30.04.2012

Intimes Grummeln

Von Saltzwedel, Johannes

Schubert oder Beethoven in historischem Gewand klingen wie neu - wenn Könner in die Tasten greifen.

E s war einmal ein dunkles Zeitalter, da standen sich auf dem Feld des Instrumentalklangs zwei Meinungslager gegenüber: Hier Traditionalisten und Romantik-Erben, dort die Verfechter des Originalklangs. Metallsaite gegen Darmsaite, Vibrato oder keines: Solche Entscheidungen konnten Freundschaften zerstören. Inzwischen ist die sture Jagd nach Authentizität weitgehend passé. Und siehe da, nach dem Ende der Verbissenheit entwickeln sich historische Forschungen zur Schatzsuche. Die Pianistin Viviana Sofronitsky zum Beispiel, Tochter des legendären Wladimir Sofronitsky, hat jetzt Schuberts "Wanderer-Fantasie" auf einem Fortepiano eingespielt, dem Nachbau eines Conrad-Graf-Instruments von 1819, ohne dass sie an der Virtuosität Abstriche machte. Sonor-dramatisch klingt diese Version und dennoch biedermeierlich intim; auch die oft allzu feinsinnig abgetönten Impromptus gewinnen eine Direktheit, als höre man plötzlich mit Schuberts Ohren. Parallel dazu hat sich Andreas Staier, Deutschlands virtuosester Praktiker originalen Tastenklangs, ein Monument vorgenommen: Beethovens "Diabelli-Variationen" von 1823, ebenfalls auf einer Conrad-Graf-Kopie gespielt, entfalten vom grummelnden Bass bis in die Zartheit der hohen Oktaven charaktervolle Eigenart wie ein Lebewesen. Schön, dass Staier auch noch zehn der Variationen anderer Komponisten angefügt hat - darunter eine erstaunliche vom elfjährigen Franz Liszt.

Viviana Sofronitsky spielt Schubert (CAvi); Andreas Staier spielt "Diabelli Variationen" (Harmonia Mundi)


KulturSPIEGEL 5/2012
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