30.04.2012

Kein bisschen Frieden

Von Grjasnowa, Olga

Die Schriftstellerin Olga Grjasnowa ist erschrocken: Plötzlich ist ihre Geburtsstadt Baku berühmt - und berüchtigt. Ein Text zum Eurovision Song Contest.

Er verfolgt mich, der Eurovision Song Contest. Mittlerweile halte ich ihn sogar für eine reale Person, mit einem Schnurrbart und goldenen Zähnen. "Verfolgungswahn", sagt P.

Der Name der Stadt, in der ich geboren wurde und aufgewachsen bin, die ich mit elf Jahren Richtung Deutschland verlassen habe, ist plötzlich in aller Munde: Baku in Aserbaidschan. Ich muss nicht mehr erklären, dass Aserbaidschan gar nicht so klein ist, ganz und gar nicht in Afrika und auch nicht in der Mongolei liegt, sondern östlich der Türkei und nördlich von Iran, wobei die Gesprächspartner auf diese Antwort stets leicht nervös reagieren. Ich muss auch nicht mehr klarstellen, dass ich keinesfalls aus einem Dorf ohne Asphalt komme, sondern aus einer Millionenstadt mit Strom- und Internetanschluss. Obwohl, das andere klang poetisch. Nach Aitmatow, dem kirgisischen Schriftsteller. Oder Borat, der kasachischen Kunstfigur des Komikers Sacha Baron Cohen. Viele der ehemaligen Sowjetrepubliken muss ich übrigens selbst nachschlagen.

Ein Geheimnis wird enttarnt

Vor fast einem Jahr, im Mai 2011, schickte mir mein Bruder eine SMS: Aserbaidschan habe den Eurovision Song Contest gewonnen. Natürlich habe ich ihm nicht geglaubt, ich schob es auf Alkohol oder MDMA, aber am nächsten Tag stand es in der "Bild"-Zeitung, und wildfremde Menschen gratulierten mir über Facebook. Es war aufregender als Geburtstag.

Meinen Fernseher hatte ich vor etwa sieben Jahren entsorgt - aus einem guten Grund, wie ich nun fand. Doch dann folgten Plakate, denen ich nicht ausweichen konnte. Ihre Aufschrift: "Unser Star für Baku". Ich erschrak jedes Mal, wenn ich eins sah, es fühlte sich an, als hätte jemand eine Vertraulichkeit preisgegeben. Bis dahin war Baku für mich etwas Privates gewesen, ich war mir zuweilen vorgekommen wie Rumpelstilzchen, nur dass ich weder ums Feuer tanzte noch sang: "Ach wie gut, dass niemand weiß, dass meine Heimatstadt Baku heißt."

Den August verbrachte ich in Baku, zum ersten Mal seit einer sehr langen Zeit. Es war heiß und windig, das Meer glitzerte gräulich, und auf dem Wasser schwamm ein feiner Ölfilm. In Aserbaidschan sah ich mich plötzlich nicht nur mit der Frage: "Wieso bist du nicht verheiratet?" konfrontiert, wie so oft, wenn ich Leute aus dem Kaukasus traf, sondern auch mit folgender: "Glaubst du, wir haben den Sieg gekauft?" Ich verneinte, während meine Gesprächspartner ungläubig den Kopf schüttelten. Sie trauten ihrer Regierung so ziemlich alles zu.

Was in Baku vorging, war unglaublich: Mehriban Alijewa, die Ehefrau des aserbaidschanischen Präsidenten Ilcham Alijew, nahm die Vorbereitungen für den ESC in die Hand. Im Fernsehen wurde der männlichen Bevölkerung gepredigt, während des Gesangswettbewerbs auf das Tragen von weißen Tennissocken zu verzichten. Es gehe um das Image der Stadt. Eine Konzerthalle, ein internationaler Flughafen und mehrere Luxushotels wurden von deutschen und Schweizer Baufirmen in Rekordzeit gebaut, zahlreiche neue Taxis wurden angeschafft (diese Taxis sollen so aussehen wie die traditionellen London Cabs, stammen allerdings aus China, funktionieren selten und glitzern fabelhaft lila-metallic unter der kaukasischen Sonne).

Ich erwischte mich dabei, wie ich eine Putzfrau an der Uferpromenade von Baku filmte. Die Frau scheuerte die Bänke mit einem nassen Lappen, und ein hochmodernes Stadtreinigungsfahrzeug spülte den Staub von der Straße. Als ich das letzte Mal in Baku war, klafften in manchen Teilen des Gehwegs dieser Strandpromenade Löcher, durch die man das Meer sehen konnte. Nun war der Gehweg nicht nur neu gepflastert, sondern auch noch mit wunderschönen Lampen ausgeleuchtet. Baku, eine alternde Diva, wurde zum Debütantinnenball herausgeputzt.

Gay-Clubs in Berg-Karabach

Der ESC ist durch und durch politisiert, diese Inszenierung möchte ich sehen. Obwohl ich in meinem Leben keinen einzigen Eurovision Song Contest gesehen habe - weder live noch im Fernsehen -, werde ich hinfahren. Vorausgesetzt, ich bekomme ein Visum, denn mittlerweile habe ich die aserbaidschanische Staatsbürgerschaft gegen die deutsche getauscht. Wenn ich ins Land komme, weiß ich zudem noch nicht mal, ob ich die Finalshow live in der Halle sehen werde. Die billigsten Tickets kosten 160 Euro. Das finde ich maßlos, aber die Versuchung ist groß.

Wenn ich von meiner Reiseabsicht erzähle, ernte ich Gelächter. Was gut ist, denn ich kann es selbst nicht fassen. Immerhin haben sich zwei sehr gute Freunde (und überzeugte ESC-Fans) bereit erklärt mitzukommen.

Wir haben zusammen die Flüge gebucht und festgestellt, dass es nicht möglich ist, Hotels oder Ferienwohnungen zu mieten, da die aserbaidschanische Regierung das gesamte Kontingent für diesen Zeitraum gesperrt hat. Ausländische Touristen dürfen erst mal keine Zimmer reservieren.

Dann fragte mich P., aus sehr persönlichem Interesse, nach Gay Clubs in Berg-Karabach, und mir lief es kalt den Rücken runter. Ich erinnerte mich daran, wie mir eine Bekannte im Sommer an der Meerespromenade von Baku erklärte, Homosexualität sei schon in den Zehn Geboten verboten, was falsch ist, sie wird dort nicht erwähnt. Eins von vielen Beispielen. Mein Vater war etwas subtiler, er verwies mich auf die Reise- und Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amts: "Homosexualität wird gesellschaftlich nicht akzeptiert und ist mit Tabus belegt, aber nicht ausdrücklich strafbar. Intimer Umgang in der Öffentlichkeit wird leicht als Provokation missverstanden und kann Gegenreaktionen hervorrufen bis hin zur Abmahnung durch die Polizei."

Das Verhältnis zur Homosexualität ist im Kaukasus nach wie vor schwierig; im Allgemeinen gilt sie dort als Abweichung von der "normalen" Sexualität oder gar als Krankheit. Im Februar dieses Jahres kam das Gerücht auf, in Baku würde die erste Gay-Pride-Parade Aserbaidschans stattfinden, unmittelbar vorm ESC. So wie vor drei Jahren in Moskau, wo beim Slavic Pride die Polizei brutal gegen die Demonstranten vorging und Aktivisten festnahm. Eine Gay-Pride-Parade wäre die erste Demonstration für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender-Menschen (LGBT) in der Geschichte von Aserbaidschan.

Ich las im Internet alles, was ich finden konnte. In vielen Foren wurde über eine mögliche Gay-Pride-Parade diskutiert, lebhaft, aber alles andere als pluralistisch. Die Kommentare überschlugen sich: "Den Schlagstock möchten sie wohl anal", schrieb Orchan88. "Die Pädophilen" (so werden oft Schwule auf Russisch bezeichnet) "bringen uns noch den Karabach zurück", scherzte Nigulja und spielte auf die von Armenien besetzte Region Berg-Karabach an, die Aserbaidschan für sich reklamiert. MadAli fügte eine Armee von Smileys hinzu.

Im April schwor eine wahabitische Vereinigung, den ESC als Zusammenschluss von "Homosexuellen" und "Lüstlingen" nicht zuzulassen "auf dem Boden, wo bereits islamisches Blut vergossen wurde". Die Mitglieder der Gruppe wurden festgenommen. Nun wusste ich nicht mehr, wer wen verfolgt - der ESC mich oder ich ihn.

Als vor kurzem ein Video auf YouTube mit dem Titel "Gay Pride in Azerbaijan" auftauchte, hätten einige Aserbaidschaner am liebsten Armenien den Krieg erklärt. Zu sehen sind schlecht geschnittene Szenen einer typischen Gay-Pride-Parade und dazwischen Ausschnitte aus einer Rede des Präsidenten Ilcham Alijew (zugegeben nicht die vorteilhaftesten Aufnahmen). Der Link unter dem Video führt direkt auf eine armenische Homepage. Dieses Video, kaum drei Minuten lang, hat ausgereicht, um vielen Zuschauern den vielleicht letzten Rest ihres Verstandes zu rauben. Dutzende versuchten sogleich zu beweisen, dass es "von Armeniern" stammt, dass es "ihre" Propaganda sei. Sie schworen, dass es in Aserbaidschan niemals zu einer Gay Pride kommen werde.

Warum eigentlich nicht?

Die aserbaidschanische Regierung selbst ignoriert das Thema Homosexualität offiziell und überlässt es stattdessen der staatlichen Gewalt, den Homosexuellen klarzumachen, wie wenig erwünscht sie sind. Der Eurovision Song Contest hat eine große LGBT-Anhängerschaft, und die internationale Presse fragt sich, wie Aserbaidschan mit diesen Touristen umgehen wird. Die aserbaidschanischen Medien werfen diese Frage ebenfalls auf. Die Antworten werden gezielt den Kommentatoren auf dubiosen Internetforen überlassen.

Die aserbaidschanische LGBT-Community selbst ist kaum sichtbar: Homosexualität ist nach wie vor ein Tabu. Obwohl in der Innenstadt ganze Gruppen von jungen Männern herumlungern, von denen viele sich bei anderen unterhaken, kämen sie nicht lebend davon, würden sie als homosexuell identifiziert werden. Die wenigen LGBT-Seiten im Internet geben sich bewusst patriotisch; man möchte nicht noch mehr Angriffsfläche bieten.

Es gibt zwar eine Cruising Area in der Innenstadt von Baku, in der sich die Homosexuellen treffen, direkt unter einer überdimensionalen Statue Gejdar Alijews, des ehemaligen Staatspräsidenten und Vaters des jetzigen Staatspräsidenten Ilcham Alijew. Meine ehemalige Nachbarin aus Baku erzählte sogar, dass sie ganz gern in diesen Park gehe (mit ihren Söhnen!), aber wie es funktionieren solle, Mann mit Mann, das wolle und könne sie nicht verstehen. So etwas wie Würde gesteht sie nur Heterosexuellen zu, ein homosexuelles Familienmitglied sei ein "Unglück", und so spielt sich fast alles heimlich ab.

Die Möglichkeit einer Gay-Pride-Parade in Baku hat die aserbaidschanische LGBT-Community inzwischen selbst verworfen. Grund ist die Angst vor homophoben Übergriffen, wie in Moskau damals. Befürchtet werden Attacken, sobald die Touristen abgereist sind oder gerade mal nicht hinsehen. Nicht unbedingt von staatlicher Seite aus, das meiste kann die Zivilgesellschaft schon selbst besorgen.

Wäre die alte Schlagerparade nicht so politisch, könnte man sie als absurd abtun. Ich würde es gern tun, aber stattdessen fahre ich hin und nehme Freunde mit. Wohl wissend, dass es zu weniger schönen Momenten kommen wird.

Die Schriftstellerin Olga Grjasnowa, 27, ist in Baku geboren und aufgewachsen. Im Hanser Verlag hat sie gerade ihr Romandebüt "Der Russe ist einer, der Birken liebt" veröffentlicht.


KulturSPIEGEL 5/2012
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