26.03.2012

Gossensprache

1000-mal passiert. 1000-mal ignoriert. Eine ganz normale Straße zeigt uns die Schönheit des Durchschnitts.
Im Durchschnitt, sagt die Statistik, werden die Häuser höher und die Parkplätze weniger. Im Durchschnitt, sagt Frau Bitter, werde es immer lauter. Im Durchschnitt, sagt Rehberg, werde es immer langweiliger. "Wie soll man den Durchschnitt schon beschreiben?", fragt Froriep, der sein gesamtes Leben weit über dem Durchschnitt gelebt hat, "durchschnittlich eben."
Der Durchschnitt ist eine Straße in Hamburg, und wenn man das Gefühl hat, ihn zu kennen, dann muss es daran liegen, dass es ihn auch überall sonst geben könnte. Denn aus den Nachrichten kann man ihn nicht kennen. Die Kriminalität ist im Durchschnitt weder besonders verbreitet noch besonders gering; der Durchschnitt ist weder besonders schön noch hässlich; weder besonders reich noch arm; er führt zu keiner Sehenswürdigkeit, sondern nur von einer größeren Straße zu einer anderen größeren Straße. Es gibt kaum einen Grund, in den Durchschnitt zu kommen, außer vielleicht die Crème Brûlée in Monsieur Moissoniers französischem Restaurant "La Mirabelle".
Im Durchschnitt gibt es nichts zu sehen. Was daran liegt, dass es keinen wirksameren Tarnumhang als die Gewohnheit gibt. Er lässt uns annehmen, dass die gewöhnlichen Dinge entweder naturgegeben oder zufällig so sind, wie sie sind und immer schon waren. Was natürlich nicht stimmt.
Keiner weiß das besser als der Oberbaudirektor der Stadt, der ihr höchster Gestaltgeber und Formverwalter ist. Der Hamburger Oberbaudirektor heißt Jörn Walter, und alles an ihm ist raumgreifend: die Stimme, die Gesten, die Begeisterung.
Der Oberbaudirektor sagt: "Es gibt keinen Flecken in der Stadt, der nicht irgendwann aus irgendeinem Grund von irgendjemandem irgendwie gestaltet worden ist."
Die Poller, rot-weiß gestrichen, die wie Miniatur-Leuchttürme am Straßenrand stehen, Hausnummern, die abends zu leuchten beginnen, und Laternen wie Giraffen, die sich über die Straße beugen: Noch die durchschnittlichste Straße erzählt so viel über Gestaltung wie jedes Museum. Man muss nur eine einfache Frage stellen: Warum sieht es in dieser Straße eigentlich so aus, wie es aussieht?
Die Antwort führt über den Durchschnitt hinaus, von den Meeren bis ins Centre Pompidou, aus dem Jahr 62 nach null bis in die Zukunft hinein. Ein Apostel wird dabei gekreuzigt. Die Inspiration tropft von einem Milchwagen. Ein Verleger wettert gegen Wolken. Eine Schrift macht Karriere. Und ganz nebenher findet Frau Bitter die Liebe, und Rehberg sucht das Verderben. Aber so weit sind wir noch nicht. Noch stehen wir an der Ecke, an der der Durchschnitt und damit unsere Geschichte beginnt.
An der Hauswand ein Schild, blaues Blech, weiße Schrift, darauf der Name der Straße. Zwölf Buchstaben. D-u-r-c-h s-c-h-n-i-t-t. Und wenn man ganz genau hinschaut: zwei winzige Dellen im c, im D, auch im s, immer dort, wo Geraden auf Rundungen treffen, mit bloßem Auge kaum zu sehen.
Als balle sich dort noch ein Rest jener Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, als das Bauhaus mit seinem ästhetischen Ideal der funktionalen Sachlichkeit zur einflussreichsten Kunstschule in der Geschichte der Gestaltung wurde.
Es ist die Zeit, in der in Russland ein Maler namens Kasimir Malewitsch die Welt schockiert mit einem Gemälde, auf dem nichts zu sehen ist als ein schwarzes Quadrat auf weißem Grund. Die Avantgardisten dieser Zeit ehren die Geometrie. Und sie lernen ein Gestaltungshilfsmittel zu schätzen, das heute Standard ist, aber damals eine Innovation: das Raster. Und auch am Bauhaus in Dessau lässt der Maler Joost Schmidt die Studenten in seinem Typografie-Unterricht geometrische Buchstaben auf grobe Raster zeichnen.
Niemand aber hält sich strenger an dieses Ideal als Ludwig Goller, ausgerechnet. Denn Goller ist kein Bauhaus-Student und kein Konstruktivist, kein Schriftgestalter und kein Künstler. Goller ist Ingenieur bei Siemens. 1920 wird er Leiter des Zentralen Werksnormenbüros. Die Wirtschaft hat in den Jahren nach dem Krieg etwas Wichtiges gelernt: Je mehr zerstört worden ist, desto mehr muss wiederhergestellt werden. Je mehr normiert ist, desto schneller und billiger kann wiederhergestellt werden.
In den Jahren seit Kriegsende sind deshalb Rohrgewinde, Wasserturbinen und Sechskantschrauben normiert worden. Und nun soll eine Norm-Schrift hinzukommen. Sie wird den Namen DIN 1451 tragen und zu lesen sein auf Verkehrszeichen, Hausnummern und Autokennzeichen. In den Dreißigern wird sie auf Panzer, Luftschutzbunker, Grenzsteine und Autobahn-Schilder gemalt, in den Fünfzigern wird sie zur Schrift des Wirtschaftswunders, wird auf Telefon-Wählscheiben, und "Rasen betreten verboten"-Schildern geschrieben. Die DIN 1451 ist eine Schrift der Hausmeister, nicht der Ästheten. So logisch geometrisch konstruiert und so streng an einem Raster ausgerichtet, dass es weder besonderen Talents noch besonderen Werkzeugs bedarf, sie nachzumalen. Sondern nur Genauigkeit. Die DIN-Schrift ist der Exzess eines Pedanten.
Goller notiert: "Die Normschrift DIN 1451 hat die einfachste streng sachliche Form, die bei einer Schrift möglich ist."
Albert-Jan Pool sagt: "Die Normschrift DIN 1451 ist vor allem eins: Konstruktion, Konstruktion, Konstruktion … Das ist völlig aus dem Ruder gelaufen."
Albert-Jan Pool ist Schriftgestalter mit terrakottafarbenem Haar und solcher Ernsthaftigkeit, dass er nichts Lustiges an Russisch Brot finden kann. "Gar nicht übel. Archaische Formen", lobt Pool und isst ein E. Die Kekse stehen auf einem Schreibtisch in Pools Agentur in Hamburg, aber er ist nur selten hier. Pool hält Vorträge in der ganzen Welt. Die DIN-Schrift hat ihn berühmt gemacht. Oder er die DIN-Schrift. So genau lässt sich das nicht mehr trennen, und so genau lässt sich auch nicht sagen, wer von dieser Symbiose mehr profitiert. Denn als die Geschichten von Pool und der DIN-Schrift zu einer einzigen wurden, sah es für beide nicht gut aus.
Es ist mitten in den Neunzigern. Pool ist gerade arbeitslos geworden. Und die DIN-1451-Schrift gilt als unmodern und hässlich. Sie ist zu dieser Zeit zwar längst überall. Aber sie ist nicht schick wie die Schweizer Typografie mit der Helvetica.
Albert, habe ein Kollege damals gesagt, du hast doch demnächst viel Zeit. Wenn du reich werden willst, kümmer dich um die DIN-Schrift.
Und Pool kümmert sich darum.
Pool verdünnt die horizontalen Striche der Buchstaben, er harmonisiert die Übergänge von den Kurven in die Geraden, er gestaltet eine kursive Version der Schrift, und statt des Kastens lässt er über dem i-Strich einen Punkt schweben, rund wie der Vollmond. Er gestaltet die FF DIN, das Update der DIN 1451.
Die FF DIN ist plötzlich auf Postern und Zeitschriften zu sehen, dann in Werbekampagnen von Yello-Strom, Kabel eins, Adidas. Das tschechische Nationaltheater wirbt mit ihr. Und so selbstverständlich wie die originale DIN 1451 auf unserem Straßenschild im Durchschnitt steht und auch auf dem Einbahnstraßenschild gleich daneben, so selbstverständlich findet man die FF-DIN-Schrift im gleichen Museum wie Kasimir Malewitsch - auf den Hinweisschildern des Centre Pompidou.
Das ist das Wunder der Mode, das man im Durchschnitt noch öfter wird bestaunen können. Schon wenn man den Blick nur ein wenig hebt, zu den Fenstern im ersten Stock, in deren Glas sich nur noch selten ein Vorhang spiegelt und stattdessen eine Entwicklung: Noch 1989 befragte ein Soziologe die Deutschen, welche Gegenstände zum Wohlbefinden notwendig seien. 70 Prozent antworteten: die Gardine! Einen höheren Wert erreichten nur Zimmerpflanzen.
Doch seitdem hat der Gardinen-Weltmarktführer Ado mehr als hundert Beschäftigte entlassen müssen und produziert inzwischen auch Automobilzubehör. Das Ende des Vorhangs aber führt uns zum Beginn des Designs.
Denn als Georg Hirth am Ende des 19. Jahrhunderts durch die Stadt läuft, sind die Fenster noch so verhängt, dass sich seine Laune trübt. Diese "Wolken aus Baumwolle" degradierten die Menschen doch zu "Höhlenbewohnern", schreibt Hirth. Er ist Herausgeber einer Zeitschrift namens "Jugend", nach der später der Jugendstil benannt werden wird.
Hinter Hirths Abneigung verbirgt sich ein ästhetisches Reform-Programm gegen die billigen Ornamente jener Zeit.
Hinter den Vorhängen wohnt das Bürgertum, das die Industrialisierung wichtig und wohlhabend wie nie zuvor gemacht hat. Und noch etwas gibt es erst seit dem Bürgertum: das Design, wie wir es kennen. Die Gestaltung einer Ware, losgelöst von ihrer Herstellung.
Die Industrialisierung hat den Beruf des Dessinateurs geschaffen und der Dessinateur die Gestalt der Massenware. Zu Beginn ist diese Gestalt aber immer nur die schlechte Kopie der kunsthandwerklich hergestellten Gegenstände von früher. Das Bürgertum weiß sich nicht anders einzurichten als in den Formen von früher. Und die Dessinateure wissen nicht anders zu gestalten, als es die Kunsthandwerker davor getan haben. Der Verleger Georg Hirth verabscheut diesen Historismus. Das verbindet den Jugendstil mit den anderen ästhetischen Reformbewegungen, der Arts-&-Crafts-Bewegung in England, der Schule von Chicago, selbst dem Bauhaus: Sie wollen eine Alternative sein zu jenem hilflosen Historismus.
So hat das 17. Jahrhundert die Formen erfunden, das 18. Jahrhundert den Stoff gehäuft, das 19. Jahrhundert die Fenster tags wie nachts verhängt, das 20. Jahrhundert die Vorhänge zur Seite gezogen und die Zweite Moderne sie schließlich von den Fenstern gerissen.
Seit die Vorhänge verschwinden, kann man zwar besser in die Wohnungen blicken, aber weniger sehen. Keine Stoffschicht verrät mehr, zu welcher Schicht die Bewohner zählen. Ihr Nachfolger, wenn man so will, ist die Satellitenschüssel. Als könne man im Parabolspiegel lesen wie im Mietenspiegel. Kaum eine Sozialreportage vergisst, auf die Satellitenschüsseln auf den Balkonen zu verweisen, wenn sie sagen will, dass die Menschen, die dort leben, arm und/oder Ausländer sind.
Im Durchschnitt gibt es keine Satellitenschüssel. Und sehr wahrscheinlich ist auch niemand hier arm. Die Universität ist gleich um die Ecke. Karl-Heinz Froriep, getönte Brille, klare Worte, sagt: "Die Studenten beherrschen doch eh alles." Herr Haschke aus dem Hochparterre sagt: "Hier ziehen Leute hin, die hierhin passen."
Herr Haschke trägt Einstecktuch und Hornnickelbrille. Seit 35 Jahren lebt er hier, "zehn Jahre länger als lebenslänglich", sagt Herr Haschke. Er ist wegen des Hafens nach Hamburg gekommen, eigentlich kommt Herr Haschke aus der Schweiz. Seine alte Straße sei ihm im Vergleich wie ein Altersheim vorgekommen. Der Durchschnitt sei voller Leben und die Lage ideal. Ein paarmal am Tag läuft Herr Haschke nun also den Durchschnitt entlang, zur Post oder in den Supermarkt, vorbei an Frau Bitters Beet, an Monsieur Moissoniers Restaurant, vorbei an dem Halteverbotschild, in dem, wer davon weiß, noch das Schicksal des heiligen Andreas sehen kann, der im Jahr 62 nach null an einem Holzkreuz stirbt. Das Andreaskreuz macht das Schicksal des Apostels Andreas zu einer jener Geschichten, die in der Formensprache unserer Kultur noch dann weitererzählt werden, wenn sie kaum jemand noch kennt.
Dann kommt das Tempo-30-Schild, das Vorfahrt-achten-Schild. Jedes der Schilder steht im Durchschnitt wie die zweite Zahnbürste in einem Badezimmer: als Beweis einer Beziehung. Der Beziehung, die das Aussehen der Stadt mehr beeinflusst hat als jede andere: die Beziehung zum Automobil.
Der Durchschnitt verrät es: Die Liebe ist längst kühl geworden. Nur noch reine Zweck-Beziehung. Man bleibt noch ein wenig zusammen, weil es gerade so praktisch ist. Aber das Ende ist absehbar. Herr Haschke aus dem Hochparterre parkt sein Auto auf dem Hof. Wie auch das Fahrrad. Und den Tretroller.
Christian Klein, der vier Etagen über Herrn Haschke wohnt, hat erst gar kein Auto. Die Bushaltestelle ist ja gleich um die Ecke.
Das Auto wird immer mehr zu dem, was es am Anfang seiner Geschichte schon einmal war: ein unpraktisches, schmutzmachendes Sportgerät. Am Anfang sind es die Sportclubs und nicht die Städte, die Ver-kehrsschilder aufstellen. In manchen Städten sind Autos verboten, so dass man ein Pferd davorspannen muss, um sie zu passieren. Und Edouard Michelin muss sich viel Gespött gefallen lassen, als er 1895 zum Automobilrennen Paris-Bordeaux-Paris antritt - mit Reifen, die mit Luft gefüllt sind. Doch da können die Leute noch so viel staunen, lästern und unken: Michelin schafft es ins Ziel. Er muss die Reifen zwischendurch auch nur 22-mal flicken.
Die Durchschnittsgeschwindigkeit bei dieser Fernfahrt beträgt 24 km/h.
Aber bald schon werden die Autos schneller werden und zahlreicher. Je schneller sie werden, desto gefährlicher werden sie. Je gefährlicher sie werden, desto wichtiger wird die Verkehrssicherheit. Bis sie schließlich so wichtig ist, dass 2011 ein Preis für funktionales Design postum an Edward N. Hines vergeben wird, der ein Jahrhundert zuvor mit seinem Fahrrad über die Straßen Wayne Countys in Michigan gefahren sein soll, als vor ihm Milch aus einem Milchwagen tropfte. In diesem Moment soll Hines die Idee gekommen sein, dass man ja weiße Streifen auf die Fahrbahnmitte malen könnte, was nicht wenigen als die wichtigste Erfindung der Verkehrssicherheit gilt.
Das Automobil erobert im 20. Jahrhundert die Stadt, und die Beziehung verläuft wie so viele, die schiefgehen: Die Stadtgestaltung gibt sich erst dem Auto hin und dann sich selbst auf. In den Fünfzigern werden Innenstädte zu Parkplätzen. Und Städtebau gilt als umso besser, je autofreundlicher er ist.
Als die Stadtgestaltung beginnt umzudenken, entdeckt sie die Schönheit des Kopfsteinpflasters wieder. In den siebziger Jahren wird es sogar neu gelegt, weil es so gut zu Denkmalpflege und Verkehrsberuhigung passt. Das Jahrhundert ist damit in seiner Vorliebe für Straßenbeläge zweigeteilt wie der Durchschnitt, der halb mit Asphalt geteert und halb mit Kopfsteinen gepflastert ist.
Die Siebziger sind das Jahrzehnt der Fußgängerzonen. Das Jahrzehnt, das Bänke und Haltestellen und Blumenkübel in Stadtmöblierung verwandelt. Lampen in Lichtkonzepte. Und selbst Gullydeckel in Accessoires. Ende der siebziger Jahre befinden die Stadtgestalter im ganzen Land, dass nun die Gullydeckel nicht mehr in die neugestalteten Straßen passten.
Und so landen sie und wir in einer Stahlgießerei mitten im Taunus. Schon vom Parkplatz aus sind die Hochfrequenzrüttler in der Werkhalle der Michelbacher Hütte zu hören, die Steinchen tanzen und Arbeiter schwitzen lassen.
Draußen stapeln sich Gullydeckel zu Türmen, der Rost lässt sie aussehen wie mit Currypulver bestäubt. Es sind ziemlich viele. Alle 30 Sekunden wird in der Werkhalle ein weiterer Gullydeckel fertig, den sie hier Schachtabdeckung nennen. Nur wenn man sich vorstellt, wie viele Schachtabdeckungen wohl fertig geworden sind, in den fast 40 Jahren, in denen Albert Fuchs hier schon arbeitet, kommen einem die Schachtabdeckungstürme auf dem Hof plötzlich nicht mehr so hoch vor.
Für Fuchs allerdings sind 40 Jahre gar nichts. "Versuchen wir mal einen weiten Bogen zu spannen", sagt Fuchs und ist schon im 18. Jahrhundert, als noch jede Kommune ihre eigenen Schachtabdeckungen hat, ganz aus Eisen gegossen. Dann, sagt Herr Fuchs, kam der Erste Weltkrieg, und da habe man sich gedacht, "den teuren Werkstoff Eisen können wir viel besser für Granaten und Bomben verwenden". Seitdem gibt es die Beton-Gusseisen-Konstruktion, bei der die innere Oberfläche aus Beton gegossen wird. "Die ,Begu-Konstruktion'", sagt Fuchs, "war eine reine Maßnahme, um teures Material zu sparen."
Das sei der Massenträger in Deutschland, sagt Fuchs. Und lange war es auch der einzige Deckel. Bis sich Ende der siebziger Jahre immer mehr Städte meldeten, die gusseiserne Deckel mit ihrem Stadtwappen darauf für ihre Fußgängerzonen wünschten, die sie herausgeputzt hatten. "Und in dieses Szenario passt dann natürlich eine ganz normale Schachtabdeckung nicht mehr hinein", sagt Fuchs.
Die Lagerhalle ist seitdem so etwas wie das Register eines Deutschland-Atlas, denn hier liegen in Holzschubladen Modelle mit Aufdrucken vom heiligen Petrus, von Löwen, die sich aufbäumen, und von einer Burg, ordentlich archiviert, falls eine Stadt Wappendeckel nachbestellen will. "Die Bandbreite der Lebensdauer einer Schachtabdeckung liegt zwischen 2 und 100 Jahren", sagt Fuchs. Je nachdem, wie sehr er belastet werde. Und wenn es so weit ist, kann man das hören, bevor man es sieht.
Denn dann beginnt der Gullydeckel zu klappern, sobald ein Auto drüberfährt.
Man muss im Durchschnitt eine ganze Weile warten, bis überhaupt mal ein Auto vorbeifährt.
Es ist im Durchschnitt wenig zu merken vom Verkehrsproblem dieser Welt. Und trotzdem gilt für den Durchschnitt die gleiche unlogisch erscheinende Logik wie für Bogotá, dessen Bürgermeister klagt: Städte funktionieren kontraintuitiv. Man würde denken, dass breitere Straßen die Verkehrsprobleme lösen, aber das Gegenteil ist der Fall. Denn Verkehr ist nicht gleich der Anzahl der Automobile, sondern Verkehr ist gleich der Anzahl der Fahrten. Man muss also für weniger Fahrten sorgen. Und die effektivste Art und Weise, dies zu tun, ist es, Parkplätze zu minimieren.
Als sich die Stadtgestaltung wieder Freiräume schafft, steckt sie diese mit Pollern ab. Seit dem Ende der sechziger Jahre stehen deswegen am Straßenrand: der nostalgische Bestseller Wellmann, die Baumbügel, Eichenspaltpfähle. Und wenn das alles nichts hilft, bestellt Hartmut Schulz, Abteilungsleiter Stadtgrün beim Hamburger Fachamt Management des öffentlichen Raums, "Ostsee-Kiesel, 20 Tonnen das Stück", weil Granit das Einzige ist, vor dem die Autofahrer Respekt zu haben scheinen, wie Schulz sagt. Deswegen liegt in Frau Bitters Beet ein blassrosa Brocken, vermutlich aus der Provinz Kymenlaakso in Finnland, wo sie den Granit in großen Steinbrüchen abbauen und nach ganz Europa verschiffen, Handelsname Eagle Red.
Herr Haschke blickt aus seinem Wohnzimmerfenster auf das deutsche Standardmodell: den Vierkantpfosten zum Einbetonieren, auf Wunsch auch lieferbar mit Klebefolie: Weiß-Rot.
Weiß-Rot gilt schon so lange als die Farbkombination für Warnung, wie der Mensch mit Farben kommuniziert.
Die Napoleonischen Kriege sind 1815 zu Ende, da beschließt Kapitän Frederick Maryatt, sich nun der Wissenschaft zu widmen. Er entwickelt ein Rettungsboot (ausgezeichnet mit der Goldmedaille der Gesellschaft zur Rettung von Personen, die "scheinbar ertrunken sind"), fertigt eine Skizze des frisch verstorbenen Napoleon an (ausgestellt im Nationalen Maritimen Museum Englands) und stellt ein Buch über Schifffahrtssignale zusammen, das 1817 erscheint und der Vorgänger des Universalen Flaggen-Codes ist. Die Signale der Seefahrer gelten als die erste Form der Kommunikation, in der der Mensch Farben nutzt. Und schon damals wurde mit Rot gewarnt.
Kapitän Maryatt bewegt damals die gleiche Frage, die fast 200 Jahre später Ulli Müller bewegt: Wie muss etwas aussehen, damit man es möglichst gut sieht und die Botschaft versteht?
Ulli Müller ist Werber. Ein Mann von über 50 Jahren, leicht untersetzt und schwer überzeugend. Müller hat schon große Kampagnen für große Automarken gemacht. Müller ist gut. Aber besonders gut ist er immer dann, wenn seine Auftraggeber kein Geld haben. So wie die Grünen. Oder die Stadtreinigung Hamburg, als sie vor ein paar Jahren jemanden suchte, der Papierkörbe und deren Image neu gestaltet.
Müller weiß gleich: Da kann man eine normale Kampagne mit Werbeplakaten vergessen. Wenn eine Kampagne in der Stadt auffallen soll, braucht es vier bis fünf Durchgänge im Jahr, sagt Müller. Ein Durchgang koste 80000 bis 90000 Euro. Viel zu teuer.
Zum Glück für Müller und zum Glück für die Stadtreinigung gibt es noch eine andere hohe Zahl: 8600.
8600 Papierkörbe gibt es 2005 in Hamburg, was für Müller, den Werber, gleichbedeutend ist mit 8600 Abspielflächen. Müllers Agentur MKK entwickelt Sprüche, die auf dem Bauch der Mülleimer kleben sollen. In großen Sprechblasen, damit sich die Passanten direkt angesprochen fühlen. Die ersten Mülleimer stehen am Rathaus. Und dann, sagt Müller, "kommt es zu einem Rollout durch die ganze Stadt", der schließlich auch den Durchschnitt erreicht. Wo der neue Papierkorb nun mitten auf dem Gehweg steht. Ein Verkehrsschild trägt den Papierkorb umgeschnallt wie eine Bauchtasche.
Inzwischen ist der Mülleimer im Durchschnitt mit so vielen Aufklebern beklebt, dass man längst nicht mehr lesen kann, welcher Spruch einmal auf ihm stand. Möglicherweise "Ihre Papiere, bitte!", der besonders oft vor Polizeiwachen steht. Oder "Ich habe einen Ständer". Müller freut sich. "Ja, ja, ist sexistisch und so. Aber vor einem Sexshop ist das schon weltklasse".
Was man hingegen gut sehen kann, schon wenn man in der Mitte der Straße steht, ist die Farbe des Mülleimers: Signalrot. Und vielleicht ist das der eigentliche Clou. Die alten Papierkörbe waren grau, und es gab nicht wenige, die wenigstens für Blau gewesen wären, den Kompromiss. Zufrieden lehnt sich Müller zurück, rollt eine Selbstgedrehte zwischen den Fingern. Er hat damals darauf bestanden: signalrot mussten sie sein.
Wenn man aus dem Durchschnitt eine Farbenlehre für die Stadt ziehen kann, dann diese: Am einen Ende des Spektrums liegt Signalrot, am anderen Grau.
Genauer: Moosgrau, RAL 7003, Dickschichtfarbe, rostabweisend.
Moosgrau ist die Tarnfarbe der Straße. Moosgrau sind die sieben Laternen im Durchschnitt gestrichen. "Es soll ja möglichst wenig Technik im Straßenbild sichtbar sein", sagt Stefan Jungk. Aber Jungk sieht die Technik natürlich trotzdem, da kann sie noch so grau gestrichen sein.
Seit über 20 Jahren arbeitet Jungk bei dem Hamburger Energie-Unternehmen, das auch für die Lampen im Durchschnitt verantwortlich ist. Auf seiner Visitenkarte steht "Handlungsbevollmächtigter Leiter Baumanagement", aber die Kollegen nennen ihn einfach den Beleuchtungspapst.
Wenn er in fremden Städten Urlaub macht, muss seine Frau manchmal zu ihm sagen: Jetzt schau dir doch nicht nur die Masten an, sondern auch die Museen! Jungk sagt, er mag, dass er kein Allerweltswissen habe. Jungks Wissen, das kein Allerweltswissen ist, reicht über Masten und Leuchten, über Kontrastgüte und Lichtpunkthöhe bis zur richtigen Farbe des Lichts. Denn Licht ist nicht gleich Licht, und wer auch nur fünf Minuten mit Jungk redet, dem kommt das Wort Licht so unzulänglich vor wie das Wort Liebe. Natriumdampflicht ist gelblich und gut für große Straßen, der Durchschnitt aber ist klein, und es gibt dort verhältnismäßig wenig Verkehr und verhältnismäßig viele Anwohner, was bedeutet, dass man weißes Licht wählen kann. Höherer Lichtkomfort, aber schwächere Ausleuchtung.
Es gibt keinen Grünstreifen im Durchschnitt. Also eintrassige Beleuchtung: Alle Laternen stehen auf einer Straßenseite, "immer auf der Seite der Außenkurve", sagt Jungk.
Im Durchschnitt stehen Bäume am Straßenrand, also braucht es Auslegermasten, die sich zwischen den Kronen vorschieben, und keine Geraden. Die Masten, sagt Jungk, seien immer so hoch, wie die Straße breit sei.
Im Durchschnitt stehen hohe Peitschenlaternen. Ein anonymes Standardmodell. Immerhin aber ein Parabelbogen, kein Kreisbogen. Und plötzlich schleicht sich doch die Schönheit ein, wo es Jungk sonst um Technik und Energie-Effizienz geht. Er sagt: "Der Kreisbogen sieht im Vergleich auch viel unharmonischer aus."
Irgendwo auf dem Dach über Jungks Büro steht ein Messgerät. Es ist eines von sechs in ganz Hamburg. Und wann immer der Messwert dort unter 40 Lux fällt, leuchten im Durchschnitt die Lampen auf.
Eine beruhigender Anblick.
Denn könnte man das Weltgeschehen als Stummfilm im Schnelldurchlauf betrachten, man sähe die Geschichte als ständiges Flackern, wie einen Morsecode, der von guten und schlechten Zeiten erzählt, weil es, grob gesagt, immer dann dunkel wird, wenn sich auch die Welt verfinstert: nach dem großen Brand von 1842, während der Kriege.
In Paris bringen die Laternen im Jahr 1779 einen Mann namens Marin Kreenfeldt de Storcks auf eine Idee: Kreenfeldt ist Redakteur beim "Almanach de Paris", einem Adressbuch. Zuerst versucht er, das Adressbuch zu verbessern, indem er zu den Häusern die Nummern der Laternen notiert. Dann kommt ihm eine noch bessere Idee - er malt in der Nacht Nummern auf die Häuser selbst. Das ist die Idee der Hausnummer, die zu dieser Zeit überall um sich greift - von Augsburg bis Madrid. Eine der wichtigsten Innovationen des 18. Jahrhunderts, dem Jahrhundert der Aufklärung, das sich nach Ordnung und Klassifikation sehnt.
Die zweite Verbesserung der Lichtverhältnisse, die den Durchschnitt betrifft, ist sehr viel jünger: Seit den siebziger Jahren gibt es eine Verordnung, dass jede Hausnummer beleuchtet sein muss.
Sehr zum Gefallen von Herrn Haschke, der eines Tages sogar den Hauselektriker anweist, den Katalog vorbeizu- bringen, um eine noch besser erkennbare Hausnummer auszuwählen.
Sehr zum Missfallen von Herrn Froriep, der eines Tages das alte, unbeleuchtete Emaille-Hausschild abschraubt, als die Fassade des Hauses gestrichen werden soll, und die eigentlich ja überflüssige Nummer seitdem in einer roten Plastiktüte in einem Kabuff unter der Treppe verwahrt. Damit sie nicht wegkommt, wie er sagt.
Und sehr zum Interesse der Soziologen, die darin nur einen weiteren Beweis dafür sehen, dass sich fortsetzt, was mit dem Zugriffsrecht des Staates auf das Haus im 18. Jahrhundert begann: die Vermischung von privatem und öffentlichen Raum.
Die Menschen, die an Herrn Haschkes Fenster vorbeilaufen, streiten an ihren Mobiltelefonen oder besprechen den vergangenen Abend, während die Telefonzelle an der oberen Straßenecke vor einigen Jahren abgebaut wurde.
Immer weniger wird unterscheidbar, wo der öffentliche Raum beginnt und der private endet. Der Oberbaudirektor nutzt dies in seinem Sinn: Er lässt Geschäftsleute die Straßen vor ihren Läden gestalten. Der Oberbaudirektor sagt: "Wir Städte sind ja gar nicht mehr in der Lage, alles allein zu gestalten oder zu unterhalten."
Ohne dass sie es weiß, hat auch Frau Bitter damit zu tun, die im Durchschnitt an manchen Tagen an die Ecke unter die Linde kommt, vor Monsieur Moissoniers Restaurant "La Mirabelle", im Herbst Blumenzwiebeln in die Erde gräbt und sich im Frühling daran freut, wie die Blumen wachsen. Die Nachmittagssonne bringt das Mohair ihrer Mütze zum Leuchten und auch das helle Haar.
Damit Monsieur Moissoniers Gäste nicht immer ihre Fahrräder an die Linde mitten in ihrem Beet lehnen, hat Frau Bitter einen Draht um das Beet gezogen. Und das Gartenbauamt hat einen der Granitsteine an die Ecke setzen lassen, damit die Autos beim Abbiegen ihre Kurve nicht durchs Beet schneiden. Seitdem klappt es ganz gut. Wobei man natürlich immer etwas finde, was hier nicht reingehöre, sagt Frau Bitter, und tritt einen Einkaufsbon aus dem Beet. Vier gefrorene Haufen Hundescheiße musste sie vergangenen Winter aus dem Schnee kratzen. Ein bisschen mühsam ist das mit der kleinen Schaufel, so ganz ohne Spaten. Aber die Nachbarn freuen sich, und bald werden ja schon die ersten Blumen durch den Boden brechen. Erst Krokusse, dann Tulpen, gelbe Rosen, Hortensien und Sommerlilien.
Frau Bitter redet nicht über Urban Gardening oder Teilhabe und auch nicht darüber, dass sich die Grenzen zwischen Stadt und Land immer mehr übereinanderschieben. Frau Bitter sagt, dass sie eben keinen Balkon habe. Und dass man im Sommer unbedingt noch einmal wiederkommen müsse, wenn die gelben Rosen blühen.
Seit Frau Bitter sich um die Ecke unter der Linde kümmert, sind auch die anderen Ecken schöner geworden. "Die haben sich alle an mir hochgerankt", sagt Frau Bitter. An allen vier Ecken wachsen nun Pflanzen. Und eine Nachbarin hat sogar einen Gärtner bezahlt, der dann die Ecke gegenüber angelegt hat.
Dort, wo jetzt das Geschäft des Gitarrenbauers ist und früher einmal der Kolonialhändler war, mit den Holzschubladen bis zur Decke. Wie es auch den Kohlenhändler nicht mehr gibt und die Bäckerei und das Geschäft für Luxusbäder.
"Die Luft ist anders geworden", sagt Herr Froriep. "Es riecht nicht mehr. Früher hat es nach Bäcker gerochen, nach Schlachter, wenn er geräuchert hat, und nach Tischler." Aber der Tischler hat längst geschlossen, Schlachter Naumann macht nur noch Catering, und auch die Bäckerei Fehling gibt es nicht mehr.
Sein ganzes Leben hat Froriep weit über dem Durchschnitt gelebt, in einer Dachgeschosswohnung mit Blick bis zum Flughafen. Als er noch ein Kind war, haben sie in der Bäckerei Fehling manchmal Amerikaner gekauft. Zumindest dann, wenn noch Geld übrig war und sie nicht alle ihre Pfennige in den Cola-Automaten an der alten Polizeikaserne geschmissen hatten. 20 Pfennig hat eine Cola gekostet, sagt Herr Froriep, für eine Flasche Cola musste man also vier braune Flaschen im Müll suchen und dann im Supermarkt abgeben, den es natürlich auch schon lange nicht mehr gibt.
Wie die Wäscherei, den Lebensmittelladen und den Plattenladen "unterm Durchschnitt", der hier 30 Jahre war und den Herr Rehberg 22 Jahre davon betrieben hat. Es war kein normaler Plattenladen, ein Tonträgerfachgeschäft, wie es auf dem Flyer heißt, mit der Betonung auf "Fach". Hochspezialisiert auf Industrial. Außerdem "Treffpunkt, Psychiatrie, Männer-Asyl würde ich fast sagen", sagt Herr Rehberg.
Der Durchschnitt, sagt er, war berüchtigt wegen des Ladens. Der Plattenladen lag in einem Souterrain gegenüber vom Schlachter Naumann ("Spezialität Aufschnitt"). Über der Tür stand geschrieben "Tor zur Hölle". Verkaufspsychologisch, sagt Herr Rehberg, sei so ein Keller sehr ungünstig. Denn die Leute wollen im Leben wie in Läden nun mal immer nach oben kommen.
Einmal war Herr Rehberg in Berlin auf einem Konzert, bei dem der Sänger mit einem Samurai-Schwert in die Menge stach und Schweineköpfe über den Boden rollten. "Das Fleischkonzert", wie Herr Rehberg es nennt, hat es auf die Liste der schönsten Momente seines Lebens geschafft. Seitdem hätte er Frau Naumann gern gefragt, ob er nicht einmal ein Wurstkonzert in der Metzgerei veranstalten dürfe. Das hat er sich dann aber doch nicht getraut. Auch wenn das ein bisschen seltsam klingt, denn sonst hat er sich eigentlich jeden Blödsinn getraut, den andere Leute vielleicht Kunst nennen würden. Umzüge mit DDR-Flaggen. Prangerung auf offener Straße. Plattenverbrennen. Eine tote Ratte in den Laden legen. Inzwischen lebt Herr Rehberg in einer anderen Straße, den Laden hat er aufgegeben, wobei er das Aufgeben genauso extrem und kunstvoll betrieben hat wie alles andere in seinem Leben auch.
"Ich habe die Verkaufszeiten systematisch eingeschränkt", sagt er. Bis immer weniger Kunden kamen. Bis Herr Rehberg allein im Laden war. Bis er ihn gar nicht mehr aufmachte. "Kaufmännisch war der Laden das Absurdeste, was man überhaupt tun konnte. Der Letzte, der kam, war Schlachter Naumann um eins, um die Postsendungen abzugeben, in denen völlig hoffnungslose Platten waren", sagt Herr Rehberg.
Rolf Schuster sagt: "Die Zeiten solcher kleinen Einheiten sind vorbei." Dabei wäre ja genau dies das Ideal der Stadt im Moment: der dichte Raum, in dem sich alle Bereiche des Lebens überlappen, die Orte, an denen zugleich gelebt, gearbeitet und eingekauft wird. Seit 20 Jahren schon arbeitet Schuster beim Hamburger Fachamt für Stadt- und Landschaftsplanung, und im Gegensatz zu seinem weißen Haar ist die Stadt draußen vor seinem Büro-fenster immer dichter geworden.
Jedes Jahr wächst Hamburg um 5000 Bewohner. Und das obwohl bundesweit die Bevölkerung schrumpft und bis vor ein paar Jahren die Menschen lieber im Umland und in den Vorstädten gewohnt haben, weshalb die Wissenschaft inzwischen von einer Renaissance der Städte spricht.
Ein Blick die Straße hinab ist ein Blick in die Zukunft. Und Herr Haschke aus dem Hochparterre ist damit nicht nur ein Mann von Welt, sondern auch ein Bewohner des Urban Age, jenes Jahrhunderts, in dem zum ersten Mal in der Geschichte mehr Menschen in Städten wohnen als auf dem Land. Die Stadt muss anbauen. Wohnraum ist jetzt ihr wichtigstes Thema geworden.
Die Wissenschaft kann träumen von der Stadt der Zukunft, in der Platz für alles ist, außer für Autos. Mit Dachgärten statt Klimaanlagen, Wohnungen mit gleich großen Zimmern, jedes mindestens 20 Quadratmeter groß, sieben bis acht Geschosse, dazu Balkone, Loggien und Terrassen. Laubengänge und Arkaden. Die Wissenschaft kann träumen von Open Citys mit Shared Space und Naked Streets und einer Multitude an Möglichkeiten.
Rolf Schuster vom Fachamt muss arbeiten. Und zwar mit dem, was er hat. Das sind ein paar Freiflächen. Und das, was die Stadtpolitik "Potentialflächen" nennt.
Auch im Durchschnitt gibt es solch eine Potentialfläche. Ein klobiger Mietbau, aus dem nach und nach alle Mieter auszogen, bis nur noch ein Mann in roter Latzhose blieb, der abends an seinem Wohnzimmertisch sitzt und kein Klingeln hören mag.
Der letzte Auszug war erst an einem Sonntag vor wenigen Wochen, was Herr Haschke aus dem Hochparterre deshalb so genau weiß, weil er an diesem Tag ein neues Kamera-Objektiv ausprobieren wollte. Und jetzt gibt es also ein Foto, gestochen scharf. Und eine weitere leere Wohnung. Der Auszug verewigt, die Wohnung verwaist.
Als die Mieter verschwanden, kamen die Gerüchte. Ein Hotel solle gebaut werden.
Herr Haschke aus dem Hochparterre sagt, er würde sich über das Hotel freuen. Die Lage sei ja prima, fußläufig zur Messe. "Dann würde der Durchschnitt vielleicht international etwas bekannter werden", sagt er.
Herr Froriep fände nichts schlimmer als ein Hotel. Wohnungen wären gut, sagt er, ganz normale.
Der Eigentümer des Hauses Nr. 29 sagt dazu gar nichts. Am Telefon nur ein langes Seufzen, nee, nee, dazu wolle er sich nicht äußern.
Nur Rolf Schuster vom Fachamt für Städtebau weiß mehr und sagt es auch. Das Hotel war im Angang, der ist gescheitert. Nun sei geplant: sechs Geschosse, Staffelbau. Wohnungen, auch für Studenten.
Die Stadt soll nach innen wachsen, nicht nach außen. Der Oberbaudirektor sagt: "In der Stadtplanung gibt es zwei große Prinzipien: geschlossene Stadträume und offene Stadträume."
Le Corbusier, der größte Anti-Urbanist in der Geschichte, der wegen seiner Schöpfungskraft mit Picasso verglichen wurde und den man wegen seiner Zerstörungskraft des Urbanen nur mit Godzilla vergleichen kann, steht wie kein Zweiter für das Prinzip der offenen Stadträume. Le Corbusier trennte alle Bereiche des Lebens, das Wohnen, das Arbeiten, das Einkaufen, und baute jedem eine Zone. Oscar Niemeyer schuf ein Brasília, dessen Wege so weit sind, dass man ohne Automobil verloren ist. Das ist die Idee der aufgelockerten Stadt mit der Forderung nach Licht und Grün für alle. Die heute so weit weg scheint wie das einzige Haus im Durchschnitt, das an sie erinnert. Zurückgesetzt steht es ganz am Ende der Straße, keine Wand berührt ein Nachbarhaus.
Weil sich die Stadt nicht weiter ausbreiten soll, hat der Oberbaudirektor beschlossen, muss sie eben höher werden. Aufstocken nennen sie es, wenn sie den Häusern eine neue Etage auf den Kopf setzen. Wie Badewannenwasser steigt so der Pegel der Stadt mit jedem Zuzügler, der in sie eintauchen will. Man müsse nur mit aufmerksamen Augen durch die Stadt gehen, sagt der Oberbaudirektor, dann könne man an vielen Stellen noch die typischen Gründerzeithäuser sehen, die mit ihren fünf Geschossen höher seien als die Häuser, die nach dem Krieg erbaut worden sind.
Oder man muss Frau Bitter besuchen, dann sieht man es nicht nur, dann merkt man es auch. 121 Treppenstufen wohnt sie über dem Durchschnitt. Vor 44 Jahren ist sie unters Dach gezogen. Die Wohnung hat ihr gleich gefallen, weil es eine Dachgeschosswohnung war mit Blick bis nach Altona. Und dann lernt Frau Bitter eines Tages auf dem Wäscheboden einen Nachbarn kennen. Und so verliebt sich Frau Bitter mit dem Blick bis nach Altona in Herrn Froriep mit dem Blick bis zum Flughafen.
Im Durchschnitt, sagt diese Geschichte, ist das Leben schön.
Hinter den Vorhängen wohnt das Bürgertum, das die Industrialisierung wichtig und wohlhabend wie nie zuvor gemacht hat. Und noch etwas gibt es erst seit dem Bürgertum: das Design, wie wir es kennen.
Im Durchschnitt gibt es nichts zu sehen. Was daran liegt, dass es keinen wirksameren Tarnumhang als die Gewohnheit gibt.
Die Siebziger sind das Jahrzehnt, das Bänke und Haltestellen und Blumenkübel in Stadtmöblierung verwandelt. Lampen in Lichtkonzepte und selbst Gullydeckel in Accessoires.
Wie muss etwas aussehen, damit man es möglichst gut sieht und die Botschaft versteht?
Könnte man das Weltgeschehen als Stummfilm betrachten, man sähe ein ständiges Flackern, wie einen Morsecode, der von guten und schlechten Zeiten erzählt.
"Die Luft ist anders geworden", sagt Herr Froriep, "es riecht nicht mehr. Früher hat es nach Bäcker gerochen, nach Schlachter, wenn er geräuchert hat, und nach Tischler."
Dieser Artikel wurde nachträglich bearbeitet.
Von Maren Keller

KulturSPIEGEL 4/2012
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