30.04.2012

Neue Bücher

Von Dehoust, Tobias Becker Karoline Meta Beisel Christoph Schröder Johan

Es ist ein Seitenwechsel, der sich gelohnt hat. Und wie. Traudl Bünger hat als Germanistin promoviert, hat beim Verlag Kiepenheuer & Witsch volontiert, als Programmredakteurin des Literaturfestivals lit-Cologne gearbeitet und als Literaturkritikerin beim Schweizer Fernsehen. Nun hat sie selbst einen Roman geschrieben, mit 36. Ihr Debüt "Lieblingskinder" spielt mit Elementen von Thriller, Liebesgeschichte und Coming-of-Age-Story. Rosalie ist Mitte dreißig und Staatsanwältin. Eine Frau, die ihren Mann steht. Bis ihr Vater verschwindet und sie die Suche zurückführt in ihre verrückte Kindheit, in eine Welt voller Verschwörungstheorien und großer Phantasien. Eine "moderne weibliche Ödipus-Variante" hat Bünger ihren Roman genannt. Dem Satz merkt man die Lust der Wissenschaftlerin und Kritikerin zur steilen These an. Falsch ist er deshalb noch lange nicht.

Theodor Leudoldt hat Visionen. Keine übersinnlichen: Er schickt sich an, die Luftfahrt zu revolutionieren. Vom späten Kaiserreich ausgehend, erzählt "Frühe Vögel" die Geschichte dieses fiktiven Pioniers über zwei Weltkriege hinweg, humorvoll und voller Anspielungen. Der eigentliche Reiz von "Frühe Vögel" liegt aber in der Form: Der Open-Mike-Preisträger Matthias Senkel hat sein Debüt wie eine Collage aus verschiedenen Textformen konstruiert. Ein Comic, ein Interview und zwei Kapitel, deren Absätze man wahlweise in chronologischer oder in alphabetischer Reihenfolge lesen kann. Dazu erfährt man über Querverweise in dem 104-seitigen Appendix Nebensächliches zu nahezu allen genannten Personen - ein Buch wie eine Schnitzeljagd. Kleiner Trost für blätterfaule Leser: Man kann der Geschichte auch ohne diese Umwege folgen.

Die Ehe von Gary und Irene ist nach mehr als 30 Jahren am Ende, doch die beiden planen einen verzweifelten Rettungsversuch: Sie wollen sich in die Einsamkeit einer selbstgezimmerten Insel-holzhütte zurückziehen. Währenddessen spielt die so unverschämte wie zickige Monique ein undurchsichtiges erotisches Spiel mit Jim, dem Bräutigam von Garys und Irenes Tochter Rhoda. David Vann knüpft in seinem neuen Roman an seinen furiosen Vorgänger "Im Schatten des Vaters" an. Vor der kargen Kulisse der dünnbesiedelten Landschaft von Alaska zeigt er mit kühler Unbarmherzigkeit Menschen, die in die tristen Verhältnisse ihrer Existenz eingewilligt haben und in deren Alltag die zwischenmenschlichen kleinen Grausamkeiten wie selbstverständlich eingesickert sind. Man macht sich etwas vor. Und man weiß das. Das ist brutal.

Die allermeisten kennen ihn und versuchen ihn zu verdrängen: den Moment, in dem man den adipösen Mitschüler mit "Specki" ansprach, oder den, als man die Nachbarskatze mit Steinen bewarf. Allein, den wenigsten gelingt es. Einerseits erschreckt einen die sorglose Brutalität der eigenen Jugend. Andererseits zeigt sich im Rückblick auf jugendlichen Leichtsinn, wie angepasst man als Erwachsener inzwischen ist. Genau aus solchen naiv-bösen Episoden besteht James Francos Erzählband "Palo Alto". Das US-amerikanische Multi-Genie schildert das Heranwachsen in einer Westküsten-kleinstadt - die vom Rumvögeln, Saufen und Prügeln durchzogene Suche nach irgendetwas. Er tut das wie ein Bubi, der gerade aus dem Jugendzeltlager zurückkehrt und aus dem die Eindrücke prall und unsortiert heraussprudeln. Man hört ihm gern zu.


KulturSPIEGEL 5/2012
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