30.01.2012

Das Hollywood-Orakel

Von Sander, Daniel

Nie war es so schwer, die Oscars vorherzusehen, wie dieses Jahr. Wir versuchen es trotzdem.

The Artist, Gefährten, The Descendants, The Help, Hugo Cabret, Midnight in Paris, Moneyball, The Tree of Life, Extrem Laut und Unglaublich Nah

Sollte gewinnen!

Auch wenn "The Artist" ein würdiger Sieger wäre - Alexander Paynes Drama um eine zerbrechende Familie auf Hawaii wäre noch ein kleines bisschen würdiger. Von den Nominierten erzählt The Descendants die komplexeste Geschichte und entwirft die menschlichsten Charaktere. Was für den Oscar-Gewinn wiederum ein Problem ist, denn so verbreitet er einfach nicht so viel gute Laune wie "The Artist".

Wird gewinnen!

Fast jeder, der Michel Hazanavicius' Kino-Ode an die große Ära des Hollywood-Stummfilms sieht, liebt diesen Film. Weswegen es Leute gibt, die meinen, dass The Artist den Oscar schon in der Tasche hatte, als er im vergangenen Mai in Cannes unter selten gesehenem Jubel seine Premiere feierte. Und Hollywood-Oden liebt natürlich keiner so sehr wie das Hollywood-Establishment, aus dem die Oscar-vergebende Academy nun mal besteht. Außerdem spielt ein total süßer Hund mit, das hilft immer.

Bitte nicht!

Die Schwäche von "The Artist": Ein Massenpublikum konnte er nicht erreichen. Deutlich besser lief es in den USA für Steven Spielbergs rühriges Pferd-im-Ersten-Weltkrieg-Epos Gefährten. Kein übler Film, aber auch kein Grund, dem Academy-Darling Spielberg schon wieder einen Oscar nachzuwerfen.

Michel Hazanavicius (The Artist), Alexander Payne (The Descendants), Martin Scorsese (Hugo Cabret), Woody Allen (Midnight in Paris), Terrence Malick (The Tree of Life)

Gefährlich: Woody Allen ("Midnight in Paris")

Normalerweise gewinnt der Gesamtsieger auch den Regie-Oscar, und so darf sich wohl Michel Hazanavicius freuen. Dass es anders geht, musste aber zum Beispiel John Madden ("Shakespeare in Love") erleben. Den Franzosen Hazanavicius kannte vor "The Artist" außerhalb seiner Heimat kein Mensch - in der Academy dürfte es Zweifel geben, ob man einen gefühlten Neuling gleich als besten Regisseur der Welt würdigen kann. Das ist die Chance von "The Descendants"-Regisseur Alexander Payne, auch als Wiedergutmachung dafür, dass er 2005 mit "Sideways" verloren hat. Noch mehr aber für den ältesten aller Haudegen, Woody Allen, dessen "Midnight in Paris" eine energische Fan-Gemeinde hat. Für das beste Originaldrehbuch reicht es damit bestimmt, vielleicht sogar für die Regie. Vor allem, wenn sich Hazanavicius und Payne gegenseitig Stimmen wegnehmen.

Meryl Streep (Die Eiserne Lady), Viola Davis (The Help), Michelle Williams (My Week with Marilyn), Rooney Mara (Verblendung), Glenn Close (Albert Nobbs)

Sehr gefährlich!

Viola Davis hätte 2009 eigentlich den besten Nebendarstellerinnen-Oscar für ihre Rolle in "Glaubensfrage" bekommen müssen, stattdessen gewann damals Penélope Cruz. Das könnte Davis diesmal helfen, abgesehen von der Tatsache, dass sie das Beste an "The Help" ist. Außerdem hat sie eine begeisterte Fürsprecherin: Meryl Streep.

Wird und sollte gewinnen!

Zum 17. Mal ist Meryl Streep nun nominiert, aber nur zwei Oscars hat sie bislang bekommen. Den letzten vor unglaublichen 29 Jahren. Ungerecht. Noch ungerechter: wenn sie ihn in diesem Jahr nicht für ihre perfekte Interpretation von Margaret Thatcher bekäme.

Gefährlich!

Michelle Williams ist als Marilyn Monroe zwar brillant, kommt aber natürlich nicht an Streeps Thatcher heran. Allerdings gilt bei den Schauspielerinnen ob der vielen weißhaarigen männlichen Stimmberechtigten die Faustregel: Je jünger, desto höher die Oscar-Chancen - bei den Männern ist übrigens das Gegenteil der Fall.

Kenneth Branagh (My Week with Marilyn), Nick Nolte (Warrior), Jonah Hill (Moneyball), Max von Sydow (Extrem Laut und Unglaublich Nah), Christopher Plummer (Beginners)

Wird und sollte gewinnen!

Christopher Plummer dürfte schon deshalb gewinnen, weil keiner glauben kann, dass er 82 Jahre alt ist und nur ein Mal zuvor in seiner Karriere nominiert war, dazu noch erfolglos. Der Sieg geht in Ordnung, weil er in "Beginners" als krebskranker Vater, der sein spätes Coming-out erlebt, auch steinerne Herzen schmelzen lässt.

Bitte nicht!

Alle sind begeistert, dass die dicke Spaßkanone Jonah Hill aus "Superbad" sich in "Moneyball" auch mal ganz seriös geben und neben Brad Pitt behaupten konnte. Dafür sind Glückwünsche aber angemessener als ein Oscar.

Gefährlich!

Für Max von Sydow gilt das Gleiche wie für seinen Konkurrenten Christopher Plummer: ewig im Geschäft und eine Bilanz von einer Nominierung und null Oscars. Er ist sogar noch acht Monate älter als Plummer. In "Extrem Laut und Unglaublich Nah" spricht er als rätselhafter Opa kein Wort und ist trotzdem eine Wucht. Aber nicht so eine wie Plummer.

Jean Dujardin (The Artist), Demián Bichir (A Better Life), Gary Oldman (Dame, König, As, Spion), Brad Pitt (Moneyball), George Clooney (The Descendants)

Sollte gewinnen!

Die beste Leistung hat eigentlich Michael Fassbender in "Shame" vorgeführt. Er ist darin aber so oft nackt, dass ihn die spießigen alten Männer von der Academy vor Schreck nicht mal nominiert haben. Gary Oldman ist in "Dame, König, As, Spion" der Einzige, der an Fassbender heranreicht. Wird aber auch nichts, denn Hollywood wird nach Colin Firth im vergangenen Jahr nicht wieder einen Briten auszeichnen.

Wird gewinnen!

Viel mehr als seine hervorragende schauspielerische Leistung im Baseball-Film "Moneyball" (und die ist wirklich herausragend) dürfte die Academy überzeugen, dass es für Brad Pitt langsam einfach an der Zeit ist, einen Oscar zu kriegen. Schließlich rackert er sich seit einem Vierteljahrhundert für Hollywood ab, und bislang sind nur zwei lausige Nominierungen herausgesprungen.

Gefährlich!

Pitts einziger ernsthafter Konkurrent ist sein alter Freund George Clooney, der großartig ist als trauriger Familienvater in "The Descendants", vor allem aber großartig darin, George Clooney zu sein. Außerdem fehlt ihm nach einem Nebendarsteller-Oscar für "Syriana" noch der Preis für den besten Hauptdarsteller.

Bérénice Bejo (The Artist), Janet McTeer (Albert Nobbs), Octavia Spencer (The Help), Melissa McCarthy (Brautalarm), Jessica Chastain (The Help)

Wird gewinnen!

Octavia Spencer ist als renitentes Dienstmädchen nach Viola Davis der zweitbeste Grund, sich "The Help" anzusehen. Vor allem aber ist der Film so beliebt, dass die Academy ihn nicht ohne Preis ziehen lassen wird, und in dieser Kategorie sind mangels namhafter Konkurrenz die Chancen am besten.

Gefährlich!

Ist in "The Help" zwar nicht ganz so spektakulär wie Davis oder Spencer, dafür gilt Jessica Chastain in Hollywood gerade als größte Neuentdeckung seit Amy Adams. Außerdem konnte sie im vergangenen Jahr auch in "Tree of Life", "Take Shelter" und "Eine offene Rechnung" viele Bewunderer sammeln. Die wallenden roten Haare und der Porzellan-Teint schaden sicher auch nicht.

Sollte gewinnen!

Ohne Melissa McCarthy wäre "Brautalarm" nur eine nette Komödie gewesen - mit ihr wurde es der lustigste Film der vergangenen Jahre. Sie ist schlicht grandios. Dumm nur: Reine Komödien kriegen traditionell keine Oscars.

Oscar-Verleihung:In der Nacht vom 26.2. auf den 27.2.


KulturSPIEGEL 2/2012
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