27.02.2012

„Hol dir den Adrenalinkick“

Der Kunsthistoriker Christian Saehrendt, 44, erklärt, warum wir uns mehr blamieren sollten. „Wir sind in einer emotionalen Phase, aber nicht in einer irrational schwärmerischen.“
KulturSPIEGEL: Herr Saehrendt, in den TV-Shows "Dschungelcamp" oder "DSDS", auf YouTube oder auf Facebook - überall blamieren Menschen sich freiwillig vor Publikum. In Ihrem Buch "Blamage" aber vertreten Sie die These, wir alle würden uns immer mehr vor dem Peinlichsein fürchten. Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?
Christian Saehrendt: Eine wachsende Zahl von Menschen hat ein so starkes Peinlichkeitsempfinden, dass sie davon in ihrem Verhalten eingeschränkt werden. Die Medien greifen diese Ängste auf und bringen Storys über sich blamierende Protagonisten, die dann hohe Einschaltquoten haben. Dadurch entsteht der trügerische Eindruck, dass es überall nur noch enthemmte Menschen gibt. Dabei ist das Gegenteil der Fall.
Wieso wächst in unserer Gesellschaft die Angst vor der Blamage?
Zunächst hat jeder Mensch einen individuellen Blamagen-Katalog abgespeichert, er ist geprägt durch Genetik, Erziehung und einschneidende Erlebnisse. Durch eine große soziale Mobilität und gesellschaftliche Freiheiten aber herrscht im Moment zusätzlich eine Verunsicherung. Auch wenn uns alles möglich erscheint, leben wir nicht in einer regellosen Gesellschaft. Das Schwierige ist, dass das "gute Benehmen" nicht mehr so leicht zu erlernen ist. Jeder muss für sich allein sorgsam austesten, was cool und was uncool ist. Bei wem kann ich welchen Witz bringen? Gebe ich jemandem die Hand, oder nicke ich ihm nur lässig zu?
Und mit dieser Unsicherheit sind wir überfordert?
Man muss ein Genie im Improvisieren werden, um die vielen Fettnäpfchen zu umgehen. Wir kennen unsere Schwächen ja selbst ganz gut. Und wir wissen um den Unterschied zwischen dem Bild, das die anderen von uns haben sollen, und unserem Selbstbild. Wir fürchten, dass die Grenze zwischen beiden rissig wird, dass unsere jahrelange Arbeit, in der wir unser Image mühsam aufgebaut haben, durch eine Blamage zunichtegemacht wird. Dahinter steckt die Urangst, dass die anderen uns dann nicht mehr lieben, uns fallenlassen. Die Menschen sind seit Urzeiten soziale Wesen, und in der Evolutionsgeschichte hat dieser Ausschluss bedeutet, dass man dem Tod geweiht war.
Wir legen uns ein vorteilhaftes Image zu, dem wir gar nicht gerecht werden können?
Ja. Es gibt Tausende von Ratgebern, die sagen: Leute, arbeitet an eurer Selbstinszenierung. Gleichzeitig sollen wir auch noch authentisch sein. Also was nun? Dieser Widerspruch macht den meisten Menschen Angst, wir sind ja nicht alle abgebrühte Schwindler. Das verstärkt das Dilemma der Schüchternheit und führt dazu, dass besonders junge Menschen kapitulieren und sagen: Ich bleibe im alten Kinderzimmer. Andere sind mit 40 Jahren noch Teenies und laufen in Skaterpullis rum. Danach kommt sofort die Midlife-Crisis und der Rutsch in den Vorruhestand.
In Japan und in anderen asiatischen Ländern breitet sich ein Phänomen aus, das Hikikomori-Syndrom heißt: Junge Menschen verlagern ihr Leben komplett in die eigenen vier Wände und kommunizieren nur noch übers Internet.
Bei uns lässt sich bisher nur verstärkt das Nesthocker-Phäno-men beobachten. Es ist die Angst an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Davor, in der Welt draußen zu versagen, sich nicht angemessen zu verhalten. Früher war viel stärker festge-legt, wann aus einem Jungen ein Mann wurde. In vielen Kultu-ren gab es schmerzhafte Initiationsriten und riskante Mutpro-ben. Ich will das nicht idealisieren, aber es zeigt, wie fließend heute die Übergänge zum Erwachsensein sind. Das führt zu Unsicherheit.
Vor allem bei Männern, wie man auch an der aktuellen Diskussion über den sogenannten neuen Mann ablesen kann?
Beim Mann definiert sich vieles immer noch über Körperkraft und technisches Wissen. Er will in diesen Bereichen bestimmten Idealen entsprechen und hat gleichzeitig Angst, es nicht zu schaffen. Erschwerend kommt hinzu, dass das Männerbild unscharf und vieldeutig geworden ist. Aber Frauen haben genauso Ängste. Neben dem Kampf um Anerkennung im Beruf geht es bei ihnen häufiger ums Aussehen, um Fragen der Eleganz und des Geschmacks. Wenn ich einen Autoreifen nicht wechseln kann, trifft mich das als Mann generell immer noch härter als eine Frau.
Die Angst vor der Blamage ist also nicht geschlechtsspezifisch. Ist sie denn schichtspezifisch?
Nicht nur die Geschichte, auch unsere heutige Gesellschaft zeigt, dass das Nachdenken über ein reguliertes soziales Miteinander für Unter- und Oberschicht keine so große Rolle spielt wie für die Mittelschicht. Die einen setzen sich über Konventionen hinweg, weil sie ohnehin schon verarmte und chancenlose Außenseiter sind, die anderen, weil sie im Luxus über den Dingen schweben und sich als Elite fühlen.
Sie sind promovierter Kunsthistoriker und Historiker: Gibt es Dinge, die den Menschen immer peinlich waren und peinlich sein werden?
Über die Jahrhunderte lassen sich zwei Punkte beobachten, an denen sich das Empfinden von Peinlichkeit manifestiert. Das eine ist der Umgang mit Emotionen und das andere die Frage nach der persönlichen Intimitätsgrenze. Wem zeige ich welche Gefühle? Wer darf mir körperlich nahe kommen? Die Einstellung zu diesen Fragen verläuft in Wellen, streng formalisierte Phasen wechseln sich mit Laisser-faire-Tendenzen ab.
Und wo stehen wir heute?
Wir sind in einer emotionalen Phase, aber nicht in einer irrational schwärmerischen. Eher so eine Art neue Anständigkeit. Es gibt im Moment eine Megatendenz, verantwortungsbewusst zu handeln. Nachhaltigkeit ist das Goldene Kalb. Wir sollen verantwortlich mit den Mitmenschen umgehen, mit den Ressourcen, mit der Umwelt. Alle Tätigkeiten sind moralisch grundiert. Es gibt kaum noch einen Unternehmer, der einfach sagt, dass er Profit machen will, oder einen Sportler, der sich hinstellt und sagt, dass er die Meisterschaft um jeden Preis gewinnen will. Das ist eine hohe moralische Messlatte, die wir uns gesetzt haben. Durch sie ist dieser enorme Hang zur Selbstinszenierung entstanden, man muss seine wahren Ziele oft maskieren.
Das Gegenstück zur Angst vor der Blamage ist die Schadenfreude. Liegt in ihr der Reiz, sich Pannenshows und peinliche YouTube-Clips anzuschauen?
Vorm Fernseher oder Computer können wir Gefühle zeigen, die im Alltag nicht angebracht sind. Wenn der Chef vor uns auf die Nase fällt, sollten wir lieber nicht lachen. Das fällt sonst auf uns selbst zurück, und wir stehen blöd da. Skandale von Prominenten, ob es nun der Konzertauftritt der betrunkenen Amy Winehouse, die antisemitische Entgleisung vom damaligen Dior-Chefdesigner John Galliano oder der Sylt-Urlaub von Christian Wulff ist, haben eine Blitzableiterfunktion. Wir dürfen ganz offiziell Lästergemeinschaften bilden und über die Verfehlungen diskutieren. Das entlastet einen, weil man sagen kann: Schau her, jetzt hat sich der mal so richtig blamiert, aber ich bin auf der sicheren Seite. Die vielen öffentlichen Skandale machen uns außerdem auch immer wieder bewusst, wo die Normen und Werte verlaufen.
Bei Skandalen von Prominenten erscheint es uns nicht anstößig, wenn wir uns darüber lustig machen. Was aber passiert, wenn Teilnehmer einer Reality-Show nicht bemerken, dass sie sich zum Gespött machen?
Da dominiert dann weniger die Schadenfreude, sondern eher die Fremdscham, man läuft ja manchmal sogar rot an vorm Fernseher. Ich nenne dieses Phänomen gern Menschenzoo. Manche der vorgeführten Protagonisten erkennen die Tragweite ihres Handelns leider nicht. Für sie ist es einfach ein toller Ausflug in die Welt des Glamours. So kommt es zu so blamablen Fernsehereignissen wie der RTL-Sendung, in der sich ein Mann vor laufender Kamera mit Spaghetti Bolognese behäuft, um seiner Freundin eine Freude zu machen. Eine wahnsinnige Selbstaufgabe. Für die Zuschauer aber kann diese Form des Fremdschämens identifikationsstiftend sein. Wenn bei "Deutschland sucht den Superstar" jemand auf der Bühne steht, der nicht singen kann und sich blamiert, bilden sich sofort Fan- und Hassergruppen. Und es hat auch wieder etwas Tröstliches: Als Zuschauer, der selbst auch nicht singen kann, leide ich mit und bin froh, zu Hause auf dem sicheren Sofa zu sitzen.
Das Selbstdemontage von Menschen im Fernsehen zeigt doch nur, dass es nicht erstrebenswert ist, sich danebenzu- benehmen.
Aber es gibt keine Alternative zum ständigen Fehlermachen, wenn man nicht in der Isolation landen will. Ich muss im Alltag ständig das Trial-and-Error-Prinzip durchziehen, um zu wissen, welche Codes gelten. Und: Erst wenn man sich so richtig blamiert hat, so richtig rot anläuft und vor sich hinstammelt, dann merkt man, dass man noch lebt. Das ist ein intensives Gefühl, ein Adrenalinkick, wie wenn man beim Fußball ein Tor schießt oder frisch verliebt ist. Das sollte man sich nicht entgehen lassen. Peinliche Erlebnisse sorgen dafür, dass wir an uns arbeiten. Man denkt noch Jahre lang an eine Blamage. Es führt dazu, dass ich mein Wunschbild besser mit meinem Realbild koordiniere. Nur so werden die Menschen wirklich authentisch.
Kann es nicht auch ein probates Mittel sein, sich durch Relativierungen und Ironie vor Blamagen zu schützen?
Natürlich gibt es Phänomene wie Bad-Taste-Partys, auf denen man sich präventiv blamiert. Dahinter verbirgt sich aber zumeist nur die Angst vor dem Peinlichsein. Wenn ich etwa einen Witz erzähle und dabei merke, dass mich alle fragend anschauen, ziehe ich ihn trotzdem weiter durch und lache nach der Pointe künstlich. Hohoho. Durch diese Distanzierung bringe ich mei-ne Zuhörer vielleicht doch noch zum Lachen und mache aus der Niederlage einen Sieg - die Strategie der prophylaktischen Ironisierung. Aber man kann natürlich nicht immer dickere Ironieschichten um sich herumbauen. Irgendwann wissen die Mitmenschen überhaupt nicht mehr, was ernst gemeint ist und was nicht.
Ihre Therapie lautet "Blamiere dich mehr". Womit fängt man am besten an?
Als Gedankenexperiment bietet es sich an, über verpatzte Chancen nachzudenken. Wen hätte ich treffen können, was wäre geschehen, wo wäre ich hingelangt, wenn ich in einer Situation mutiger, ehrlicher, unkonventioneller gehandelt hätte? Warum hatte ich Angst davor, mich zu blamieren? Wenn einem dazu noch etwas einfällt, ist es noch nicht zu spät. Ich empfehle folgenden Selbstversuch: Erheben Sie sich, wenn Sie in einer vollen U-Bahn fahren, und sagen Sie ein Gedicht auf oder singen Sie eine Strophe von einem Song vor. Danach setzen Sie sich einfach wieder hin, fertig. Beobachten Sie, was passiert: Vielleicht lächelt Sie jemand an.
Christian Saehrendt: "Blamage! Geschichte der Peinlichkeit". Bloomsbury; 272 Seiten; 14,90 Euro. Erscheint am 10. März.
ANLEITUNG ZUR BLAMAGE:
1 Hackfleisch anbraten, je nach Körpergröße 250 bis 500 Gramm 2 Eine Packung Spaghetti kochen 3 Hack und Nudeln im Topf vermengen und mit Ketchup abschmecken 4 Teelichter auf dem Couchtisch drapieren und anzünden 5 Bis auf Slip und 6 Tennissocken entblößen, mit dem Rücken auf den Tisch legen und dabei die Spaghetti Bolognese gleichmäßig auf dem Körper verteilen.
Von Johan Dehoust

KulturSPIEGEL 3/2012
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