27.02.2012

Die nackte Kanone

Von Sander, Daniel

Als Sexsüchtiger zeigt Michael Fassbender in "Shame" alles, was er hat. Vor allem aber, wie gut er ist.

Michael Fassbender hat das Undenkbare getan. In einer frühen Szene in Steve McQueens neuem Film "Shame" sieht man ihn morgens in einem weißen, fast leeren Appartement aufwachen, nackt. Er steht auf, die Kamera folgt ihm ins Bad, und der Bildausschnitt beginnt nicht erst oberhalb der Hüfte, wie es sonst im Kino üblich ist. Man sieht den ganzen Mann, samt Männlichkeit. Beiläufig, aber deutlich. Schock.

"Shame" ist die Geschichte eines erfolgreichen New Yorkers, den seine Einsamkeit in eine zerstörerische Sucht nach Sex und Pornografie getrieben hat. Es wäre albern gewesen, den Hauptdarsteller in so einem Film stets verhüllt zu zeigen. Doch in einer Zeit, in der es kaum eine etablierte Schauspielerin wagt, vor der Kamera ihre Brüste zu entblößen, ist das Bild eines nackten Mannes eine Sensation.

Nun hat Fassbender das Problem, dass die ganze Welt nur noch über sein Geschlechtsteil reden will. Er muss einem deswegen nicht leidtun, er wird gerade so sehr gefeiert, wie es kaum ein Kollege von sich sagen kann. Trotzdem irritiert ihn die Aufregung. "Es ist bloß ein Penis", sagt er. "Und so richtig sieht man den nur in einer Szene. Viele haben einen, fast jeder hat mal einen gesehen. Meine Güte. Ist doch nicht einmal besonders lang." Stille. "Die Szene. Ich meine die Szene!"

Ein Interview mit Michael Fassbender macht außergewöhnlich viel Spaß. Er freut sich, wenn ihm ein paar Sätze auf Deutsch gelingen. Er wurde in Heidelberg als Sohn einer nordirischen Mutter und eines deutschen Vaters geboren. Als er zwei Jahre alt war, zogen die Eltern mit ihm und seiner Schwester Catherine nach Irland. Seitdem versucht er, mal mehr, mal weniger engagiert, sein Deutsch am Leben zu halten. "Es ist beides in mir drin", sagt er. "Ich bin ein klassisch wilder und spaßliebender Ire, aber ich will immer alles unter Kontrolle haben, typisch deutsch eben." Außerdem habe er von seinem verstorbenen Onkel Heiner eine Schwäche für Märklin-Eisenbahnen mitgenommen, und deutscher gehe es ja wohl nicht. "Mir fehlte immer nur der ICE."

Wer ihn aus seinen Filmen kennt - als IRA-Aktivisten im Hungerstreik etwa, als Verführer einer Minderjährigen oder als Sado-maso-praktizierenden Star-Psychiater -, erwartet einen ernsten Mann mit Hang zum Weltschmerz. Stattdessen trifft man einen Witzbold, der sich zu jeder Frage intelligente Gedanken macht und diese mit viel Charme vortragen kann. Immer lächelnd, die blassgrünen Augen auf sein Gegenüber fixiert.

Es stimme ja, dass ihn schwierige Filme besonders interessierten, dass er in jeder Rolle den Konflikt suche. "Aber ich würde gern auch mal eine Komödie drehen", sagt er. "Bietet mir nur keiner an. Die Leute denken: Fassbender rufen wir an, wenn wir einen gequälten Bastard brauchen. Was soll ich machen? In Hollywood ein paar Bananenschalen an den Straßenrand legen, drüberlaufen und schreien: Schaut her, ich bin lustig!?"

Dafür hat er es als gequälter Bastard weit gebracht. Fassbender, 34 Jahre alt, ist derzeit einer der gefragtesten Schauspieler der Welt. Seit er 2008 in "Hunger" auftrat, seiner ersten Zusammenarbeit mit dem britischen Künstler und Regisseur Steve McQueen, hat er einen Lauf, der ihn in immer neue Höhen trägt. Die besten Regisseure wollten plötzlich mit ihm drehen.

Andrea Arnold besetzte ihn in "Fish Tank", Quentin Tarantino gab ihm die Rolle eines britischen Spions in "Inglourious Basterds". Als Magneto in Matthew Vaughns "X-Men: Erste Entscheidung" brachte er seinen ersten Blockbuster hinter sich. Vor kurzem sah man ihn als Carl Jung in David Cronenbergs "Eine dunkle Begierde", neben "Shame" läuft im März in Deutschland auch Steven Soderberghs "Haywire" an, hier spielt er einen geheimnisvollen Killer. Im Sommer wird er neben Charlize Theron und Noomi Rapace in Ridley Scotts "Alien"-Prequel "Prometheus" zu sehen sein, was wahrscheinlich einer der umsatzstärksten Filme des Jahres wird. Fassbender spielt einen Androiden. "Auch eine gequälte Seele, auf seine Art", sagt er.

Vor "Hunger" sah es eine Weile finster aus. Nach einem frühen Erfolg mit einer Rolle in Steven Spielbergs Kriegsserie "Band of Brothers" ebbten die Angebote bald ab, und er musste sich in London seine Miete teilweise wieder als Barmann verdienen. Kleine TV-Rollen brachten weder viel Geld noch Anerkennung. Kurz aus der Versenkung aufgetaucht, schien der Weg wieder genau dorthin zu führen.

Dann kam die Rettung in Gestalt eines großen, freundlichen Teddybären. Der britische Multimedia-Künstler und Turner-Preis-Gewinner Steve McQueen, 42, suchte einen Hauptdarsteller für seinen ersten langen Spielfilm, ein Drama über den IRA-Kämpfer Bobby Sands, der sich 1981 mit einigen Mithäftlingen im britischen Maze-Gefängnis zu Tode gehungert hat, aus Protest gegen die Aberkennung ihres Status als politische Gefangene.

Dafür brauchte es einen furchtlosen Darsteller, der bereit war, einen Mann zu verkörpern, der von einigen zwar immer noch als Freiheitskämpfer verehrt, von den meisten aber als fanatischer Terrorist verachtet wird. Noch dazu einen, der bereit war, während des Drehs eine Menge Gewicht zu verlieren.

Eine Casting-Agentin kam mit Michael Fassbender an. Er war McQueen auf Anhieb unsympathisch. "Was für ein arroganter Typ, das war mein erster Gedanke", erzählt der Regisseur, "aber irgendetwas hatte er, das mich daran glauben ließ, er könne der Richtige sein. Er schien bereit, alles zu geben. Und, oh ja, das hat er getan."

Fassbender nahm 16 Kilo ab, bis er nur noch 59 Kilogramm wog und seine Eltern begannen, sich ernsthaft Sorgen um ihn zu machen. Er bereitete sich wie ein Wahnsinniger auf die Rolle vor, las immer wieder das Drehbuch und versuchte, Zeitzeugen aufzutreiben. Er wollte unbedingt alles richtig machen.

Das hat er. "Hunger" gewann 2008 in Cannes die Goldene Kamera für den besten Debütfilm, später kürte die britische Filmzeitschrift und Cineasten-Bibel "Sight and Sound" das Werk zum besten Film des Jahres. Alle Kritiker waren sich einig, dass Michael Fassbender eine einzigartige Leistung gezeigt habe. Sein Karrieremotor sprang wieder an. Und diesmal war er nicht zu stoppen.

Fassbender weiß, wem er das zu verdanken hat. "Steve hat mit dem Film mein Leben verändert. Ich habe dabei so viel über meinen Beruf gelernt, das war eine unglaublich tiefe Erfahrung", sagt er. "Ich bin stolz, ihn einen lieben Freund nennen zu können. Wenn er ruft, werde ich immer angelaufen kommen. Meine oberste Priorität ist es, ihn nicht im Stich zu lassen."

So hat er auch nicht gezögert, als ihm McQueen vor ein paar Jahren von dem Plan erzählte, einen Film über einen Sexsüchtigen zu machen. "Es klang nach der richtigen Idee zur richtigen Zeit. Ich dachte, er wird schon wissen, was er tut."

McQueen sagt, er hätte "Shame" ohne Fassbender nicht gemacht. Es ist ein harter Film, der dem Zuschauer einiges abverlangt: über einen Mann, der wahnhaft vermeintlicher Intimität hinterherjagt und zu echten Gefühlen schon lange nicht mehr fähig ist. Ein Horrortrip in kalten Farben, der seinen Helden mit jeder Sexszene tiefer in sein Unglück rennen lässt. "Niemand anders hätte das spielen können", sagt McQueen. "Michael hat die Gabe, immer eine Verbindung zu den Zuschauern herstellen zu können, egal was für einen Charakter er spielt. Dieser Brandon aus ,Shame' ist kein netter Mensch, Bobby Sands aus ,Hunger' schon gar nicht. Aber Michael schafft es irgendwie, dass die Leute Mitgefühl für ihn entwickeln. So etwas kann kein einfacher Filmstar. Das kann nur ein wahrer Künstler."

"Shame" ist auf diese Weise ein großer Film geworden, eine Reise in das Innenleben eines tief unglücklichen Menschen. Es gibt eine sterbensschöne, minutenlange Szene, in der Carey Mulligan in einem Nachtclub als Brandons labile Schwester eine sehr langsame Version von "New York, New York" singt. Die Kamera wechselt dabei nur gelegentlich auf Fassbenders Gesicht, und das erzählt ohne ein Wort alles darüber, wie sehr dieser Mensch seine Schwester hasst und liebt, wie er sie beschützen möchte, und es nicht kann, wie sie die Einzige ist, die ihm vielleicht noch etwas bedeutet. "Das ist Michaels Geheimnis", sagt McQueen. "Und es ist der Grund, warum er der Traum jedes Regisseurs ist: Du musst nur sein Gesicht zeigen und brauchst überhaupt kein Drehbuch mehr." Für den Sommer plant McQueen die Verfilmung der Sklavengeschichte "12 Years a Slave". Fassbender wird natürlich dabei sein. "Wir sind ein Team", das sagen beide.

Für "Shame" hat er bei den Filmfestspielen in Venedig im vergangenen September den Preis als bester Darsteller bekommen. Eine große Ehre, aber Fassbender sagt, das Festival habe ihn auf ewig traumatisiert: Bei der Welturaufführung saß sein Vater Josef hinter ihm, die beiden hatten gerade eine zweimonatige Motorradtour durch Europa hinter sich gebracht. "Und auf einmal sieht er seinen Sohn splitternackt auf riesiger Leinwand."

"Er blieb bewundernswert gelassen, während ich kaum hinsehen konnte", sagt Fassbender. "Am Ende bin ich doch auch nur ein Spießer."

Shame. Start: 1. März.


KulturSPIEGEL 3/2012
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