26.05.2012

Die Stimmen des Volkes

Von Dürr, Anke

Der belgische Choreograf Alain Platel feiert in "C(h)#x0153urs" den leidenschaftlichen Menschen und die Kraft der Revolution.

Tänzerpaar aus "C(h)œurs": Das Miteinander ist immer auch ein Gegeneinander

Ein Mann im Büßerhemd steht da verloren am Rand der Bühne. Mit einem Griff in den Nacken zieht er sich langsam das Hemd über den Kopf, dann verharrt er, mit dem Rücken zum Publikum, reglos, entblößt, gebeugt. Wartet er auf seine Strafe? Wofür? Von Schuld und Sünde singt ein hinter der Szene verborgener Chor: Dies irae, dies illae. Verdi. Der Scheinwerfer über dem Mann zeichnet jeden angespannten Muskel, jede Sehne überdeutlich ab, wie auf einer anatomischen Zeichnung. Er wirkt wie ein groteskes Gegenbild zu dem Idealmenschen, den Leonardo da Vinci vor einem halben Jahrtausend ins Zentrum rückte, perfekt proportioniert, aufrecht, kraftvoll, nach vorn schauend: die Entdeckung des Individuums.

Dieser kurze Blick zurück ins Mittelalter ist der Prolog zu "C(h)œurs", dem neuen Tanztheaterabend des belgischen Choreografen Alain Platel. Seine Show feiert die größte Erfindung der Neuzeit: den mündigen, selbstverantwortlichen Menschen. Und sie feiert die Energie, die entsteht, wenn sich Individuen zusammentun, zu einer Menge von manchmal unberechenbarer Kraft. Platels Bilder erzählen von Occupy und den arabischen Revolutionen, die Musik kommt von Wagner und Verdi. Es ist ein Tanzessay von drängender Aktualität zu Klängen, die hier plötzlich, wie bei ihrer Entstehung im vorvergangenen Jahrhundert, wieder revolutionären Drive haben - aber oft auch eine große Trauer.

So wie in "C(h)œurs" hat Platel immer wieder die populärsten Hits der klassischen Musik mit Schockbildern moderner Leidensmenschen kombiniert und mit den neuen Bildern die Musik neu hörbar gemacht. Sein Mozart-Abend "Wolf" (2003) etwa zeigte geschundene, verkrümmte, poetisch verschlungene Körper, eine Ansammlung von Außenseitern, dazu 15 Hunde auf der Bühne, die jede vorhersehbare Choreografie sprengten.

Ähnlich wie früher Pina Bausch, so behaupten seine Fans und begeisterte Kritiker, hat der gelernte Heilpädagoge Platel das Tanztheater revolutioniert und neu erfunden. Seine 1984 in Gent gegründete Compagnie "Les Ballets C de la B" war und ist stilprägend für das europäische Tanztheater.

In "C(h)œurs" erzählt er von "Cœurs", den Herzen, und "Chœurs", den Chören. "Der Chor ist der Hauptdarsteller", sagt er. Das Spannungsverhältnis zwischen Individuum und Masse ist Platels Thema. Wie wird eine Menge von Individuen zu einer Bewegung, zu einer Einheit, wie findet sie zu einem gemeinsamen Willen? Welche Wirkung haben Emotionen auf eine Menschenmenge, wie behauptet man sich darin als Einzelner, wann passt man sich an, wann muss man sich aus der Masse, über die Masse erheben?

Platels Abend erzählt zunächst die Befreiung des Menschen aus seiner Unmündigkeit im Schnelldurchlauf: Dem gebeugten Mann schickt er mehrere energische Paare hinterher, in roten und weißen Kleidern, mehr ringend als tanzend, die sich unter großen Anstrengungen von ihren Knebeln befreien. Dann kommt der Chor dazu, eine riesige Menschenschar in Alltagsklamotten von heute, in der die rot- und weißgekleideten Tänzer (samt der Ideale, für die sie zuvor gekämpft haben) mühelos aufgehen.

Im Juni wird das Riesenwerk - zum 72-köpfigen Chor und den 10 Tänzern auf der Bühne kommen 76 Musiker im Orchestergraben - in Amsterdam und Brügge zu sehen sein und, als ein-zige Station in Deutschland, in Ludwigsburg bei den Schlossfestspielen.

In Madrid, im ehrwürdigen Teatro Real, ist Platels Show im März herausgekommen, die Premiere war ein großes Spektakel und ein ordentlicher Skandal. Die Traditionalisten im spanischen Opernpublikum empörten sich darüber, was Platel zu den Gassenhauern der beiden 1813 geborenen Komponisten Verdi und Wagner, also zu Richard Wagners "Wach auf!" aus dem "Tannhäuser" und zu Giuseppe Verdis Gefangenenchor aus "Nabucco", präsentierte: Massenszenen von verstörender Wucht und Aktualität.

Die Bühne ist ein großer leerer Raum. Ein Holzfußboden, ein paar Stufen und Plastiklamellen als Begrenzung, durch die die Sänger und Tänzer auf- und abtreten können. Der Raum gehört den Menschen, der Musik und den Emotionen. Platel lässt den Chor des Teatro Real, der mit Tanz sonst nichts im Sinn hat, zu Flamenco-Rhythmen stampfen und dynamisch im Kreis rennen, dazu sieht man die zehn professionellen Tänzerinnen und Tänzer von Les Ballets C de la B (hört sich super an, ist aber nur die Verkürzung der nüchternen Bezeichnung Les Ballets Contemporains de la Belgique) mit allerhöchster Energie ihre Kunst darbieten.

Der Chor ist das Volk. Er formt sich zum Protest, mal ganz ruhig, indem jeder seine individuelle Forderung auf eine Pappe schreibt und sie hochhält ("Wasser", "Freiheit", "Kinder"), mal aggressiv, wenn die Menge ihre Schuhe nach einem unsichtbaren Gegner schmeißt, mal stumm anklagend, wenn die Sänger sich auf den Boden legen und ihre blutrot gefärbten Handteller in die Luft halten - was eine plakative politische Bedeutung hat: Es gibt eine Organisation gegen den Einsatz von Kindersoldaten, die sich die rote Hand als Zeichen gewählt hat.

Platels Kunst erlaubt aber immer auch abweichende Assoziationen: Ist die Demonstration der Bluthände vielleicht doch einfach ein Mohnfeld, durch das die Tänzer beherzt hindurchspringen? Die zehn Mitglieder von Les Ballets C de la B, in ihren roten und weißen Kleidern inmitten des dunkelgekleideten Chors immer gut zu erkennen, mischen sich bisweilen unter das Volk, rennen mit ihm, dann gehen sie wieder ihre eigenen Wege.

Einmal formt sich der Chor zu einer Prozession, und während er von der "unterdrückten Heimat" singt, der "Patria oppressa" aus Verdis "Macbeth", werden zwei Kinder über die Köpfe der Menge gehoben und über die Bühne getragen. Fast zwangsläufig kommen einem Bilder aus den palästinensischen Gebieten, aus Ägypten und Syrien in den Sinn.

Manche Szenen aus "C(h)œurs" sind für traditionelle Opernfans, und erst recht fürs als extrem konservativ geltende Madrider Publikum, schiere Provokation: Da steht plötzlich der Tänzer Romeu Runa - derselbe, der am Anfang den gebeugten Mann im Büßerhemd dargestellt hat - abermals allein auf der Bühne und singt, obwohl er hörbar kein ausgebildeter Sänger ist, das "Heil, König Heinrich, Heil" aus Wagners "Lohengrin". Dazu kommt vom Bühnenhimmel eine große Scheinwerferbatterie heruntergefahren, taucht den einsamen Pseudo-Sänger in gleißendes Show-Licht und blendet zugleich das Publikum. Den Glauben an den großen, alle erlösenden Helden will Platel nicht teilen.

Bilder wie diese führten bei der Uraufführung in Madrid dazu, dass ein Teil des Publikums schon während der Vorstellung laut buhte, während ein anderer Teil forderte, die Protestierer rauszuwerfen. Klar gehört die Reaktion des Publikums zu Platels Kalkül: Die Dynamik der Masse wird bei ihm nicht nur auf der Bühne dargestellt, sondern auch live im Zuschauerraum erzeugt.

Platel sagt, die Menschen sollten in "C(h)œurs" eine "emotionale Achterbahnfahrt" erleben. Er selbst, groß und schlank, dunkelblonde Wuschellocken, sympathisch-verschlossener Blick, sitzt während der Aufführung in Madrid auf einem Platz im Parkett. Tatsächlich in einer Kauerhaltung, als befände er sich gerade im vordersten Wagen einer Achterbahn. Gebannt starrt er auf die Bühne, als würde dort gleich etwas völlig Unerwartetes passieren - dabei ist es die zehnte Vorstellung eines Abends, den er selbst inszeniert hat.

Platel mag als der große Intellektuelle unter den Choreografen gelten und ganze Chöre im Griff haben, aber sein Abend heißt nicht zufällig auch "Cœurs": Die emotionale Wucht jener Szenen, in denen Platel die Paare agieren lässt, als kleinste mögliche Gemeinschaft, sind den Massenszenen ebenbürtig. Oft nur in Unterwäsche, schutzlos, gehen sie aufeinander los. Im Miteinander eines Paars erkennt man bei Platel immer auch das leidenschaftliche Gegeneinander zweier Individuen.

Interessant ist nicht, wie sich jemand bewegt, sondern was ihn bewegt, lautet ein berühmter Satz von Pina Bausch. Genau davon erzählt Platel: Wer nicht mit dem Herzen kämpft, hat nichts kapiert.

C(h)œurs. Vom 1. bis 4.6. beim Holland Festival, Amsterdam, www.hollandfestival.nl; am 8. und 9. 6. bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen, www.schlossfestspiele.de; vom 12. bis 14.6. im Concertgebouw Brügge, www.concertgebouw.be; www.lesballetscdelab.be

Szenen aus "C(h)œurs": Wie findet man zu einem gemeinsamen Willen, wann muss man sich erheben?


KulturSPIEGEL 6/2012
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