29.08.2011

Herr der Luftschlösser

Der Künstler Tomás Saraceno erträumt die Städte der Zukunft.
Zusammen mit der Sonne erhebt sich die Stadt, die früher vielleicht Berlin war, in Richtung Himmel. Der Wind treibt sie voran, die Wärme nach oben, eine Welt von aneinanderhängenden, silbern schimmernden Blasen. Es gibt keine Grenzen mehr, keine Nationen, wie wir sie kennen. Keinen Lärm, Qualm oder Dreck. Von unten sieht man die Menschen in fliegenden Gärten ihren Tag beginnen. Wenn da unten überhaupt noch jemand ist.
Denn irgendwann, davon ist Tomás Saraceno überzeugt, wird den Menschen nichts anderes übrigbleiben, als ihr Leben nach oben zu verlegen. Wenn es auf der Erde zu warm oder zu kalt, zu nass oder zu trocken geworden ist oder zu giftig. Eine Frage der Zeit. Und dann werden sie bereitstehen, Saracenos Luftschlossblasen, und die Menschen werden einsteigen und einem besseren Leben entgegengleiten.
So die Zukunft. In der langweiligen Gegenwart steht Saraceno mitten in einer Halle des Berliner Museums Hamburger Bahnhof und sieht ein paar Arbeitern dabei zu, wie sie riesige weiße Ballons aufblasen und im Raum positionieren. Es sind Platzhalter für die durchsichtigen Sphären, die dort ab dem 15. September schweben werden, gefüllt mit Pflanzen oder Museumsbesuchern, die durch eine Schleuse in die Blasen gelangen können. Es ist Saracenos erste große Einzelausstellung in Deutschland. "Cloud Cities" heißt sie, denn dort gehören Städte für ihn hin, in die Wolken. "Bis Menschheit und Technik so weit sind, muss es eben im Museum gehen", sagt er.
Seit über zehn Jahren lebt und arbeitet Saraceno, 37, ein grundgut gelaunter Argentinier, nun überwiegend in Deutschland. Dass er erst jetzt seine erste Solo-Show hier präsentiert, nach Einzelausstellungen in den USA und in Dänemark, findet er selbst etwas merkwürdig. Andererseits sieht er sich ohnehin lieber als Erdling und nicht als Einwohner einer bestimmten Stadt oder eines Landes. Sein Atelier hat er in Frankfurt, wo er vorher an der Städelschule Architektur und Kunst studiert hat, aber statt einer deutschen Galerie vertreten ihn Andersens Contemporary in Kopenhagen und die Tanya Bonakdar Gallery in New York. Seine Frau stammt aus Serbien, seine Mitarbeiter von überall her, alle sprechen Englisch miteinander. "Das Praktische an Frankfurt ist, dass man mit dem Flugzeug fast überall einigermaßen direkt hinkommt", sagt er. "Spart Zeit und beruhigt das CO2-Gewissen."
Er ist viel unterwegs dieser Tage, Saraceno ist ein gefragter Mann. Seit er auf der Venedig Biennale 2009 seine Installation "Galaxies Forming along Filaments, Like Droplets along the Strands of a Spider's Web" präsentierte, gilt er als einer der größten Hoffnungsträger des Kunstbetriebs. Jeder, der dort war, schwärmte von den raumfüllenden schwarzen Spinnweben, die sich zu kugelförmigen Nestern zusammenknüpften, Galaxien als Tröpfchen in einem gigantischen Netz, wie der Titel versprach. Manche fanden, das sah einfach nur schön aus. Andere erkannten große Ideen. Der Schweizer Philosoph Bruno Latour machte in dem Werk "eine Metapher für Sozialtheorie" aus, eine einzigartige Mischform aus Netzwerk und Sphären, die in der Lage sei, "den leeren Begriff Globalisierung" mit Bedeutung zu füllen, vom Künstler "ohne Zweifel unbeabsichtigt".
Fraglich. Saraceno beschäftigt sich ziemlich viel mit Sozialtheorie. So wie er sich auch viel mit Philosophie, Physik, Biologie und allen möglichen anderen Wissenschaften beschäftigt. Das lässt ihn manchmal wie einen freundlichen, leicht konfusen Professor wirken, der in Gedanken immer schon zwei Ideen weiter ist als der Satz, den er gerade ausspricht. Er träumt von ökologischen Revolutionen, die auch politische Grenzen sprengen würden. Er experimentiert mit neuartigen Stoffen, die so leicht sind, dass sie mit genug warmer Luft vielleicht wirklich einmal ganze Städte fliegen lassen können. Er war Teilnehmer der neunwöchigen Space University der NASA in San Francisco, weil ihn Raumfahrttechnologie so interessiert. "Diese klare Trennung aller Disziplinen, ich finde das furchtbar", sagt er. "Ich will so viel Wissen ansammeln wie möglich, am liebsten gleichzeitig. Was ich brauche, ist ein Chip, der mich schneller denken lässt."
Nicht nur das eint ihn mit seinem Helden Richard Buckminster Fuller, dem berühmten amerikanischen Architekten, Designer und Philosophen, ein Pionier nachhaltiger Bebauungslösungen für einen gefährdeten Planeten. Fuller sprach als Erster vom "Raumschiff Erde"; seine berühmten geodätischen, aus Dreiecken zusammengesetzten Kuppeln gingen in die Architekturgeschichte ein, wie die berühmte "Biosphère" in Montreal, die er zur Weltausstellung 1967 entwarf.
Abgesehen von dieser Großtat sind Fullers Ideen sonst allerdings vor allem in Science-Fiction-Filmen zu sehen und selten Wirklichkeit geworden. Bei Saraceno ist das ähnlich: Außerhalb von Museen und anderen Ausstellungsräumen sind seine Projekte kaum präsent. Sein bislang realstes Werk ist wohl sein "Museo Aero Solar", ein großer Ballon aus recycelten Plastiktüten, der von Stadt zu Stadt zieht, dort landet und von Besuchern weitergebastelt werden kann. Ansonsten wartet die Kunstwelt ungeduldig darauf, wann eine Wolkenstadt von Saraceno das Museum verlässt und wirklich in den freien Himmel steigt.
Nicht wenige glaubten Anfang dieses Jahres, dass es endlich so weit sein könnte, als Saraceno am Frankfurter Roßmarkt ein Kunstwerk in den öffentlichen Raum stellen sollte. Ein von der Stadt gefördertes Projekt, Schüler sollten einen Künstler aussuchen und entschieden sich für Saraceno. Doch statt filigraner Blasenwelten in der Luft gab es eine an Fuller erinnernde massive Aluminium-Glas-Skulptur am Boden. Die schön aussah, aber auf dem leeren grauen Platz etwas einsam wirkte. "Was für eine Enttäuschung", schrieb der Kunstkritiker der "Frankfurter Allgemeinen", und bedauerte, dass Saraceno ausgerechnet "sein langweiligstes Projekt auf den Platz gestellt hat".
Das tat auch dem Künstler weh. "Die Erfahrung am Roßmarkt war gut und schlecht", sagt Saraceno. "Die Zusammenarbeit mit den Schülern und der Kuratorin war toll, aber ich konnte technisch nicht das realisieren, was ich mir vorgestellt hatte. Ich hätte abbrechen sollen, und dass ich das nicht getan habe, war ein Fehler." Das soll nicht noch einmal passieren. In Berlin zeigt er nur Werke, die er so oder so ähnlich auch anderswo schon mit großem Erfolg gezeigt hat, wie den begehbaren Ballon aus Kopenhagen oder die Spinnennetze aus Venedig. Die Enthüllung der geheimnisvollen neuen Installation, die eigentlich zeitgleich mit der Berliner Vernissage in der Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen stattfinden sollte, hat er auf Februar verschoben - unter dem Titel "Labor" präsentiert er am Rhein ab dem 16. September allerdings schon einmal erste Eindrücke. "Das wird eine große, verrückte Sache, und dafür brauche ich einfach noch ein bisschen Zeit", sagt er. "Es soll perfekt werden."
Geht ja auch um unser aller Zukunft.
Von Daniel Sander Fotos: Sibylle Fendt
Tomás Saraceno: "Cloud Cities". Berlin. Hamburger Bahnhof, 15.9.2011-15.1.2012. "Labor". Düsseldorf. K20 Grabbeplatz, ab 16.9.
Von Daniel Sander

KulturSPIEGEL 9/2011
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