27.02.2012

Ralf Husmann notiert Karl Mays Erinnerungen an Winnetous letzte Worte.

Ich werde Winnetou in Erinnerung behalten, wie er, von der Mähne seines Mustangs umweht, über die weite Steppe flog. Doch ebenso wenig werde ich vergessen, was er mir sagte, bevor er in meinen Armen in die ewigen Jagdgründe ging. Da hinterließ er mir die weisen Worte der roten Rasse, so dass der Weiße sehe, was los sein wird, später einmal, wenn Büffel nicht mehr auf der Prärie vorkommen, sondern nur noch im Mozzarella.
Dann, so sagte der große Häuptling der Apachen, ist auch der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, und der weiße Mann wird feststellen, dass er Geld weder essen noch anlegen kann. Zumindest nicht so, dass er mehr dafür bekommt, als die Teuerung ihn kostet. "Und auch Gold ist überschätzt", sagte Winnetou. Er musste es wissen, hatte er doch mehr Nuggets in seinem Tipi, als sein Rappe Iltschi tragen konnte.
"Die Bleichgesichter", flüsterte der Edle, "halten sich jetzt noch für überlegen, aber in Hunderten von Monden kommen die noch bleicheren Gesichter der Asiaten. Sie werden alles, was hier ist, aufkaufen und euch an Köpfen, Disziplin, Geld und Wissen überragen, und dann wird sich großes Geheul erheben unter den Männern des Westens." Sam Hawkens, mein treuer Begleiter, tat diese Worte ab. "Hat er etwa ein Rattennest im Oberstübchen?", fragte er mich. Wie alle Amerikaner kann er sich nicht vorstellen, eines Tages keine große Rolle mehr in der Welt zu spielen. Doch hat Winnetou meistens recht. "Ihr nennt uns Indianer", sagte er, "weil die ersten Weißen dachten, sie wären in Indien. Seid ihr nicht inzwischen lang genug hier, um zu wissen, dass dies nicht Indien ist? Und dennoch nennt ihr uns weiter Indianer." Diese Worte des Indianers gaben mir zu denken.
"So ist der weiße Mann", fuhr Winnetou fort, "wenn er einmal eine Entscheidung getroffen hat, bleibt er dabei, ohne selbst die offensichtlichsten Fehler zu korrigieren." Erst viel später verstand ich, dass er damit nicht das Feuerwasser meinte, sondern den Kapitalismus. Mit leiser Stimme redete er darüber, dass die Weißen, anders als die Mescaleros, ihren Häuptling von allen wählen lassen. Obwohl er schon sehr schwach war, schüttelte er sich bei diesem Gedanken vor Lachen: "Dann wäre ich wohl kein Häuptling geworden, denn nie wählt das Volk den Besten. Im Vergleich zum Besten fühlen sie sich schlecht, deswegen wählen sie den Mittelmäßigen, der so ist wie sie. Mein Volk wäre wohl angeführt worden von Männern wie Gieriger Wulff." Ich musste schmunzeln. Gieriger Wulff hatte sich sein neues Tipi nur mit Hilfe der Squaw eines anderen Mescalero bauen können, ging nie selbst jagen, sondern lebte von dem, was die anderen ihm gaben. Winnetou konnte kaum an sich halten bei der Vorstellung, dass der an seiner statt Häuptling geworden wäre. Mitten im Lachen brach er zusammen. So starb Winnetou also nicht nur durch die Oglala-Sioux, sondern auch durch den Gedanken an Gieriger Wulff. Nicht immer, so scheint es, ist Lachen die beste Medizin.
Von Ralf Husmann

KulturSPIEGEL 3/2012
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