Er kauft sich eine Pistole und soll für seinen neuen Chef einen Waffendeal durchziehen. Costa, der Hippie, der so sanft wie Jesus lächelt, muß ihm dabei helfen - und natürlich geht alles schief. Das Geld ist weg, die Waffen auch, und Gabriel beschließt, seine Freunde zu rächen.
Roh und schnell erzählt Akin seinen Stoff. Die Gewaltszenen folgen der knappen Choreographie, die er schon in seiner Jugend in den Kung-Fu-Filmen seines Vorbilds Bruce Lee bewundert hat, und die Dialoge hat die Straße geschrieben. Es sind stolpernde, kurze Sätze, die Akins Helden sprechen, sie haben das Pathos trauriger Macho-Sprüche, und wenn sie auch nicht immer die Regeln der Grammatik befolgen, auf eine Pointe verzichten sie nie. Es ist das Deutsch, das Akin und seine Helden von schlecht synchronisierten Hollywood- Filmen gelernt haben.
"Kurz und schmerzlos", man ahnt es, ist kein Sozialdrama. Akin will nicht mit dem Zeigefinger des Streetworkers vor der Gewalt warnen, und er will auch nicht "die böse deutsche Ausländerpolitik anprangern". Tevik Basers "40 qm Deutschland", bisher der einzige Film eines Türken über Türken in Deutschland, oder Hark Bohms "Yasemin" - die seien, sagt Akin, "nur Religionsunterricht", aber keine Filme. Er wollte einfach nur einen dreckigen Thriller drehen. Und dachte dabei an den französischen Film beur oder an Martin Scorseses "Hexenkessel" über ein paar Verlierer in Little Italy.
Größenwahn? Akin spricht von "Naivität", wenn er über das Geheimnis seines Erfolges rätselt. Aufgewachsen in einer Hochhaussiedlung in Altona-Nord, hing er als Zwölfjähriger nachmittags auf dem Spielplatz ab - zusammen mit seiner Gang, den Türk Boys. Mit viel Gel in den Haaren und übergroßen Bomberjacken taten sie so, als würden sie ihr Revier verteidigen. "Da wohnten entweder Ausländer", sagt Akin, "oder deutscher Schrott: Junkies, Dealer, Zuhälter."
Als aus Knüppeln Messer wurden und es darum ging, anderen die teuren Jacken wegzunehmen, zog sich Akin zurück. "Du bist ein Weichei, Fatih", riefen ihm die anderen Jungs hinterher. Statt dessen schaute er sich Filme an, las Bücher und überlegte sich, wie er beim Film Karriere machen könne. "Wir machten auf kultiviert."
Mit 18 schließlich entdeckte ihn eine Produktionsfirma als Schauspieler in einem Jugendzentrum. Seitdem hat er in mehreren Fernsehfilmen den Ausländer gemimt. "Ich mußte immer nur den Türken vom Dienst spielen: einen messerstechenden Dealer, der die verlorene Ehre der Schwester wiederherstellt."
Statt dessen beschloß Akin, sich sein eigenes Drehbuch zu schreiben, und natürlich schrieb er seine Geschichte und die seiner Freunde im multiethnischen Arbeiterviertel Hamburg-Altona auf: von Fatih, dem Türken, von Adam, dem Griechen, der sich im Film selbst spielt, und von Tomi, dem Serben, der sich mit den Albanern anlegte und heute in Belgrad ein Sonnenstudio führt. Als Akin fertig war, wälzte er das Branchenbuch nach Hamburger Produktionsfirmen. "Wir hatten überhaupt keine Ahnung. Filmförderung? Nie gehört." Er hatte nur Sylvester Stallones Biographie gelesen. "Was der kann, können wir schon lange."
Die Hamburger Wüste-Produktionsfirma, die schon die Filme des Hamburger Krimiautoren Lars Becker produziert hat, lud Akin zum Kaffee ein; seitdem hat er dort zum Üben zwei Kurzfilme gedreht, und sie wird wohl auch Akins nächsten Film produzieren. Der soll ein Budget von fünf Millionen Mark haben und mit Stars wie Moritz Bleibtreu und Christiane Paul besetzt werden. "Ein Road Movie", sagt Akin.
Vor ein paar Wochen hat Akin seinen Eltern den Film vorgeführt. Die Mutter, eine Lehrerin, hatte Tränen in den Augen, und auch die des Vaters, seit 1965 in Deutschland, glänzten verdächtig. "Ich bin mir nicht sicher, ob sie nur stolz auf mich sind oder ob sie der Film so gerührt hat."
Nur eine Szene fand vor Vater Akin, der schon früher beim gemeinsamen Fernsehen wegzappte, sobald nackte Haut zu sehen war, keine Gnade. "Die Sexszene ist viel zu lang, mein Sohn", sagte er.
Fatih ist auch nicht glücklich. "Als wir uns die Muster des ersten Drehs anschauten, prusteten alle los und riefen: 'Fatih, das geht nicht.'" Denn statt Sex war nur Fleisch zu sehen. Die Szene wurde wiederholt. "Manchmal glaube ich", sagt Fatih Akin, "daß ich noch gar kein richtiger Filmemacher bin." Manchmal.
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"Kurz und schmerzlos" läuft ab 15. Oktober in den Kinos.
Von Lothar Gorris

KulturSPIEGEL 10/1998
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