23.12.2011

Ralf Husmann schreibt Angela Merkel eine Neujahrsansprache

Das zurückliegende Jahr war ein schwieriges. Das sage ich jedes Jahr, aber dieses Jahr stimmt's, und im Vergleich zum kommenden Jahr verhält sich 2011 sogar noch eher wie Wattepusten zu Waterboarding. So, in etwa, sollte ich diese Ansprache eröffnen, ginge es nach meinen Kritikern.
Aber, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, es geht nicht nach meinen Kritikern. Es geht nach mir. Und ich sage Ihnen: Es wird nicht so heiß gegessen, wie es hergeht. Ich habe 2007 schon das Klima gerettet, da war auch viel Aufregung. Jetzt ist das Thema durch. Dann hab ich die Banken gerettet. Wieder Aufregung. Jetzt ist wieder alles beim Alten. Nun rette ich den Euro, und auch diesmal gibt es Bohei. Natürlich sieht es erst mal so aus, als wäre ich die einzige Frau, die ein paar Nächte mit Sarkozy verbringt und dafür auch noch bezahlt. Auf der anderen Seite aber sollten wir mal die Vorteile sehen: Die Mehrheit der Deutschen will sich zum ersten Mal gern aus anderen Ländern wie Griechenland und Italien raushalten! Und nach Polen am liebsten gar nicht erst rein. Wir alle wissen, dass das in der Vergangenheit nicht immer der Fall war. Diese Haltung wird im Ausland gut ankommen, und das ist wichtig, gerade jetzt, wo ich im Ausland nicht so gut ankomme. So helfen wir uns gegenseitig, Sie und ich. Solidarität war ein Stichwort in meiner letzten Neujahrsansprache, und deswegen übernehme ich es hier wieder, denn Solidarität kostet nichts, und das ist im Augenblick am wichtigsten. Geld ist knapp, Panik haben wir reichlich. Ich wünschte, es wäre umgekehrt. Aber ich kenne das. Ich habe in meinem Beruf häufig mit Politik zu tun, und da gehört Hysterie einfach dazu. Es wäre gut, wir Politiker würden öfter mal die Kirche im Dorf lassen. Ich nehme die Kirche nur aus dem Dorf, um sie dann in die Stadt zu tragen, denn, so kurz nach Weihnachten sollten wir mal wieder an Gott denken, der sinngemäß gesagt hat: Wer den Taler nicht hat, kann sich nichts kaufen, den Armen aber blüht das Himmelreich. Und das ist doch eine erfreuliche Perspektive.
Ich würde mich jedenfalls freuen, wenn das neue Jahr nicht mit Genörgel losginge. Wir alle sollten uns daran erinnern, wo ich herkomme, nämlich aus einem Staat, der seinen Bürgern weder Südfrüchte noch Internet bieten konnte, und dennoch waren die meisten zufrieden. Außerdem ist in diesem Jahr die Fußball-EM, und nachdem ich 2011 schon der Frauenmannschaft den WM-Titel zugetraut habe, sollte es jetzt, beim richtigen Fußball, wirklich klappen. Ich werde sicher dabei sein und auf der Tribüne die Hände ineinanderschlagen, wie nur ich es kann. Steuer- und Gesundheitsreform, Arbeitsmarkt, Bildungs- und Energiepolitik, und Afghanistan müssen in dieser Rede leider wegfallen. Dafür hab ich weder Zeit noch Notwendigkeit, solange die Hysterie woanders ist. Ich wünsche Ihnen jedenfalls das Möglichste für das kommende Jahr, bleiben Sie gesund und gespannt, was ich als Nächstes rette, Ihre Angela Merkel.
Ralf Husmann, 47, schreibt in seiner Kolumne für Prominente, die einen Ghostwriter brauchen. Husmann wurde als Drehbuchautor von "Stromberg" (die 5. Staffel läuft gerade bei ProSieben) und "Dr. Psycho" ausgezeichnet. Er veröffentlichte zuletzt das Buch "Vorsicht vor Leuten".
Von Ralf Husmann

KulturSPIEGEL 1/2012
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