DER SPIEGEL



Gitarren-Solo

Von Dallach, Christoph

Jack White war mal die eine Hälfte der White Stripes. Jetzt macht er allein Musik.

Der Rockstar Jack White, 36, war erst viermal in seinem Leben im Urlaub. Ganz sicher ist er sich da aber nicht; vielleicht war es auch nur dreimal, er könne sich nicht genau erinnern, sagt er grinsend. Das letzte Mal sei er im vergangenen Jahr verreist, vier Tage auf Hawaii mit den Musikern seiner Hobby-Band The Dead Weather und mit deren Freundinnen. "Sicher bin ich mir nur, dass ich noch nie länger als sechs Tage irgendwo im Urlaub war. Für so etwas habe ich auch keine Zeit. Rock'n'Roll ist Arbeit!", sagt er. "Aber ich habe das Prinzip von Ferien auch nie vermittelt bekommen, es ist mir unbekannt. Ich bin das jüngste von neun Kindern, meine Mutter war 45, als ich zur Welt kam, und meine Eltern hatten sehr, sehr wenig Geld, da war nichts übrig für Ferien."

Jack White spricht nicht oft über sich. Er mag nicht mal bestätigen, dass er bürgerlich John Anthony Gillis heißt, weil es Teil seiner Selbstvermarktung ist, aus einigen Details seines Privatlebens ein Geheimnis zu machen. Jetzt sitzt Jack White in einem der teuersten Hotels von Berlin und kaut auf einer Rohkostgemüsestange, bevor er nachlegt: "Ich bekam ja auch keine Geschenke zum Geburtstag oder zu Weihnachten. Dafür habe ich gelernt zu teilen. Wenn jemand zum Beispiel eine meiner Gitarren leihen will, ist das kein Problem. Ich bin nicht mal sauer, wenn sie kaputtgeht. So bin ich aufgewachsen."

Heute könnte sich Jack White zu Weihnachten selbst die teuersten Gitarren der Welt schenken. Er könnte auch seine Großfamilie, alle Geschwister plus Anhang in die teuersten Hotels des Planeten einladen. Als kreativer Kopf des Rock'n'Roll-Duos The White Stripes war er enorm erfolgreich, verkaufte viele Millionen Alben, bis er Anfang vergangenen Jahres das Ende der Band verkündete. Seitdem hat er sich nicht gelangweilt, im Gegenteil, er rackerte wie kaum einer seiner Kollegen: lärmte mit den Bands The Raconteurs und The Dead Weather, war immer wieder auf Tournee, produzierte "in den vergangenen drei Jahren mehr als 140 Platten für Kollegen wie Tom Jones, Laura Marling, Loretta Lynn oder Conan O'Brien und betrieb sein eigenes Label Third Man Records inklusive eigenem Plattenladen daheim in Nashville.

Nun aber hat er sein erstes Soloalbum "Blunderbuss" veröffentlicht. "Ich halte es nicht lange aus, ohne Musik zu machen, werde nervös. Egal ob mit anderen oder eben allein." Diese Soloplatte sei ein Zufallsprodukt, sagt Jack White, es klingt fast wie eine Rechtfertigung. Eine geplante Studiosession mit dem Wu-Tang-Clan-HipHopper RZA wurde kurzfristig abgesagt, da habe er eben die Chance genutzt, ein paar eigene Songs, "die so rumlagen", einzuspielen.

Der bleiche Amerikaner mit den pechschwarzen Haaren ist ein Titan der Rockmusik. Das US-Fachblatt "Rolling Stone" führt ihn auf Rang 70 der "Besten Gitarristen aller Zeiten", er musizierte mit Bob Dylan, den Rolling Stones und Jimmy Page, sang einen (von ihm verfassten) James-Bond-Song mit Alicia Keys ("Ein Quantum Trost") und auf einem Konzept-Album mit Norah Jones ("Rome").

Und wenn in den Fußballarenen Europas ein Tor fällt und die Massen ihren Jubelgesang anstimmen, ist das seit einigen Jahren sehr oft "Seven Nation Army" von The White Stripes. Ein Song, den Jack White schrieb und produzierte, der längst als Klassiker gilt und der die Autoren letztlich in die Champions League ihrer Branche und teure Hotels in Berlin beförderte.

Gleichzeitig ist Jack White ein Rocker der besonders unabhängigen Art. Er kombiniert seit Beginn seiner Karriere donnernden Rock'n'Roll ganz alter Schule mit dem zentralen Wert des Rock'n'Roll: Freiheit. Alle hochdotierten Angebote großer Plattenfirmen schlug er stets entschieden aus.

Deshalb spielte er sein neues "Blunderbuss"-Album im eigenen Third Man Studio in Nashville ein. Bis auf ein Lied wurden alle Songs von White geschrieben, produziert und bei Third String Tunes verlegt. Die verantwortliche Plattenfirma ist natürlich auch seine eigene, Third Man Records, die die Musik dann weiterlizenziert. Für Jack White bedeutet dies alles die absolute künstlerische und geschäftliche Kontrolle. "Anders könnte ich nicht arbeiten. Ich hasse es, wenn andere mir sagen wollen, was ich zu tun habe. Ich will der Chef sein. Hätte eine fremde Plattenfirma mich zu einer Soloplatte gedrängt, gäbe es die bis heute nicht. Aber als ich selber auf die Idee kam, fand ich sie super!"

Im Gegensatz zu anderen Stars jammert Jack White nicht über Piraterie oder Tauschbörsen. Jammern ist nicht Teil seines Verhaltensrepertoires, vielleicht weil er als Kind in Detroit gelernt hat, sich in feindlicher Umgebung zurechtzufinden. Die runtergewirtschaftete ehemalige Autometropole war noch nie sehr kinderfreundlich. "In Detroit aufzuwachsen war, wie im Krieg großzuwerden. Teenager-Gangs mit Maschinenpistolen waren kein seltener Anblick. Ich musste lernen, welche Straßen ich nutzen konnte und um was für Typen ich besser einen großen Bogen mache", sagt Jack White, "heute würde ich meinen Kindern verbieten, dort überhaupt vor die Tür zu gehen. Es ist eine kollabierte, aufgegebene Stadt, und dass so etwas in Amerika möglich ist, schockiert mich immer noch." Auch der Karrierestart in Detroit sei schwierig gewesen: "Als wir mit The White Stripes loslegten, zeigte sich Detroit als bösartiger Ort, wo dir keiner hilft, eher im Gegenteil."

White spielte als Teenager in verschiedenen Bands, wählte den Musikzweig einer High School und absolvierte eine Ausbildung in einem Polstereibetrieb. Nachdem er das Handwerk erlernt hatte, startete er seinen eigenen Polstereiladen, Third Man Upholstery, wo er aus seiner Liebe zu Design und Farben einen Job machte: "Ich ging schon als Fünfjähriger gern mal von Kopf bis Fuß in Rot gekleidet in den Kindergarten. Design sagt viel über Menschen aus. Demo-Aufnahmen, die auf meinem Schreibtisch landen und hässlich eingepackt sind, werfe ich sofort in den Müll."

Auch bei The White Stripes spielte das Äußere immer eine wichtige Rolle. Das begann mit den Farben Rot, Schwarz und Weiß, die alles, was mit der Band zu tun hatte, dominierten; eine geniale Marketing-Idee, wie sich zeigte. "Das war auch eine Reaktion auf die Hässlichkeit der Grunge-Kultur, der ich in den Neunzigern ausgesetzt war."

1997 startete er gemeinsam mit Meg White, die gerade erst mit dem Schlagzeug-Spiel angefangen hatte, das Duo The White Stripes, das sich schnell ein großes Publikum erspielte. Darüber, ob Meg White nun tatsächlich seine Schwester, wie von beiden behauptet, oder doch seine Gattin war, wie allgemein vermutet, herrscht bis heute Verwirrung, die Jack White auch nicht aufklären will. Angeblich ließen sie sich 2000 wieder scheiden. Fest steht, dass Meg White seit drei Jahren mit dem Sohn von Patti Smith verheiratet ist. Jack White dagegen ehelichte 2005, ungewohnt rockstarmäßig, ein Model: die Britin Karen Elson, mit der er zwei Kinder hat und von der er sich im vergangenen Sommer wieder trennte.

Dass nun auf seinem Soloalbum viele Songs von den Tücken der Beziehungen zwischen Mann und Frau handeln, sei "purer Zufall". Eine dieser klassischen Trennungsplatten wie Dylans "Blood on the Tracks" oder Marvin Gayes "Here, My Dear" sei "Blunderbuss" nicht, insistiert er: "Sie wissen, wie ich Teile meines Privatlebens schütze. Glauben Sie, ich würde solche intimen Songs veröffentlichen?" Er opfere schon genug von seinem Leben für die Kunst, sagt er, und kommt in Fahrt: "Bob Dylan, Iggy Pop, Woody Guthrie, das sind alles Künstler, die ein Leben ohne Urlaub, ohne viel Zeit mit der Familie führten, weil sie sich einer Mission verpflichtet fühlten. In dieser Tradition sehe ich mich auch. Ich werde derzeit immer gefragt, ob ich Spaß beim Einspielen meines Soloalbums hatte. Spaß? Ich mache keine Kirmes-Musik! Alles, was ich tue, ist harte Arbeit! Mit Spaß hat das alles nichts zu tun."

Immerhin, in Berlin hat er nach den Interviews seine Ruhe. Im feinen Hotel de Rome fragt ihn kein Gast nach Autogrammen.

Jack White: "Blunderbuss" (XL Recordings)

Musiker White: "Ich will der Chef sein"

Duo The White Stripes: Die Farben Rot, Schwarz und Weiß als geniale Marketing-Idee


KulturSPIEGEL 5/2012
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