28.11.2011

Der Herr der Fliegen

Er hieß mal Bernd, und im Kinderzimmer roch es nach Stall. Heute nennt er sich Jan-Henrik Scheper-Stuke und designt sein Leben wie eine Krawatte.
[UHRZEIT] 10.35 Uhr | [DARSTELLER] Jan-Henrik Scheper-Stuke [STATISTEN] keine | [ORT] Ein Schlafzimmer [REQUISITEN] Ein Schrank, 350 Schleifen
Im Schlafzimmer einer warmen, nach süßem Parfüm duftenden Wohnung in einem Hinterhaus in Berlin-Mitte steht ein Mann vor einem Kleiderschrank und schaut mit einer Feierlichkeit in den Raum, als würde er gleich das Tor zu seinem Königreich öffnen. Er ist 29 Jahre alt, trägt blonde zurückgekämmte Haare, eine rote Hose und auf der Manschette seines Hemds hellgrüne Initialen: JHSS.
Jan-Henrik Scheper-Stuke lebt in dieser Wohnung und gewissermaßen von diesem Kleiderschrank.
Er zieht an einer Schublade, darin liegen Hunderte Schleifen, rosa, grün, geblümt, kariert. Normale Menschen würden die Schleifen vielleicht Fliegen nennen, aber Scheper-Stuke sagt, Fliegen gebe es nur in der Luft. Er schaut in die Schublade und sagt: "Willkommen in meiner Welt."
Scheper-Stuke ist Geschäftsführer von Edsor Kronen, der ältesten Krawattenmanufaktur Deutschlands, wie er sagt. Im Jahr verkauft er ungefähr 70 000 Krawatten, in allen möglichen Breiten, Mustern und Farben, konservativ bis durchgeknallt. Man findet Edsor bei guten Herrenausstattern und in Luxuskaufhäusern wie dem KDW in Berlin und dem Alsterhaus in Hamburg. Klaus Wowereit trägt die Seidenkrawatten, Peter Kloeppel auch.
Die "Bild"-Zeitung nennt Scheper-Stuke Krawattenkönig. Sein Reich ist das hippe Berlin. Cocktailpartys, Empfänge, Wiener Schnitzel im Borchardt, Maniküre, Pediküre, Roséchampagner, Maßhemden, Lackschuhe, Hallöchen, Prösterchen, Oh My God.
Jan-Henrik Scheper-Stuke inszeniert sein Leben, er designt seine Tage wie seine Krawatten, bunt und schillernd. Jeder seiner Auftritte lässt die Firma Edsor Kronen strahlen und steigert den Umsatz.
Auch diese Geschichte ist ein Teil der Inszenierung, könnte man denken. Scheper-Stuke zeigt für einen Tag seine Welt, die Manufaktur, die Bars, sein Schlafzimmer, er führt Regie. Es wird ein Tag werden, der sich anfühlt wie auf Kokain. Und Jan-Henrik Scheper-Stuke wird nicht das Märchen des Krawattenkönigs erzählen, sondern die Wahrheit.
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[UHRZEIT] 14.44 Uhr | [DARSTELLER] Jan-Henrik Scheper-Stuke
[STATISTEN] Ein Japaner | [ORT] Manufaktur von Edsor Kronen
[REQUISITEN] Das Heft einer Studentenverbindung, eine weiße Unterhose
Jan-Henrik Scheper-Stuke sitzt an einem Tisch in seinem Arbeitszimmer vor einem Laptop und schreibt E-Mails. Auf dem Tisch liegt ein kleines Heft der Akademischen Verbindung Widukind zu Osnabrück. Im Inneren des Heftes wird ein Vortrag angekündigt zum Thema: "Eine Krawatte sagt manchmal mehr über einen Menschen aus, als ihm lieb ist", daneben stehen ein Foto und ein Lebenslauf.
"Jan-Henrik M. Scheper-Stuke (1982, Lohne/Oldb.) absolvierte nach dem Abitur am Internat Schloss Louisenlund eine Ausbildung zum Bank- und Sparkassenkaufmann bei der Kreissparkasse Grafschaft Diepholz."
Der Champagner, die Seide, Schloss Louisenlund, alles reiht sich prächtig aneinander wie Perlen auf einer Kette. Die Kreissparkasse liegt in dieser Reihe wie ein grauer Kiesel.
"Tja", sagt Scheper-Stuke, er erhebt sich von seinem Stuhl und atmet tief ein.
Scheper-Stuke ist in Lohne aufgewachsen, Landkreis Vechta, Niedersachsen. Auf einem Hof. Seine Eltern führten einen Großhandel für Nutztiere, erst Rinder, später Schweine. Die Eltern gaben ihrem Sohn die Namen: Jan Bernd-Henrik Maria. Sein Vater rief ihn Bernd.
Wenn Bernd das Fenster seines Kinderzimmers öffnete, roch es nach Stall.
Der Vater wünschte sich, dass der Sohn sich für den Viehhandel begeistern würde. Bernd wollte nach Berlin ziehen und gut riechen. Aber er wollte auch seinen Vater stolz machen, also begann er eine Lehre in der Kreissparkasse Diepholz. Er trug Anzüge in Grau.
Nach seiner Ausbildung ging Scheper-Stuke nach Berlin, um Rechtswissenschaften zu studieren, dem Vater gefiel das, sagt er.
Scheper-Stukes Mutter bat seinen Patenonkel, der in Berlin lebt, ein wenig auf ihren Sohn aufzupassen. Der Patenonkel ist der Besitzer von Edsor Kronen. Scheper-Stuke fing an, in der Manufaktur zu arbeiten als studentische Hilfskraft. Er trug Schleifen, er war nicht mehr Bernd, und er entwickelte den Plan, dass er das Gesicht werden könnte von Edsor Kronen. Nicht nur das Gesicht, er wollte Edsor Kronen werden.
Scheper-Stuke erzählt das alles im Stehen, er geht auf und ab vor dem Tisch und wippt auf den Zehenspitzen, alle paar Minuten kommt ein japanischer Grafikdesigner ins Zimmer, er heißt Satoshi, und er zeigt Entwürfe für die neue Papiertasche von Edsor Kronen. Satoshi reicht die Entwürfe mit beiden Händen und verlässt das Zimmer rückwärts. Scheper-Stuke redet und redet, und längst ist es nicht mehr nötig, Fragen zu stellen.
"Eigentlich habe ich in meinem Leben alles getan, um Anerkennung von Papá zu kriegen", sagt er. Aber trotz des Erfolgs erschien die Welt der Seide dem Vater fremd, jedenfalls hatte Scheper-Stuke diesen Eindruck, sagt er.
Er flattert durch Berlin wie ein Kolibri. Er hat Fans. Er hat einen Satoshi. Er kriegt überall einen Tisch, aber er merkt, wie die Menschen ihn anschauen.
"Selbstverständlich inszeniere ich die Marke jeden Tag", sagt Scheper-Stuke, "aber ich bin trotzdem authentisch." Und irgendwie glaubt man ihm. Er ist aus einem Kuhstall über eine Kreissparkasse nach Berlin gereist. Er hat sich das Spiel angeschaut, er hat sich überlegt, was er tun muss, damit er mitspielen darf, und er ist zu dem Entschluss gekommen, dass er einfach die Zügel loslassen muss.
In der Welt des Berliner Bling-Bling, wo viele sich verbiegen, damit sie dazugehören, und wenig so ist, wie es scheint, kann es sich Jan-Henrik Scheper-Stuke leisten, sauber zu bleiben. Er kann es sich leisten, er selbst zu sein.
"Karl Lagerfeld ist der Mann, den ich am meisten verehre", sagt Scheper-Stuke nun, "der ist der größte Selbstdarsteller, den es gibt."
Ein Selbstdarsteller. Für gewöhnlich ist das kein Titel, über den sich jemand freuen würde. Scheper-Stuke benutzt das Wort wie ein Kompliment.
Er rennt noch ein wenig auf und ab, lobt Satoshi und Lagerfeld, zieht einen roten Mantel an und steigt in ein Taxi, zurück nach Hause.
Scheper-Stuke hat sich heißgeredet, er sagt nun gelegentlich Sätze, die aus dem Zusammenhang fallen, man fürchtet, dass er bei der nächsten Ampel aus dem Taxi springt und nach Hause rennt, weil sich alles langsamer bewegt als er. Er sagt: "Das ist doch toll, das macht doch Spaß." Es ist unklar, was er meint, vielleicht Berlin, vielleicht sein Leben.
In seiner Wohnung zieht sich Scheper-Stuke aus. Er springt durch die Wohnung, bekleidet mit grünen Kniestrümpfen und einer weißen Unterhose. Er sagt, dass er keine Drogen nehme und keinen Alkohol trinke, nur hin und wieder Champagner. Er sagt, dass das Leben wunderbar sei. Er sagt auch, dass er durch seine Rolle als Krawattenkönig viel von seiner Privatsphäre verliere. "Ich gebe ein großes Stück von mir auf", sagt er, und "das Wichtigste ist, dass man jeden Tag authentisch bleibt".
Man fragt sich mittlerweile, ob man jemals ein Lebewesen gesehen hat, das authentischer ist als dieser junge, glückliche Mann in Unterwäsche.
"Du solltest mal einen meiner besten Freunde kennenlernen, den Benedikt", sagt Scheper-Stuke, "der kann dir sagen, dass ich wirklich so bin, wie ich bin."
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[UHRZEIT] 19.40 Uhr | [DARSTELLER] Jan-Henrik Scheper-Stuke
[STATISTEN] Benedikt, eine Innenarchitektin, ein Gentleman, der Mann eines Jurors von Germany's Next Topmodel
[ORTE] Hotel de Rome, Restaurant Borchardt, Soho House
[REQUISITEN] Ein Foto, ein Schnitzel
Scheper-Stuke läuft in das Hotel de Rome mit federnden Schritten. An diesem Abend eröffnet dort ein Fotograf eine Ausstellung. Eines der Fotos zeigt das Gesicht von Scheper-Stuke.
In der Hotellobby wartet Benedikt, er ist mit Scheper-Stuke in Lohne aufgewachsen. Scheper-Stuke umarmt ihn und hält ihn ein paar Sekunden fest, dann umarmt er einen Fotografen. Benedikt sagt, dass Jan-Henrik wirklich so ist, wie er ist.
Scheper-Stuke trinkt ein wenig Champagner, umarmt ein paar Leute, lauscht der Laudatio, will seinen Mantel holen und hält inne. "Ich hab noch gar kein Foto von mir vor meinem Foto", sagt er. Er dreht sich um, marschiert zurück zu seinem Foto, umarmt eine leicht verwittert aussehende Blondine und glitzert ein paar Minuten lang im Blitzlicht.
In einer Ecke des Raums steht Benedikt an einem Tisch und isst Wasabi-Nüsse. Er betrachtet Jan-Henrik aus der Ferne und sagt, dass er sich möglichst nur allein mit ihm treffe, weil er dann ruhiger sei.
Eine halbe Stunde später sitzt Scheper-Stuke im Restaurant Borchardt vor einem Wiener Schnitzel. Der Kellner trägt eine Krawatte von Edsor. Scheper-Stuke hat ihn zur Begrüßung umarmt. Mit am Tisch sitzen vier Personen, die Scheper-Stuke vorstellt:
Das ist mein guter Freund und Mitgeschäftsführer unserer Firma, der macht die Zahlen und den Vertrieb.
Das ist mein guter Freund und der Autor des Buches "Der Gentleman".
Das ist mein guter Freund und der Mann des Modedesigners und Germany's-Next-Topmodel-Jurors Thomas Rath.
Das ist meine gute Freundin und eine der angesagtesten Interieur-Designerinnen der Stadt.
Scheper-Stuke sagt, Freunde der Nacht, es hat mal wieder Spaß gemacht. Er sagt, das ist mein Leben. Dann zahlt er die Rechnung für alle.
Im Taxi fährt Scheper-Stuke ins Soho House, in einen Club. Er sinkt in ein Sofa und bestellt einen "Black Velvet", einen Cocktail aus untergärigem schwarzem Bier und Champagner, der nicht auf der Karte steht. "Ich bin gespannt, ob die das auf die Kette kriegen", sagt Scheper-Stuke. Aber der Kellner kommt mit einem leeren Tablett zurück, er habe leider kein Schwarzbier. Scheper-Stuke sieht traurig aus. In manchen Momenten scheint sogar Berlin zu klein für ihn.
Ein wenig später steigt Scheper-Stuke auf ein Karussell, das im Eingangsbereich des Soho House steht. Es ist ein kleines Karussell, es könnte auch auf einem Kinderspielplatz stehen. Man zieht an einer festen Scheibe in der Mitte und bestimmt selbst, wie schnell man sich dreht. Scheper-Stuke dreht sich schnell. Die Nacht, die Farben, alles verschwimmt, und mittendrin dreht sich Scheper-Stuke und schreit.
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[UHRZEIT] 1.40 Uhr | [DARSTELLER] Keine
[STATISTEN] Keine | [ORT] Ein Wohnzimmer [REQUISITEN] Eine Flasche Bier, rote Socken
Die Freunde sind nach Hause gegangen, das Karussell dreht sich allein weiter. Jan-Henrik Scheper-Stuke sitzt in einem Ledersessel in seinem Wohnzimmer. Er hat die Schleife abgenommen, in der Hand hält er ein Bier. Er redet leise.
Vor ein paar Wochen eröffnete er seinen Laden in den Hackeschen Höfen, erzählt er, seine Eltern waren gekommen, Philipp Rösler hielt die Eröffnungsrede.
Zwei Tage nach der Eröffnung traf Jan-Henrik seinen Vater zum Frühstück.
Der Vater sagte: Bernd, du hast ja rote Socken an.
Scheper-Stuke sagte: Ich trage ja auch eine rote Schleife.
Der Vater sagte: Eine rote Schleife habe ich auch.
Am Abend gingen die beiden gemeinsam auf einen Empfang. Der Vater trug Kniestrümpfe, sie waren rot.
Edsor Kronen, Berlin, www.edsor.de
Von Würger, Takis

KulturSPIEGEL 12/2011
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