30.01.2012

Neue Bücher

Benjamin Stein: "Replay".
C. H. Beck; 176 Seiten; 17,95 Euro.
Es klingt zunächst nach einem begehrlichen Fortschritt: Morgens, wenn sich Ed Rosen langsam aus dem Bett schält, driftet er noch einmal kurz weg. Und immer wieder scheint es dem Ich-Erzähler dieser Science-Fiction-Geschichte, als lägen sie neben ihm, Katelyn und Lian, nackt und voller Begierde. Eine Ménage à trois, längst vergangen, flammt als Kopfkino wieder auf. Dank eines kleinen Implantats in seinem Schädel kann der nerdig-wollüstige Software-Entwickler einmal Gesehenes oder Gehörtes auf Befehl vor sein inneres Auge projizieren. Eine geniale Standard-App in der charmant ausgefuchsten, manchmal leider zu überhasteten Romanwelt von Benjamin Stein, 41. Das Problem: Der Hersteller zapft die Nervenbahnen der Träger an. "Replay" liest sich wie ein launiger Drogentrip, ist aber doch beängstigend unutopisch. Johan Dehoust
Ben Brooks: "Nachts werden wir erwachsen".
Aus dem Englischen von Jörg Albrecht. Berlin Verlag; 272 S.; 18,90 Euro. Ab 4.2.
Die Vertreter seines deutschen Verlags preisen Ben Brooks, 19, als "neues Wunderkind" der britischen Literatur. Ein Lob, für das sie mindestens so benebelt gewesen sein müssen wie Brooks' minderjähriger Held Jasper über weite Stre-cken dieses Romans "Nachts werden wir erwachsen". Er pumpt sich abwechselnd voll mit Wodka, Marihuana, Ketamin, Mephedron und Lachgas, seine wichtigste Droge aber ist Sex - und sei es mit der mopsigen Schulniete, deren Brüste an ihr herunterhängen "wie Plastiktüten mit Goldfischen vom Rummel". Was Brooks kann: übermütige Sprachbilder erfinden, cool lakonische Macker-Sätze hinrotzen. Komisch sein. Was er nicht kann: Charaktere entwickeln, die Handlung vorantreiben. Einen Roman schreiben. Mit anderen Worten: Brooks hat Talent, das schon, ein Wunderkind ist er nicht.Tobias Becker
Amy Sackville: "Ruhepol".
Aus dem Englischen von Eva Bonné. Luchterhand; 352 Seiten; 19,99 Euro.
Die Autorin Amy Sackville ist nicht einfach nur detailverliebt, sie ist eine Besessene. Der Blick eines ausgestopften Bären: 20 Worte. Die Zeiger aller Uhren im Haus springen auf fünf Uhr: 170 Worte. Ein Paar liegt schlafend im Bett: 327 Worte. Eine Beschreibungswut, die erst nervt und dann doch nach Bewunderung verlangt, weil sie auch vor den Dingen nicht haltmacht, die für gewöhnlich als unbeschreibbar gelten. Denn der Roman handelt nicht nur von Julia und Simons Ehe, sondern auch von Julias Großvater. Er war Polarforscher, verschollen während einer Expedition zum Nordpol. Seine Aufzeichnungen, Julias Träume und Erinnerungen verdichten sich zu einer Beschreibung des Wartens ihres Großvaters (auf den Tod im Eis) und das Warten seiner Frau (auf die Rückkehr ihres Mannes). Maren Keller
Franziska Gerstenberg: "Spiel mit ihr". Schöffling; 264 Seiten; 19,95 Euro. Ab 15.2.
Was geschieht, wenn erotische Phantasien, die Parallelwelt des Internets und der banale Alltag aufeinanderprallen? Reinhard ist 50 Jahre alt, Rechtsanwalt und geschieden. Kristine ist zehn Jahre jünger und allein erziehende Mutter. Über ein virtuelles Kontaktforum haben sie sich kennen gelernt; ihre streng choreografierten sexuellen Rollenspiele nehmen immer bizarrere Formen an, bis sie eines Tages einen Schritt zu weit gehen und Emma, Kristines siebenjährige Tochter, dem vermeintlichen Spiel eine völlig neue Wendung gibt. Schon in ihren beiden Erzählungsbänden hat Franziska Gerstenberg, Jahrgang 1979, sich als kühle Beobachterin menschlicher Minidramen erwiesen. In ihrem Debütroman erzählt sie aus einer Welt, in der alle Wünsche erfüllbar scheinen - und irgendwo, ganz in der Ferne, die Liebe als Bedrohung lauert. Christoph Schröder

KulturSPIEGEL 2/2012
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