31.10.2011

Schoßgeräte

Von Höbel, Wolfgang

iPad oder Kindle, Handy oder Laptop - auf welchem Gerät liest der zum Fortschritt entschlossene Literaturfreund elektronische Bücher am besten? Ein Selbstversuch.

Die wenigsten Menschen machen sich eine Vorstellung davon, wie aufregend es in den Haushalten führender deutscher Literaturkritikerinnen zugeht, deshalb ist man als neugieriger Mensch für kleine Einblicke dankbar. Kürzlich informierte Felicitas von Lovenberg, Chefin des Literaturteils der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", die Leser ihres Blattes, sie habe innerhalb weniger Monate zwei Geräte zum Lesen elektronischer Bücher geschrottet: "Einmal vom Nachttisch gefallen - Bildschirm hinüber. Einmal in der Handtasche eingeklemmt - nichts geht mehr", hieß es in ihrem schockierenden Bericht.

Beim Lesen überkam mich Neid auf das wilde Leben unserer Top-Feuilletonistinnen, in dem derlei Abenteuer passieren. Dann bekam ich den Auftrag, selbst endlich das sogenannte E-Reading auszutesten - und kann nun erleichtert berichten: Der Amazon Kindle, ebenjenes Gerät, das Frau Lovenberg nach eigenem Geständnis gleich zweimal demoliert hat, war auch bei mir nach einer Woche nicht mehr zu gebrauchen. Allerdings nicht, weil mein Nachttisch wackelte, sondern durchs banale Verdrehen des Aufladekabels: Es floss leider kein Strom mehr durch, der Kindle meldete "Critical Battery" und zeigte keine Bücherbuchstaben mehr.

Wie schön, wie schrecklich, wie komfortabel wird die Zukunft des Lesens sein? Um das herauszukriegen, fasste ich folgenden Plan: Ich kaufe mir ein aktuelles Buch als E-Book und lese es Kapitel für Kapitel jeweils auf einem anderen E-Reader. Jeder Mensch, der gern liest, so hat es der Weltautor Vladimir Nabokov seinen Studenten eingebläut, "sollte liebevoll auf Einzelheiten achten".

Sieben Geräte suchte ich mir aus: einen Laptop, wie ihn die meisten Redakteure in unserer Redaktion benutzen: das MacBook Pro von Apple; den neuen Amazon Kindle und einen Reader von Trekstor; einen Tabletcomputer von Asus und ein iPad 2 von Apple; ein Windows-Mobiltelefon mit dem schönen Namen HTC 7 Mozart und ein Samsung-Handy namens Galaxy S II. Mit Ausnahme der E-Reader Kindle und Trekstor verfügen alle Geräte über einen Touchscreen (demnächst wohl auch die neue Kindle-Version).

Das Testbuch sollte halbwegs wichtig sein und bitte geradeaus geschrieben und unterhaltsam, da kam von der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2011 nur eines in Frage, nämlich das, das den Preis am Ende gewonnen hat. Eugen Ruges Roman einer ostdeutschen Kommunistendynastie, "In Zeiten des abnehmenden Lichts".

Tatsache ist: Dieses Erfolgsbuch des Herbstes 2011 werden Deutschlands Buchkäufer noch zu mehr als 99 Prozent auf gedrucktem Papier und zwischen zwei Buchdeckeln erwerben. Dabei kostet das E-Book von Ruges Bestseller 16,99 Euro, das gedruckte Buch 19,95. Das E-Book ist also 15 Prozent billiger, bei manchen E-Books liegt die Preisdifferenz sogar bei 40 Prozent. Für Vielleser amortisieren sich da selbst die teuren Geräte schnell. Auf dem deutschsprachigen Markt sind E-Books trotzdem bislang noch ziemlich unbeliebt - vor allem, weil europäische Menschen ihre Gewohnheiten offenbar nur ungern ändern.

Fast sämtliche Experten der Branche haben aber auf der Frankfurter Buchmesse gerade wieder verkündet: Wir alle werden demnächst keine richtigen Bücher mehr lesen, sondern E-Books. In den USA kauften seit Mitte dieses Jahres zum Beispiel die Kunden des Internet-Kaufhauses Amazon mehr E-Books als auf Papier gedruckte Bücher. Es ist keineswegs sicher, dass das in einigen Jahren auch in Europa so sein wird. Aber gut möglich ist es schon.

Viele schlaue Menschen machen sich Gedanken über die Begleiterscheinungen des Wandels. Über die Chancen von Internetpiraten etwa, die Schutzcodes von E-Books zu knacken und heißdiskutierte Werke wie Charlottes Roches "Schoßgebete" umsonst oder zu Billigpreisen zu verschleudern. Über den kulturgeschichtlichen Wert, den ein schön gedrucktes und hübsch gebundenes Buch darstellt. Und über den Alltagsnutzen beim Flirten, den bislang der Blick auf ein gutsortiertes Bücherregal hatte beim ersten Besuch im Wohnzimmer des potentiellen neuen Partners - künftig muss man sich wohl trickreich an die auf dem Computer der neuen Bekanntschaft gespeicherte E-Book-Bestellliste heranmachen.

Mein kleiner Lesetest, nahm ich mir vor, sollte sich aber weder um den angeblich drohenden Untergang des Geschäftsmodells Buch scheren noch um Repräsentationszweck und Metaphysik der Buchdruckerkunst, er sollte einem streng nutzerorientierten Ansatz folgen: Wie und wo macht welches E-Book-Lesen am meisten Spaß, welche Vorteile bringt es, welche technischen, körperlichen, mentalen Nöte machen dem zum Fortschritt entschlossenen E-readenden Menschen zu schaffen?

Zu den möglichen Kollateralschäden zählt zum Beispiel ein bedrohlich erhitzter Unterleib. Bücher könnten eine große nervliche Belastung sein, schreibt Eugen Ruge im ersten Kapitel von "In Zeiten des abnehmenden Lichts", das davon handelt, wie ein Historiker "dreißig Jahre lang die Familie terrorisiert", um an seinem Schreibtisch ein Fachbuch nach dem anderen niederzuschreiben. Elektronische Bücher können eine physische Belastung sein, stellte ich fest, als ich Ruges Anfangskapitel auf dem MacBook Pro (ab 999 Euro) las und dabei auf dem Sofa saß. Handelsübliche Laptops sondern Wärme ab, fast wie Heizstrahler. Outdoor in kalten Winternächten mag die Hitze des Geräts ganz nützlich sein, im zivilisierten Alltag ist sie unangenehm und störend.

Wer E-Books auf Computern oder Mobiltelefonen mit Internetanschluss liest, der kann parallel zur Lektüre im Internet nachschlagen, was ihm so an Recherche-Ideen durch den Kopf rauscht. Auch auf WLAN-fähigen Lesegeräten wie dem Amazon Kindle und dem in Deutschland relativ beliebten Oyo (99 Euro) ist das möglich, nur der Trekstor (59,90 Euro) hat keine Internetverbindung. Reine Lesegeräte, oft nur 300 Gramm schwer, sind leichter und handlicher als Tablets. Und sehr viel seltener aufgeladen werden müssen sie auch.

Das liegt im Fall der E-Reader Kindle und Oyo daran, dass sie dank der Electronic-Ink-Technik nur beim Umblättern, aber nicht beim Darstellen der Buchstaben Strom verbrauchen. Bei allen anderen Geräten wird der Bildschirm beleuchtet. Das erspart einem die Nachttischlampe, zehrt aber am Akku. Und in prallem Sonnenlicht sind nur E-Ink-Schirme gut zu lesen.

Das triftigste Argument der E-Book-Anbieter ist von jeher die Raum- und Gewichtsersparnis im Vergleich zum herkömmlichen Buch. Niemand brauche mehr klobige gedruckte Bücher mit sich herumzuschleppen, so ihr Versprechen, weil ganze Bibliotheken in E-Readern Platz finden, die kaum mehr als ein Viertelkilo wiegen.

Was aber bringt das Nebenbei-Surfen im Internet den E-Book-Nutzern wirklich? Angeblich kapieren viele Leser nun Sätze, die sie früher kopfschüttelnd übergingen. Während US-Leser besonders häufig Vokabeln nachschlagen, die sie nicht verstehen, vertiefen europäische Leser sich eher in Background-Sachfragen. Weil der Schriftsteller Ruge im zweiten Kapitel seines Romans von einem deutschen Kommunistenpaar erzählt, das es auf der Flucht vor Hitler nach Mexiko verschlug, ermittelte ich also vom Asus-Tablet Asus Eeepad Transformer TF 101 (ab 348 Euro) aus erschöpfend, wie wichtig Mexiko City als einer der zentralen Fluchtorte des deutschen Exils war; so brachten dort Bruno Frei, Egon Erwin Kisch und Anna Seghers eine Monatszeitschrift namens "Freies Deutschland" heraus, die später "Neues Deutschland" hieß und in der DDR dann unselig als Tageszeitung fortlebte.

Andererseits hemmt ein Internetzugang auf dem Lesegerät fast zwangsläufig den Lesefluss. Die E-Book-Lobby in Deutschland behauptete zwar gerade wieder zur Buchmesse, dass Lektüre auf elektronischen Geräten dem Durchschnittsmenschen leichter falle und länger haften bleibe als auf gedrucktem Papier - doch die Studie, die das beweisen sollte, groß verkündet von Medienforschern der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, wurde von Fachleuten als wissenschaftlich höchst windig zerpflückt. Tatsache ist: Sobald man Spiele, neue E-Mails und Börsennachrichten auf dem Schirm hat, ist die Versuchung groß, die Lesearbeit für lektüreferne andere Vergnügungen zu unterbrechen. Das fällt bei Geräten wie Kindle und noch mehr beim WLAN-freien Trekstor weg.

Von der Ruhe der "verlorenen Morgenstunde", "die ihr gehörte, wenn niemand anrief, niemand ihr auf die Nerven ging", erzählt eine der Figuren von "In Zeiten des abnehmenden Lichts". Im Roman schildert das dritte Kapitel den Oktober 1989 und die Zeitläufte kurz vor dem Mauerfall, und im Grunde war ich dankbar, dass ich weder dem Massaker auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens noch Gorbatschows Zorn auf Erich Honecker im Internet hinterherfahnden musste.

Wegen ihres geringen Gewichts sind Trekstor und Kindle problemlos auch fürs Lesen im Liegen geeignet. Dagegen holt man sich beim Versuch, im Bett liegend auf dem iPad 2 (ab 369 Euro) zu lesen, eine lahme Hand und einen Abdruck im Bauchfleisch - das Ding ist fürs Liegendlesen einfach zu schwer.

Die E-Book-Version von Ruges Roman ist bei Amazon, bei Weltbild oder Thalia und im Apple-Online-Buchshop iBooks jeweils gleich teuer. Kompatibel sind die auf den Internetseiten der Anbieter erworbenen Bücher nur eingeschränkt. Die Kindle-Version ist zwar auf allen gängigen Smartphones und Computern zu lesen, nicht aber auf Oyo und Trekstor; die Versionen von Weltbild und Thalia (für den Oyo) sind mit Hilfe einer App namens Bluefire auf vielen Geräten verwendbar, jedoch nicht auf dem Kindle; die iBooks-Version ist auf Kindle, Oyo, Trekstor und vielen Mobiltelefonen nicht zu laden. Ärgerlich ist das etwa für Menschen, die einen Apple-Computer und ein Windows-Mobiltelefon besitzen und ihr E-Book im Apple-Store iBooks eingekauft haben.

Das Lesen auf Mobiltelefonen ist in keinem anderen Land der Welt bislang so populär wie in Japan. Und ich finde, die Japaner haben recht. Auf dem von mir benutzten, insgesamt leider sehr störanfälligen Windows-Handy HTC 7 Mozart (169 Euro) erwies sich die Kindle-Version als stabile, fürs Auge höchst angenehme Optimallösung für unterwegs. Auch das Samsung-Galaxy-Mobiltelefon (399 Euro) ist in der U-Bahn, im Café und im Zug durch kein Lesegerät und kein Tablet zu toppen. Wer allerdings im öffentlichen Raum Bücher auf dem Handy liest, der muss es aushalten, dass er von älteren Bürgern angepflaumt wird: In meinem Fall fragte eine strenge weibliche Mitreisende im Zug einmal sehr laut ihren Begleiter, ob ich eigentlich nichts Besseres zu tun hätte, als pausenlos auf mein Telefon zu starren.

Verstellbare Buchstabengrößen, im Zeitalter der Überalterung ein von vielen Lesern geschätzter Service, gibt es auf jedem E-Book-Gerät. Fast immer wird der sensible Literaturbegeisterte aber nach dem Hochdrehen der Schriftgröße von erheblichen Trennungsschmerzen geplagt: Auf vielen Seiten werden Wörter willkürlich auseinandergehackt in unsinnige Rudimente, sobald man die Schrift aufpustet, weshalb in Ruges Text plötzlich von "Vers-tändnis" oder "Betriebss-törung" die Rede ist.

Was aber habe ich am Ende aus zwei Wochen E-Reading gelernt? Die eine optimale Darreichungsform des E-Books gibt es nicht. Denn am Schreibtisch ist nichts gegen das Lesen auf dem Laptop zu sagen, für Sofasitzer sind Tablets die beste Lösung, fürs Lesen im Bett bieten nur Kindle, Oyo und Trekstor echte Bequemlichkeit. Und für unterwegs sind vielleicht wirklich Handys die beste Wahl - außer in grellem Sonnenlicht.

Für die Jagd auf Moskitos und Skorpione im Hotelzimmer allerdings, von denen einer der in Mexiko gestrandeten Helden in Eugen Ruges Roman erzählt, empfiehlt sich weiterhin das herkömmliche Taschenbuch.

Lesen auf Mobiltelefonen ist in Japan beliebter Freizeitspaß

Illustrationen: Daniel Stolle


KulturSPIEGEL 11/2011
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