26.05.2012

Randnotizen

Durch Handy-Fotos laufen

DARF MAN DAS?

Von Sander, Daniel

Seit so gut wie jedes Mobiltelefon zum Multimediaterminal mit Hochleistungskamera geworden ist, versteht sich auch so gut wie jeder Mensch als Fotograf in Dauerbereitschaft. Eigentlich eine begrüßenswerte Entwicklung, ist doch so nun jeder in der Lage, aufregende Details des Alltags zu dokumentieren, die man sonst sofort wieder vergessen hätte. Sterbende Tauben am Wegesrand etwa oder entfernt Jesus-förmige Ölflecken auf dem Asphalt. Doch niemand denkt an die Fußgänger und Fahrradfahrer auf dem Weg von A nach B. Denn zwischen A und B steht nun nahezu jeder Winkel des öffentlichen Raums permanent im Fokus irgendeiner Handy-Kamera - und weil es zur guten Erziehung gehört, nicht einfach durch anderer Leute Bilder zu rennen oder zu fahren, geht nun vielerorts gar nichts mehr. Durchs Brandenburger Tor zu spazieren ist mittlerweile wieder ähnlich schwierig wie vor dem Mauerfall. Nur weniger tödlich, was sich angesichts der zu waghalsigen Zickzackkursen gezwungenen Radfahrer auch bald ändern könnte.

Deswegen hilft nur der Abschied von der guten Erziehung. Die Angst vorm Foto-Ruinieren hat ihren Ursprung einzig in der dunklen Vergangenheit analogen Bildermachens. Niemand muss sich heute mehr Sorgen machen, die Urlaubserinnerungen fremder Menschen auf ewig mit der eigenen Präsenz zu beflecken. Die Handy-Fotografen sehen Eindringlinge auf dem Bild sofort, können es löschen und ein neues machen. Und noch eins, wenn dann wieder einer durchläuft. Und noch eins und noch eins. Irgendwann werden sie müde und erkennen, dass vielleicht doch nicht jeder Moment des Tages festgehalten werden muss. Und dass ein Ölfleck manchmal eben nur ein Ölfleck ist.


KulturSPIEGEL 6/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

KulturSPIEGEL 6/2012
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Randnotizen:
Durch Handy-Fotos laufen